Indessen hatten alle Manifeste und Erklärungen Cüstines, auch bei den unteren Klassen der Einwohner Frankfurts, wenig Anklang gefunden und keinen Eindruck gemacht, man hatte dem Volk plausibel zu machen gewußt, daß, wenn die Reichen kein Geld mehr hätten, die Armen nichts mehr verdienen könnten und Hungers sterben müßten, und in Frankfurt war ein guter Verdienst für jede Art Arbeiter. Daher das Geschrei von Freiheit und Gleichheit nur taube Ohren fand; zudem fing Handel und Wandel zu stocken an, und die Lage der Einwohner begann mißlicher zu werden, was man nicht mit Unrecht den Franzosen zuschrieb. Ganz anders war es in Mainz, hier war wenigstens ein großer Teil der Bewohner enthusiastisch für die neue Ordnung der Dinge in Frankreich gestimmt, besonders wissenschaftlich gebildete und tüchtige Männer verteidigten die neuen Grundsätze und Handlungen, schlossen sich denselben an und wurden die Koryphäen der Mainzer Revolution, freilich nicht ahnend, wie schnell die Pariser in ein blutig scheußliches Ungetüm und Morden ausarten würden. In Mainz hatte man, Paris nachäffend, ebenfalls Klubs gebildet, in denen die Freiheit und Gleichheit gepredigt wurde, und die berühmtesten Gelehrten und Professoren, wie ein Forster, Wedekind, Metternich und so weiter hatten sich an die Spitze gestellt. Auch die schönen Mainzerinnen hatte dieser Revolutionstaumel ergriffen, sie übten sich sogar im Pistolenschießen, tanzten nach Herzenslust mit den Soldaten der Freiheit um die rote Kappe, hatten dabei Gürtel, welche vorn und hinten herabhingen; vorn las man das Wort ‚Freiheit‘, hinten ‚Gleichheit‘. Eine ärgere Satire auf diese Revolution hätte wohl schwerlich der eingefleischteste Aristokrat erfinden können. Manche Frauen hatten sogar Säbel umgeschnallt, und man ging bald so weit, eine rheinische Republik gründen zu wollen und so weiter. Alle Fürsten und der Adel wurden ihrer Rechte und Besitzungen verlustig erklärt und durften sich bei Todesstrafe nicht mehr im Gebiete dieser neuen Republik sehen lassen.

Cüstine stattete nun auch in eigener Person der Reichsstadt Frankfurt einen Besuch ab. Den einundzwanzigsten Oktober kam er mit seinem Generalstab und dem Doktor Böhmer in die Stadt geritten und hielt vor der Hauptwache, vor welcher sich eine Menge Volks versammelt hatte, den Wundermann zu sehen, vor dem sich die Tore der ersten deutschen Festungen wie durch einen Zauberschlag öffneten. Der Feldherr fragte den Haufen: „Habt ihr den deutschen Kaiser gesehen?“ und erwiderte auf das Ja, das ihm mehrere Stimmen zuriefen: „Wohlan, ihr werdet keinen mehr sehen!“, und hierin hatte er recht. In Mainz hatte man ähnliche Anreden mit donnerndem Applaus und lautem Jubel begrüßt, hier aber blieb das Volk mäuschenstill. Dies war aus dem so verschiedenartigen Charakter der Bewohner dieser beiden Städte leicht zu erklären. Die Mainzer haben ein leicht aufzuregendes Blut, sind heiter und lebensfroh, während der gewöhnliche Frankfurter ein echter bedächtiger Kalkulationsmensch ist; der Unterschied zwischen den Einwohnern dieser beiden Nachbarstädte ist so groß, als lägen sie mehrere hundert Meilen voneinander entfernt. Außerdem hätten die Frankfurter gerne jedes Jahr so eine goldspendende Kaiserkrönung gesehen, und es war ihnen schlecht damit gedient, daß sie keinen Kaiser mehr, aber statt dessen Millionen fordernde französische Generäle sehen sollten. Ärgerlich über diesen Stumpfsinn des Volkes für seine Reden, wandte er sich gegen seine Begleitung und sagte: „Diese Menschen haben nur Sinn für den Schacher und nur Liebe für Geldsäcke, wohlan, wir müssen sie bei dem, was ihnen am teuersten ist, packen.“ Er ließ die bisherige Garnison durch andere Truppen ablösen, denen er strenge Mannszucht anbefahl, und begab sich sofort auf den Römer, wo er den Behörden tüchtig die Meinung sagte. Dann ließ er sich nun Geiseln ausliefern, unter denen angesehene Kaufleute und zwei reiche Juden waren. Bevor er wieder abreiste, stattete er auch den braven Sachsenhäusern einen Besuch ab und ersuchte sie um einen Baum aus ihrer Waldung, worauf ihm diese Naturkinder erwiderten: „er möge sich nur einen holen,“ was er aber unterließ und die Reichsstadt nicht würdig fand, mit einem solchen zu schmücken. Ein Jude sagte damals, von diesem Wahrzeichen der französischen Freiheit sprechend: „’s is ä Bämche ohne Worzel und ä Käpple ohne Kopp.“

