Es war nur eine erste Abwehr. Athen mußte auf neue, schwerere Gefahr gefaßt sein. Ihr zu begegnen wies Themistokles die Wege, an Kühnheit der Gedanken und Tatkraft sie auszuführen der größte Staatsmann, den Athen gehabt hat.

Vor allem, nicht zum zweiten Male durften die Barbaren von der See her Attika plötzlich überfallen können; auch für Sparta und die Peloponnesier hing Wohl und Wehe daran, der feindlichen Übermacht den näheren Weg zur See zu verlegen. Die Seestaaten von Hellas, Ägina, Korinth, Athen besaßen nicht soviel Kriegsschiffe, wie die asiatischen Hellenen allein zur Perserflotte stellten. Nach Themistokles' Antrag — das Silber der laurischen Bergwerke bot die Mittel dazu — wurde die Flotte Athens verdreifacht, im Piräus ein fester Kriegshafen geschaffen, bald die langen Mauern gebaut, die Stadt und den Hafen zusammenzuschließen. Daß für die Flotte die Masse ärmerer Bürger, die nicht zum Hoplitendienst pflichtigen, als Ruderer mit zu der Pflicht und Ehre des Dienstes herangezogen wurden, steigerte den demokratischen Zug in der Verfassung und gab demselben zugleich die Disziplin des strengeren Dienstes auf der Flotte.

Ein Zweites ergab sich mit dem Heranziehen der ungeheuren Heeresmacht des Großkönigs. Daß zugleich die Karthager in Sizilien losbrachen, mußte die Griechenwelt erkennen lassen, in welchem Umfange sie bedroht sei. Aber allerorten war in ihr Hader und Haß und Nachbarfehde, die Zersplitterung und Zerrüttung des eigensinnigsten Kleinlebens. Nur daß die Tyrannen von Syrakus und Akragas sich verbündeten und die ganze Streitkraft des hellenischen Siziliens vereinigten, gab dort Hoffnung dem punischen Angriff zu widerstehen. Wie gleiche Einigung in Hellas schaffen? Auf Themistokles' Rat unterordnete sich Athen der Hegemonie Spartas; Sparta und Athen luden alle hellenischen Städte zu einem Waffenbunde ein, dessen Bundesrat in Korinth tagen sollte. Solcher Bund hätte nur die Hinzugetretenen binden können; es galt den kühnsten Schritt zu tun, aus der nationalen Gemeinschaft, die bisher nur in der Sprache, dem Götterkult, dem geistigen Leben bestanden hatte, ein politisches Prinzip zu machen, so eine Eidgenossenschaft aller Hellenen wenigstens für den Kampf gegen die Barbaren zu schaffen. Das Synedrion in Korinth verfuhr und verfügte in diesem Sinne; es beschloß, daß alle Fehde zwischen griechischen Städten ruhen solle, bis die Barbaren besiegt seien; es erklärte für Hochverrat, den Persern mit Wort oder Tat Dienste zu leisten; und welche Stadt sich den Persern ergebe, ohne bezwungen zu sein, sollte dem delphischen Gott geweiht und gezehntet werden, wenn der Sieg errungen sei.

Der Tag von Salamis rettete Hellas, der Sieg an der Himera Sizilien. Aber dem hellenischen Bunde waren daheim nur die meisten Städte des Peloponnes, von denen in Mittel- und Nordgriechenland außer Athen nur Thespiä, Platää, Potidäa beigetreten. Mit den Schlachten bei Platää und Mykale wurde das Land bis über den Olymp hinaus, wurden die Inseln und die ionische Küste, in den nächsten Jahren auch der Hellespont und Byzanz befreit. In derselben Zeit schlug der Tyrann von Syrakus mit den Kymäern vereint die Etrusker in der Bucht von Neapel; die Tarentiner, die von den Japygern eine schwere Niederlage erlitten hatten, in neuen Kämpfen siegreich, wurden Herren des Adriatischen Meeres.

