Zur rechten Würdigung Alexanders und des Hellenismus waren freilich zwei Vorfragen zu lösen, die wieder untereinander eng zusammenhängen: es sind die Probleme der Nationalität der Makedonen, und der Politik des Demosthenes. In beiden Fragen hat Droysen den gleichen Standpunkt gewonnen, wie ihn im wesentlichen auch die neueste Forschung einnimmt. Freilich ist der Streit über beide Probleme noch nicht beendet. Die Frage, ob die Makedonen Griechen gewesen sind, oder nicht, ist von einschneidender Bedeutung: wenn ja, dann haben Philipp und Alexander den Hellenen die nationale Einigung gegeben, wenn nein — dann sind die Griechen unter die Herrschaft ausländischer Zwingherren geraten, welche sie für ihre Zwecke ausnutzten. Eine Entscheidung der Frage kann nur eine Prüfung der Sprache der Makedonen geben; leider ist unsere Kenntnis des makedonischen Dialekts nur mäßig, aber das sprachliche Material läßt doch den Schluß ziehen, daß die Makedonen ein griechischer Stamm gewesen sind: diese Überzeugung hat bereits Droysen trefflich vertreten. Wenn er freilich die Makedonen, ebenso wie die anderen, in ihrer Entwicklung zurückgebliebenen Nordstämme, als »Pelasger« bezeichnet, so werden wir diesen Namen hier lieber nicht anwenden; denn die Theorie von den »Pelasgern« als den Urgriechen läßt sich heutzutage nicht mehr aufrechterhalten. Sie ist eine Spekulation der Mythenhistoriker des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts. Von der Auffassung der Makedonenfrage hängt auch gutenteils das Urteil über die Politik des Demosthenes ab. Waren König Philipp und sein Sohn keine Hellenen, dann war Demosthenes der Vorkämpfer gegen die Fremdherrschaft, im anderen Falle aber nur der Vertreter eines überlebten Partikularismus. Die Bewunderung für Demosthenes als literarische Erscheinung hat in alter und neuer Zeit dazu geführt, daß man auch seine politische Wirksamkeit in der Verklärung sah. Mit ausgezeichneten Gründen bekämpft Droysen diese Auffassung: den Patriotismus des Atheners will er nicht leugnen, und das Attribut des »größten Redners aller Zeiten« will er ihm nicht entziehen. Aber Droysen bezweifelt es, daß Demosthenes als Staatsmann groß, und daß er überhaupt »der Staatsmann der nationalen Politik Griechenlands« gewesen ist. In einer glücklichen Kombination malt Droysen das Bild der griechischen Zustände aus, wie sie sich nach einem Siege des Demosthenes unstreitig gestaltet hätten: »Mochten die attischen Patrioten den Kampf gegen Philipp im Namen der Freiheit, der Autonomie, der hellenischen Bildung, der nationalen Ehre zu führen glauben oder vorgeben, keins dieser Güter wäre mit dem Siege Athens sichergestellt gewesen.« Die neueste Forschung ist in der Kritik an Demosthenes noch weiter gegangen als Droysen: es scheint sich immer mehr herauszustellen, daß Demosthenes zwar ein großer Advokat, aber ein recht kleiner Mensch gewesen ist. Aber darüber darf man ein Zweites nicht vergessen: das ist die rührende Aufopferung, mit der das athenische Volk sein Blut für all die Dinge verspritzt hat, die ihm seine Politiker vorgaukelten. Droysen geht viel zu weit, wenn er von dem »schwatzhaft, unkriegerisch, banausisch gewordenen Bürgertum Athens« spricht. Der wahre Held von Chaironeia ist nicht der Redner, der auf dem Marktplatz mit seinen gut vorbereiteten Tiraden den Makedonenkönig vernichtete, sondern es ist der schlichte athenische Handwerksmeister und Familienvater, der pflichtgemäß für seine republikanische Freiheit unter den Lanzen der makedonischen Veteranen den Tod findet. Die Stimmung der Kämpfer von Chaironeia ist in einer Grabschrift für die Gefallenen rührend zum Ausdruck gekommen. Die vier Verszeilen mögen hier — in der Übersetzung von Wilamowitz — Platz finden:

Zeit, du überschauest alles Menschenschicksal, Freud und Leid,
Das Geschick, dem wir erlagen, künde du der Ewigkeit.
Auf Boiotiens Schlachtfeld sanken wir, gefällt vom Feindesspeere,
Was wir wollten, war, zu wahren unseres heiligen Hellas Ehre.

Freilich, man mag der überwundenen Partei die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die ihr zukommt, sachlich bleibt die Auffassung Droysens unanfechtbar, daß nur der Sieg des makedonischen Königtums die griechische Nation von dem Fluch der Kleinstaaterei erlösen und die in ihr schlummernden Kräfte erwecken konnte.

