Der griechische Bund, an dessen Spitze König Alexander stand, hatte nur etwa 1/10 der Einwohnerzahl des Perserreichs. Aber seine militärische Kraft war weit überlegen. Hellas war damals stark übervölkert: viele Tausende von kühnen und kräftigen Männern waren bereit, in den Osten zu ziehen, um sich dort eine neue Heimat zu erobern. Dem makedonischen Volksheer winkte im Orient ein ruhmvoller, leichter Sieg und unermeßliche Beute; auch die kräftigen Barbarenstämme der Balkanhalbinsel, die dem makedonischen König unterstanden, waren militärisch nicht unwichtig. Alles in allem war König Alexander imstande, zur Zeit der Schlacht bei Gaugamela mit 50 000 Mann Kerntruppen — mit einer Kavallerie, die dem Feind zumindest gewachsen, und einer Infanterie, die ihm in jeder Beziehung überlegen war — die Perser anzugreifen. Etwa ebenso viele Leute mögen zur selben Zeit als Etappentruppen und Garnisonen das weite Gebiet von den Dardanellen bis Mesopotamien gedeckt haben. Endlich stand noch eine starke Reservearmee daheim, bereit, etwaige partikularistische Bewegungen in Griechenland niederzuwerfen. Im ganzen ist es wohl kaum übertrieben, wenn man die damalige Gesamtstärke der Heere Alexanders auf etwa 150 000 gute Soldaten berechnet. Das war eine Heeresmacht, gegen die kein anderer Staat der Welt aufkommen konnte, auch nicht das Perserreich mit seinem durchaus überlebten Wehrsystem. Diese Erwägungen mögen die Leistungen König Alexanders und seines Heeres leichter verständlich machen; sie können aber die Bewunderung für die Taten der makedonischen Heeresleitung nicht vermindern.

Eine der merkwürdigsten Episoden in der Geschichte Alexanders ist unstreitig sein Zug zu der Oase des Ammon, wo er sich von den Priestern als der Sohn des Gottes begrüßen ließ. Droysen schildert dieses Ereignis in anschaulicher und eindringlicher Art. Die Frage drängt sich auf, was Alexander bei dem ägyptischen Gott gewollt, welche Absichten er mit seiner Erklärung zum Gottessohn verfolgt hat. Droysen meint, der König habe gewollt, daß ihn »in das Innere des Morgenlandes eine geheimere Weihe, eine höhere Verheißung begleiten« sollte, »in der die Völker ihn als den zum König der Könige, zum Herrn von Aufgang bis Niedergang Erkorenen erkennen sollten«. Aber tatsächlich hat wohl Alexander mit jenem mystischen Vorgang gar nicht auf die Orientalen, sondern allein auf die Griechen wirken wollen. Der Gedanke von der Göttlichkeit des Herrschers war den Untertanen des Perserkönigs — außerhalb von Ägypten — fremd: den Iraniern, welche sich zur Religion des Zarathustra bekannten, den babylonischen Verehrern des Marduk und der Istar, den semitischen Dienern ihrer Stammesgottheiten, und all den anderen Völkern des Ostens wurde der fremde Eroberer wahrlich deshalb nicht ehrwürdiger oder sympathischer, weil er sich als der Sohn des ägyptischen Ammon ausgab. In Ägypten war freilich die Auffassung zu Hause, daß der Pharao der Sohn des großen Sonnengottes sei, und die Priester waren gern bereit, auch jedem fremden Herrscher, der es wünschte, dieses Attribut zu erteilen. Aber eine solche Anerkennung konnte Alexander in jedem beliebigen ägyptischen Heiligtum empfangen; hätte er wirklich dem Herzen des ägyptischen Volkes näherkommen wollen, dann würde er sich an einen der führenden nationalen Tempel gewandt haben, aber sicher nicht an den Ammon der libyschen Oase, der im ägyptischen Kulturleben so gut wie nichts bedeutete. Indessen, und das bringt uns der Lösung des Rätsels näher, der Ammon von Siwas war — über Kyrene — schon seit dem 5. Jahrhundert in Griechenland bekannt geworden, und sein Orakel erfreute sich dort einer gewissen Autorität, seitdem Delphi aus der Mode gekommen war. Wenn also Alexander für die Hellenen ein Gott sein wollte, dann war das Ammonsorakel die Stelle, deren Autorität er sich mit Aussicht auf Erfolg zu bedienen vermochte. Was bedeutete aber die Anerkennung der Gottheit Alexanders durch die griechischen Gemeinden? Nichts mehr und nichts weniger als eine vollkommene Reform der hellenischen Bundesverfassung. Die beschränkten Kompetenzen des Bundespräsidenten, wie sie für König Philipp ausreichend gewesen waren, genügten für Alexander nicht. Er wünschte, wenn er es für nötig hielt, ohne Hindernis in die griechischen Angelegenheiten eingreifen zu können, ohne zugleich die Selbständigkeit der griechischen Republiken ganz aufzuheben. Da bot sich der bequeme Ausweg, daß der ehemalige Bundespräsident zum Staatsgott der einzelnen Gemeinden wurde: nunmehr mußten seine Erlasse als göttliche Gebote befolgt werden. Was dies in der Praxis zu bedeuten hatte, zeigte sich sofort, als Alexander die Verordnung über die Rückkehr der Verbannten erließ. Dieser Akt, der die Parteikämpfe in den griechischen Kleinstaaten formell abschließen sollte, wäre nach den Artikeln des Korinthischen Bundes — wie auch Droysen treffend hervorhebt — nicht möglich gewesen. Dagegen konnte der »Gott« Alexander ohne weiteres eine solche Maßregel durchführen.

