Nicht minder im Sinken schien das westliche Griechentum. Bis zu seinem Tode hatte Dionys von Syrakus seine Herrschaft straff und fest gehalten; unter seinem gleichnamigen Sohne unternahm die Philosophie, Dion, Kallippos, Platon selbst, an dem Hofe des Tyrannen ihre Ideale zu verwirklichen, bis der junge Herr der Dinge überdrüssig wurde und die andere Seite seiner verbildeten Geistesarmut hervorzukehren begann. In den wüsten zehn Jahren seiner Herrschaft und dem nicht minder wüsten Jahrzehnt danach verkam das Haus, und das Reich des kühnen Gründers zerbröckelte.
Wundervoll sind die Erzeugnisse des Griechentums in Poesie und Kunst und allen Gebieten des intellektuellen Lebens auch noch in dieser Zeit; die Namen des Platon, des Aristoteles genügen, zu bezeichnen, welche Schöpfungen dieses Zeitalter den früheren hinzugefügt hat. Aber die öffentlichen und privaten Zustände waren schwer krank; sie waren hoffnungslos, wenn man fortfuhr, sich im Kreis zu bewegen.
Nicht bloß, daß die alten bindenden Formen des Glaubens und der Sitte, des Familienlebens, der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung gebrochen oder doch durch das Scheidewasser der Aufklärung zerfressen waren; nicht bloß, daß mit dem um so hastigeren politischen Wechsel in den kleinen Gemeinwesen die Seßhaftigkeit zerstört, mit dem Anwachsen der zuströmenden Masse politischer Flüchtlinge die Gefahr neuer, schlimmerer Explosionen fort und fort gesteigert wurde, ein wüstes Söldnertum, schon völlig auf das »Gewerbe« organisiert, sich über die Welt zerstreute, für oder gegen Freiheit, Tyrannei und Vaterland, für oder gegen die Perser, Karthager, Ägypter und wo sonst Sold zu verdienen war, zu kämpfen. Schlimmer war, daß dies hochgebildete Griechentum in immer neuen Anläufen, das Ideal des Staates zu verwirklichen, nur die Schäden mehrte, die es heilen wollte, daß es von falschen Voraussetzungen aus nach nicht minder falschen Zielen rang, daß es, immer nur auf die Autonomie der kleinen und kleinsten Gemeinwesen, auf das unbedingte persönliche Freisein und Mitherrschen bedacht, keine Formen fand, auch nur die Autonomie und Freiheit sicherzustellen, geschweige denn die Fülle großer nationaler Güter, die es besaß, ja die schon ernstlich bedrohte Existenz der Nation selbst zu schützen.
Was Hellas brauchte, lag auf der Hand. »Unter den Staaten, die bisher die Hegemonie gehabt,« sagt Aristoteles, »hat jeder es für sein Interesse gehalten, die der eigenen entsprechende Verfassung, die einen die Demokratie, die anderen die Oligarchie in den von ihnen abhängigen Städten durchzuführen, indem sie nicht auf dem Wohl, sondern auf den eigenen Vorteil Bedacht nahmen, so daß nie oder selten und nur bei wenigen das Staatswesen der rechten Mitte zustande kam; und in den Bevölkerungen ist es zur Gewohnheit geworden, nicht die Gleichheit zu wollen, sondern entweder zu herrschen oder beherrscht zu werden.« Kurz und scharf bezeichnet der große Denker den fieberhaften und erschöpfenden Zustand, der daraus entsteht: Austreibung, Gewaltsamkeit, Rückkehr der Flüchtlinge, Güterteilung, Schuldaufhebung, Freigebung der Sklaven zu Zwecken des Umsturzes; bald stürzt sich der Demos auf die Besitzenden, bald üben die Reichen oligarchische Gewalt an dem Demos; Gesetz und Verfassung schützt nirgend mehr die Minorität gegen die Majorität, ist in der Hand dieser nur noch eine Waffe gegen jene; die Rechtssicherheit ist dahin, der innere Friede in jedem Augenblick in Gefahr; jede demokratische Stadt ist ein Asyl für demokratische, jede oligarchische für oligarchische Flüchtlinge, die kein Mittel verschmähen und versäumen, ihre Rückkehr und den Umsturz der Dinge dort herbeizuführen, um den Besiegten dasselbe anzutun, was sie von ihnen haben leiden müssen. Zwischen den hellenischen Staaten, den kleinen und kleinsten, gibt es kein anderes öffentliches Recht als diesen Kriegszustand leidenschaftlichen Parteihaders, und die kaum geschlossenen Bündnisse zersprengt der nächste Parteiwechsel in den verbündeten Staaten.
