An dem Patriotismus des Demosthenes und dessen Eifer für die Ehre und Macht Athens wird niemand zweifeln; und mit vollstem Recht wird er als der größte Redner aller Zeiten bewundert. Ob er in gleichem Maße als Staatsmann groß, ob er der Staatsmann der nationalen Politik Griechenlands war, ist eine andere Frage. Wenn in diesem Kampfe der Sieg gegen Makedonien entschieden hätte, was wäre das weitere Schicksal der Griechenwelt gewesen? Im besten Fall die Herstellung einer attischen Macht, wie sie soeben zum zweitenmal zusammengebrochen war, entweder einer Bundesmacht auf Grund der Autonomie der Bündner, die weder den Barbaren im Norden zu wehren, noch den Barbaren im Osten die Stirn zu bieten, noch das sinkende Griechentum im Westen an sich zu ziehen und zu schützen vermocht hätte, — oder einer attischen Herrschaft über untertänige Gebiete, wie denn schon jetzt Samos, Lemnos, Imbros, Skyros in solcher zum Teil kleruchischer Form, in loserer Tenedos, Prokonnesos, der Chersones, Delos in attischem Besitz waren; in dem Maße, als die Athener ihre Herrschaft erweitert hätten, würden sie größerer Eifersucht, heftigerem Gegendruck von rivalisierenden Staaten zu begegnen gehabt, sie würden nur die schon so tief eingefressene Spaltung und Zerrissenheit der hellenischen Welt gemehrt, sie würden jede Hilfe, auch die der Perser, der thrakischen, illyrischen Barbaren, der Tyrannis, wo sie sich gerade fand, willkommen geheißen haben, um sich zu behaupten. Oder wollte Athen nur die unberechenbaren Veränderungen, welche die Macht Makedoniens über Hellas zu bringen drohte, abwehren, nur die Zustände erhalten, wie sie waren? Sie waren so elend und beschämend wie möglich und wurden in dem Maße unhaltbarer und explosiver, als man sie länger in dieser Zerfahrenheit und Verkrüppelung des Kleinlebens ließ, in dem der Griechenwelt ein Glied nach dem anderen abstarb. Mochten die attischen Patrioten den Kampf gegen Philipp im Namen der Freiheit, der Autonomie, der hellenischen Bildung, der nationalen Ehre zu führen glauben oder vorgeben, keines dieser Güter wäre mit dem Siege Athens sichergestellt, mit der erneuten Herrschaft des attischen Demos über Bündner oder untertänige Orte, mit der verschlissenen und vernutzten Demokratie, ihren Sykophanten, Demagogen und Soldtruppen zu erhalten gewesen. Es war ein Irrtum des Demosthenes, der vielleicht seinem Herzen, gewiß nicht seinem Verstande Ehre macht, wenn er glauben konnte, mit diesem schwatzhaft, unkriegerisch, banausisch gewordenen Bürgertum Athens, selbst wenn er es mit der Macht seiner Rede zu glänzenden Entschlüssen hinreißen, selbst für einen Moment zu Taten galvanisieren konnte, noch große Politik machen, noch einen langen und schweren Kampf durchführen zu können; ein noch schwererer Irrtum, wenn er glauben konnte, durch Bündnisse mit Theben, Megalopolis, Argos und welchen Staaten sonst, im Augenblick der Gefahr zusammengeklittert, der erstarkenden Macht des Königs Philipp Halt gebieten zu können, der, selbst wenn man ihm ein Treffen abgewann, mit doppelter Macht zurückgekehrt wäre, während die hellenischen Bündnisse mit der ersten Niederlage ein Ende hatten. Demosthenes mußte wissen, was es bedeutete, daß nicht er selbst der Kriegsheld war, die politischen Projekte hinauszuführen, die er empfahl, daß er sie und mit ihnen die Geschicke des Staates Feldherren wie dem eigenwilligen Chares, dem wüsten Charidemos anvertrauen mußte, die es wenigstens verstanden, mit Söldnerbanden fertig zu werden und ihnen die nötige »Zehrung« zu schaffen. Er mußte wissen, daß in Athen selbst, sowie er Einfluß gewann, sich die Reichen, die Trägen, die Selbstsüchtigen wider ihn zusammenfinden, daß, auf sie gestützt, seine persönlichen Gegner alle Schikanen und Schwerfälligkeiten der Verfassung benützen würden, seine Pläne zu kreuzen, Pläne, deren Wert von einem attischen Mann nach dem Tage von Chaironeia mit dem bitteren Worte bezeichnet worden ist: »Verloren wir nicht, so waren wir verloren.«
Zum Verständnis dessen, was dieser großen Katastrophe folgt, ist es nötig, den Verlauf des Ringens zwischen Athen und Makedonien, das so endete, in seinen wesentlichen Zügen zu verfolgen.
