Es fragt sich noch: wie entstanden die verschiedenen Casus? — Der Nominativ und Accusativ sind wohl diejenigen, auf welche man am frühesten kam. Man bedurfte sie auch bei der einfachsten Wortfügung, und sie liessen sich auch leicht durch die Stelle, welche sie in einem Satze bekommen mussten, charakterisiren. Das Subject einer Rede musste, als der unbestimmteste Begriff, immer die erste Stelle in einem Satze einnehmen. Bei jeder Wortfügung musste also ein Substantiv vorangehen; darauf folgte das Zeitwort, der Ausdruck des Zustandes, in welchem sich das Subject befand. Sollte nun dieses Zeitwort bezogen werden auf einen Gegenstand, welcher mit der durch dasselbe bezeichneten Handlung des Subjects in Verbindung stand, so musste dieses seinen Platz gleich hinter dem Zeitworte erhalten. Dieser Anordnung der Worte gemäss muss das Substantiv, da es das Subject des Satzes anzeigen, gleichsam nennen soll, im Nominativ, das Object aber, welches auf die Handlung des Subjects bezogen wird, im Accusativ stehen; folglich der Nominativ den Satz anfangen, der Accusativ denselben beschliessen. — Der Accusativ musste mithin auch, weil kein Wort weiter auf ihn folgte, den längsten und stärksten Ton haben, der Nominativ aber flüchtig ausgesprochen und mit dem Zeitworte verflochten werden. Es musste sich also bei einem und demselben Worte leicht unterscheiden lassen, ob es im Nominativ, oder Accusativ stehe, indem in dem letzteren Falle entweder eine Verlängerung, durch Zusetzung mehrerer Buchstaben oder Sylben, oder doch eine Verstärkung des Tones stattfand.
Der Genitiv wurde als nähere Bestimmung des Substantivs angehängt, und ich glaube wohl, dass der Name, den er führt, den ursprünglichen Gebrauch bezeichnet, welchen man von diesem Casus machte. Man bediente sich seiner zur Bezeichnung der Abstammung eines Menschen, indem man erst den Sohn, und dann den Vater nannte. Späterhin wendete man diese Bestimmung auch auf das Besitzthum an, man sagte z. B. das Schaaf des Marcus u. s. w. Der Genitiv hatte deshalb auch seine Stelle, durch die er bezeichnet wurde, unmittelbar nach dem Substantiv, zu dessen näherer Bestimmung er diente. Z. B. man wollte unter einer Horde einen bezeichnen, der mit mehreren anderen einen gleichen Namen hatte; so setzte man, um ihn nicht mit einem von diesen Anderen zu verwechseln, den Namen seines Vaters hinzu, als: Marcus Caji, u. s. w. Da nun, nach den Grundsätzen, welchen wir bei der Ableitung der Grammatik gefolgt sind, jedes Wort, je weiter es in der Reihe der Zeichen zurückstand, einen desto längeren und stärkeren Accent erhielt: so musste auch der Genitiv einen längeren oder stärkeren Ton bekommen, als der Nominativ, hinter welchem er seinen Platz hatte.
Auch der Ablativ ist, wie der Genitiv, entstanden, um ein Wort näher zu bestimmen, und drückte vielleicht anfangs das von einem Orte Nehmen aus. Er ist mit dem Genitiv gewissermaassen gleichartig; beide drücken die Beziehung mehrerer Nennwörter auf einander aus. Die Entstehung dieser beiden Casus ist allerdings in der Ursprache zu suchen. Es war unter rohen Völkern sehr nothwendig, dergleichen Beziehungen recht verständlich auszudrücken. Wie leicht konnte man einem verdrüsslichen Misverständnisse vorbeugen, wenn man, um einen Menschen desto genauer kenntlich zu machen, den Namen seines Vaters zu dem seinigen hinzufügte; sowie man auch in allen alten Geschichtschreibern zur näheren Bestimmung des Sohnes den Namen des Vaters hinzugesetzt findet.
Aber um alle die verschiedenen Beziehungen der Gegenstände auf einander zu bezeichnen, ist weder der Genitiv noch der Ablativ hinreichend; es bedarf also auch noch der Präpositionen. Eine der gewöhnlichsten solcher Beziehungen ist z. B. die Localbeziehung, als: das Haus im Dorfe, u. s. w. Diese Beziehungen wurden ursprünglich wohl dadurch ausgedrückt, dass man einen Buchstaben, eine Sylbe oder einen fast unmerklichen Ton einem von den beiden Nennwörtern, welche auf einander bezogen werden sollten, beifügte. Da dieser Zusatz, den man sich übrigens als Präfix oder Affix denken kann, nicht geschrieben, sondern ausgesprochen wurde, so liess sich auch nicht bestimmen, ob er einen besonderen Ton ausmachte, sondern er floss in der Aussprache mit dem Zeichen, welchem er vor- oder nachgesetzt wurde, zusammen.
Der Dativ bezeichnet die Beziehung einer Handlung auf ein Drittes, auf etwas ausser dem Subject und Object, auf welches die Handlung eigentlich abzweckt. Z. B. ich gebe das Brot, ich nehme das Brot: hier fehlt offenbar die Beziehung auf ein Drittes, um dessen willen die Handlung vorgenommen, dem das Brot gegeben, oder genommen wird. Setze ich diese Beziehung hinzu, sage ich z. B. ich gebe oder nehme das Brot dem Hunde, so habe ich auch den Dativ. Da der Gegenstand, mit welchem eigentlich die Handlung vorgenommen wird, zur Bestimmung der Handlung unmittelbar gehört, so muss auch der Accusativ, welcher dieses Verhältniss des behandelten Gegenstandes zu der Handlung bezeichnet, unmittelbar nach dem Zeitwort stehen; und der Dativ, welcher den Gegenstand bezeichnet, um dessenwillen die Handlung eigentlich geschieht, folgt jenem nach. Er wird also den Satz schliessen, und folglich einen volleren Ton bekommen, als der Accusativ selbst.
