Auch die besten Quellen, die, denen Arrian folgt, Ptolemaios und Aristobulos, bestätigen, daß schon in Ägypten Anzeigen von den verräterischen Plänen des Philotas an den König gebracht worden seien, daß dieser sich bei der Freundschaft, die zwischen ihm und Philotas bestanden, bei der hohen Achtung, die er dem Vater Parmenion stets bezeugt, nicht habe entschließen können, sie zu glauben. Ptolemaios bezeugt, daß der König selbst vor versammeltem Kriegsvolk die Anklage gesprochen, daß Philotas sich verteidigt habe, daß namentlich die Verheimlichung der Anzeige ihm als Verbrechen angerechnet worden sei. Die Folter erwähnt er nicht.

Auch Parmenion war des Todes schuldig erkannt worden. Es erschien notwendig, das Urteil so schnell wie möglich zu vollstrecken; er stand an der Spitze einer bedeutenden Truppenmasse, die er bei seinem großen Ansehen im Heere und mit den Schätzen, die ihm zur Bewachung anvertraut waren, und die sich auf viele tausend Talente beliefen, leicht zu dem Äußersten bringen konnte; selbst wenn er an der Verräterei seines Sohnes keinen unmittelbaren Anteil hatte, schien nach dessen Hinrichtung das Schlimmste möglich. Er stand in Ekbatana, 30 bis 40 Märsche entfernt; was konnte, wenn er sich empörte, in dieser Zeit geschehen? Der König durfte bei solchen Umständen nicht sein Begnadigungsrecht üben, er durfte nicht wagen, den Feldherrn offenbar und inmitten der so leicht irre zu führenden Truppen verhaften zu lassen; Polydamas, aus der Schar der Hetairen, wurde nach Ekbatana an Sitalkes, Menidas und Kleandros gesandt, mit dem schriftlichen Befehl des Königs, Parmenion in der Stille aus dem Wege zu räumen. Auf schnellen Dromedaren, von zwei Arabern begleitet, kam Polydamas mit der zwölften Nacht in Ekbatana an; der thrakische Fürst und die beiden makedonischen Befehlshaber entledigten sich sofort ihres Auftrages.

In Prophtasia gingen indes die Untersuchungen weiter. Auch Demetrios, einer der sieben Leibwächter, wurde, der Verbindung mit Philotas verdächtig, gefangengesetzt; Ptolemaios, des Lagos Sohn, erhielt seine Stelle. Die Söhne des Tymphaiers Andromenes waren dem Philotas sehr befreundet gewesen, und Polemon, der jüngste der Brüder, der in einer Ile der Ritterschaft stand, hatte sich, sobald er von der Gefangennahme seines Hipparchen Philotas gehört, in blinder Angst auf die Flucht begeben; seine und seiner Brüder Teilnahme an der Verschwörung erschien um so glaublicher. Amyntas, Simmias, Attalos, alle drei Strategen der Phalangiten, wurden vorgeführt, namentlich gegen Amyntas mehrfache Beschuldigungen geltend gemacht. Dieser verteidigte sich und seine Brüder dergestalt, daß die Makedonen ihn aller Schuld freisprachen; dann bat er um die Vergünstigung, seinen entflohenen Bruder zurückbringen zu dürfen; der König gestattete es; er reiste noch desselben Tages ab, er brachte Polemon zurück; das und der rühmliche Tod, den Amyntas bald darauf in einem Gefecht fand, benahmen dem Könige den letzten Verdacht gegen die Brüder, die fortan von ihm auf mannigfache Weise ausgezeichnet wurden.

Bemerkenswert ist, daß bei Gelegenheit dieser Untersuchungen die Sache des Lynkestiers Alexandros, der vier Jahre früher in Kleinasien einen Anschlag auf des Königs Leben gemacht hatte, damals aber auf ausdrücklichen Befehl des Königs nur festgenommen war, jetzt zur Sprache gebracht wurde. Mag es wahr sein, daß das Heer seine Hinrichtung forderte, dem Könige konnte es notwendig scheinen, einen Mann, den er, mit Rücksicht auf seine Verschwägerung mit dem Reichsverweser in Makedonien bisher der gerechten Strafe vorenthalten, dem jetzt geforderten Urteil des Heeres zu überantworten. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß neue Anlässe hinzukamen, gerade jetzt ihn vor Gericht zu stellen; leider berichten unsere Quellen nichts Genaueres. Aber wenn Philotas eingestanden, daß der Zweck der Verschwörung Alexanders Ermordung gewesen sei, so mußte die erste und im voraus bedachte Frage sein, wer nach ihm das Diadem tragen solle; der zunächst Berechtigte war Arrhidaios, König Philipps Sohn; aber auch wenn er mit beim Heere war, es konnte niemandem einfallen, die Gewalt einem so gut wie Blödsinnigen zu übergeben; ebenso wenig, einem zum Königtum völlig Unberechtigten, etwa Parmenion oder seinem Sohn oder einem anderen der Generale das Diadem zu übertragen; der Lynkestier konnte den Verschworenen um so geeigneter dazu scheinen, als Antipatros, auf den gewiß besondere Rücksicht zu nehmen war, durch die Erhebung seines Eidams für die neue Ordnung der Dinge, so mochte man meinen, gewonnen werden konnte. Vielleicht darf erwähnt werden, daß Antipatros, sobald er von den Vorgängen in Prophtasia und Ekbatana unterrichtet war, Schritte getan zu haben scheint, die ohne solchen Zusammenhang unbegreiflich wären; es wird erzählt, daß er mit den Ätolern, die Alexander wegen der Zerstörung der ihm ergebenen Stadt Diniadai auf das strengste zu züchtigen befohlen hatte, insgeheim Unterhandlungen angeknüpft habe; eine Vorsicht, die für den Augenblick keine weitere Wirkung hatte, aber dem Könige nicht unbekannt blieb und, so wurde geglaubt, sein Mißtrauen in einer Weise erregte, die, wenn auch erst nach Jahren, ihren Ausdruck finden sollte.

