Philipp wandte sich nach dem Siege über die Thraker gegen Perinth, gegen Byzanz, den Schlüssel des Pontos; fielen diese Städte, so war die Macht Athens an der Wurzel getroffen. Auf Philipps Ultimatum antworteten die Athener mit der Erklärung, daß er den geschworenen Frieden gebrochen habe; sie sandten den Byzantinern die versprochene Flotte; von Rhodos, Kos, Chios, den Verbündeten von Byzanz, kam Hilfe; die nächstgesessenen Satrapen eilten, Perinth zu unterstützen, sandten Truppen nach Thrakien — Philipp mußte weichen.

Er zog gegen die Skythen. Für seine neue Gründung im Hebroslande war der Skythenkönig Ateas diesseits der Donaumündungen ein gefährlicher Nachbar; er schlug ihn. Dann zog er durch das Gebiet der Triballer heimwärts; auch sie, den Grenzen Makedoniens oft lästige Nachbarn, sollten seine Macht fürchten lernen. Er mußte seines Rückens sicher sein, um den entscheidenden Stoß gegen die Athener führen zu können.

Sie arbeiteten ihm in die Hand. In dem delphischen Tempel hatten sie ihre alten Weihgeschenke für die Schlacht von Platää erneut, mit der Inschrift: »Aus der Beute der zum gemeinsamen Kampf gegen die Hellenen vereinten Perser und Thebaner.« In der Versammlung der Amphiktyonen erhoben auf Anlaß Thebens die Lokrer von Amphissa darüber Beschwerde und beantragten eine schwere Geldstrafe; der attische Gesandte Aischines antwortete ihnen mit dem Vorwurf, daß sie delphisches Tempelland bebaut hätten; er erhitzte die Versammelten so, daß der Beschluß gefaßt wurde, diese Tempelräuber sofort zu züchtigen; aber die Bauern von Amphissa trieben die Amphiktyonen und die Delphier, die mit ihnen gekommen waren, zurück. Nach solchem Schimpf beschloß man eine außerordentliche Versammlung der Amphiktyonen zu berufen, die das Nötige verfügen sollte, die Frevler zu züchtigen. Gesandte Athens, Thebens kamen nicht, Sparta war seit dem Ausgang des heiligen Kriegs ausgeschlossen; die zur Versammlung Erschienenen beschlossen einen heiligen Zug gegen Amphissa, übertrugen ihn den nächstgesessenen Stämmen. Er hatte geringen Erfolg; die von Amphissa verharrten in ihrem Trotz. Die nächste Versammlung (im Herbst 339) übertrug dem König Philipp die Züchtigung der Gottesfrevler, die Hegemonie des heiligen Krieges.

Er eilte herbei, nicht bloß um die Bauern von Amphissa zu züchtigen. Athen hatte den Krieg wider ihn erneut, hatte ihn vor Byzanz und Perinth zu weichen genötigt; mit dem Zuge für den delphischen Gott konnte er seine Landmacht in die Nähe der attischen Grenzen führen, den Krieg da fortsetzen, wo den Athenern ihre Seemacht nichts half; daß sie selbst den Handel mit Amphissa eingeleitet hatten, daß sie nun gegen den, der ihn hinauszuführen kam, sich wenden mußten, enthüllte vor den Augen aller Welt ihr Unrecht und die inneren Widersprüche ihrer Politik. Er durfte auf Theben rechnen, das ihm, zumal seit dem Kriege gegen die Phokier, voll Erbitterung gegen Athen und den rettenden Waffen Makedoniens zu Dank verpflichtet, durch Bündnis verknüpft war. Mit Nikaia am Südausgang der Thermopylen, das er den Thessaliern überwiesen, stand ihm der Weg nach dem Süden offen. Er ließ einen Teil seines Heeres von Heraklea, am Nordeingang der Thermopylen, durch den Paß der Landschaft Doris, den nächsten Weg nach Amphissa, vorgehen; mit dem größeren Teil zog er über Nikaia durch den Paß, der nach Elatea in das obere phokische Tal der Kephissos hinabführt; im Spätherbst 339 stand er in Elatea, verschanzte sich dort; die offenen Grenzen Boiotiens und die Straße nach Attika lagen vor ihm, hinter ihm die Pässe, die seine Verbindung mit Thessalien und Makedonien sicherten.

Er sandte nach Theben; er bot, wenn die Stadt mit ausziehe gegen Athen, Anteil an der Siegesbeute und Gebietserweiterung, forderte, wenn sie nicht mitkämpfen wolle, wenigstens freien Durchzug. Zugleich waren attische Gesandte nach Theben gekommen; dem Eifer des Demosthenes gelang es trotz allem, was seit zwanzig Jahren nicht geschehen war, ein Bündnis zwischen Athen und Theben zustande zu bringen. Theben sandte eine Schar Söldner den Lokrern von Amphissa zu Hilfe; Athen überließ ihnen 10 000 Mann, die es geworben; beide Städte riefen die verbannten Phokier auf, in ihre Heimat zurückzukehren, halfen ihnen einige der wichtigsten Plätze des Landes neu befestigen. Aber die Makedonen drangen auf Amphissa vor, schlugen die Soldhaufen des Feindes; Amphissa wurde zerstört. Der Hauptmacht Philipps in Phokis zu begegnen, rüsteten Athen und Theben mit höchstem Eifer, riefen auch ihre Bürger unter die Waffen; das attische Heer zog nach Theben, vereinte sich mit dem boiotischen. Zwei glückliche Gefechte erhöhten ihre Zuversicht; auch Korinth, Megara, andere von den Verbündeten Athens sandten Hilfstruppen.