Das Thema der Alexandergeschichte hatte ohne Zweifel für Droysen einen aktuellen Reiz: in der Einigung der Hellenen durch die makedonische Dynastie wird er ein Vorbild gesehen haben, in dessen Art er auch die Lösung der deutschen Frage erstrebte. Am 6. April 1848 hat Droysen erklärt, daß »Preußen sich Deutschland eingliedern, durch seine große und gesunde Machtorganisation, sein Heer und seine Finanzen den Rahmen des neuen Ganzen bilden müsse«. Als Abgeordneter in der Paulskirche war er bemüht, »der Einigung Deutschlands unter der Oberherrschaft der Hohenzollern Anhänger zu werben«. Der starke Anteil an den Forderungen seiner eigenen Zeit hat ja dazu geführt, daß Droysen auch als Forscher das Gebiet der griechischen Geschichte mit dem der preußischen vertauschte, daß er auf die »Geschichte des Hellenismus« die Biographie des Feldmarschalls Yorck und die vielen Bände der »Preußischen Politik« folgen ließ.

Hat aber auch für den Leser von 1917 die Geschichte Alexanders einen unmittelbaren Reiz, abgesehen von der Belehrung über eine wichtige Epoche der Vergangenheit? Man wird diese Frage wohl bejahen dürfen, und zwar wegen des hervorragenden kriegsgeschichtlichen Interesses, das die Feldzüge des makedonischen Königs erwecken. Man kann wohl sagen, daß wir bei der Eroberung des Perserreiches durch Alexander zum erstenmal in der Weltgeschichte die systematische Arbeit eines denkenden Generalstabs verfolgen können. Größere Truppenbewegungen sind natürlich auch schon in der Epoche vor Alexander erdacht und geleitet worden. Achtbar sind z. B. die Leistungen des Perserreichs auf diesem Gebiete. Als König Darius seinen sog. Skythenzug vorbereitete, hatte er eine Armee etwa aus der Gegend des heutigen Bagdad in die Dobrudscha zu versetzen: eine Leistung, die auch im Zeitalter der Eisenbahnen und Automobile recht achtbar wäre; um so mehr im Altertum mit seiner primitiven Technik. Aber die Soldaten des Perserkönigs hatten diesen Weg im eigenen Lande, unterstützt von der eigenen Reichsverwaltung zurückzulegen: das Feindesland begann eigentlich erst an der Donaumündung. Als nun aber die wirkliche militärische Aufgabe einsetzte, die Perser die untere Donau überschritten und in Beßarabien vordrangen, da begannen auch die Schwierigkeiten des Unternehmens deutlich zu werden: bekanntlich haben die Perser bald den Rückzug antreten müssen. Das ist etwa ein Beispiel für das militärische Können der Epoche um 500 vor Christus. Die kriegerischen Unternehmungen der griechischen Staaten des 5. und 4. Jahrhunderts zeichnen sich ebenfalls durch ihre Langsamkeit, Schwerfälligkeit und relative Ergebnislosigkeit aus. Welch anderes Bild geben da die Feldzüge Alexanders! Die makedonische Armee beginnt ihre Offensive mit der Überschreitung der Dardanellen und schlägt einen starken, durchaus achtbaren Feind überall, wo sie ihn trifft. Ein geheimer Mechanismus scheint dieses Heer zu lenken, im Winter geht es ebenso vorwärts wie im Sommer, Flußlinien, Hochgebirgsketten, Wüsten werden glatt überwunden. Jede feindliche Festung fällt, wenn es auch manchmal recht viel Zeit und Mühe kostet. Etappenlinien von vielen Hunderten von Kilometern, im Feindesland, werden in Ordnung gehalten, weite Gebiete okkupiert und sofort in eigene Verwaltung genommen. So passiert diese Armee Kleinasien und dringt dann über Syrien nach Ägypten vor, es folgt der Vormarsch nach Mesopotamien, Babylon wird genommen, das eigentliche Persien betreten. Das gewaltige Iran wird durchzogen; über Afghanistan und den Hindukusch zieht die griechische Armee nordwärts bis tief in die Wüsten von Turkestan; daran schließt sich der letzte Akt: die Expedition nach Indien. All diese erstaunlichen Leistungen sind nicht denkbar ohne eine vorbedachte, mit einem fein verzweigten Apparat arbeitende Heeresleitung. Einen zwanzigjährigen König, und sei er noch so geistvoll, wird man nicht gut als den alleinigen Urheber solcher Erfolge ansehen: hier arbeitet ein Generalstab, so gut wie in den Operationen des deutschen Heeres 1870/71 oder 1914/17. Wir wissen auch genau, wer die Generalstäbler Alexanders gewesen sind: es sind die alten Generale aus der Schule seines Vaters, die sog. Adjutanten (Somatophylakes), welche dem König bei der Kriegführung zur Seite stehen, und als Chef des makedonischen Generalstabs tritt, auch noch in unserer höfisch gefärbten Überlieferung, der alte Parmenion deutlich genug hervor.

In den Feldzügen Alexanders fehlt, wenn man sie richtig erfaßt, das romantisch-enthusiastische Element durchaus; im Gegenteil, mit ruhiger Überlegung, und geradezu pedantischer Vorsicht, werden die nötigen Entschlüsse gefaßt. Diesen Charakter der militärischen Dispositionen Alexanders hat Droysen vortrefflich hervorgehoben, nur führt er durchweg den König selbst als den geistigen Leiter des Krieges ein, während tatsächlich Alexander in den meisten Fällen nach dem Rat seiner Adjutanten gehandelt haben wird.