So endete dieser trostlose Handel, trostlos auch, wenn das Gericht über Philotas gerecht, die Ermordung Parmenions eine politische Notwendigkeit gewesen war. Es macht das Geschehene nicht erträglicher, wenn Philotas nach den Überlieferungen bei aller persönlichen Tapferkeit und Kriegstüchtigkeit gewaltsam, selbstsüchtig, tückisch gewesen sein, wenn der Vater selbst ihn gemahnt haben soll, vorsichtiger, minder hochfahrend zu sein; noch weniger, wenn Parmenion auch in seinen dienstlichen Beziehungen sich mehrfach des Königs Tadel zugezogen haben soll. Mochte der König meinen, von seinen höchsten Offizieren die strengste Folgeleistung fordern, inmitten des Krieges die Zügel der Disziplin doppelt scharf anziehen zu müssen, — daß er in den Kreisen der Höchstkommandierenden zu strafen fand und so strafen zu müssen glaubte, war ein bedenkliches Symptom für den Zustand seines Heeres, und eine erste schlimme Scharte in dem bisher so festen und scharf gefugten Instrument seiner Macht, der einzigen Bürgschaft für seine Erfolge und sein Werk.

Seine Spannkraft und sein imperatorischer Geist wird die zerrüttenden Nachwirkungen dieser Vorgänge zu bewältigen, rasch und völlig die erregten Truppen wieder in die Hand zu bekommen verstanden haben. Aber daß Philotas, daß Parmenion dieser Armee fehlten, war und blieb ein unersetzlicher Schaden, ein dauernder Flecken.

Es mag dahingestellt bleiben, ob in den bezeichneten Zusammenhang auch die Formationsveränderungen zu rechnen sind, die wenigstens teilweise in diese Winterrast fallen, oder ob sie mehr noch von der sich verändernden militärischen Aufgabe veranlaßt wurden.

Seit dem Ende des Dareios gab es in den bisher persischen Landen keine organisierte feindliche Kriegsmacht mehr; es konnten noch da und dort Massen aufgeboten und ins Feld geführt werden, aber sie hatten nichts mehr von dem Wesen des persischen Reichsheeres, auf das Alexander beim Beginn des Kampfes die Formation seiner Feldarmee berechnet hatte, weder die Haupttruppen der Großkönige und die Kardaker, noch einen Kern hellenischer Söldner und deren taktische Übung. Der weitere Krieg mußte sich wesentlich auf den Kampf gegen lose Massen, auf deren Sprengung, rasche Verfolgung, jede Art des kleinen Krieges einrichten. Es mußten die Truppenkörper so formiert werden, daß sich aus ihnen mit Leichtigkeit Armeen im kleinen zusammenstellen ließen; sie mußten beweglicher, in ihrer Taktik noch mehr als bisher aggressiv werden, die leichten Truppen mußten eine noch größere Ausdehnung erhalten. Endlich war es notwendig, Fürsorge zu treffen, daß auch asiatische Aushebungen zur Verwendung kommen konnten, nicht bloß um die Masse des Heeres zu vergrößern und in dem Maß, als man sich von den Rekrutierungen aus der Heimat entfernte, näheren Ersatz zu schaffen.

Schon im Winter vorher waren die acht Ilen der Ritterschaft zu je zwei Lochen formiert, deren jeder seinen Lochagen erhielt; jetzt wurden je acht dieser Lochen zu einer Hipparchie vereint, so daß es fortan, wenn der moderne Ausdruck erlaubt ist, zwei Regimenter dieser schweren Kavallerie zu acht immerhin schwächeren Schwadronen gab. Die eine Hipparchie erhielt Kleitos, des Dropidas Sohn, der bisher die königliche Ile der Ritterschaft geführt hatte, der »schwarze Kleitos«, die zweite Hephaistion. Bereits in dem Feldzuge des nächsten Jahres ist die Zahl der Hipparchien weiter vermehrt.

In gleicher Weise sind die Söldnerreiter, welche 400 Mann stark unter Menidas 331 zum Heere gekommen waren, so vermehrt worden, daß sie mehr als eine Hipparchie bilden.