So entstand Grammatik bloss durch das Bedürfniss der Sprache, und durch die Fortschritte, welche die menschliche Vernunft nach und nach machte. Denn selbst bei der einfachsten Mittheilung der Gedanken musste sehr vieles durch Beziehung der Worte auf einander ausgedrückt werden, und der natürliche, durch die Vernunft geleitete Gang der Sprache brachte den Menschen, ohne dass Verabredung erforderlich gewesen wäre, auf die Bestimmung der verschiedenen Arten jener Beziehung.
Man könnte gegen diese Theorie einwenden, dass es verschiedene Sprachen gebe, denen man ihre Entstehung nach den von uns vorgetragenen Regeln nicht ansehe. So soll, unserer Darstellung gemäss, das Wurzelwort immer ein Zeitwort seyn, und dieses Zeitwort soll ursprünglich in Einem Tone mehrere Begriffe ausdrücken, soll ursprünglich in der dritten Person vorgetragen werden, und aoristische Bedeutung haben. Nun zeigt sich in der griechischen und lateinischen Sprache offenbar das Gegentheil. In den Zeitwörtern derselben ist augenscheinlich nicht die dritte, sondern die erste Person diejenige, aus welcher alle übrigen gebildet sind, ist nicht der Aorist, sondern das Präsens die Wurzel. Woher also diese Verschiedenheit, wenn unsere Theorie richtig ist? Nehmen wir auch an, dass die genannten Sprachen keine Ursprachen gewesen sind, sondern sich aus schon entstandenen gebildet haben; so müssen wir doch zugeben, dass sie zuletzt aus solchen hervorgehen mussten, welche auf die hier vorgetragene Art entstanden waren. Warum zeigt sich nun in ihnen auch nicht die leichteste Spur von jener Ursprache? Denn, mag sich eine Sprache noch so sehr cultiviren, mag eine gebildetere Grammatik noch so viel Modificationen in sie hineintragen: so müssen sich doch in ihr noch Ueberreste von dem ersten rohen Zuschnitte finden, z. B. aus der dritten Person, und nicht aus der ersten, die Form der übrigen abgeleitet, und der Aorist, nicht das Präsens das Wurzelwort seyn.
Auf diesen Einwurf lässt sich folgendes antworten. Man sah sich bald genöthigt, neue Worte zu erfinden, weil der menschliche Geist, bei seinen Fortschritten zur Cultur, sich immer mit neuen Vorstellungen bereicherte, und neue Bestimmungen in alte Begriffe hineintrug. Die Worte, welche man zu Bezeichnung dieser Vorstellungen erfand, — man mochte nun dazu entweder ganz neue, in der Sprache bisher noch nicht vorgekommene Töne, oder eine Verbindung mehrerer, schon bekannter Töne gebrauchen, — mussten auf jeden Fall das Gepräge der Bildung tragen, welche der menschliche Geist in dem Zeitpunct jener erfundenen neuen Bezeichnungen hatte. Nun geht der gebildete Mensch vom Ich aus, und betrachtet alles aus dem Gesichtspuncte des Ich: er wird also auf dieser Stufe der Cultur auch bei der Aufstellung eines neuen Zeitwortes von der ersten Person ausgehen. Daher kann es nicht fehlen, dass ein neues Wort, gebildet in Zeiten höherer Cultur, von den ursprünglichen Formen derselben Sprache abweichen musste. Im Anfange wurden nun solche Worte mit den alten, von welchen sie abstammten, zugleich gebraucht; aber bald wurden jene allgemein und verdrängten die letzteren. Denn, sowie die Nation in ihrer Cultur weiter vorrückte, musste sie nothwendig die neueren Formen ihren Begriffen angemessener finden, und über dem Gebrauche derselben die älteren bald vergessen.
So wird selbst bei einem Volke, das von allen äusseren Einflüssen frei bleibt, sich mit keinem anderen Volke vermischt, seinen Wohnplatz nie verändert u. s. w., die rohe Natursprache nach und nach untergehen, und an deren Stelle eine andere treten, die von jener auch nicht die leichteste Spur an sich trägt. Man würde sich also irren, wenn man glaubte, die Griechen, Römer und andere hätten nie eine Ursprache gehabt, weil sich keine Ueberreste davon bei ihnen fänden. Jene Urtöne sind nach und nach aus der Ursprache verschwunden, als sie sich durch Zeichen ersetzt sahen, die dem cultivirten Geiste des Volkes besser entsprachen.
Eine eigene Erscheinung in den neueren Sprachen sind die Hülfswörter; das: ich bin, werden u. s. w. Diese Bezeichnungen, wo sie sich in einer Sprache finden, beweisen einen hohen Grad der Abstraction. Man fand vermuthlich bald einen besonderen Nachdruck in der auszeichnenden Endung des Perfectum und Futurum, wodurch die Sprache an Rundung gewann. Aber immer ist es Zeichen einer noch höheren Cultur, wenn einzelne Begriffe erfunden werden, um Einen Gedanken desto bestimmter auszudrücken. Die Aufstellung dieser Bezeichnungen ist aber in einer Sprache wenigstens nicht früher möglich, bis in ihr der Begriff des Leidens oder das Passiv schon ausgedrückt ist.