So die Grundzüge dieser Machtbildung, die aus dem eigensten Wesen des Perservolkes, seiner altgewohnten schlichten Anhänglichkeit an das Stammhaupt, dem stolzen Zuge der Legitimität in der alten Geschlechtsverfassung hervorgegangen ist. Diese grandiose Organisation despotischer Macht war darauf gestellt, daß die persönliche Würdigkeit und Kraft des einen, der sie innehatte, sich in jedem Nachfolger erneute, daß der Hof und der Harem in seiner Nähe, die Satrapen und Kriegsobristen in der Ferne nicht aufhörten, von ihm bestimmt und beherrscht zu werden, daß das herrschende Volk sich selbst, seiner alten Strenge und Rauheit und der fraglosen Hingebung an den Gott-König getreu blieb.
Unter Dareios hat die persische Macht die höchste Blüte erlebt, deren sie fähig war; auch die unterworfenen Völker segneten sein Regiment; selbst in den griechischen Städten fanden sich überall angesehene Männer, die für den Preis der Tyrannis gern sich und ihre Mitbürger unter das persische Joch beugten; die moralische Achtung der edlen Perser vor den klugen Hellenen wird darum nicht größer geworden sein. Nach Dareios, nach den Niederlagen von Salamis und Mykale begannen sich Anfänge der Stockung und des Sinkens zu zeigen, dem das Reich, einer inneren Entwicklung unfähig, verfallen mußte, wenn es aufhörte, siegend und erobernd zu wachsen. Schon mit dem Ausgang des Xerxes wurde die Erschlaffung der despotischen Kraft und der Einfluß des Hofes und Harems fühlbar; die Eroberungen an der thrakischen Küste, der Hellespont und der Bosporus, die hellenischen Inseln und Städte an der Küste Kleinasiens waren verloren; bald versuchten einzelne der unterworfenen Völker sich frei zu machen, schon fand die Empörung Ägyptens und die Herstellung der altheimischen Dynastie von Hellas her Unterstützung. Je glücklicher dagegen die Satrapen der vorderen Lande ankämpften und je mehr sie den persönlichen Willen und die Kraft ihres Herren nachlassen sahen, desto dreister wurden sie, im eigenen Interesse zu verfahren, nach selbständiger und erblicher Herrschaft in ihren Satrapien zu trachten. Aber noch war der festgefugte Bau des Reiches stark genug und in dem Adel und Volk Persiens die gewohnte Zucht und Treue lebendig genug, um die da und dort ausbrechenden Schäden zu überwinden.
Ernster wurde die Gefahr, als mit dem Ausgang Dareios' II. (424 bis 404) dessen jüngerer Sohn Kyros sich zum Aufstande gegen den älteren, Artaxerxes II., der die Tiara bereits empfangen hatte, erhob. Kyros, nicht vor der Thronbesteigung des Vaters geboren wie der Bruder, sondern als der Vater schon König war, glaubte sich in demselben besseren Recht, kraft dessen einst Xerxes dem Dareios gefolgt war; noch der Vater hatte ihn, den Liebling der Mutter Parysatis, als »Karanos« nach Kleinasien gesandt, als »Herrn«, wie es scheint, ihm die Satrapien Kappadokien, Phrygien und Lydien gegeben; hatten die bisherigen Satrapen an der Seeküste, Tissaphernes und Pharnabazos, in dem schweren Kampf zwischen Athen und Sparta miteinander rivalisierend, bald die eine, bald die andere Macht begünstigt, so trat Kyros in der nach dem Interesse des Reiches gewiß richtigen Politik rasch und entschieden auf die Seite Spartas. Selbst nach dem Zeugnis der Griechen war dieser junge Fürst voll Geist und Energie, von militärischem Talent, in der strengen Art seines Volkes; dem Spartaner Lysandros konnte er den Park zeigen, den er meist mit eigener Hand geschaffen habe; und als dieser ungläubig auf seine goldene Kette und seine glänzende Kleidung sah, schwur Kyros bei Mithras: daß er des Tages nicht eher Speise zu sich nehme, als bis er in Landarbeit oder kriegerischer Übung seine Pflicht getan. Die militärische Kunst und Tüchtigkeit der Hellenen hatte er kennen und würdigen gelernt; daß zumeist durch seine Unterstützung Lysandros der Athener Meister geworden, mit dem Falle Athens die Seemacht, welche bisher