Aber weder die italischen und sizilischen Hellenen schlossen sich dem Bunde an, der auf dem Isthmus gegründet war, noch erzwang dieser selbst, unter der schlaffen und mißtrauischen Hegemonie Spartas, in Boiotien, im Spercheioslande, in Thessalien den Beitritt. Den Athenern, die bei Salamis mehr Schiffe als die übrigen zusammengestellt, die die Befreiung der Inseln und Ioniens von Sparta ertrotzt hatten, boten die Befreiten die Hegemonie der gemeinsamen Seemacht an, und Sparta ließ geschehen, was es nicht hindern konnte; es entstand ein Bund im Bunde.

Schon war Themistokles, in dem die Spartaner ihren gefährlichsten Feind sahen, seinen Gegnern in Athen erlegen, derjenigen Partei, die in dem Bunde mit Sparta zugleich einen Halt gegen die schwellende demokratische Bewegung daheim sah und erhalten wollte. Vielleicht hätte er dem Seebunde, den Athen schloß, eine andere, festere Gestalt gegeben; die Staatsmänner, die ihn ordneten, begnügten sich mit loseren Formen, mit dem gleichen Recht der Staaten, die er umschloß, mit der Schonung ihres Partikularismus. Nur zu bald zeigten sich die Schäden der so geformten Union; die Notwendigkeit, zur Bundespflicht zu zwingen, Versäumnis, Widersetzlichkeit, Abfall zu strafen, ließ die nur führende Stadt zur herrschenden und herrischen, die freien Bündner zu Untertanen werden, die selbst der Jurisdiktion des attischen Demos unterworfen waren.

Herrin des Seebundes zum Schutz des Meeres und zum Kampf gegen die Barbaren, hatte Athen die Inseln des Ägäischen Meeres, die hellenischen Städte auf dessen Nordseite bis Byzanz, die Küste Asiens vom Eingang in den Pontus bis Phaselis am Pamphylischen Meer inne, eine Macht, unter deren belebenden Impulsen der hellenische Handel und Wohlstand, nun weithin geschützt, sich von neuem erhob, Athen selbst in allen Richtungen des geistigen Lebens kühn und schöpferisch voranschreitend der Mittelpunkt einer im vollsten Sinn panhellenischen Bildung wurde.

Mochte Sparta noch den Namen der Hegemonie haben, es sah seine Bedeutung tief und tiefer sinken; es begann unter der Hand die Mißstimmung bei den Bündnern Athens zu nähren, während schon Argos, Megara, die Achäer, selbst Mantinea, sich mit Athen verbanden. Daß dann die helotisch verknechteten Messenier sich empörten, und die Spartaner, außerstande sie zu bewältigen, die Bundeshilfe Athens forderten, daß Athen sie ihnen gewährte, und sie, ehe der Kampf beendet war, Tücke und Verrat fürchtend, wieder heimsandten, führte zu der verhängnisvollen Entscheidung. Das attische Volk wandte sich von denen ab, die den Hilfezug geraten, gab, ihren Einfluß für immer zu beseitigen, den demokratischen Institutionen des Staates eine durchgreifende Steigerung, kündigte den hellenischen Bund und damit die spartanische Hegemonie auf, beschloß zu allen hellenischen Städten, die nicht schon im Seebund waren, zu senden, sie zum Abschluß einer neuen und allgemeinen Einigung aufzufordern.

Der Bruch war unheilbar. Es begann ein Kampf heftigster Art, nicht bloß in den hellenischen Landen: Ägypten war unter einem Nachkommen der alten Pharaonen von dem Großkönige abgefallen, rief die Hilfe Athens an; ein selbständiges Ägypten hätte dauernd die Flanke der persischen Macht bedroht, die syrischen Küsten, Cypern, Kilikien hätten sich in gleicher Weise losgerissen; Athen sandte eine Flotte nach dem Nil.

Das kühnste Wagnis attischer Politik mißlang. Ägypten erlag den Persern, nach schweren Verlusten dort, nach blutigen, nicht immer siegreichen Kämpfen an den heimischen Grenzen schloß Athen, um die Scharte gegen die Barbaren auszuwetzen, mit den Spartanern Frieden, opfernd, was es ihrem Bunde auf dem Festlande entzogen hatte.