Mit jedem Tage zeigte sich schärfer und mahnender, daß die Zeiten der autonomen Kleinstaaterei, der partiellen Bündnisse mit oder ohne Hegemonie vorüber, daß neue staatliche Formen nötig seien, panhellenische, so gesteigerte, daß in ihnen die bisher vermengten Begriffe Stadt und Staat sich schieden und die Stadt kommunale Stellung innerhalb des Staates fand, wie in der attischen Demenverfassung vorgebildet, in dem älteren Seebund versucht, aber nur in der Macht der Bundesgewalt, nicht in dem gleichen kommunalen Recht der Bundesglieder durchgeführt war. Und nicht bloß das, in dem Griechentum waren seitdem zu viele Kräfte, Ansprüche, Rivalitäten erwachsen, zu viele Bedürfnisse und Erregungen zur Gewohnheit, zu viel Leben Bedingung des Lebens geworden, als daß es, in den engen Raum daheim gebannt, in dem alles Kleine groß und alles Große klein erschien, sich mit dem, was es war und hatte, noch hätte ersättigen oder weiter entwickeln können. Unermeßliche Elemente der Gärung erfüllten es, solche, die eine Welt umzugestalten fähig waren; auf den heimischen Boden gebannt, in der heimischen Art beharrend konnten sie nur gleich jener Drachensaat des Kadmos sich selbst zerfleischen und zerstören. Es kam alles darauf an, daß ihrem wirr wuchernden Hader ein Ende gemacht, ihnen ein neues weites Feld fruchtbarer Tätigkeiten geöffnet, in großen Gedanken alle edlere Leidenschaft entflammt, der Fülle noch ungebrochener Lebenstriebe Licht und Luft geschafft werde.
Seit Lysandros' Siege die alt-attische Macht niedergebrochen hatten, war die äußere Gefahr für die Griechenwelt von allen Seiten her in stetem Steigen; mehr als je in schon völlig verschiedene Kreise zerlegt, verlor sie an allen ihren nationalen Grenzen immer mehr Terrain. Das Griechentum Libyens war von den Puniern hinter die Syrte zurückgedrängt; das Siziliens verlor an dieselben Punier die größere Westhälfte der Insel, das Italiens starb bei dem Andrang der Völkerstämme des Apennin Glied für Glied ab. Die Barbaren des unteren Donaulandes, von den in Italien zurückgestauten Kelten gedrängt, begannen ihre Versuche, nach dem Süden durchzubrechen. Die hellenischen Städte an der West- und Nordseite des Pontos hatten Mühe, sich der Triballer, der Geten, der Skythen zu erwehren, von denen auf der Südseite fand wenigstens Heraklea in der Tyrannis, die ein Schüler Platons dort gründete, einigen Halt. Die anderen Hellenenstädte Kleinasiens standen unter dem Perserkönige, von dessen Satrapen, von Dynasten, von dienstwilligen Oligarchen mehr oder weniger willkürlich beherrscht und ausgebeutet. Auch die reichen Inseln an der Küste beherrschte der persische Einfluß; das hellenische Meer gehörte den Hellenen nicht mehr; der Friede des Antalkidas hatte dem Hofe von Susa und den Höfen der Satrapen den Hebel in die Hand gegeben, in dem wohlgepflegten Hader der führenden Staaten das Griechentum tief und tiefer zu zerrütten und, während die großen politischen Dinge dort durch die »Befehle« des Großkönigs entschieden wurden, von der kriegstüchtigen hellenischen Mannschaft so viel an sich zu ziehen, wie nötig schien.
