Vergebens suchten die Spartaner zu hemmen. Daß eben jetzt Athen sich aufrichtete, mit raschem Entschluß daranging, eine neue Flotte, eine neue Symmachie, aber mit der Devise der Autonomie zu schaffen, zeigte den Spartanern die schwellende Gefahr. Schon griff Theben über die böotischen Grenzen hinaus, versuchte die Phokier in den neuen Bund zu zwingen, verbündete sich mit Jason von Pherai, der die Macht über Thessalien den Dynasten zu entwinden verstanden hatte, die dauernde kriegerische Herrschaft an seine Hand zu ketten gedachte. Bei Naxos schlugen die attischen Strategen die Flotte Spartas, mit der Schlacht von Leuktra gewann Theben den Weg nach dem Peloponnes, in dem, wie die Furcht vor Sparta dahin war, ein neues lärmendes Leben begann; unter dem Schutz der siegreichen Waffen Thebens wurde überall das Joch der Oligarchie gebrochen, die zerstreuten Dorfschaften zu städtischen Gemeinwesen vereint, selbst die verknechteten Messenier befreit und ihr Staat hergestellt.

Jenen Sieg dankte Athen einer raschen und geschickten Finanzmaßregel, die dann freilich eine Wirkung nach innen hatte, welche von der Demokratie nicht viel mehr als die Form und den Schein übrigließ. Die reicheren Bürger leisteten auf Grund einer neuen Schatzung die zum Bau einer Flotte und zur Werbung von Söldnern nötigen Mittel, in Gruppen verteilt, in denen je die Reichsten die Vorschüsse gaben und die Leitung übernahmen. Der Demos ließ sich diese Plutokratie, die ihn nichts kostete, gefallen, um so mehr gefallen, da sie ihm mit jenem Siege von Naxos einen neuen Seebund schuf, welcher Macht, Geldzahlungen, Kleruchien in Aussicht stellte. Die Inseln und Küstenstädte traten diesem gern bei, da er Schutz versprach und ausdrücklichst die Autonomie, wie sie der Großkönig befohlen hatte, zur Grundlage nahm. So versuchte Athen zwischen dem sinkenden Sparta und dem emporsteigenden Theben balancierend ein Nachbild seiner einstigen Herrlichkeit zu schaffen, bald auch die Nichtwollenden zwingend. Vor allem Amphipolis galt es heranzuziehen, das ja Athen einst gegründet, mit dem es die thrakischen Küsten beherrscht hatte; auf alle Weise, mit Hilfe der Makedonen, der thrakischen Fürsten versuchte es zum Ziele zu gelangen. Von Olynth unterstützt, widerstand Amphipolis den wiederholten Angriffen Athens.

Schon trat eine vierte Macht in diesen Wettkampf um die hellenische Führung. Der mächtige Jason von Pherai, von den Thessalern nach der alten Art ihres Landes mit dem Amt des Tagos, der Feldhauptmannschaft, betraut, der rastlos geworben und Schiffe gebaut, ein Kriegsheer geschaffen hatte, wie es Hellas noch nicht gesehen, er ließ bekannt werden, daß seine Rüstung den Barbaren im Osten gelte, daß er über Meer gegen den Perserkönig zu ziehen gedenke. Schon wie zur Weihung des beginnenden Werkes schickte er sich an, in feierlichem Pomp das pythische Fest in Delphoi zu begehen, da wurde er von Verschworenen ermordet, sieben Jünglingen, die dann die hellenische Welt als »Tyrannenmörder« feierte. Nach blutigem Familienhader kam der Rest seiner Macht in die Hand seines Schwagers Alexandros von Pherai; ihn haben nach einem Jahrzehnt seine nächsten Verwandten umgebracht.

So wurde Theben des Rivalen in seinem Rücken frei, und Sparta lag tief getroffen danieder; der neuen Erhebung Athens den Vorrang abzulaufen, baute auch Theben sich eine Flotte, begann sich auf den Meeren fühlbar zu machen. Kaum befreit, meinte nun das vereinte Arkadien schon nicht mehr der Thebaner zu bedürfen, selbst die Herrschaft in dem Peloponnes fordern zu können. Sie zogen den Argivern zu Hilfe, deren Angriff auf Epidauros gegen Athen und Korinth zu decken, sie brachen in das Eurotastal ein und rissen ein Stück Lakoniens an sich; dann kam den Spartanern Hilfe von dem Tyrannen Dionys, 2000 keltische Söldner, und die Arkader wurden zurückgeworfen; nur um so ungestümer wandten sie sich gegen ihre westlichen Nachbarn; sie warfen sich auf Olympia, die nächste Feier des Gottesfestes zu leiten, und in dem Heiligtum des Gottes wurde die Schlacht geliefert, in der sie die Elier von dannen trieben; und die unermeßlichen Schätze des Tempels zerrannen unter ihren Händen.