Der Landgraf von Hessen-Kassel hatte indessen bedeutende Streitkräfte zusammengezogen, in der Hoffnung, vereint mit den preußischen Truppen den Franzosen endlich ernstlichen Widerstand leisten zu können. Diese hatten jedoch mehrere hundert Hessen bei Nauheim gefangen, die sie nach Frankfurt brachten, und Cüstine erließ eine Proklamation gegen den Landgrafen, in welcher er unter anderm sagte: „Denkt er denn nicht, daß der jüngste Tag für alle ungerechten Fürsten erschienen ist! Er hofft seinen wankenden Thron durch das Volk zu befestigen, dessen Blut er verkaufte, um seine Schatzkammer zu füllen. Schon dieser einzige Umstand muß das Schicksal dieses Tyrannen entscheiden. Ungeheuer! über das sich schon längst der Fluch der deutschen Nation, die Tränen der Witwen, die du brotlos, und das Jammergeschrei der Waisen, die du elend gemacht hast, gleich schwarzen Gewitterwolken zusammentürmten[5], dich wird die gerechte Rache der Franken erreichen, die Flucht wird dich derselben nicht entziehen; wie wäre es auch nur möglich, daß ein Volk in der Welt einem Tiger, wie du bist, Zuflucht gewähren könnte!“ und so weiter.

Frankfurt hatte nun eine Million von der Kontribution bezahlt, die Geiseln wurden wieder freigegeben, und Cüstine erlaubte dem Magistrat, um den Erlaß des Restes derselben in Paris nachsuchen zu dürfen, welches derselbe auch benützte und deshalb eine Deputation nach der unruhigen Hauptstadt Frankreichs sandte, der er noch eine zweite, die erste zu unterstützen, nachschickte.

Indessen ergab man sich in sein Schicksal, es war so ziemlich wieder alles in sein gewohntes Gleis gekommen, und man war darauf gefaßt, die unwillkommenen Gäste noch lange beherbergen zu müssen, besonders da die Franzosen infolge der Schlacht von Genappe rasch die österreichischen Niederlande erobert hatten.

IV.
Wiedereinnahme Frankfurts durch die Preußen und Hessen. – Franzosen durch den Pöbel niedergemacht. – Schreckliche Lage der Frankfurter Abgeordneten zu Paris, aus der sie mein Oheim befreit. – Eindruck, den die Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs XVI. macht.

