Daß Athen innehielt, versöhnte Sparta so wenig wie die Herrenstaaten und den Partikularismus. Daß Athen um so fester die Zügel seiner Bundesherrschaft anzog, steigerte die Erbitterung der Beherrschten, die schon an den Spartanern, an dem Perserkönig sicheren Rückhalt zu finden hoffen durften. Daß Perikles trotzdem und trotz der breiten Macht und dem gefüllten Schatz Athens nur mit der Überlegenheit weiser Mäßigung und des streng innegehaltenen Vertragsrechtes den Frieden und mit ihm die attische Seeherrschaft, diese durchaus nur in dem Umfange, den sie einmal hatte, zu erhalten gedachte, ließ Athen nach außen hin die Initiative verlieren und im Innern die Opposition derer erstarken, die nur in weiterer Steigerung der Demokratie, in ihrer völligen Durchführung auch bei den Bündnern, in Ausdehnung der Herrschaft über die pontischen, die sizilisch-italischen Griechenstädte die Möglichkeit sahen, der dreifachen Gefahr, welche die attische Macht bedrohte, zu begegnen: der Rivalität Spartas und der Herrenstaaten, dem lauernden Haß der Perser, dem Abfall der Bündner.

Das sind die Elemente des furchtbaren Krieges, der die hellenische Welt dreißig Jahre lang durchtoben und bis in die Fundamente zerrütten, in dem die in Athen und unter dem Schutze Athens gereifte Fülle von Wohlstand, Bildung und edler Kunst, die damit sich verbreitende Fassung des ethischen Wesens sich tief und tiefer zersetzen sollte.

Es gab in diesem Kriege einen Moment — Alkibiades und die sizilische Expedition bezeichnen ihn —, wo der Sieg der attischen Macht, die Erweiterung derselben auch über die westlichen Meere gewiß schien; die Karthager waren in höchster Sorge, »daß die Attiker gegen ihre Stadt heranziehen würden«. Aber der geniale Leichtsinn dessen, der auf seinem Goldschilde den blitzschleudernden Eros führte, gab der Intrige seiner oligarchischen und demokratischen Gegner daheim die Gelegenheit, ihn, der allein das begonnene Unternehmen hätte hinausführen können, zu stürzen. Er ging zu den Spartanern, er wies ihnen die Wege, wie Athen zu bewältigen sei, er gewann ihnen die Satrapen Kleinasiens und das Gold des Großkönigs, freilich gegen die Anerkennung Spartas, daß dem Großkönige wieder gehören solle, was ihm ehedem gehört habe.

In ungeheuren Wechseln raste der Krieg weiter; mit persischem Gold bezahlt, erschien auch die Flotte Siziliens, sich mit der Spartas, Korinths, der abgefallenen Bündner Athens zu vereinigen. Unvergleichlich, wie das attische Volk da gekämpft, mit immer neuer Spannkraft sein zusammenbrechendes Staatswesen zu retten versucht, wie es bis auf den letzten Mann und einen letzten goldenen Kranz im Schatz den Kampf fortgesetzt hat. Nach dem letzten Siege, den es errang, dem bei den Arginusen, ist Athen den Parteien im Innern, dem Verrat seiner Feldherren, dem Hunger erlegen; der Spartaner Lysandros brach die langen Mauern, übergab Athen der Herrschaft der Dreißig.

Nicht bloß die Macht Athens war zertrümmert. In diesem langen und furchtbaren Kriege hatte sich das Wesen des attischen Demos verwandelt. Von den einst glücklichen Elementen seiner Mischung waren die stetigen dahin; es war mit der Entfesselung aller demokratischen Leidenschaft die zersetzende Aufklärung übermächtig geworden, die ihm die Oligarchen erzogen hatte, welche in jener Verfassung der Dreißig unumschränkt das erschöpfte Volk zu knechten unternahmen, unter ihnen die entarteten Reste der alten großen Familien, die der Krieg gelichtet hatte. Noch gründlicher war in dem alten hoplitischen Bauernstande aufgeräumt, den die feindlichen Einlagerungen auf dem attischen Gebiet erst Jahr für Jahr, dann für Jahre lang in die Stadt getrieben hatten, wo er, ohne seine Arbeit, verarmend, mit in den Strudel des städtischen Lebens gezogen, Pöbel wurde. Wenn dann nach Jahr und Tag die Landflüchtigen ihre Rückkehr erzwangen, die Dreißig von dannen jagten, die Demokratie herstellten — es war nur der Name Athens, der Name der solonischen Verfassung, der hergestellt wurde; alles war verarmt, armselig, ohne Kraft und Schwung; und daß man mit doppelt eifersüchtiger Fürsorge die Machtbefugnisse der Ämter minderte, dem Einfluß hervorragender Persönlichkeiten möglichst vorbeugte, neue Formen fand, die irgend mögliche Beschränkung der demokratischen Freiheit unmöglich zu machen, fixierte diese bedenklichste Form des Staatswesens in der bedenklichsten Phase ihrer Schwankungen, in der der Ernüchterung nach dem Rausch.

Mit dem Ruf der Befreiung hatte Sparta dreißig Jahre vorher allen Haß, alle Furcht und Mißgunst gegen Athen, allen Partikularismus um sich vereint. Nun hatte es den vollsten Sieg; Sparta war das Entzücken des nun überall wiederkehrenden Herrentums und Lysandros ihr Held, ja ihr Gott; ihm wurden Altäre errichtet und Festdienste gestiftet. Das alte Recht Spartas auf die Hegemonie schien nun endlich das Griechentum zu vereinigen.