Demosthenes' große politische Tätigkeit begann, als Philipps Erfolge gegen die Phokier, seine Einwirkung auf die Parteiungen Euboias, sein Vordringen über Amphipolis hinaus das Emporwachsen einer Machtbildung erkennen ließ, die über alle bisherigen Voraussetzungen hellenischer Politik hinausging. Daß die Athener — zunächst mit der Besetzung der Thermopylen 352, nach Philipps ersten Erfolgen gegen die Phokier — zeigten, was sie wollten, wies ihrem Gegner seinen weiteren Weg. Noch hatten sie ihre Flotte, damit auf dem Meere eine Überlegenheit, der nur Raschheit und Entschlossenheit fehlte, um die erst werdende makedonische Flotte zu erdrücken. Athen war für Philipp der gefährlichste Feind in Hellas; er mußte vereinzelt, in raschen Zügen überholt werden.
Olynthos, an der Spitze der wieder verbündeten chalkidischen Städte, hatte vier Jahre vorher, als um Amphipolis noch gestritten wurde, sich mit Philipp gegen Athen verbündet, hatte aus seiner Hand das mit attischen Kleruchen besetzte Potidaia angenommen; auch die Olynther hielten sich klug genug, von dem, den sie schon fürchteten, Vorteil zu ziehen; jetzt nach dem ersten Erfolg Philipps über die Phokier sandten sie nach Athen, ein Bündnis anzutragen; daß sie den geflüchteten Prätendenten des makedonischen Königtums in ihren Schutz nahmen, ihn auszuliefern sich weigerten, ergriff Philipp, um den Kampf gegen sie zu beginnen. Trotz der Hilfe, die Athen sandte, wurde der chalkidische Bund besiegt, Olynth zerstört und die anderen Städte des Bundes makedonische Landstädte (348).
Zugleich hatten die Athener vergebens einen Zug nach Euboia unternommen; von den Tyrannen der einzelnen Städte hielten die meisten zu Philipp; er hatte damit eine Stellung, die Attika in der Flanke bedrohte. Er selbst wandte sich von Olynth — schon zum drittenmal — gegen den Thrakerkönig Kersobleptes, der, von Athen veranlaßt, Olynth unterstützt hatte. Schon war die makedonische Flotte imstande, auf den attischen Inseln Lemnos, Imbros und Skyros zu plündern, attische Kauffahrer aufzubringen; selbst die Paralos, eine der heiligen Trieren Athens, war am Gestade von Marathon gekapert und als Trophäe nach Makedonien abgeführt worden. Und von den Phokiern auf das härteste bedrängt, bat Theben bei Philipp um Beistand, lud ihn ein, den Paß der Thermopylen zu besetzen. Dieser schlimmsten Wendung zuvorzukommen, erbot sich Athen zum Frieden; daß Philipp die Unterhandlungen hinzog und Athen die Phokier und Kersobleptes, die Tempelräuber und den Barbaren, mit in den Frieden einzuschließen forderte, um die Thermopylen und den Hellespont zu decken, schließlich (346) auch ohne die Bedingungen den Frieden zu genehmigen bereit war, zeigte, wieviel an Gewicht Philipp gewonnen, Athen verloren hatte. Die gleichzeitige letzte Krisis des heiligen Krieges fügte eine weitere Wirkung hinzu.