Aber Philipp wich nicht; er zog Verstärkungen aus Makedonien heran; mit denen, die sein Sohn Alexander nachführte, war sein Heer bei 30 000 Mann stark. Es mag in dieser Zeit gewesen sein, daß der König nach Theben sandte, Unterhandlungen anzubieten; der heftige Widerspruch des Demosthenes machte die Friedensneigung der Böotarchen wirkungslos. Wenn nur in gleichem Maße das Heer der Verbündeten — der Zahl nach war es dem makedonischen überlegen — militärisch die Initiative zu ergreifen verstanden hätte; sie standen in fester Stellung am Eingang nach Phokis, am Kephissos. Eine Bewegung Philipps nach der Linken zwang sie rückwärts zu gehen, in die boiotische Ebene. Bei Chaironeia traf sie Philipp zur Schlacht (August 338); das lange schwankende Gefecht entschied der Reiterangriff, den Alexander führte; es war der vollständigste Sieg; das Heer der Verbündeten war zersprengt und vernichtet. Das Schicksal Griechenlands lag in Philipps Hand.

Er hatte weder den Siegesübermut, noch lag es in den Wegen seiner Politik, Griechenland zu einer Provinz Makedoniens zu machen. Nur die Thebaner erfuhren für ihren Abfall die verdiente Strafe. Sie mußten die Verbannten wieder aufnehmen, aus ihnen einen neuen Rat bestellen, der über die bisherigen Führer und Verführer der Stadt Tod oder Verbannung verhängte. Der boiotische Bund wurde aufgehoben, die Gemeinden von Platää, Orchomenos, Thespiä wiederhergestellt, Oropos, das Theben zwanzig Jahre früher von Attika abgerissen, an Athen zurückgegeben, endlich auf die Kadmeia eine makedonische Besatzung gelegt, eine Position, nicht bloß Theben, sondern Attika und ganz Mittelgriechenland in Ruhe zu halten.

Mit so viel Strenge Theben, mit ebenso viel Nachsicht wurde Athen behandelt. In der ersten Aufregung nach der Niederlage hatte man dort sich zu einem Kampf auf Leben und Tod angeschickt; man hatte Charidemos an die Spitze des Heeres stellen, man hatte die Sklaven bewaffnen wollen — das Schicksal Thebens und die Erbietungen des Königs kühlten den Eifer ab; man nahm den Frieden an, wie ihn der König durch einen Gefangenen, den Redner Demades, anbieten ließ: die Athener erhielten alle Gefangenen ohne Lösegeld zurück, sie behielten Delos, Samos, Imbros, Lemnos, Skyros, sie kamen wieder in den Besitz von Oropos; es wurde — vielleicht nur der Form nach — ihrem Belieben freigestellt, ob sie dem gemeinen Frieden des Königs mit den Hellenen und dem Bundesrate, den er mit denselben errichten werde, beitreten wollten. Der attische Demos beschloß Ehren aller Art für den König, gab ihm, seinem Sohn Alexander, seinen Feldherren Antipatros und Parmenion das Bürgerrecht, errichtete ihm als einem »Wohltäter der Stadt« ein Standbild auf der Agora; anderes mehr.

Es war doch nicht die Furcht allein, auf die der König sein Werk in Hellas zu gründen gedachte; und die makedonische Partei, auf die er rechnete oder die sich neu bildete, bestand doch nicht bloß aus Verrätern und Bestochenen, wie es Demosthenes darstellt. Es ist bedeutsam, daß Demaratos von Korinth einer der treuesten Anhänger des Königs war, Timoleons Freund und Kampfgenosse in der Befreiung Siziliens, wenn einer erfüllt von dem großen Gedanken des nationalen Kampfes gegen die Perser. Auch andere mögen sich zu der Ansicht bekannt haben, die Aristoteles mit den Worten ausgesprochen hat: daß das Königtum seiner Natur nach allein imstande sei, über den Parteien zu stehen, welche das griechische Staatsleben zerrütteten, allein das Staatswesen der rechten Mitte schaffen könne; »denn die Aufgabe des Königs ist, Wächter zu sein, daß die Besitzenden nicht in ihrem Eigentum geschädigt, der Demos nicht mit Willkür und Übermut behandelt werde.« Die so oft versuchte Tyrannis hat dies Werk nicht vollbringen können, »denn sie steht nicht, wie das altgegründete Königtum, auf eigenem Recht, sondern auf der Gunst des Demos oder auf Gewalt und Unrecht«.

Verfuhr nun Philipp in solchem Sinn?