So hier, so überall, jeder gegen jeden; es schien in dem Griechentum nur noch Kraft und Leidenschaft genug, zu lähmen, was noch mächtig war, und niederzubrechen, was emporzusteigen drohte. Von Dankbarkeit, Treue, großen Gedanken, von nationalen Aufgaben blieb wenig oder gar nichts in der hellenischen Politik, und das Söldnertum und Flüchtlingswesen zerrüttete jede feste Ordnung und demoralisierte die Menschen.

Selbst Theben fühlte sich nicht stark genug, das, was es Neues geschaffen, aufrechtzuerhalten; es fürchtete, daß Sparta und Athen am Perserhofe die Gründung von Megalopolis und Messenien als Verletzung des Friedens, »den der Großkönig befohlen«, denunzieren und persisches Gold zum ferneren Kampf gewinnen könnten. Pelopidas ward mit einigen Männern aus dem Peloponnes nach Susa gesandt, wo schon spartanische Gesandte waren, schleunigst auch attische erschienen. Vor dem Großkönige und seinem Hofe kramten nun diese hellenischen Männer den Schmutz ihrer Heimat aus; aber Pelopidas gewann den Vorsprung. Der Großkönig befahl, daß die Messenier autonom bleiben, die Athener ihre Schiffe auf das Land ziehen, Amphipolis autonom sein und unter dem Schutz des Großkönigs stehen solle; wer diesen Bestimmungen nicht Folge leiste, gegen den solle man zu Felde ziehen; welche Stadt nicht mitziehen wolle, gegen die solle man zuerst ausziehen.

Es war der Antalkidasfriede von thebanischer Seite. Und Theben lud nun die Staaten von Hellas zu sich, des Königs Befehl zu vernehmen. Die Spartaner wiesen ihn zurück, die Arkader protestierten gegen die Ladung nach Theben, die Korinther weigerten sich des Eides auf den Frieden des Großkönigs, und in Athen wurden die heimkehrenden Gesandten als Verräter hingerichtet.

Dann fand Pelopidas bei einem zweiten Versuch, Thessalien zu befreien, den Tod. Epaminondas zog aus, die Ordnung in dem Peloponnes herzustellen, er besiegte die Spartaner und die mit ihnen verbündeten Elier, Mantineer, Achäer bei Mantinea; er selbst fand in der Schlacht den Tod. Und der Spartanerkönig, der alte Agesilaos, ließ sich von den Ephoren den Auftrag geben, nach Ägypten zu ziehen, warb Söldner für ägyptisches Geld und führte dem Könige Tachos, der schon 10 000 Helden in Sold hatte, deren noch 1000 zu, die versuchte Erneuerung des Pharaonentums gegen den Großkönig zu verteidigen.

Mit dem Tage von Mantinea endete die Macht Thebens, die, getragen und veredelt durch die Persönlichkeit einzelner Männer, nach deren Ende weder die befreiten oder neugegründeten Städte festzuhalten, noch die boiotischen Städte, die vernichtet, die benachbarten Phokier, Lokrer, Malier, Euboier, die mit Gewalt an Theben gekettet waren, zu versöhnen verstand. Nach dem kurzen Rausch der Hegemonie, zu Übermut und Insolenz verwöhnt, wurde das sinkende Theben nur um so unleidlicher.

Auch Athens zweiter Seebund gewann keinen hohen Flug. Durch Sorglosigkeit, Habgier, durch Ränke schmiedende Staatsmänner verleitet, schon längst daran gewöhnt, statt der eigenen Bürger Söldner ins Feld zu schicken, ließ es seine Strategen bei Freund und Feind Geld erpressen, statt Krieg zu führen, attische Beamte und Besatzungen in die Bundesstädte legen, wohl auch Bündner — so die auf Samos — austreiben, an attische Kleruchen ihre Häuser und Äcker austeilen, so völlig das Recht und die Pflicht des geschlossenen Bundes mißachtend, daß die mächtigeren die erste Gelegenheit zum Abfall wahrnahmen. Es gelang nicht mehr, sie zu bezwingen: Athen verlor zum zweiten Male seine Seeherrschaft; aber es behielt noch Samos und einige andere Plätze; es hatte in seinen Werften über 350 Trieren, mehr als ein anderer hellenischer Staat.