Diese Geisteskraft wird durch den Gebrauch verstärkt und erhöht; und diese Erhöhung giebt Genuss, denn sie ist Verdienst. Sie gewährt das erhebende Bewusstseyn: ich war Maschine, und konnte Maschine bleiben; durch eigene Kraft, aus eigenem Antriebe habe ich mich zum selbstständigen Wesen gemacht. Dass ich jetzt mit Leichtigkeit, frei, nach meinem eigenen Zwecke fortschreite, verdanke ich mir selbst; dass ich fest, frei und kühn an jede Untersuchung mich wagen darf, verdanke ich mir selbst. Dieses Zutrauen auf mich, dieser Muth, mit welchem ich unternehme, was ich zu unternehmen habe, diese Hoffnung des Erfolgs, mit der ich an die Arbeit gehe, verdanke ich mir selbst.
Durch diese Geisteskraft wird zugleich das moralische Vermögen gestärkt, und sie ist selbst moralisch. Beide hängen innig zusammen, und wirken gegenseitig auf einander. Wahrheitsliebe bereitet vor zur moralischen Güte, und ist selbst schon an sich eine Art derselben. Dadurch, dass man alle seine Neigungen, Lieblingsmeinungen, Rücksichten, alles, was ausser uns ist, den Gesetzen des Denkens frei unterwirft, wird man gewöhnt, vor der Idee des Gesetzes überhaupt sich niederzubeugen und zu verstummen; und diese freie Unterwerfung ist selbst eine moralische Handlung. Herrschende Sinnlichkeit schwächt in gleichem Grade das Interesse für Wahrheit, wie für Sittlichkeit. Durch den Sieg, den das erstere über dieselbe erkämpft, wird zugleich für die Tugend ein Sieg erfochten. Freiheit des Geistes in Einer Rücksicht entfesselt in allen übrigen. Wer alles, was ausser ihm liegt, in der Erforschung der Wahrheit verachtet, der wird es auch in allem seinem Handeln überhaupt verachten lernen. Entschlossenheit im Denken führt nothwendig zur moralischen Güte und zur moralischen Stärke.
Ich setze kein Wort hinzu, um die Würde dieser Denkart fühlbar zu machen. Wer ihrer fähig ist, der fühlt sie durch die blosse Beschreibung; wer sie nicht fühlt, dem wird sie ewig unbekannt bleiben. —
F.
Aphorismen
über Erziehung aus dem Jahre 1804.[36]
1.
Einen Menschen erziehen heisst: ihm Gelegenheit geben, sich zum vollkommenen Meister und Selbstherrscher seiner gesammten Kraft zu machen. Der gesammten Kraft, sage ich; denn die Kraft des Menschen ist Eine und ist ein zusammenhängendes Ganze. Sogleich in der Erziehung einen abgesonderten Gebrauch dieser Kraft als Ziel ins Auge fassen, — den Zögling für seinen Stand erziehen, wie man dies wohl genannt hat, würde nur überflüssig seyn, wenn es nicht verderblich wäre. Es verengt die Kraft und macht sie zum Sklaven des angebildeten Standes, da sie doch sein Herrscher seyn sollte. Der völlig und harmonisch ausgebildeten Kraft kann man es überlassen, von welcher Seite her sie sich der Welt und der Praxis in ihr nähern werde; oder: in allen Ständen kommt es nicht darauf an, wozu man erzogen sey und was man gelernt habe, sondern was man sey? Wer überhaupt nur wirklich ist, ein vernünftiges und in jedem Augenblicke selbstthätiges Wesen, wird immer mit Leichtigkeit sich zu dem machen, was er in seiner Lage seyn soll. Wer aber durch irgend eine äusserliche Einübung (Dressur) den leider ermangelnden Thierinstinct ersetzt hat, der bleibt eben in dieser Schranke befangen, die ihn wie eine zweite, ihm undurchdringliche Natur umgiebt, und die Erziehung, der Unterricht hat ihn gerade beschränkt, getödtet, statt ihn zu befreien und zum lebendigen Fortwachsen aus sich selbst fähig zu machen.
2.
Für Entwickelung der Geisteskraft in diesem allgemeinsten Sinne haben wir Neueren nichts Zweckmässigeres, als die Erlernung der alten klassischen Sprachen. Ob man fürs Leben jemals dieser Sprachen bedürfen werde, davon sey nicht die Frage: ja sogar davon werde abgesehen, ob es dem aufkeimenden Geiste räthlicher sey, in der gepressten Luft der modernen Denkart, oder in dem heiteren Wehen der Schriftsteller des Alterthums zu athmen. Folgende Frage aber kann nicht geschenkt werden: wie der Zögling über den Nebel nicht von ihm geschaffener und deshalb nicht verstandener Worte, der nur den Geist, welcher ihm unbewusst in der Sprache umherwankt, keinesweges aber seinen eigenen, in ihm aufkommen lässt, — über diesen Nebel, der den grössten Theil selbst der angeblich gebildeten Menschen zeitlebens gefesselt hält, zur lebendigen Anschauung der Sache selbst gelangen solle?
Ich halte dafür, dass dies geschehen könne nur durch das Studium der Sprachen, deren ganze Begriffsgestaltung von der Modernität völlig abweicht und jeden, der es in dieser Region bis zum eigentlichen Verstehen bringen soll — was freilich mehr ist, als was der gewöhnliche Unterricht in den alten Sprachen bezweckt und in der Regel auch erreicht, der sich mit dem ungefähren Dolmetschen des Sinnes begnügt, — entschieden nöthiget, über alle Zeichen hinweg zu etwas Höherem, als das Sprachzeichen ist, zu dem Begriffe der Sache sich zu erheben: — ein Studium, welches ebendarum durch die Erlernung keiner neueren Sprache zu ersetzen ist, weil hierin mit nichtverstandenen Phrasen, gegen andere gleichgeltende, nur anderstönende, welche ebenfalls nicht verstanden werden, d. h. in denen niemals vom Ausdrucke und Bilde zum Begriffe vorgedrungen wird, — ein Tauschhandel getrieben werden kann und getrieben wird. Daher nun die Nebelwelt halbverstandener, nie bis auf ihren Kern untersuchter Vorstellungen, in der das gewöhnliche Bewusstseyn, auch der sogenannten Gebildeten, lebt, und die ihre Wahrheit sind, nach der zufälligen Gestaltung des sie umgebenden Sprachgeistes und nach dem ebenso zufälligen Anfluge aus ihren specielleren Umgebungen, wo also nirgends das Bewusstseyn mit dem Realen und Wahren zu thun hat, sondern mit den Schattenbildern desselben.