Die neun Städte von Kypros, in ihrem Verhältnis zum Perserreiche den phönikischen ähnlich, aber durch ihren zum Teil hellenischen Ursprung und die größere Gunst ihrer Lage ungeduldiger frei zu sein, hatten zu gleicher Zeit mit Sidon, König Pnytagoras von Salamis an ihrer Spitze, sich empört, waren aber unter Pnytagoras' Bruder Euagoras bald nach Sidons Fall zum Gehorsam zurückgekehrt; und wenn nach einiger Zeit Pnytagoras die Herrschaft von Salamis wiedererhielt, so war völlige Hingebung an das persische Reich die Bedingung gewesen, unter der er, wie ehedem, der erste unter den kleinen Fürsten von Cypern sein durfte.
Zwanzig Jahre waren nach jenem Aufstand verflossen, als Alexander seinen Krieg gegen Persien begann. Die Schiffe der Phöniker unter ihren »Königen«, die von Tyros unter Azemilkos, die der Aradier unter Gerostratos, die von Byblos unter Enylos, ihnen zugesellt die von Sidon; ferner die kyprischen Schiffe unter Pnytagoras und den anderen Fürsten, waren auf des Perserkönigs Aufruf in die hellenischen Gewässer gegangen, hatten dort, freilich bald unter schlaffer Führung, ohne großen Erfolg den Krieg geführt. Die Schlacht von Issos änderte für die phönikischen Städte die Lage der Dinge völlig. Wenn sie gemeinsame Sache gemacht, wenn sie ihre Seemacht vereinigt hätten, jeden Punkt, auf den sich der Feind werfen wollte, gemeinsam zu unterstützen, wenn die Admirale des Großkönigs die hellenischen Gewässer und die jetzt wirkungslose Offensive aufgegeben hätten, um die phönikischen Häfen zu verteidigen, so ist nicht abzusehen, wie die nur kontinentale Macht des Eroberers es über die maritime Verteidigung dieser befestigten und volkreichen Städte hätte davontragen sollen. Aber die phönikischen Städte waren trotz ihres Bundes nichts weniger als geeint, am wenigsten seit dem, was sie in Sidon hatten geschehen lassen. Die Sidonier werden den Sieg von Issos mit Jubel begrüßt haben; sie durften hoffen, durch Alexander wiederzuerhalten, was sie im Kampfe gegen den persischen Despoten eingebüßt hatten. Byblos, durch Sidons Fall gehoben, mußte ebenso besorgt sein, alles zu verlieren, wie es, auf dem Festlande gelegen, unfähig war, dem siegreichen Heere Alexanders zu widerstehen; Arados und Tyros dagegen lagen im Meere; doch hatte Arados, weniger durch ausgebreiteten Handel als durch Besitzungen auf dem Festlande mächtig, durch Alexanders Heranrücken mehr zu verlieren als Tyros, das mit den 80 Schiffen, die es noch daheim hatte, sich auf seiner Insel sicher glaubte.
Als nun Alexander vom Orontes her sich dem Gebiete der phönikischen Städte nahte, kam ihm auf dem Wege Straton, des aradischen Fürsten Gerostratos Sohn, entgegen, überreichte ihm namens seines Vaters einen goldenen Kranz und unterwarf ihm dessen Gebiet, welches den nördlichsten Teil der phönikischen Küste umfaßte und sich eine Tagesreise weit landeinwärts bis zur Stadt Mariamne erstreckte; auch die große Stadt Marathos, in der sich Alexander einige Tage aufhielt, gehörte zum Gebiete von Arados. Auf seinem weiteren Zuge nahm er Byblos durch vertragsmäßige Übergabe. Die Sidonier eilten, sich dem Sieger der verhaßten Persermacht zu ergeben; Alexander nahm auf ihre ehrenvolle Einladung die Stadt in Besitz, gab ihr ihr früheres Gebiet und ihre frühere Verfassung wieder, indem er dem Abdollonymos, einem in Armut lebenden Nachkommen der sidonischen Könige, die Herrschaft übertrug; er brach dann nach Tyros auf.
Auf dem Wege dahin begrüßte ihn eine Deputation der reichsten und vornehmsten Bürger von Tyrus, an ihrer Spitze der Sohn des Fürsten Azemilkos; sie erklärten, daß die Tyrier bereit seien zu tun, was Alexander verlangen werde. Der König dankte ihnen und belobte ihre Stadt; er gedenke nach Tyros zu kommen, um im Tempel des tyrischen Herakles ein feierliches Opfer zu halten.