Das »Gottkönigtum«, wie es Alexander begründete, sollte noch die bedeutsamsten Folgen für die spätere Entwicklung des Altertums haben. Es blieb die maßgebende Form, in der sich eine starke monarchische Gewalt mit der republikanischen Selbständigkeit einer größeren Zahl von Stadtstaaten wenigstens einigermaßen vereinigen ließ. Die hellenistischen Monarchien des Orients waren so organisiert, und das römische Kaisertum ging dann die gleiche Bahn.

Hat Alexander selbst an seine Göttlichkeit geglaubt? Droysen deutet die Möglichkeit an, daß der König gewisse pantheistische Gedanken von einer Einheit zwischen der Gottheit und den Menschen gehabt hat; Gedanken, in denen sich griechische Philosophie und ägyptische Priesterweisheit vereinigten. Aber wenn wir die praktisch-politische Bedeutung des Zuges zum Ammonion in den Vordergrund stellen, in der Art, wie es von den neueren Forschern vor allem Eduard Meyer getan hat, werden wir auch hier wohl eine einfachere Lösung suchen müssen. Über das wirkliche religiöse Innenleben Alexanders läßt sich kaum etwas Bestimmtes sagen. Wenn er sich den »Kinderglauben« bewahrt hatte, kann es nur der an die Götter seiner makedonischen Heimat gewesen sein. Aber daneben konnte er sehr wohl glauben, daß er für die Angehörigen seines Reichs selbst ein »Gott« sei. Perikles hat einmal in einer berühmten Rede erklärt, daß man die Existenz der Götter erschließe aus der Verehrung, die sie finden, und aus den Wohltaten, die sie den Menschen erweisen. In diesem Sinne war auch der große König, der all den vielen Griechenstädten Frieden, Wohlstand, ja die Existenz sicherte, ein »Gott«. Daß er Wunder tun, durch seinen Willen die Naturgesetze aufheben könne, hat Alexander sicher nicht angenommen.

