Endlich die leichten Truppen zu Fuß und zu Pferd. Sie kommen teils aus dem oberen Makedonien, teils aus den Ländern der Thraker, Paionen, Agrianer, je nach der Art ihres Landes mit Schutz- und Trutzwaffen gerüstet, durch das in ihrer Heimat übliche Jagen und Wegelagern und die unzähligen kleinen Kriege ihrer Häuptlinge geübt, waren sie zum fliegenden Gefecht, zur Deckung des Marsches, zu alledem, wozu man im beginnenden achtzehnten Jahrhundert die Panduren, Husaren, Ulanen, Tataren verwenden lernte, geeignet.
Unter dem leichten Fußvolk der Zahl nach am bedeutendsten sind die Thraker, die Sitalkes, wohl aus dem thrakischen Fürstenhause, führt. Daß sie mehrere Taxen bilden, läßt auf ihre Zahl schließen; sie werden als Akontisten, als Speerwerfer bezeichnet; sie scheinen den kleinen Schild geführt zu haben, wie ja die Waffe der Peltasten den Thrakern nachgeahmt worden ist. Dann die Agrianer, auch sie sind Akontisten, sie stehen unter Führung des Attalos, der vielleicht ein Sohn des Fürsten Langaros war. Endlich die Bogenschützen, teils Makedonen, teils geworbene, wohl meist aus Kreta; fast kein Gefecht, in dem sie und die Agrianer nicht voran sind; in einem Jahre ist dreimal die Stelle des Toxarchen neu besetzt worden; bei Eröffnung des Krieges führte sie Klearchos.
Daneben die leichte Reiterei, teils makedonische, teils Paionen, Odryser, Völkerstämme, deren Tüchtigkeit im Reiterdienst seit alten Zeiten berühmt gewesen ist; ihre Zahl ist nicht festzustellen. Die Paionen führte Ariston, die odrysischen Thraker Agathon, des Tyrimmas Sohn, beide wohl aus fürstlichem Stamm. Sie und das makedonische Korps der Sarissophoren unter des Lynkestiers Amyntas Führung werden unter dem Namen der Prodromen, der Plänkler, befaßt.
Mit diesen leichten Truppen kam in Alexanders Heer ein Element zur Geltung, das in der hellenischen Kriegskunst bisher nicht in seinem vollen Wert anerkannt worden war. Die leichten Truppen in den griechischen Heeren vor ihm hatten weder durch ihre Anzahl, noch durch ihre Anwendung große Bedeutung erlangen, auch einer gewissen Geringschätzung nicht frei werden können, da sie teils aus dem niederen Volke, teils barbarische Söldner waren, deren Stärke in jener Kunst heimlicher Überfälle, lärmender Angriffe, scheinbar verwirrter Rückzüge bestand, die den hellenischen Kriegsleuten zweideutig und widerwärtig erschien. Der berühmte spartanische Feldherr Brasidas selbst gestand, daß der Angriff dieser Völkerschaften mit ihrem wildschallenden Kriegsgeschrei und dem drohenden Schwenken ihrer Waffen etwas Schreckendes, ihr willkürliches Überspringen aus Angriff in Flucht, aus Unordnung in Verfolgung etwas Furchtbares habe, davor nur die strenge Ordnung eines hellenischen Kriegshaufens zu sichern vermöge. Jetzt traten diese leichten Völker als wesentliche Bestandteile des makedonischen Heeres auf, um in dessen Aktion nach der Eigentümlichkeit ihrer nationalen Kampfweise verwertet zu werden, zugleich ihrerseits durch die feste Disziplin, die in dieser Armee herrschte, gehalten und in ihrem Wert gesteigert.
Über die Marschordnung und Lagerordnung der Armee fehlt es an nennenswerten Nachrichten. Für größere Aktionen wiederholt sich im wesentlichen dasselbe Schema der Aufstellung, das, um in der weiteren Darstellung Wiederholungen zu vermeiden, hier in seinen charakteristischen Punkten bezeichnet werden mag. Die Mitte bildet das schwere Fußvolk in der regelmäßig wechselnden Folge der sechs Phalangen, jede unter ihrem Strategen. An die Phalangen schließen sich rechts die Taxeis der Hypaspisten, an diese die acht Geschwader der makedonischen Ritterschaft in ihrer regelmäßig wechselnden Folge; die leichten Truppen des rechten Flügels, die Ilen der Sarissophoren und die der Päonen sowie die Agrianer und Bogenschützen, werden nach den Umständen als Plänkler, zur einleitenden Attacke, als Flankendeckung für die Spitze des Flügels usw. verwandt. Dem linken Flügel der Phalanx schließen sich zunächst, wenn sie nicht anderweitig, z. B. zur Deckung des Lagers, verwandt werden, die Thraker des Sitalkes an, als Peltasten den Hypaspisten des rechten Flügels entsprechend; dann die hellenischen Kontingente zu Pferd, darauf die thessalische Ritterschaft, endlich die leichten Truppen dieses Flügels, die odrysischen Reiter des Agathon, in den nächstfolgenden Kriegsjahren auch eine zweite Abteilung Bogenschützen. Die Schlachtlinie hat zwischen der dritten und vierten Phalanx ihre Mitte, von dort aus rechnet man die beiden »Flügel«, von denen der rechte, in der Regel zum Angriff bestimmte, unter des Königs Führung, der linke unter der Parmenions steht.