Die vorliegende neue Auflage des Droysenschen Werkes gibt ohne jede Änderung den Text der letzten, vom Verfasser selbst veranstalteten Ausgabe wieder. Das Material zur Geschichte Alexanders hat sich seitdem nur unbedeutend vermehrt, aber in einigen immerhin bemerkenswerten Gesichtspunkten ist doch die moderne Forschung über Droysen hinausgekommen. Im folgenden sollen diese Punkte wenigstens kurz erörtert werden. Der Leser kann sich dann ohne Mühe selbst die Auffassung Droysens von den betreffenden Fragen berichtigen.


In erster Linie ist hier die Schilderung des persischen Heeres und die Schätzung seiner Stärke zu nennen. Droysen hält noch an den überlieferten Zahlen fest. Am Granikos nimmt er 20 000 persische Reiter und ebenso viele griechische, im Dienste des Perserkönigs stehende Söldner an. Die Armee, welche Alexander bei Issos besiegte, schätzt er auf Hunderttausende, darunter 30 000 griechische und 100 000 asiatische Schwerbewaffnete, und auch bei Gaugamela läßt er eine persische Riesenarmee auftreten. Indessen haben die Forschungen von Eduard Meyer und Hans Delbrück über das persische Heerwesen zu dem Ergebnis geführt, daß der Perserkönig niemals ein Millionenheer aufgestellt hat; die Armeen, mit denen König Alexander zu kämpfen hatte, sind erheblich schwächer gewesen; schwerlich stärker an Zahl als die makedonischen Sieger selbst. An sich wäre es ja durchaus möglich gewesen, daß das Perserreich, das etwa 50 Millionen Einwohner zählte, ein Millionenheer aufgebracht hätte. Aber im persischen Reich hat eine allgemeine Wehrpflicht, wie in den antiken griechischen und in den modernen Staaten, niemals existiert. Die persische Armee war vielmehr eine Berufsarmee, und Berufsheere sind niemals sehr stark. Die iranische Nation, welche die eigentlich staatserhaltende Kraft im Perserreich darstellte, lieferte dem König zunächst eine ausgezeichnete Adelsreiterei, sodann eine große Zahl erprobte Bogenschützen. Mit diesen Tausenden von Rittern und Zehntausenden von Schützen haben die ersten Perserkönige die militärisch nur wenig leistungsfähigen orientalischen Großmächte: Babylonien, Lydien, Ägypten niedergeworfen. Im eroberten Gebiet richteten sich die Perser ähnlich ein wie später die Türken im 15. bis 17. Jahrhundert: der Herrscher wies seinen Rittern große Lehensgüter an. Auf dem Besitze eines solchen Gutes lastete die Verpflichtung, im Kriegsfalle eine Anzahl Reiter zu stellen; vielleicht auch ein paar iranische Bogenschützen zu unterhalten. Neben diesen Lehenstruppen stand dann die königliche Garde, die 10 000 sog. »Unsterblichen«, entsprechend etwa den Janitscharen des Sultans. Eine solche Berufsarmee bleibt auf der Höhe, solange der Staat dauernd Krieg führt und die Maschinerie im Gang bleibt. Wenn aber längere Perioden des Friedens kommen, verrostet das Uhrwerk leicht. So ist es dem Türkischen Reich im 18. Jahrhundert ergangen: aus den Janitscharen wurde ein Korps von Staatspensionären, das keinen Feind mehr schreckte. Ähnlich gestaltete sich die Entwicklung im Perserreich, als die Periode der ständigen Kriege mit König Xerxes aufhörte. Die Inhaber der Lehen wurden allmählich zu bequem, um wirkliche Krieger zu unterhalten, und wenn der König die Heeresfolge ansagte, schickten sie statt dessen ihre Hausdiener (vgl. Xenophon, Cyrop. VIII 8, 20). Immerhin hat sich wenigstens die persische Reiterei in den Alexanderschlachten tapfer geschlagen. Die asiatische Infanterie dagegen war völlig verkommen, statt ihrer stellte man schon seit dem Ausgang des 5. Jahrhunderts lieber griechische Söldner ein.

Die operierende persische Feldarmee ist zur Zeit ihrer höchsten Blüte, unter König Xerxes, im Feldzug von 480/79, höchstens 50 000 Mann stark gewesen; unter Darius III. waren es höchstens ebenso viele, wahrscheinlich aber weniger Leute. Die phantastische Vorstellung von den Millionenheeren des Perserkönigs hat die griechische Volkstradition des 5. Jahrhunderts gebildet, auf der die Darstellung Herodots beruht. Die späteren Geschichtschreiber haben dann diese Auffassung übernommen, und die Historiker Alexanders sind von der Tradition nicht abgewichen: im Gegenteil, sie haben die Furchtbarkeit des Perserheeres mit Behagen ausgemalt, um die Größe der makedonischen Kriegstaten ins rechte Licht zu rücken.