Niemals ist in Hellas der Gedanke des nationalen Kampfes gegen die Persermacht vergessen worden; er war den Hellenen, was jahrhundertelang der abendländischen Christenheit der Kampf gegen die Ungläubigen. Selbst Sparta hatte wenigstens zeitweise seine Herrsch- und Habgier mit dieser Larve zu verdecken gesucht; Jason von Pherai sah für die Tyrannis, die er gründete, in dem nationalen Kampf, zu dem er sich anschickte, die Rechtfertigung. Je deutlicher die Ohnmacht und innere Zerrüttung des übergroßen Reiches wurde, je leichter und einträglicher die Arbeit erschien, es zu vernichten, desto allgemeiner und zuversichtlicher wurde die Erwartung, daß es geschehen werde und geschehen müsse. Mochte Platon und seine Schule bemüht sein, den Idealstaat zu finden und zu verwirklichen, Isokrates, von dem eine doch breitere und populärere Wirkung ausging, kam immer wieder darauf zurück, daß man den Kampf gegen Persien beginnen müsse: ein solcher Krieg werde mehr ein Festzug als ein Feldzug sein; wie ertrage man den Schimpf, daß diese Barbaren die Wächter des Friedens in Hellas sein wollten, während Hellas imstande sei, Taten zu verrichten, die würdig seien, daß man die Götter darum bitte. Und Aristoteles sagt: die Hellenen könnten die Welt beherrschen, wenn sie zu einem Staat vereinigt wären.
Der eine wie andere Gedanke lag nahe genug, nahe genug auch der, beides, die Vereinigung der Hellenen und den Kampf gegen die Perser, als ein Werk zusammenzufassen, nicht das eine warten zu lassen, bis das andere getan sei. Nur wie solche Gedanken verwirklichen?
König Philipp von Makedonien unternahm es. Er mußte es, kann man sagen, wenn er das zerrüttete Königtum seines Hauses herstellen und sicherstellen wollte. Immer wieder hatte die Politik Athens, Spartas, Olynths, Thebens, der thessalischen Machthaber den Hader in der königlichen Familie genährt, Usurpation einzelner fürstlicher Häupter des Landes unterstützt, die Barbaren auf den makedonischen Grenzen zu Einbrüchen und Raubzügen nach Makedonien veranlaßt. Hatten sie alle keinen anderen Rechtstitel zu ihrem Verfahren gehabt als die Ohnmacht des makedonischen Königtums, so bedurfte es nur der Herstellung genügender Macht, um dessen Rat gegen sie zu erweisen, und sie hatten keinerlei Anspruch auf rücksichtsvollere oder schonendere Maßregeln von seiten des makedonischen Königtums, als sie selbst solange gegen dessen Interesse sich erlaubt hatten.
Philipps Erfolge gründen sich auf den sicheren Unterbau, den er seiner Macht zu geben verstand, auf die schrittweise vorgehende Bewegung seiner Politik gegenüber der bald hastigen, bald schlaffen, immer in ihren Mitteln oder ihren Zielen sich verrechnenden der hellenischen Staaten, vor allem auf die Einheit, das Geheimnis, die Schnelligkeit und Konsequenz seiner Unternehmungen, die von denen, die sie treffen sollten, so lange für unmöglich gehalten wurden, bis ihnen nicht mehr zu entgehen oder zu widerstehen war. Während Thessalien mit Alexandros' Ermordung in Zerrüttung sank, die Athener auf den Bundesgenossenkrieg, die Thebaner auf den heiligen Krieg, der die Phokier zur Folgeleistung zwingen sollte, alle Aufmerksamkeit wandten, die Spartaner sich bemühten, in dem Peloponnes wieder einigen Einfluß zu gewinnen, rückte Philipp nach Süden und Osten seine Grenzen so weit vor, daß er mit Amphipolis den Paß nach Thrakien, mit dem Bergrevier des Pangäon dessen Goldminen, mit der Küste Makedoniens den Thermäischen Busen und den Zugang zum Meere, mit Methone den Weg nach Thessalien hatte. Dann riefen ihn die Thessalier, von den Phokiern auf das schwerste bedroht, zu Hilfe; er kam, er hatte schweren Stand gegen die wohlgeführte Kriegsmacht der Tempelräuber; erst mit nachrückender Verstärkung warf er sie zurück; er stand am Eingang der Thermopylen; er legte makedonische Besatzung nach Pagasä, er war damit Meister des thessalischen Hafens und des Weges nach Euböa. Da gingen den Athenern die Augen auf; unter Demosthenes' Führung begannen sie den Kampf gegen die Macht, welche, so schien es, die Hand nach der Herrschaft über Hellas ausstreckte.