Es war gerade das, was die Tyrier nicht wollten: unter den jetzigen Verhältnissen, darüber waren die Lenker der Stadt einig, müsse sie, wie zur Zeit der sidonischen Empörung mit so glücklichem Erfolge geschehen sei, mit der strengsten Neutralität ihre Unabhängigkeit sichern, um bei jedem Ausgange des Krieges ihren Vorteil zu finden; und sie könne es, da die Marine der Stadt trotz dem im Ägäischen Meere befindlichen Geschwader bedeutend genug sei, den gefaßten Beschlüssen Achtung zu verschaffen; noch habe die persische Seemacht in allen Meeren die Oberhand und Dareios rüste schon ein neues Heer, um das weitere Vordringen der Makedonen zu hemmen; wenn er siege, so werde die Treue der Tyrier um so reicher belohnt werden, da bereits die übrigen phönikischen Städte die persische Sache verraten hätten; unterliege er, so werde Alexander, ohne Seemacht wie er sei, vergebens gegen die Stadt im Meere zürnen, Tyros dagegen noch immer Zeit haben, auf seine Flotte, seine Bundesgenossen in Cypern, dem Peloponnes und Libyen, sowie auf die eigenen Hilfsmittel und die unangreifbare Lage der Stadt gestützt, mit Alexander die Bedingungen, die dem Interesse der Stadt entsprächen, einzugehen. Überzeugt, eine Auskunft, die zugleich schicklich, gefahrlos und ersprießlich sei, gefunden zu haben, meldeten die Tyrier dem makedonischen Könige ihren Beschluß: sie würden sich geehrt fühlen, wenn er ihrem heimischen Gott in dem Tempel von Alttyros auf dem Festlande seine Opfer darbringe; sie seien bereit zu gewähren, was er sonst fordern werde, ihre Insel müsse für die Makedonen und Perser geschlossen bleiben.
Alexander gab sofort alle weiteren Unterhandlungen auf; er beschloß das zu erzwingen, was für den Fortgang seiner Unternehmungen ihm unentbehrlich war. Das seemächtige Tyros, neutral in seinem Rücken, hätte allem Übelwollen und Abfall in den hellenischen Landen, hätte dem schon begonnenen Kampf des Königs Agis, dessen Bruder schon Kreta gewonnen hatte, einen Mittelpunkt und Halt gegeben. Er berief die Strategen, Ilarchen, Taxiarchen, sowie die Führer der Bundestruppen, teilte das Geschehene mit und eröffnete seine Absicht, Tyrus um jeden Preis einzunehmen; weder könne man den Marsch nach Ägypten wagen, solange die Perser noch eine Seemacht hätten, noch den König Dareios verfolgen, während man die Stadt Tyros mit ihrer offenbar feindlichen Gesinnung, dazu Ägypten und Cypern, die noch in den Händen der Perser seien, im Rücken habe; der griechischen Angelegenheiten wegen sei das noch weniger möglich; mit Hilfe der Tyrier könnten sich die Perser wieder der Seemacht bemächtigen und, während man auf Babylon losgehe, mit noch größerer Heeresmacht den Krieg nach Hellas hinüberspielen, wo die Spartaner schon offenbar aufgestanden seien und die Athener bisher mehr die Furcht als der gute Wille für Makedonien zurückgehalten habe; werde dagegen Tyros eingenommen, so habe man Phönikien ganz, und die phönikische Flotte, der größte und schönste Teil der persischen Seemacht, werde sich zu Makedonien halten müssen; denn weder die Matrosen, noch die übrige Bemannung der phoinikischen Schiffe würden, während ihre eigenen Städte besetzt wären, den Kampf zur See auszufechten geneigt sein; Kypros würde sich gleichfalls entschließen müssen zu folgen, oder sofort von der makedonisch-phönikischen Flotte genommen zu werden; habe man aber einmal auf der See diese vereinte Seemacht, zu der auch noch die Schiffe von Cypern kämen, so sei Makedoniens Herrschaft zur See wohl entschieden, der Zug nach Ägypten sicher und des Erfolges gewiß; und sei erst Ägypten unterworfen, so brauche man wegen der Verhältnisse in Hellas nicht weiter besorgt sein; den Zug nach Babylon könne man, über die heimischen Zustände beruhigt, mit desto größeren Erwartungen beginnen, da dann die Perser zugleich vom Meere und von den Ländern diesseits des Euphrat abgeschnitten seien. Die Versammlung überzeugte sich von der Notwendigkeit, die stolze Seestadt zu unterwerfen; aber ohne Flotte sie zu erobern, schien unmöglich. Immerhin unmöglich für den ersten Blick; aber das als notwendig Erkannte mußte auch zu ermöglichen sein; kühne Pläne durch kühnere Mittel zu verwirklichen gewohnt, beschloß Alexander, die Inselstadt landfest zu machen, um dann die eigentliche Belagerung zu beginnen.
