Ist dieses Schreiben, so wie es vorliegt, erlassen worden, so war es nicht bloß für den geschrieben, an den es gerichtet war, sondern ein Manifest, das der Sieger zugleich an die Völker Asiens und an die Hellenen richtete.

Auch an die Hellenen. Noch war die Perserflotte im Ägäischen Meere, und ihre Nähe nährte die Aufregung in den Staaten von Hellas. Ein Sieg dort, eine dreiste Landung auf dem Isthmos oder in Euboia hätte mit der dann unzweifelhaften Schilderhebung der Hellenen unberechenbare Wirkungen gehabt, Makedonien selbst sehr ernsten Gefahren ausgesetzt. Darum, so scheint es, war Alexander so spät von Gordion aufgebrochen; er hätte im Notfalle von dort in fünfzehn Tagesmärschen den Hellespont erreichen können. Vielleicht erst die Nachricht von der Abführung der hellenischen Söldner nach Tripolis mochte ihn zum Aufbruch bestimmt haben; ohne diese durften die Bewegungen der persischen Flotte, die überdies um die in Tripolis bleibenden Schiffe gemindert war, seinem militärischen Blick als bloße Ostentation erscheinen.

Bei weitem nicht so urteilten die Patrioten in Hellas. Wie mochte ihnen der Mut wachsen, als Hegelochos durch den tapferen Beschluß der Athener, hundert Trieren in See zu schicken, geschreckt, die angehaltenen attischen Schiffe freigegeben hatte; wie gar, als die makedonische Besatzung in Mytilene gezwungen wurde, zu kapitulieren, die ganze Insel zum Antalkidischen Frieden zurückkehrte, Tenedos die mit Alexander und dem Korinthischen Bunde geschlossenen Verträge aufgeben und sich wieder zu dem Antalkidischen Frieden bekennen mußte. Der glorreiche Antalkidische Friede war dem hellenischen Patriotismus das rettende Prinzip, unter diesem Banner gedachte man den Greuel des Korinthischen Bundes aus dem Felde zu schlagen. Damals wurde auf der attischen Rednerbühne mit offnen Worten der Bruch mit Alexander empfohlen, trotz der geschlossenen Verträge; »in diesen steht,« sagt ein Redner, »wenn wir teilhaben wollen an dem gemeinen Frieden; also können wir auch das Gegenteil wollen.«

Noch beherrschte die persische Flotte, trotz der kleinen Schlappen, die Datames erlitten, das Ägäische Meer. Nach der Einnahme von Tenedos hatten die persischen Admirale ein Geschwader unter Aristomenes in den Hellespont gesandt, sich der Küsten dort zu bemächtigen, sie selbst waren, die ionische Küste brandschatzend, nach Chios gegangen; freilich versäumten sie, die wichtige Position von Halikarnaß zu decken, wo Othontopates noch die Seeburg hielt; diese fiel — in Soloi erhielt Alexander die Nachricht davon — in die Hand der Makedonen; nach dem schweren Verlust an Mannschaft, den die Perser erlitten, mußten wohl auch die Punkte auf dem Festlande, die sie noch hatten, Myndos, Kaunos, das Triopion aufgegeben werden; nur Kos, Rhodos, Kalymna, damit der Eingang in die Bucht von Halikarnaß blieben noch persisch. Sie wußten, daß Dareios bereits über den Euphrat vorgerückt sei, mit einem Heere, in dem die griechischen Söldner allein der ganzen Armee Alexanders gleichkamen, mit einer unermeßlichen Übermacht an Reitern.

Es ist nicht klar, welche Motive die nächst weitere Aktion der Admirale bestimmten, ob das Vordringen des Hegelochos, der auf Alexanders Weisung von neuem eine Flotte im Hellespont gesammelt hatte, dem Aristomenes mit seinem Geschwader erlag, der Tenedos wieder gewann, — oder die Absicht, mit der erwarteten Niederlage Alexanders zugleich die allgemeine Empörung in Hellas aufflammen zu machen. Sie ließen eine Besatzung in Chios, einige Schiffe bei Kos und Halikarnaß zurück; sie gingen mit 100 Schiffen, den am besten fahrenden, nach Siphnos. Dort kam König Agis zu ihnen, freilich mit nur einer Triere, aber mit einem großen Plan, zu dessen Ausführung er sie ersuchte, soviel Schiffe und Truppen als möglich mit ihm nach dem Peloponnes zu senden, ihm Geld zu weiteren Werbungen zu geben. Auch in Athen war die Stimmung auf das höchste erregt oder doch die Patrioten bemüht, sie zu entzünden; »als Alexander«, sagt Äschines drei Jahre später, in einer Rede gegen Demosthenes, »in Kilikien eingeschlossen war und Mangel an allem litt, wie du sagtest und nächster Tage, wie deine Worte waren, von der persischen Reiterei niedergestampft sein sollte, da faßte das Volk deine Zudringlichkeiten nicht, noch die Briefe, die du in deinen Händen haltend umhergingst, mochtest du auch den Leuten mein Gesicht zeigen, wie entmutigt und verstört es aussehe, auch wohl mich als das Opfertier bezeichnen, das fallen werde, sobald dem Alexander etwas begegnet sei.« Und doch, sagt Äschines, empfahl Demosthenes noch zu zögern; desto eifriger mögen Hypereides, Moirokles, Kallisthenes gedrängt haben, mit Agis vereint die hellenischen Staaten, die nur das Zeichen zum Abfall zu erwarten schienen, gegen Antipatros und Makedonien zu führen. Es muß dahingestellt bleiben, ob auch mit Harpalos Verbindungen angeknüpft wurden, dem Schatzmeister Alexanders, der sich jüngst, gewiß nicht mit leeren Händen, aus dem Staube gemacht hatte und nun in Megara war.

