Man nehme keinen Anstoss an der sonst mit Recht verdächtigen Empfehlung des Genusses. Dass durch den Genuss, und allein durch diesen jeder Trieb, der in der vernünftigen Natur des Menschen gegründet ist, ausgebildet werde, ist einmal wahr. Genuss, der sich bloss auf Befriedigung der animalischen Sinnlichkeit gründet, verzehrt und vernichtet sich in sich selbst, und von ihm ist hier nicht die Rede. Geistiger Genuss, wie z. B. der ästhetische, erhöht sich durch sich selbst. Es ist demnach ebenso wahr, dass die obenaufgestellte Regel die einzige ist, die zur Erhöhung eines geistigen Interesse gegeben werden kann. Die Beantwortung einer ganz anderen Frage: ob nemlich irgend ein geistiger Genuss ganz unbedingt zu empfehlen sey? hängt ab von der Beantwortung einer höheren Frage: ob der Trieb, auf den jener Genuss sich bezieht, ins unbedingte zu erhöhen? und diese von der noch höheren: ob dieser Trieb irgend einem andern unterzuordnen sey? So ist der ästhetische Trieb im Menschen allerdings dem Triebe nach Wahrheit, und dem höchsten aller Triebe, dem nach sittlicher Güte, unterzuordnen. Ob der Trieb nach Wahrheit mit einem höheren Triebe in Streit kommen könne, wird sich aus unserer Untersuchung von selbst ergeben. — Irgend einen Ausdruck aber zu vermeiden, weil er gemisbraucht worden, glaube ich wenigstens hier nicht nöthig zu haben.
Unser Interesse für Wahrheit soll rein seyn; die Wahrheit, bloss weil sie Wahrheit ist, soll der letzte Endzweck alles unseres Lernens, Denkens und Forschens seyn.
Die Wahrheit an sich aber ist bloss formal. Uebereinstimmung und Zusammenhang in allem, was wir annehmen, ist Wahrheit, sowie Widerspruch in unserem Denken Irrthum und Lüge ist. Alles im Menschen, mithin auch seine Wahrheit, steht unter diesem höchsten Gesetze: sey stets einig mit dir selbst! Heisst jenes Gesetz in der Anwendung auf unsere Handlungen überhaupt: handle so, dass die Art deines Handelns, deinem besten Wissen nach, ewiges Gesetz für alles dein Handeln seyn kann; so heisst dasselbe, wenn es insbesondere auf unser Urtheilen angewendet wird: urtheile so, dass du die Art deines jetzigen Urtheilens als ewiges Gesetz für dein gesammtes Urtheilen denken könnest. Wie du vernünftigerweise in allen Fällen kannst urtheilen wollen, so urtheile in diesem bestimmten Falle. Mache nie eine Ausnahme in deiner Folgerungsart. Alle Ausnahmen sind sicherlich Sophistereien. — Darin unterscheidet sich der Wahrheitsfreund vom Sophisten: Beider Behauptungen an sich betrachtet kann vielleicht der erstere irren, und der letztere recht haben; und dennoch ist der erstere ein Wahrheitsfreund, auch wenn er irrt, und der letztere ein Sophist, auch da, wo er die Wahrheit sagt, weil sie etwa zu seinem Zwecke dient. Aber in den Aeusserungen des Wahrheitsfreundes ist nichts Widersprechendes, er geht seinen geraden Gang fort, ohne sich weder rechts noch links zu wenden; der Sophist ändert stets seinen Weg, und beschreibt seine krumme Schlangenlinie, sowie der Punct sich verrückt, bei welchem er gern ankommen möchte. Der erstere hat gar keinen Punct im Gesichte, sondern zieht seine gerade Linie, welcher Punct auch immer hineinfallen möge.
Diesem Interesse für Wahrheit um ihrer blossen Form willen ist gerade entgegengesetzt alles Interesse für den bestimmten Inhalt der Sätze. Einem solchen materiellen Interesse ist es nicht darum zu thun, wie etwas gefunden sey, sondern nur was gefunden sey.
Wir haben schon etwa einen Satz ehemals behauptet, vielleicht Beifall damit gefunden und Ehre eingeerntet, und meinten es damals aufrichtig. Damals war unsere Behauptung zwar nicht allgemeine Wahrheit, die sich auf das Wesen der Vernunft, aber doch Wahrheit für uns, die sich auf unsere damalige individuelle Denk- und Empfindungsart gründete. Wir irrten, aber wir täuschten nicht, weder uns noch andere. Seitdem haben wir entweder selbst weiter geforscht, wir haben unsere individuelle Denkart dem Ideale der allgemeinen und nothwendigen Denkart mehr genähert, oder auch andere haben uns unseren Irrthum gezeigt. Derselbe materielle Satz, der ehemals formale Wahrheit für uns war, ist uns jetzt, aus dem nemlichen Grunde, aus dem er dieses war, formaler Irrthum; und sind wir uns selbst treu, so werden wir ihn sogleich aufgeben. Aber dann müssten wir erkennen, dass wir geirrt haben; vielleicht dass ein anderer weiter gesehen habe, als wir. Ist unser Interesse für Wahrheit nicht rein und nicht stark genug, so werden wir gegen die auf uns eindringende Ueberzeugung uns vertheidigen, so lange wir können; und nun ist es uns nicht mehr um die Form zu thun, sondern um die Materie des Satzes; wir vertheidigen denselben, weil er der unsrige ist, und weil ein eitler Ruhm uns mehr gilt, denn Wahrheit.
