Das Perserreich stand so gewaltig da wie in seinen besten Tagen; und daß es gelernt hatte, mit griechischen Feldherren, griechischen Söldnern seine Kriege zu führen, schien ihm eine neue Überlegenheit zu sichern, solange die Griechenwelt blieb, wie sie war, voll vagabunder Kräfte, in zahllose Autonomien zerrissen, in jeder Stadt immer wechselnde Parteiherrschaft. Der Großkönig hatte das ganze Reich seiner Vorfahren wieder, bis auf das, was Dareios und Xerxes jenseits des Hellespontes dem Reich einverleibt hatten, Thrakien, Makedonien, Thessalien. In seinem Chiliarchen Bagoas, in dem Rhodier Mentor besaß er zwei treffliche Werkzeuge zu weiterem Wirken; miteinander in geschworener Gemeinschaft, dienten sie dem Herrn, lenkten sie ihn, Bagoas allmächtig am Hofe und in den oberen Satrapien, Mentor mit der Küste Kleinasiens betraut, zugleich, wie erscheint, als Karanos, wie einst Kyros, an der Spitze der Kriegsmacht Kleinasiens.
Auf Mentors Antrag gewährte der Großkönig die Begnadigung des Artabazos, des Memnon und ihrer Familien, die am makedonischen Hofe Zuflucht gefunden hatten; sie kehrten zurück. Aus dieser Zeit Mentors ist ein Zug überliefert, der bedeutsame Zusammenhänge erschließt. Ein Bithynier, Eubulos, seines Zeichens ein Wechsler, hatte, wohl auf dem Wege der Tributpachtung, die Stadt Atarneus, das feste Assos, die reiche Küste gegenüber Lesbos an sich gebracht, sie seinem getreuen Hermeias vererbt, einem dreimal entlaufenen Sklaven, wie man in dem klatschsüchtigen Athen sagte; man kannte ihn dort als Schüler Platons, als Freund des Aristoteles; nach Platons Tod folgte Aristoteles seiner Einladung nach Atarneus (348/47) zu längerem Aufenthalt. Gegen diesen reichen »Tyrannen« wandte sich Mentor, lud ihn, um ihm die Wege zur Gnade des Großkönigs zu zeigen, zu einer Zusammenkunft ein, ließ ihn dann greifen, schickte ihn nach Susa, wo er ans Kreuz geschlagen wurde; er selbst bemächtigte sich seiner Schätze, seines Gebietes. Nur seine Nichte und Adoptivtochter rettete sich, flüchtete zu Aristoteles; er nahm das verarmte, »aber sittsame und wackere Mädchen« zur Frau.
Es war in der Zeit, da Philipp gegen die Thraker zog, Byzanz, Perinth bedroht schienen. Demosthenes empfahl damals den Athenern, Gesandte an den Großkönig zu schicken, ihm den Zweck der makedonischen Rüstungen darzulegen; es sei ja einer der mächtigsten Freunde Philipps und Mitwisser aller seiner Pläne bereits aufgegriffen und in des Königs Hand. Den Perinthern sandte Arsites, der Satrap Phrygiens am Hellespont, Geld, Proviant, Waffen, Soldtruppen unter dem Athener Apollodoros. Aber auf die Bitte der attischen Gesandtschaft um persische Subsidien antwortete der Großkönig in einem »sehr stolzen und barbarischen Schreiben«. Mochte er die Athener nur verachten oder auch ihnen Verderben sinnen, die Dinge in Hellas rollten rasch weiter, vollendeten sich in derselben Zeit, da ihn ein jähes Ende traf.
Seit der glorreichen Rückkehr aus Ägypten saß er in seiner Hofburg, in zügelloser Willkür und Grausamkeit herrschend. Alle fürchteten und haßten ihn; der einzige, dem er Vertrauen schenkte, mißbrauchte es. Sein Vertrauter Bagoas war ein Ägypter; dem Glauben und Aberglauben seines Vaterlandes, zu dessen Untergang er selbst geholfen, ganz ergeben, hatte er die Schändung der vaterländischen Heiligtümer und die Ermordung des heiligen Apis nicht vergessen; je mehr im Reich und am Hofe die Erbitterung gegen den Großkönig wuchs, desto kühner wurden die Pläne seines tückischen Günstlings. Der Eunuch gewann den Arzt des Königs, ein Gifttrank machte dem Leben des Verhaßten ein Ende; das Reich war in des Eunuchen Hand; um desto sicherer seine Stelle zu behaupten, ließ er des Königs jüngsten Sohn Arses zum König weihen, die Brüder desselben ermorden; nur einer, Bisthanes, rettete sich. Das geschah etwa zu der Zeit der Schlacht von Chaironeia.