Aber statt der erwarteten Siegesnachricht aus Kilikien kam die von der gänzlichen Niederlage des Großkönigs, von der völligen Vernichtung des Perserheeres. Die Athener mochten Gott danken, daß sie noch nichts getan, was sie weiter zu gehen zwang. Die persischen Admirale eilten zu retten, was noch zu retten war. Pharnabazos segelte mit zwölf Trieren und 1500 Söldnern nach der Insel Chios, deren Abfall er fürchten mußte, Autophradates mit dem größten Teil der Flotte — auch die tyrischen Schiffe unter dem Könige Azemilkos waren mit ihm — nach Halikarnaß. König Agis erhielt statt der großen Land- und Seemacht, die er gefordert hatte, dreißig Talente und zehn Schiffe; er sandte sie seinem Bruder Agesilaos nach dem Tänaron mit der Weisung, den Schiffsleuten die volle Löhnung auszuzahlen und dann nach Kreta zu eilen, um sich der Insel zu versichern; er selbst folgte nach einigem Aufenthalt in den Kykladen dem Autophradates nach Halikarnaß. An Unternehmungen zur See konnte nicht weiter gedacht werden, da die phönikischen Geschwader — denn daß Alexander nicht nach dem Euphrat marschierte, zeigte sich bald genug — nur die Jahreszeit abwarteten, um in die Heimat zu segeln, die sich vielleicht schon den Makedonen hatte ergeben müssen. Auch die kyprischen Könige glaubten für ihre Insel fürchten zu müssen, sobald die phönikische Küste in Alexanders Gewalt war.

Es ist in neuerer Zeit als seltsam, als planlos bezeichnet worden, daß Alexander nicht nach der Schlacht von Issos die Verfolgung der Perser fortgesetzt, den Euphrat zu überschreiten sich beeilt habe, um dem Reich der Perser ein Ende zu machen. Es wäre töricht gewesen, er würde einen Stoß in die Luft getan haben, während sein Rücken noch keineswegs gesichert war. Der Zug der hellenischen Söldner nach Pelusion konnte ihn daran erinnern, daß er Ägypten haben mußte, wenn er seinen Marsch ins Innere Asiens sicher basieren wollte. Nicht Babylon und Susa waren der Siegespreis für Issos, sondern daß die Küste des Mittelmeeres bis zum öden Strand der Syrte ihm offenstand, daß zunächst Phönikien, dieses unerschöpfliche Arsenal des Perserreiches, mochte es sich unterwerfen oder verteidigen wollen, seine Flotte aus den griechischen Meeren zurückziehen mußte, daß damit die von Sparta begonnene Bewegung, ohne jede weitere Unterstützung von seiten Persiens, bald gebrochen werden konnte, daß endlich mit der Besetzung des Nillandes, der dann kein wesentliches Hindernis weiter entgegentreten konnte, die Operationsbasis für den Feldzug nach dem weiteren Osten ihre volle Breite und Festigkeit hatte.