Eine Meinung schmeichelt unserm Stolze, unseren Anmaassungen, unserer Unterdrückungssucht. Man erschüttert sie mit den stärksten Gründen, gegen die wir nichts aufbringen können. Werden wir uns überzeugen lassen? Aber wir müssten dann entweder unsere gerechten Ansprüche aufgeben, oder uns für wohlbedächtige und überlegte Ungerechte anerkennen. Es ist zu erwarten, dass wir gegen die Ueberzeugung uns verwahren werden, so lange wir können, und dass wir in allen Schlupfwinkeln unseres Herzens nach Ausflüchten suchen werden, um ihr auszuweichen.
Ein zweites Hinderniss des reinen Interesse für Wahrheit ist die Trägheit des Geistes, die Scheu vor der Mühe des Nachdenkens. Der Mensch ist von Natur ein vorstellendes Wesen, aber er ist durch sie auch nichts weiter. Die Natur bestimmt die Reihe seiner Vorstellungen, wie sie die Verkettung seiner körperlichen Theile bestimmt. Sein Geist ist eine Maschine, wie sein Körper; nur eine Maschine anderer Art, eine vorstellende Maschine, bestimmt durch Einwirkung von aussen und durch seine nothwendigen Naturgesetze von innen. Man kann viel wissen, viel studiren, viel lesen, viel hören, und ist doch nichts weiter. Man lässt durch Schriftsteller oder Redner sich bearbeiten, und sieht mit behaglicher Ruhe zu, wie eine Vorstellung in uns mit der andern abwechselt. Sowie die Weichlinge des Orients in ihren Bädern durch besondere Künstler ihre Gelenke durchkneten lassen, so lassen diese durch Künstler anderer Art ihren Geist durchkneten, und ihr Genuss ist um weniges edler, als der Genuss jener.
Diesem blinden Hange thätig widerstreben, eingreifen in den Mechanismus der Ideenfolge, und ihr gebieten, ihr mit Freiheit eine Richtung geben auf ein bestimmtes Ziel, und von dieser Richtung nicht abweichen, bis das Ziel erreicht ist: das ist der rohen Natur zuwider, und kostet Anstrengung und Verläugnung.
Jedes unthätige Hingeben ist dem Interesse für Wahrheit geradezu entgegen. Es wird dabei gar nicht auf Wahrheit oder Nichtwahrheit, sondern lediglich auf die Ergötzung geachtet, die jener Wechsel der Vorstellungen uns gewährt. Wir kommen dadurch auch nicht zur Wahrheit; denn Wahrheit ist Einheit, und diese muss thätig und mit Freiheit hervorgebracht werden, durch Anstrengung und eigene Kraftanwendung. Gesetzt, man käme durch ein glückliches Ohngefähr auf diesem Wege wirklich zu Vorstellungen, die an sich wahr wären, so wären sie es doch nicht für uns, denn wir hätten von der Wahrheit derselben uns nicht durch eigenes Nachdenken überzeugt.
Beide Unarten vereinigen sich in denjenigen, welche alle Untersuchung fliehen, aus Furcht, dadurch in ihrer Ruhe und in ihrem Glauben gestört zu werden. Was kann eines vernünftigen Wesens unwürdiger seyn, als eine solche Ausrede? Entweder ist ihre Ruhe, ihr Glaube gegründet; und was fürchten sie dann die Untersuchung? Die Güte ihrer Sache muss ja nothwendig durch die hellste Beleuchtung gewinnen. — Aber sie fürchten vielleicht bloss unsere Trugschlüsse, unsere Ueberredungskünste? Wenn sie unsere Folgerungen nicht gehört haben, noch hören wollen: woher mögen sie doch wissen, dass es Trugschlüsse sind? Und setzen sie in ihren Verstand nicht das Vertrauen, dass er allen falschen Schein, der sich gegen ihre Ueberzeugung auflehnt, zerstreuen werde, da sie ihm doch das ungleich grössere zutrauen, dass er die einzig mögliche reine Wahrheit ohne sonderliches Nachdenken aufgefunden habe? — Oder ihre Ruhe, ihr Glaube ist grundlos; und also ist es ihnen überhaupt nicht darum zu thun, ob er gegründet sey oder nicht, wenn sie nur nicht in ihrer süssen Behaglichkeit gestört werden. Es liegt ihnen gar nicht an der Wahrheit, sondern bloss an der Vergünstigung, dasjenige für wahr zu halten, was sie bisher dafür gehalten haben; sey es um der Gewohnheit willen, sey es, weil der Inhalt desselben ihrer Trägheit und Verdorbenheit schmeichelt. Sie erhalten etwa dadurch die Hoffnung, ohne alles ihr Zuthun, tugendhaft und glückselig, oder wohl gar ohne Tugend glückselig zu werden, recht viel zu geniessen, ohne etwas zu thun; andere für sich arbeiten zu lassen, wo sie Lust haben, träge und verdorben zu seyn.