dem Reiche schweren Abbruch getan, zu Ende war und Sparta ausdrücklich die Rückkehr der asiatischen Griechenstädte unter die persische Herrschaft zugesagt hatte, mochte es ihm unbedenklich erscheinen lassen, als Kern des Heeres, mit dem er das ihm gebührende Reich in Besitz zu nehmen gedachte, 13 000 griechische Söldner, ein buntes Gemisch aus allen griechischen Staaten, zu werben, denen dann noch Sparta 700 Hopliten nach Issos nachsandte. Tissaphernes, der Satrap Ioniens, der persönliche Feind des Kyros, hatte rechtzeitig Warnungen nach Susa gesandt; mit dem Aufgebot des Reichs rückte Artaxerxes gegen den Empörer aus; am Eingang Babyloniens, bei Kunaxa, traf er ihn zur Schlacht. Nach dem Siege der Griechen auf ihrem Flügel, stürmte Kyros mit 600 Reitern auf die 6000 Reiter, die den König umgaben, durchbrach sie, drang auf den König selbst ein, verwundete ihn, erlag dann unter den Streichen des Königs und seiner Getreuen. Des Königs Wunde heilte sein Arzt, der Grieche Ktesias. Auch des Kyros Harem fiel in des Königs Hand, unter den Gefangenen zwei Griechinnen, die von ihren Eltern dem Prinzen nach Sardes gebracht waren; die eine von ihnen, eine Milesierin, flüchtete sich glücklich in das Lager der Hellenen, die andere, die schöne und hochgebildete Milto von Phokaia, die in des Großkönigs Harem überging, hat dann dort, wie die Griechen erzählen, lange eine bedeutende Rolle gespielt.
Äußerlich war die Macht des Großkönigs mit dem Tage von Kunaxa hergestellt. Aber es war ein Zeugnis tiefer Zerrüttung, daß unmittelbar vor der Schlacht viele Edle aus dem Reichsheer zu dem Empörer übergegangen waren; es war ein bedenklicheres Symptom, daß dies Häuflein Griechen auf dem Schlachtfelde die Massen des Reichsheeres durchbrochen und geschlagen, und dann mitten durch das Reich in geschlossenen Reihen marschierend die Küste des Pontos erreicht hatte. War denn die Organisation des Reiches nichts, daß ein feindliches Heer so ungestraft drei, vier Satrapien durchziehen, deren Grenzfesten mißachten konnte? Nimmermehr hätte der Empörer die Pässe des Taurus überschreiten können, wenn der Satrap Kilikiens, aus dem altheimischen Stamm der Syennesis, wenn die persische Flotte, die unter dem Ägypter Tamos stand, ihre Schuldigkeit getan hätten. Vor allem, daß Kyros, mit zu großer Macht in den vorderen Satrapien, die rings von den Küsten her mit griechischem Wesen durchzogen waren, griechisches Kriegsvolk in Masse hatte an sich ziehen können, zeigte, daß man mit jenen Satrapien behutsamer und strenger als bisher verfahren müsse. Nicht das Satrapensystem war fehlerhaft; es war der Fehler der zentralen Stelle, daß die Karanen und Satrapen sich hatten gewöhnen können, Politik auf eigene Hand zu machen, wie Territorialherren zu regimentieren, in den Stadttyrannen, Steuerpächtern, dotierten Günstlingen sich persönlichen Anhang zu schaffen, welcher Macht genug gab, nach oben zu trotzen und nach unten zu drücken.
Vielleicht war es nicht erst in diesem Zusammenhange, daß die Zahl der Satrapien Kleinasiens — nach der Einrichtung des Dareios I. nur vier — gemehrt, daß namentlich die große Satrapie Phrygien, welche von der Propontis bis zum Taurus und den armenischen Gebirgen das ganze innere Hochland umfaßte, in drei Satrapien — Phrygien am Hellespont, Großphrygien und Kappadokien — zerschlagen, von der Satrapie Ionien das ganze Karien und die Südküste bis Kilikien abgelöst, daß endlich Kilikien fortan ohne Satrapen gelassen und, so scheint es, unmittelbares Reichsland wurde.
Schon waren die Spartaner unter Agesilaos' Führung in den vorderen Landen, den Kampf gegen das Reich zu wagen. Daß Tissaphernes, der in sein früheres Amt zurückgekehrt war, nicht energischer verfuhr, nicht mehr erreichte, gab der Königinmutter die Handhabe, den Tod ihres Lieblings an dem Verhaßten zu rächen; ihm ward ein Nachfolger gesandt mit dem Befehl ihn zu ermorden.