In zwei Momenten tritt die Eigentümlichkeit der Armee Alexanders am stärksten hervor.
In den griechischen Heeren war die Zahl der Reiter immer gering gewesen; in den Schlachten des Epaminondas steigt das Verhältnis derselben zum Fußvolk auf 1:10. In dem Heere Alexanders ist es fast doppelt so stark 1:6. Schon bei Chaironeia hatte Alexander an der Spitze der Reitermasse des linken Flügels die fast verlorene Schlacht glänzend entschieden. Für den Kampf gegen die Heere des Großkönigs, die in den Reitervölkern Asiens ihre Stärke hatten, verstärkte er eben diese Waffe, der er die eigentlich offensive Rolle bestimmte; es galt den Feind in seiner Stärke zu treffen.
Es verdient beachtet zu werden, daß den Griechen und Makedonen der Steigbügel und das Hufeisen unbekannt waren; gewiß auch den Reitervölkern Asiens, die sonst ohne weiteres überlegen gewesen sein würden. Bei den ungeheuren Strapazen, den langen Märschen in Winterszeit auf dem Glatteis der Gebirgswege, die Alexander in den späteren Feldzügen den Pferden seiner Kavallerie zumutete, muß man sich der fehlenden Hufeisen erinnern. Nicht minder eine Steigerung der Strapazen für die Reiter war es, daß sie ohne Sattel und Steigbügel, mit bloß festgeschnallten Decken ritten; für das Gefecht war der Reiter durch den Mangel des Steigbügels auf eine Weise gehindert, die wir uns schwer vorstellen können; indem er nicht in seinem Steigbügel stehend, sondern durchaus nur sitzend den Stoß oder Hieb führen konnte, hatte er sozusagen nur die Kraft der oberen Hälfte des Körpers zur Verfügung, und es mußte um so mehr auf die Vehemenz der geschlossenen, den Feind durchbrechenden Masse gerechnet werden. Es scheint, daß die Ausbildung des Reiters besonders darauf gerichtet sein mußte, ihn zu freiester Bewegung auf seinem Pferde zu gewöhnen, wie sich vielleicht etwas derart noch auf Bildwerken aus dieser Zeit wiedererkennen läßt.
Noch schärfer ist diese Armee dadurch charakterisiert, daß sie nicht bloß Offiziere, sondern einen wirklichen Offizierstand hatte. Wie in späteren Jahrhunderten das von Gustav Adolf gegründete Gymnasium illustre des Ritterhauses eine rechte »Akademie ritterlicher Übungen«, so war die »Somatophylakia«, das Korps der »königlichen Knaben«, militärisch und wissenschaftlich die Vorschule der jungen makedonischen Edelleute; aus dieser gingen die »Hetairen« der Ritterschaft, die Offiziere der Hypaspisten, der Pezetairen, der Sarissophoren usw. hervor, um zu den höheren Stufen emporzusteigen, wie solches Avancement noch in mehrfachen Beispielen erkennbar ist. Als höchste Rangstufe, oder doch zunächst um den König, die sieben Somatophylakes und, wie es scheint, die im engeren Sinne Hetairen Genannten, die einen wie die anderen zu Rat und Dienst und vorübergehenden Kommandos stets zu des Königs Verfügung. Dann als höchster Offizier nach dem Könige der alte Parmenion wie daheim Antipatros, ob mit besonderem Titel, muß dahingestellt bleiben. Dann — man weiß nicht in welcher Reihenfolge — die Hipparchen der verschiedenen Reiterkorps, die Strategen der Phalangen, der Hypaspisten, der hellenischen Bundesgenossen, der Söldner; darauf wohl die Ilarchen der Kavallerie, die Chiliarchen der Hypaspisten, die Taxiarchen der Pezetairen usw. Wenn gelegentlich auch die »Hegemonen« der Bundesgenossen, der Söldner zum Kriegsrat berufen werden, so scheinen damit Kommandierende wie Sitalkes, der die thrakischen Akontisten, Attalos, der die Agrianer, Agathon und Ariston, die die odrysischen und päonischen Reiter führten, gemeint zu sein, vielleicht auch die Führer der hellenischen Kontingente, der