Wenn man die Geschichte Alexanders überdenkt, drängt sich unwillkürlich die Frage auf, ob es wirklich den wahren Interessen des griechisch-makedonischen Volkes entsprochen hat, daß ein hellenisches Riesenreich gegründet wurde, das sich vom Adriatischen Meere aus bis tief nach Indien erstreckte. Dieses Problem, an dem man bei der Würdigung des Staatsmannes Alexander nicht vorübergehen kann, ist von Droysen nicht gestellt worden. Es ist doch bemerkenswert, daß der Hellenismus nichts von dem gewaltigen Gebiet behauptet hat, das er damals eroberte. Das griechische Volk bewohnt heute im großen und ganzen denselben Raum, wie zur Zeit Philipps von Makedonien. Damit vergleiche man die Dauerhaftigkeit, welche die Eroberungen des Romanismus gehabt haben, wie sich aus dem römischen Kaiserreich heraus die lateinischen Nationen Westeuropas entwickeln, wie selbst ein so spät und oberflächlich romanisiertes Land wie Dakien seinen lateinischen Charakter bis auf den heutigen Tag behauptete. Der Unterschied erklärt sich daraus, daß Rom in weitem Umfang bäuerliche Kolonisten ansetzte, während die Griechen im Orient im wesentlichen nur in die Städte gingen, sowie als Offiziere und Beamte die herrschende Oberschicht bildeten. Daher fegte der erste beste, politische Mißerfolg die hellenische Kolonisation wieder weg, während der romanische, mit dem Boden verwachsene Bauer, sich nicht mehr verdrängen ließ. Aber warum haben die Römer so gründlich kolonisiert und die Griechen der hellenistischen Zeit so oberflächlich?

Aus dem einfachen Grund, daß Griechenland gar nicht so viele Menschen übrig hatte, um nach dem römischen System zu kolonisieren. Das römische Italien hatte zudem beschränktere Aufgaben zu lösen, erst sog es die Lombardei und Venetien auf, dann wurden Spanien und Südfrankreich lateinisch gemacht, und allmählich drang das Römertum weiter vor. Das griechische Volk dagegen gewann mit einem Schlage ein Riesenreich, dessen Hellenisierung so gut wie unmöglich war. Daß schon König Philipp den Eroberungskrieg in Asien geplant hat, steht fest. Aber es bleibt doch sehr zweifelhaft, ob er — der größte Staatsmann, den das griechische Volk hervorgebracht hat — bis nach Indien und Turkestan gegangen wäre. Kleinasien hätte sicher auch Philipp für das Griechentum erobern wollen; vielleicht hätte er auch die Perser vom Mittelmeer verdrängt, indem er in irgendeiner Form Syrien und Ägypten unter seine Autorität brachte: den Zug über den Euphrat möchte man ihm nicht zutrauen. In Kleinasien waren die Küsten bereits griechisch, und auch die Eingeborenen, wie die Karer, Lyder und Lykier, waren auf dem besten Wege sich zu hellenisieren. Wäre es möglich gewesen, all die hellenischen Volkssplitter, die sich unter und nach Alexander im ganzen Orient zerstreuten, in Kleinasien zu vereinigen, so wäre dieses Land in wenigen Generationen vollkommen griechisch geworden. Aber daneben hatte das griechische Volk noch eine andere Aufgabe, deren Lösung freilich nicht so glanzvoll war wie die Eroberung des Ostens: das wäre die Gewinnung und Besiedlung des Rumpfes der Balkanhalbinsel gewesen. Hier wie überall hatte König Philipp das Richtige erkannt und dessen Durchführung angebahnt. Das von ihm gegründete Philippopolis trägt noch heute seinen Namen und zeugt von der Absicht des Makedonen, das griechische Volks- und Sprachgebiet bis zum Balkangebirge auszudehnen. Es ist geradezu das Verhängnis der Griechen geworden, daß an dieser Aufgabe nicht weiter gearbeitet worden ist. Die Weltgeschichte hätte eine andere Wendung genommen, wenn etwa die Balkanhalbinsel — nebst dem westlichen Kleinasien — ein einheitliches Nationalgebiet geworden wäre, in der Art, wie sich das zuerst so vielsprachige Italien unter dem römischen Einfluß umgewandelt hat. Eben dadurch, daß Alexander, die gerade damals vorhandene militärische Überlegenheit Makedoniens voll ausnutzend, das griechische Weltreich gründete, hat er seinem Volke den Weg zur wirklichen nationalen Größe dauernd verbaut[1].

Diese Betrachtungen sollen weiter nichts darstellen als eine kleine Ergänzung zu Droysens trefflichem Werke, das hoffentlich auch in dieser Ausgabe der Wissenschaft und der Geschichte des Altertums neue Freunde werben wird.

Berlin. Arthur Rosenberg.

Erstes Buch

Τάδε μὲν λεύσσεις, φαίδιμ' Ἀχιλλεῦ