[34] Ich beweise hier nicht, dass der Mensch ohne Sprache nicht denken, und ohne sie keine allgemeinen abstracten Begriffe haben könne. Das kann er allerdings vermittelst der Bilder, die er durch die Phantasie sich entwirft. Die Sprache ist meiner Ueberzeugung nach für viel zu wichtig gehalten worden, wenn man geglaubt hat, dass ohne sie überhaupt kein Vernunftgebrauch stattgefunden haben würde.
[35] Dieses Urtheil ist durch die kritische Philosophie angefochten worden, als eine Täuschung. — Aus dem Gesichtspuncte des philosophischen Räsonnements können wir nicht sagen: es ist eine Welt. Das, was ausser mir ist, kann ich bloss fühlen, und in dieser Rücksicht nur glauben. Dass Dinge ausser mir sind, ist also blosser Glaubensartikel; und wie will man aus etwas, das bloss geglaubt werden kann, etwas Erweisbares, einen demonstrativen Vernunftsatz machen? — Dieser Einwurf geht aber nur gegen den Philosophen, der — anstatt, wie er sollte, das Theoretische von dem Praktischen, das, was innerhalb der Grenzen des Gefühls geglaubt wird, von dem was über diese Grenzen hinaus, im Gebiete des Verstandes erkannt wird, scharf zu unterscheiden — etwas bloss zu Glaubendes für etwas Erkennbares annimmt, und auf dieses vermeintlich Erkennbare einen Beweis gründen will, der seinem Gehalte nach für den Verstand gültig seyn soll. Dass Dinge ausser uns sind, erkennen wir nicht; das Daseyn dieser Dinge wird uns nur durchs Gefühl und im Gefühl gegeben, und ist also bloss Gegenstand des Glaubens. Nun ist es wohl ein einleuchtender Widerspruch, aus einem solchen Glauben die Existenz irgend eines Uebersinnlichen erweisen, aus etwas Geglaubtem auf ein Uebersinnliches einen Schluss machen zu wollen, der für den Verstand, und nicht bloss für das Gefühl überzeugende Kraft hätte. Ein solcher Schluss würde die Forderung enthalten: entweder, dass der Verstand, der, inwiefern er Verstand ist, nur erkennen, und nur durch Erkanntes überzeugt werden kann, glauben; oder, dass das Gefühl, welches, als Gefühl, uns nur etwas zum glauben geben kann, erkennen soll. — Also aus dem bloss gefühlten Daseyn der Dinge ausser uns können wir nicht erweisen, dass ein Gott sey.
Aber aus einem Gefühle lässt sich leicht ein anderes entwickeln: wir können von einem Gefühle auf die Annehmbarkeit eines anderen, mithin von dem Glauben an die Dinge ausser uns, auf die Glaubwürdigkeit des Daseyns eines höchsten übersinnlichen Wesens schliessen. Diesen Schluss macht der gemeine Menschenverstand; und, da es ihm nicht obliegt, Gefühl und Erkenntniss streng zu unterscheiden, er auch gar nicht vorgiebt, sie unterschieden zu haben: so wäre es ein blosser Misverstand, wenn man gegen das Urtheil des gemeinen Verstandes, „dass ein Gott sey,“ jenen Einwurf der Kritik geltend machen wollte.
E.
Ueber Belebung und Erhöhung des reinen Interesse für Wahrheit.
(Aus Schillers Horen Bd. I, St. I. 1795.)
Vergebens erwartet man durch irgend ein glückliches Ohngefähr die Wahrheit zu finden, wenn man sich nicht von einem lebhaften Interesse begeistert fühlt, mit Verläugnung alles Andern ausser ihr, sie zu suchen. Es ist demnach eine wichtige Frage für jeden, der die Würde der Vernunft in sich behaupten will: was habe ich zu thun, um reines Interesse für Wahrheit in mir zu erwecken, oder wenigstens dasselbe zu erhalten, zu erhöhen und zu beleben?
Wie jedes Interesse überhaupt, so gründet sich auch das Interesse für Wahrheit auf einen ursprünglich in uns liegenden Trieb. Unter unseren reinen Trieben aber ist auch ein Trieb nach Wahrheit. Niemand will irren, und jeder Irrende hält seinen Irrthum für Wahrheit. Könnte man ihm auf eine für ihn überzeugende Art darthun, dass er irre, so würde er sogleich den Irrthum aufgeben, und statt desselben die entgegengesetzte Wahrheit ergreifen.
Kommt etwas hinzu, das sich auf diesen Trieb bezieht, entdeckt man in unserm Fall eine Wahrheit als solche, oder erkennt einen Irrthum für einen Irrthum, so entsteht nothwendig ein Gefühl des Beifalls für die erstere, eine Abneigung gegen den letztern; und beides völlig unabhängig von dem Inhalte und den Folgen jener Wahrheit und dieses Irrthums. Aus wiederholten Gefühlen der gleichen Art entsteht ein Interesse für Wahrheit überhaupt. Ein solches Interesse lässt sich daher nicht hervorbringen; es gründet sich der Anlage nach auf das Wesen der Vernunft, und wird seinen Aeusserungen nach in der Erfahrung durch die Welt ausser uns ohne unser wissentliches Zuthun geweckt; aber man kann dieses Interesse erhöhen.
Dies geschieht durch Freiheit, wie jede sittliche Handlung. Aber alle Regeln für Anwendung der Freiheit setzen die Anwendung derselben schon voraus; und man kann vernünftigerweise nur demjenigen zurufen: gebrauche deine Freiheit, der dieselbe schon gebraucht hat. Dieser erste Act der Freiheit, dieses Losreissen aus den Ketten der Nothwendigkeit geschieht, ohne dass wir selbst wissen wie. So wenig wir uns des ersten Schrittes in das Reich des Bewusstseyns überhaupt bewusst werden, ebensowenig werden wir uns unseres Uebertrittes in das Reich der Moralität bewusst. Irgend woher fällt ein Feuerfunke in unsere Seele, der vielleicht lange in heimlichem Dunkel glüht. Er erhebt sich, er greift umher, er wird zur Flamme, bis er endlich die ganze Seele entzündet.
Jedes praktische Interesse im Menschen erhält und belebt sich selbst; darin besteht sein Wesen. Jede Befriedigung verstärkt es, erneuert es, hebt es mehr hervor im Bewusstseyn. Gefühl des erweiterten Bedürfnisses ist der einzige Genuss für das endliche Wesen. Die Hauptvorschrift zu Erhöhung jedes Interesse im Menschen, mithin auch des Interesse für Wahrheit, heisst demnach: befriedige deinen Trieb! woraus für den gegenwärtigen Fall sich folgende zwei Regeln ergeben: entferne jedes Interesse, das dem reinen Interesse für Wahrheit entgegen ist, und suche jeden Genuss, der das reine Interesse für Wahrheit befördert!