Von sehr ernster Bedeutung war, daß zugleich Ägypten in Waffen stand. Noch bei Kunaxa hatte auch ägyptisches Kriegsvolk in dem Heere des Großkönigs gekämpft; aber man wußte in dem Griechenheere bereits, daß Ägypten abgefallen sei; jener Tamos flüchtete mit der Flotte nach Ägypten, und Sparta trat mit Memphis in Verbindung, empfing von dort Subsidien und die Zusage weiterer Hilfe. Nur zu leicht konnten auch die phönizischen Städte, auch Cypern, wo der König Euagoras das griechische Wesen eifrig förderte, dem Beispiel Ägyptens folgen; die ganze maritime Macht Persiens stand auf dem Spiel, während die griechische Landmacht die Satrapien Kleinasiens bedrängte; dem Reich wiederholte sich die Gefahr der perikleischen Zeit in gesteigertem Maße. Wie ihr wehren?
Den rechten Weg wies der Athener Konon, der nach der letzten Niederlage der attischen Macht Zuflucht am Hofe des Euagoras gefunden hatte. Auf seinen Rat erhielt der Satrap von Phrygien am Hellespont Befehl, eine Flotte zusammenzubringen und den Staaten in Hellas mit persischem Golde den Kampf gegen Sparta möglich zu machen. Mit Konons Sieg bei Knidos, mit der Schilderhebung von Theben, Korinth, Athen, mit des Pharnabazos Seezuge bis zur lakonischen Küste und seinem Erscheinen in der Versammlung der Verbündeten zu Korinth war Agesilaos zu schleuniger Heimkehr gezwungen. Bald hart bedrängt, suchte Sparta des Großkönigs Gunst und Bündnis; es sandte Antalkidas, jenen Frieden zu schließen, in dem Sparta dem Reiche die Griechenstädte Asiens und Cypern obendrein preisgab. Nicht mehr militärisch, aber diplomatisch war damit Persien der Griechen Meister; bald den Spartanern, bald den Athenern, bald den Thebanern seine Gunst zuwendend, hielt der Hof von Susa die noch streitbaren Staaten Griechenlands in Atem; er ließ sie sich selbst zerfleischen.
Nur daß mit diesem Ringen in Hellas auch die Empörer des Großkönigs, Cypern, Ägypten, die syrische Küste, Gelegenheit fanden, sich dorther Beistand zu gewinnen, und die Satrapen Kleinasiens schon nicht mehr bloß nach der Weisung der Hofburg sich zu dem Wirrsal in Hellas verhielten. Des zu gütigen Artaxerxes Hand war nicht fest genug, die Zügel anzuziehen. Trotz zehnjährigen Kampfes erlangte er von dem cyprischen Könige nichts, als daß er sich zur Zahlung des Tributes wie ehedem verstand. Ägyptens wurde er trotz des hellenischen Söldnerheeres, das er sandte, trotz des Iphikrates, der es führte, nicht mehr Herr. Die empörten Kadusier in den Gebirgen der kaspischen Pässe vermochte er mit aller Anstrengung nicht wieder zu unterwerfen. Die Bergvölker zwischen Susa, Ekbatana und Persepolis hatten sich der Botmäßigkeit entzogen; sie forderten und erhielten, wenn der Großkönig mit seinem Hofe durch ihr Gebiet zog, Tribut für den Durchzug. Schon empörten sich einige der Satrapen Kleinasiens, Ariobarzanes in Phrygien am Hellespont, Autophradates in Lydien, Mausollos, Orontes; nur der Verrat des Orontes, den sie zum Führer gewählt hatten, rettete dem Großkönige die Halbinsel.
Noch trauriger zeigen die Überlieferungen, freilich die griechischen, des alternden Artaxerxes Schwäche im Bereich seines Hofes; er erscheint da wie ein Spielball in den Händen seiner Mutter, seines Harems, seiner Eunuchen. Sein Sohn Dareios, den er, ein Neunziger, zum Nachfolger ernannt mit dem Recht, schon jetzt die Tiara zu tragen, soll wegen einer Gunst, die ihm von dem Vater versagt worden, eine Verschwörung gegen dessen Leben angezettelt und dann auf des Vaters Befehl, dem sie verraten worden, mit dem Tode gebüßt haben. Zum Thron der nächste war nun Ariaspes, nach ihm Arsames; aber ein dritter Sohn Ochos, so wird erzählt, trieb den ersten mit falschen Gerüchten von des Vaters Ungnade zum Selbstmord, ließ den zweiten durch gedungene Mörder beseitigen. Gleich darauf starb Artaxerxes II. Ochos folgte ihm.