Neutyrus, auf einer Insel von einer halben Meile Länge und geringerer Breite erbaut, war vom festen Lande durch eine Meerenge von etwa tausend Schritt Breite getrennt, die in der Nähe der Insel etwa noch drei Faden Fahrwasser hatte, in der Nähe des Festlandes dagegen seicht und schlammig war. Alexander beschloß, an dieser Stelle einen Damm durch das Meer zu legen; das Material dazu lieferten die Gebäude des von den Einwohnern verlassenen Alttyrus und die Zedern des nahen Libanon; Pfähle ließen sich leicht in den weichen Meeresgrund treiben, und der Schlick diente dazu, die eingelassenen Werkstücke miteinander zu verbinden. Mit dem größten Eifer wurde gearbeitet, der König selbst war häufig zugegen; Lob und Geschenke machten den Soldaten die harte Arbeit leicht.
Die Tyrier hatten bisher, auf ihre Schiffe, auf die Stärke und Höhe ihrer Mauern vertrauend, ruhig zugesehen; jetzt schien es Zeit, den übermütigen Feind die Torheit seines Wagnisses und die Überlegenheit einer uralten Meisterschaft in der Maschinenkunst erfahren zu lassen. Der Damm erreichte bereits das Fahrwasser; sie brachten auf die dem Lande zugewandte Seite ihrer hohen Mauer soviel Geschütz als möglich und begannen Pfeile und Steine gegen die ungedeckten Arbeiter auf dem Damm zu schleudern, während diese zugleich von beiden Seiten durch die Trieren der Tyrier hart mitgenommen wurden. Zwei der Türme, die Alexander am Ende des Dammes errichten ließ, mit Schirmdecken und Fellen überhangen und mit Wurfgeschütz versehen, schützten die Arbeiter vor den Geschossen von der Stadt her und vor den Trieren; mit jedem Tage rückte der Damm, wenn auch wegen des tieferen Wassers langsamer, vor. Dieser Gefahr zu begegnen bauten die Tyrier einen Brander in folgender Weise. Ein Frachtschiff wurde mit dürrem Reisig und anderen leicht entzündbaren Stoffen angefüllt, dann am Galeon zwei Mastbäume befestigt und mit einer möglichst weiten Galerie umgeben, um in derselben mehr Stroh und Kien aufhäufen zu können; überdies brachte man noch Pech und Schwefel und andere Dinge derart hinein; ferner wurden an die beiden Masten doppelte Rahen befestigt, an deren Enden Kessel mit allerlei das Feuer schnell verbreitenden Brennstoffen hingen; endlich wurde der hintere Teil des Schiffes schwer beladen, um das vordere Werk möglichst über den Wasserspiegel emporzuheben. Bei dem nächsten günstigen Winde ließen die Tyrier diesen Brander in See gehen; einige Trieren nahmen ihn ins Schlepptau und brachten ihn gegen den Damm; dann warf die in dem Brander befindliche Mannschaft Feuer in den Raum und in die Masten und schwamm zu den Trieren, die das brennende Gebäude mit aller Gewalt gegen die Spitze des Dammes trieben. Der Brander erfüllte, von einem starken Nordwestwinde begünstigt, vollkommen seinen Zweck; in kurzer Zeit standen die Türme, die Schirmdächer, die Gerüste und Faschinenhaufen auf dem Damm in hellen Flammen, während sich die Trieren an den Damm oder vor dem Winde vor Anker legten und durch ihr Geschütz jeden Versuch, den Brand zu löschen, vereitelten. Zugleich machten die Tyrier einen Ausfall, ruderten auf einer Menge von Boten über die Bai hinaus, zerstörten in kurzem die Pfahlroste vor dem Damm und zündeten die Maschinen, die noch etwa übrig waren, an. Durch das Fortreißen jener Roste wurde der noch unfertige Teil des Dammes entblößt und den immer heftiger anstürmenden Wellen preisgegeben, so daß der vordere Teil des Werkes durchrissen und hinweggespült in den Wellen verschwand.