Aber es war nicht mehr die alte Spartanerstadt; daß die Bürger ohne Eigentum, in strenger Ordnung und Unterordnung, ganz Soldat seien, waren die ersten Forderungen der vielbewunderten lykurgischen Verfassung gewesen; jetzt mit dem Siege schwand der Nimbus, in dem man Sparta zu sehen sich gewöhnt hatte; jetzt zeigte sich, wie Habgier, Genußgier, jede Art von Entartung, wie Geistesarmut neben Herrschsucht, Brutalität neben Heimtücke und Heuchelei da heimisch sei. Stetig sank die Zahl der Spartiaten, in dem nächstfolgenden Zeitalter gab es deren nur noch tausend statt der neun- oder zehntausend in den Zeiten der Perserkriege. Die daheim zu starrem Gehorsam und äußerer Zucht Gewöhnten herrschten nun als Harmosten um so willkürlicher und gewaltsamer in den Städten von Hellas, überall bemüht, die gleiche oligarchische Ordnung durchzuführen, zu der sich in Sparta selbst die alte vielbewunderte Aristokratie verwandelt hatte; überall deren Einführung, Austreibung der besiegten Partei, Konfiskation ihrer Güter; die hellenische Welt von der wogenden Masse politischer Flüchtlinge und ihren Entwürfen und Versuchen gewaltsamer Heimkehr in stetem Gären und Brodeln.

Freilich schickte Sparta sofort ein Heer nach Asien, aber für den Empörer Kyros, gegen den Großkönig, seinen Bruder, ein Söldnerheer. Und als Kyros in der Nähe von Babylon gefallen, die 10 000 in der Schlacht unbesiegt, unbesiegt auch auf der weiten, kampfreichen Irrfahrt durch die fremde Welt wieder bis ans Meer gelangt und heimgekehrt waren, als des Großkönigs Satrapen die hellenischen Städte Asiens wieder in Besitz nahmen, deren Tribute forderten, da ließ Sparta den jungen König Agesilaos nach Asien ziehen, der, als sei es ein Nationalkrieg der Hellenen und er ein zweiter Agamemnon, mit einem feierlichen Opfer in Aulis begann, nur daß die boiotische Behörde das Opfer störte und die Opfernden aus dem Heiligtum trieb; weder Theben, noch Korinth, noch Athen, noch die anderen Bündner leisteten die geforderte Bundeshilfe, und die erste Tat des Agesilaos in Asien war, daß er mit des Großkönigs Satrapen Waffenstillstand schloß.

Schon war in den hellenischen Landen die Erbitterung gegen Sparta ärger, als sie je gegen Athen gewesen war. Die Thebaner hatten die Flüchtlinge Athens unterstützt, ihre Vaterstadt zu befreien; die Korinther hatten dulden müssen, daß in ihrer Tochterstadt Syrakus, die in schwersten Parteikämpfen krankte, und der zur Ruhe zu helfen sie einen ihrer besten Bürger gesandt hatten, die Partei, welche die Spartaner unterstützten, mit dem Morde des korinthischen Mittelmannes die Tyrannis des Dionysios gründete; empörender als alles war, wie die Spartaner, um Elis zum Gehorsam zu zwingen, das Land des Gottesfriedens mit Krieg überzogen, verheerten und in seine Gaue auflösten.

Wenn man in der Hofburg zu Susa, eingedenk jenes Griechenzuges fast bis Babylon, mit Sorge dem Anmarsch des Agesilaos entgegengesehen, wenn man die noch schwerere Gefahr einer neuen Empörung Ägyptens, mit der sofort Sparta in Verbindung trat, erkennen mochte, so bot ein attischer Flüchtling, Konon, einer der zehn Strategen der Arginusen, den Plan zur sichersten Abwehr. Der Satrap Pharnabazos erhielt das nötige Geld, die bedeutenderen Staaten in Hellas zum offenen Kampf gegen Sparta zu treiben, zugleich eine Flotte zu schaffen, die unter Konons Führung die Seemacht Spartas vom Meere jagen sollte. Wieder mit dem Ruf der Befreiung, als Bund der Hellenen erhoben sich Korinth, Theben, Athen, Argos gegen Sparta; ihrem ersten Siege folgte die schleunige Heimkehr des Agesilaos, mit dem Kampf bei Koronäa erzwang er sich den Rückzug durch Boiotien. Aber schon hatte Konon die Spartaner besiegt, die Hälfte ihrer Schiffe vernichtet. Dann segelte Pharnabazos mit der Flotte nach Griechenland hinüber, überall verkündend, daß er nicht die Knechtschaft, sondern Freiheit und Unabhängigkeit bringe, landete selbst auf Cythere, hart an der Küste Lakoniens, erschien dann auf dem Isthmos in dem Bundesrat der Hellenen, zur eifrigen Fortsetzung des Kampfes mahnend, überließ, um selbst heimzukehren, dem Konon die Hälfte der Flotte, der nun nach Athen eilte, für persisches Geld die langen Mauern herstellen, wieder eine attische Flotte gründen, ein Heer Söldner werben ließ; die leichte Waffe der Peltasten, die Iphikrates erfand und ausbildete, überholte die taktische Kunst Spartas.