Bald empfand Arses den frechen Stolz des Eunuchen; er vergaß ihm nicht den Mord seines Vaters und seiner Brüder. Bagoas eilte ihm zuvorzukommen; nach kaum zweijähriger Regierung ließ er den König mit seinen Kindern ermorden; zum zweiten Male war die Tiara in seinen Händen. Aber das königliche Haus war verödet; durch Ochos' Hand waren Artaxerxes' II. Söhne, durch Bagoas Ochos' Söhne und Enkel ermordet bis auf jenen Bisthanes, der sich durch die Flucht gerettet hatte. Noch lebte ein Sohn jenes Dareios, dem sein Vater Artaxerxes II. die Tiara gewährt, die erbetene Gunst versagt hatte, des Namens Arbupalos; aber die Augen der Perser wandten sich auf Kodomannos, der einer Seitenlinie des Achämenidenhauses angehörte; er war der Sohn des Arsames, des Brudersohnes von Artaxerxes II., und der Sisygambis, einer Tochter desselben Artaxerxes; in dem Kriege, den Ochos gegen die Kadusier geführt, hatte er die Herausforderung ihres riesigen Anführers, da kein anderer sich zu stellen wagte, angenommen und ihn bewältigt; damals war ihm von den Persern der Preis der Tapferkeit zuerkannt, sein Name von alt und jung gefeiert worden, der König Ochos hatte ihn mit Geschenken und Lobpreisungen überhäuft, ihm die Satrapie Armenien gegeben. Mochte Bagoas jener Stimmung der Perser nachgegeben, oder sich mit der Hoffnung geschmeichelt haben, daß Kodomannos für die Tiara, die er durch ihn erlangt, ihm ergeben bleiben werde; früh genug sollte er erkennen, wie sehr er sich getäuscht hatte. Der König — Dareios nannte er sich — haßte den Mörder und verachtete seinen Rat; Bagoas beschloß, ihn aus dem Wege zu räumen, er mischte ihm Gift in den Becher; Dareios war gewarnt; er rief den Eunuchen und hieß ihn, als wäre es ein Zeichen seiner Gunst, den Becher trinken. So fand Bagoas eine späte Strafe.
Die Zügel der Herrschaft waren in der Hand eines Königs, wie ihn Persien lange nicht gehabt hatte; schön und ernst, wie der Asiate sich gern seinen Herrscher denkt, allen huldreich und von allen verehrt, an allen Tugenden seiner großen Ahnen reich, und frei von den scheußlichen Lastern, die das Leben des Ochos geschändet und zum Verderben des Reichs gemacht hatten, schien Dareios berufen, das Reich, das er ohne Schuld und Blut erworben, von den Schäden zu heilen, an denen es krankte. Keine Empörung störte den Beginn seiner Herrschaft; Ägypten war dem Reiche wiedergegeben, Baktrien, Syrien dem Könige treu und gehorsam; von den Küsten Ioniens bis an den Indus schien Asien so sicher, wie seit lange nicht, geeint unter dem edlen Dareios. Und dieser König sollte der letzte Enkel des Kyros sein, der über Asien herrschte, gleich als ob ein unschuldiges Haupt büßen müsse, was nicht mehr zu heilen war.
Schon stieg im fernen Westen das Wetter, das Persien vernichten sollte, empor. Schon hatten die seeländischen Satrapen Botschaft gesandt, daß der makedonische König mit den Staaten von Hellas Frieden und Bündnis geschlossen habe, daß er sein Heer rüste, um mit dem nächsten Frühling in die Provinzen Kleinasiens einzubrechen. Dareios wünschte auf jede Weise diesen Krieg zu vermeiden; er mochte ahnen, wie sein ungeheures Reich, in sich zerrüttet und abgestorben, nur eines äußeren Anstoßes bedürfe, um zusammenzubrechen. So zögernd, versäumte er die letzte Frist, dem Angriff, den er fürchtete, zuvorzukommen.
In derselben Zeit, da er das Königtum übernahm, sandte König Philipp die ersten Truppen unter Parmenions und Attalos' Befehl über den Hellespont, sich in den griechischen Städten der nächsten Satrapien festzusetzen. Schon war an die Genossen des hellenischen Bundes die Weisung erlassen, ihre Kontingente nach Makedonien, ihre Trieren zur makedonischen Flotte zu senden. Er selbst gedachte demnächst aufzubrechen, um an der Spitze der makedonisch-hellenischen Macht das Werk zu beginnen, für das er bisher gearbeitet hatte.