Dem entsprechend mußte der Gang der weiteren Unternehmungen sein. Alexander sandte Parmenion mit den thessalischen Reitern und anderen Truppen das Tal des Orontes aufwärts nach Damaskos, der Hauptstadt Koilesyriens, wohin die Kriegskasse, das Feldgerät, die ganze kostbare Hofhaltung des Großkönigs, sowie die Frauen, Kinder, Schätze der Großen von Sochoi aus gesendet worden waren. Durch den Verrat des syrischen Satrapen, der mit den Schätzen und der Karawane so vieler edler Perserinnen und ihrer Kinder flüchten zu wollen vorgab, fielen diese und die Stadt in Parmenions Hände. Die Beute war ungemein groß; unter den vielen tausend Gefangenen befanden sich die Gesandten von Athen, Sparta und Theben, die vor der Schlacht bei Issos zu Dareios gekommen waren. Auf Parmenions Bericht von dieser Expedition befahl Alexander, alles, was an Menschen und Sachen in seine Hände gefallen sei, nach Damaskos zurückzubringen und zu bewachen, die griechischen Gesandten ihm sofort zuzuschicken. Sobald diese angekommen waren, entließ er die beiden Thebaner ohne weiteres, teils aus Rücksicht für ihre Person, indem der eine, Thessaliskos, des edlen Ismenias Sohn, der andere, Dionysidoros, ein olympischer Sieger war, teils aus Mitleid mit ihrer unglücklichen Vaterstadt und dem nur zu verzeihlichen Haß der Thebaner gegen Makedonien; den Athener Iphikrates, den Sohn des Feldherrn gleichen Namens, behielt er aus Achtung für dessen Vater und um den Athenern einen Beweis seiner Nachsicht zu geben, in hohen Ehren um seine Person; der Spartiate Euthykles dagegen, dessen Vaterstadt gerade jetzt offenbaren Krieg begonnen hatte, wurde vor der Hand als Gefangener zurückbehalten; er ist späterhin, als die immer größeren Erfolge der makedonischen Waffen das Verhältnis zu Sparta änderten, in seine Heimat entlassen worden.

Während Parmenions Zug nach Damaskos hatte Alexander die Verhältnisse Kilikiens geordnet. Wir erfahren wenig darüber aber das wenige ist bezeichnend. Dies Gebiet, das militärisch wichtiger war als irgendein anderes, und das in den freien und tapferen Stämmen des Tauros eine gefährliche Umgebung hatte, mußte in durchaus feste Hand gelegt werden. Der König übertrug es einem der sieben Leibwächter, dem Balakros, Nikanors Sohn; es scheint, daß ihm mit der Satrapie zugleich die Strategie übertragen wurde; wir finden demnächst des Balakros Kämpfe gegen die Isaurier erwähnt. Man glaubt, unter den Münzen Alexanders vom älteren Typus eine bedeutende Zahl von kilikischem Gepräge zu erkennen. Für Syrien, soweit es durch Parmenion besetzt war — Koilesyrien — wurde Menon, Kerdimmas' Sohn, zum Satrapen ernannt. Über Phönikien konnte der König noch nicht verfügen; dort erwarteten ihn nicht geringe Schwierigkeiten.

Die politische Stellung der phönikischen Städte im Perserreich war besonderer Art, eine Folge ihrer geographischen Lage und ihrer inneren Verhältnisse. Seit Jahrhunderten zur See mächtig, entbehrten sie des für Seemächte fast unentbehrlichen Vorteils der insularen Lage; sie waren nacheinander die Beute der Assyrer, der Babylonier, der Perser geworden. Aber auf der Landseite durch die hohen Bergketten des Libanon fast vom Binnenlande abgeschnitten und teilweise auf kleinen Küsteninseln erbaut, die wenigstens dem unmittelbaren und fortwährenden Einfluß der auf dem Festlande herrschenden Macht nicht ganz zur Hand waren, behaupteten sie mit ihrer alten Verfassung die alte Selbständigkeit insoweit, daß sich die Perserkönige gern mit der Oberherrlichkeit und der Befugnis, die phönikische Flotte aufzubieten, begnügten. Die einst sehr bedrohliche Rivalität der Griechen in Handelsschiffahrt, Industrie, Seemacht war, seitdem der alte attische Seebund zusammengebrochen war, überholt; und selbst in den Zeiten der völligen Unabhängigkeit dieser Städte war ihre Betriebsamkeit und ihr Wohlstand vielleicht nicht so groß gewesen wie jetzt unter der Perserherrschaft, die ihrem Handel ein unermeßliches Hinterland sicherte. Während sonst in allen dem Perserreiche einverleibten Ländern die frühere volkstümliche Zivilisation entartet oder vergessen war, blieb in Phönikien der alte Handelsgeist und die Art von Freiheit, die der Betrieb des Handels fordert. Auch bei den Phönikern hatte es nicht an Versuchen gefehlt, sich der Herrschaft des Großkönigs zu entziehen; wenn es trotz der Erschlaffung der Persermacht damit nicht gelungen war, so lag der Grund in der inneren Verfassung und mehr noch in den scharf ausgeprägten Sonderinteressen der untereinander eifersüchtigen Städte. Als zur Zeit des Königs Ochos Sidon auf dem Bundestage zu Tripolis die beiden anderen Hauptstädte des Bundes, Tyros und Arados, zur Teilnahme an der Empörung aufrief, versprachen sie Hilfe, warteten aber untätig das Ende eines Unternehmens ab, das, falls es glückte, sie mit befreite, falls es mißglückte, mit Sidons Verlusten ihre Macht und ihren Handel mehren mußte. Sidon unterlag, brannte nieder, verlor die alte Verfassung und Selbständigkeit und Byblos, so scheint es, trat statt ihrer in den Bundesrat von Tripolis oder hob sich wenigstens seit dieser Zeit so, daß es fortan neben Arados und Tyros eine Rolle zu spielen vermochte.