Noch hielten die Phokier die Thermopylen, in Boiotien die von Theben abgefallen Städte Orchomenos und Koroneia besetzt; freilich der delphische Tempelschatz ging auf die Neige, aber sie hofften auf Athen, und der Spartanerkönig Archidamos kam ihnen mit tausend Hopliten zu Hilfe. Mit der Absicht, das delphische Heiligtum in Spartas Hand gelangen zu lassen, bewirkte Philipp die Heimkehr der Spartaner; gegen freien Abzug mit seinen 8000 Söldnern überließ der Führer der Phokier — es war in den Tagen, da der Demos von Athen jenen Frieden genehmigte — den Makedonen die Thermopylen. Philipp rückte in Boiotien ein; Orchomenos, Koronea ergaben sich; Theben war froh, diese Städte durch Philipp zurückzuerhalten. In Gemeinschaft mit den Thebanern und Thessalern berief Philipp den Rat der Amphiktyonen; Athen beschickte ihn nicht. So wurde das Urteil über die Phokier gesprochen: sie wurden aus dem heiligen Bunde ausgestoßen, ihre 22 Städte aufgelöst, deren Mauern zerstört, die mit den Söldnern Abgezogenen als Tempelräuber verflucht und vogelfrei erklärt; kaum daß die Hinrichtung aller Waffenfähigen im Lande, welche die Oitaer beantragten, abgelehnt wurde. Durch weiteren Beschluß der Amphiktyonen wurde die Stimme der Phokier auf Philipp übertragen, die Leitung der pythischen Feier, der Schutz des delphischen Heiligtums in seine Hand gelegt.
So trat er an die Spitze dieses heiligen Bundes, der durch das, was soeben geschehen war, wie zu keiner Zeit früher eine politische Bedeutung gewonnen hatte. Die nächste Anwendung davon traf Athen, das die gefaßten Beschlüsse, die an Philipp übertragene Befugnis anzuerkennen zögerte; eine amphiktyonische Gesandtschaft kam nach Athen, die ausdrückliche Zustimmung zu fordern. Wurde sie verweigert, so sprach die Versammlung den Bann über Athen aus, und Philipps Macht war zur Stelle, ihn zu vollziehen. Demosthenes selbst empfahl, einem heiligen Krieg aus dem Wege zu gehen.
Sicheren Schrittes ging Philipps Politik weiter. Schon hatte er die Hand über ein Königtum von Epiros; die Städte in dem Peloponnes führte ihm die Hoffnung auf gemeinsamen Kampf gegen Sparta zu; in Elis, Sikyon, Megara, in Arkadien, Messenien, Argos herrschten die ihm Zugewandten. Dann setzte er sich in Akarnanien fest, schloß ein Bündnis mit den Ätoliern, überwies ihnen Naupaktos, das sie sich wünschten. Von der Landseite war die Macht Athens umstellt und so gut wie gelähmt. Aber noch hatten sie das Meer; ihre Flotte sicherte ihnen mit dem Chersones den Hellespont und die Propontis. Dort mußte Philipp sie zu treffen suchen. Während er ihnen die Versicherungen seiner Freundschaft und friedlichen Gesinnungen fort und fort wiederholte, warf er sich von neuem auf Kersobleptes und die ihm verwandten kleineren Fürsten in Thrakien, unterwarf sich das Land zu beiden Seiten des Hebros, sicherte es durch eine Reihe von Städten, die er im Binnenlande gründete, und die hellenischen Städte am Pontos bis Odessos hinauf traten gern mit ihm in Bündnis. So mächtig war der Eindruck seiner Erfolge, daß der Getenkönig an der unteren Donau um seine Freundschaft bat, ihm seine Tochter zur Ehe sandte.
In demselben Maße erschreckten diese Erfolge die hellenischen Gegner Philipps. Daß die Athener die Wiedereinsetzung der thrakischen Fürsten, die ihre Bundesgenossen seien, forderten, und, um den gefährdeten Chersones zu schützen, Kleruchen dorthin sandten, daß die Stadt Kardia sich weigerte, sie aufzunehmen, und Philipps Vorschlag, die Streitfrage durch ein Schiedsgericht abzutun, von Athen abgelehnt, von den attischen Strategen die schon makedonischen Orte an der Propontis überfallen und zerstört wurden, leitete einen neuen Krieg ein.
Philipp hatte mit Byzanz, Perinth, anderen Städten, die sich im Bundesgenossenkriege von Athen freigemacht, Bündnisse geschlossen und kraft deren zum Kampf gegen die Thraker ihren Beistand gefordert; sie leisteten ihn nicht, sie fürchteten seine wachsende Macht; Athen bot ihnen Bündnis und Kriegshilfe. Schon hatte es ihm die meisten Städte Euboias entfremdet, schon mit Korinth, den Akarnanen, Megara, Achaia, Korkyra Bündnis geschlossen, mit Rhodos und Kos wieder angeknüpft; es ließ am Hofe von Susa auf die Gefahren, die dem Perserreiche die wachsende Macht Philipps drohe, hinweisen; der attische Strateg im Chersones empfing persische Subsidien, und der Eifer des attischen Demos für die Rettung der hellenischen Freiheit wuchs mit jedem Tag.