Man hat wohl gesagt, Alexander habe nach diesem unglücklichen Ereignis, das ihm nicht bloß eine Menge Menschen und alle Maschinen gekostet, sondern auch die Unmöglichkeit gezeigt habe, Tyros vom Lande her zu bewältigen, die Belagerung ganz aufgeben, den von Tyros angebotenen Vertrag annehmen und nach Ägypten ziehen sollen. Das wäre nach seinem Charakter und nach seinen Plänen noch unmöglicher gewesen als die Eroberung der Insel. Je mächtiger und unabhängiger Tyros seiner Landmacht gegenüberstand, desto notwendiger war es, die stolze Stadt zu demütigen; je zweifelhafter der Erfolg besorglicheren Gemütern erscheinen mochte, desto bestimmter mußte Alexander ihn erzwingen; ein Schritt rückwärts, ein aufgegebener Plan, eine halbe Maßregel hätte alles vereitelt. In dieser Zeit mag es gewesen sein, daß von neuem Gesandte des Dareios eintrafen, die für des Großkönigs Mutter, Gemahlin und Kinder ein Lösegeld von zehntausend Talenten, ferner den Besitz des Landes diesseits des Euphrat, endlich mit der Hand seiner Tochter Freundschaft und Bundesgenossenschaft anboten. Als Alexander seine Generale versammelte und ihnen die Anträge des Perserkönigs mitteilte, waren die Ansichten sehr geteilt; Parmenion namentlich äußerte, daß, wenn er Alexander wäre, er unter den gegenwärtigen Umständen jene Bedingungen annehmen und sich nicht länger dem wechselnden Glück des Krieges aussetzen würde. Alexander antwortete: auch er würde, wenn er Parmenion wäre, also handeln; doch da er Alexander sei, so laute seine Antwort an Dareios: daß er weder Geld von Dareios brauche, noch einen Teil des Landes statt des Ganzen nehme; was Dareios an Land und Leuten, an Geld und Gut habe, sei sein und, wenn es ihm beliebe, Dareios' Tochter zu heiraten, so könne er es, ohne daß Dareios sie ihm gebe; er möge in Person kommen, wenn er etwas von seiner Güte empfangen wolle.
Mit doppeltem Eifer wurden die Belagerungsarbeiten fortgesetzt, namentlich der Damm vom Lande aus in größerer Breite wiederhergestellt, um einerseits dem Werke selbst mehr Festigkeit zu geben, anderseits mehr Raum für Türme und Maschinen zu gewinnen. Zu gleicher Zeit erhielten die Kriegsbaumeister den Auftrag, neue Maschinen sowohl für den Dammbau als für den Sturm auf die mächtigen Mauern zu errichten. Alexander selbst ging während dieser vorbereitenden Arbeiten mit den Hypaspisten und Agrianern nach Sidon, dort eine Flotte zusammenzubringen, mit der er Tyros zu gleicher Zeit von der Seeseite her blockieren könne. Gerade jetzt — es mag um Frühlingsanfang gewesen sein — kamen die Schiffe von Arados, Byblos und Sidon aus den hellenischen Gewässern zurück, wo sie auf die Nachricht von der Schlacht bei Issos sich von der Flotte des Autophradates getrennt und, sobald es die Jahreszeit erlaubte, zur Heimfahrt aufgemacht hatten; es waren an achtzig Trieren unter Gerostratos und Enylos von Byblos; auch die Stadt Rhodus, die sich vor kurzem für Alexanders Sache entschieden hatte, sandte zehn Schiffe; dann lief auch das schöne Geschwader der kyprischen Könige, von etwa hundertundzwanzig Segeln, in den Hafen von Sidon ein; dazu kamen einige Schiffe aus Lykien und Kilikien und selbst ein makedonisches, das Proteas, der sich durch seinen Überfall bei Siphnos ausgezeichnet hatte, der Neffe des schwarzen Kleitos, führte, so daß sich Alexanders Seemacht wohl auf 250 Schiffe belief, darunter auch Vier- und Fünfruderer.