Lochen hellenischer Söldner. Eine Menge technischer Fragen, die sich hier noch aufdrängen, sind nach dem vorhandenen Material nicht mehr zu beantworten; aber man tut wohl, sich der Lücken zu erinnern, die damit in unserer Kenntnis bleiben. Daß das Heer Feldgeschütz mit sich führte, zeigt das Gefecht bei Pelion. Nicht bloß die Bespannung für diese, für die Bagage- und Proviantwagen mehrte die Masse der Pferde, für die gesorgt werden mußte; nach einer Bestimmung des Königs Philipp durfte jeder Reiter nur einen Knecht mit sich führen; aber doch einen, der natürlich gleichfalls beritten war. Wenn, wie noch heute, für das Pferd täglich vier Metzen Hafer oder Gerste gerechnet und — wie bei dem Marsche nach Asien hinein doppelt notwendig war — Fourage auf drei Tage mitgenommen wurde, so konnte das zweite Pferd nicht wohl zu dem Reitknecht noch Massen Heu und 24 Metzen Hartkorn tragen, sondern es war ein Handpferd (Saumtier) nötig, das zugleich das Gepäck des Hetären trug. Gewiß galt dies bei der thessalischen Ritterschaft wie bei der makedonischen; beide zusammen auf 3000 Kombattanten gerechnet, gibt schon 9000 Pferde; wie es mit den hellenischen Reitern, mit den Sarissophoren und Paionen gehalten wurde, wissen wir nicht. Nach einer zweiten Anordnung Philipps war auf je zehn Phalangiten ein Lastträger bewilligt; wahrscheinlich bei den Bündnern und Söldnern ebenso. — Natürlich mußte im Hauptquartier des Königs eine Kanzlei, eine Intendantur, eine Kassenverwaltung sein usw. Gelegentlich erfährt man, daß Harpalos, einer der 337 verbannten Freunde Alexanders, der zum Kriegsdienst körperlich untauglich war, die Kasse des Königs zu verwalten erhielt, daß ein anderer dieses Kreises, der Mytilenäer Laomedon, weil er der Sprache der Barbaren kundig war, zur Obhut über die gefangenen Barbaren bestellt wurde. Und im Verlauf des Feldzugs im baktrischen Lande wird ein Vorgang erwähnt, der auf die Organisation des Lazarettwesens ein Streiflicht fallen läßt.
So das Heer Alexanders. Sein Vater hatte es organisiert, in scharfer Disziplin und zahlreichen Feldzügen tüchtig gemacht, in der festen Verbindung der thessalischen mit der makedonischen Ritterschaft eine Kavallerie geschaffen, wie sie die hellenische Welt noch nicht gesehen. Aber bis zur vollen Wirkung seiner militärischen Überlegenheit, bis zur freien und vollen Handhabung, man möchte sagen bis zum Verständnis seiner eigenen Kraft hatte Philipp sich nicht erhoben; bei Chaironeia, wo er die makedonischen Reiter des rechten Flügels führte, durchbrach er die andrängende Linie des Feindes nicht, er ließ selbst die Phalanx, wenn auch in Ordnung, zurückgehen; daß Alexander auf die heftig nachdrängende Linie des Feindes mit der thessalischen Ritterschaft des linken Flügels einbrach, entschied den Erfolg des Tages. Schon da, noch mehr in den Kämpfen des Jahres 335, hatte Alexander gezeigt, daß er kühner, plötzlicher, immer entscheidend die unwiderstehliche Offensivkraft dieses Heeres zu verwenden verstand, nicht minder, daß er zugleich der Feldherr und der erste Soldat seines Heeres und im vollsten Sinn des Wortes dessen Vorkämpfer war. Wenn irgend etwas, so war die Art, wie er sich persönlich einsetzte und immer an der Spitze des entscheidenden Stoßes auf den Feind stürzte, dazu angetan, den Wetteifer seiner Offiziere und seiner Truppen zu entflammen. Sein Heer war der Zahl nach gering, aber in so organischer Gestaltung, bei solcher taktischen Ausbildung der einzelnen Waffen, unter solcher Führung zog es mit der vollen moralischen Überlegenheit, sich des Sieges gewiß zu fühlen, nach Asien.