Die anscheinende Ruhe Frankfurts war nicht von langer Dauer. Gegen Ende November verbreitete sich die Nachricht, daß die Preußen und Hessen im Anmarsch, schon in der Nähe der Stadt und im Besitz ansehnlicher Streitkräfte seien. Die französische Besatzung Frankfurts war kaum tausend Mann stark und hatte nur zwei Kanonen. Der Kommandant, General Helden, erwartete Truppen und Artillerie, die ihm Cüstine zur Verstärkung versprochen und ihm zugleich befohlen hatte, sich im Fall eines Angriffs des Zeughauses zu bemächtigen und die Frankfurter Stadtsoldaten, die bis jetzt noch ihren Dienst in Gemeinschaft mit den Franzosen versehen hatten, zu entwaffnen und sich auf das äußerste zu verteidigen. Dem Magistrat wurde bekannt gemacht, daß man die Stadt mit Feuer und Schwert verheeren würde, wenn man sich beikommen ließe, etwas gegen die Besatzung zu unternehmen. Da aber die versprochene Verstärkung ausblieb, so hätte Helden wenigstens Moses’ Wunderstab haben müssen, um die erhaltenen Befehle zu vollziehen. Die Frankfurter Heeresmacht, etwa sechshundert Söldner, aus aller Welt zusammengerafftes Gesindel, war freilich nicht sehr zu fürchten, aber man traute der Stimmung der Einwohner nicht, und zwar mit Recht. Den achtundzwanzigsten November erschien der preußische General von Kalkreuth an der Spitze der preußisch-hessischen Avantgarde vor dem Friedberger Tor, stellte seine Truppen in Schlachtordnung auf, sandte sodann einen Stabsoffizier an den französischen Kommandanten, der von dem Volk mit Jubel begrüßt wurde, und ließ den General Helden auffordern, Frankfurt zu übergeben. Dieser wies die Aufforderung mit der Erklärung zurück, er würde sich bis auf den letzten Mann verteidigen, und meldete, was vorgefallen war, sogleich nach Mainz. Cüstine nannte die Aufforderung eine preußische Impertinenz und sagte: „ein freier Republikaner dürfe nicht mit Despotenknechten unterhandeln.“ – Helden hatte unterdessen die den Frankfurtern gehörenden Kanonen aus dem Zeughaus (dem Rahmhof) daselbst wollen wegnehmen lassen, da sich das Volk jedoch schwierig zeigte und zusammenrottete, so gab er das Vorhaben auf und erklärte die Sache für ein Mißverständnis. Cüstine kam noch an demselben Tage nach Frankfurt und versprach dem auf dem Römer versammelten Magistrat, daß er die Stadt im unglücklichsten Fall keiner Belagerung aussetzen wolle; auf diese Versicherung erließ derselbe eine Proklamation, in welcher er die Bürger zur Ruhe und Ordnung ermahnte.

Unterdessen waren die wohlhabenderen Einwohner der Stadt in banger Erwartung und sahen sorgenvoll den Dingen entgegen, die da kommen sollten. Es war der zweite Dezember, ein Sonntag, die meisten Bürger befanden sich gerade bei dem Gottesdienst in den Kirchen, als man mit einem Mal einen starken Kanonendonner ganz in der Nähe vernahm. Jedermann verließ schnell die Kirche und eilte erschrocken nach Haus, wo man erfuhr, daß die Preußen und Hessen die Stadt mit Kanonen und Mörsern beschössen und von zwei Seiten angriffen. Von allem, was in der Stadt vorging, waren die Preußen auf das genaueste unterrichtet, da die Einwohner bis zum letzten Augenblick die Freiheit gehabt hatten, vor den Toren spazieren zu gehen, wo sie sich stundenlang mit den Belagerern unterhielten, ohne daß die Franzosen Notiz davon nahmen.

Das Schießen währte ununterbrochen fort, meine Eltern saßen noch bei Tische und sahen sich nach dem eben beendigten Mittagsmahl mit banger Bekümmernis an, als einer der Handlungsdiener nach Hause kam und erzählte, daß bereits mehrere Bürger verwundet worden und Kugeln und Bomben in verschiedenen Häusern niedergefallen seien. – „Gott bewahre uns vor einem solchen Unglück!“ rief meine Mutter aus, die mich auf ihre Knie genommen hatte. Kaum hatte sie das Wort ausgesprochen, als ein furchtbarer Schlag ganz in unserer Nähe fiel, dem ein längeres Geprassel, wie von herabfallenden Schiefersteinen veranlaßt, folgte. In demselben Augenblick stürzte das Gesinde leichenblaß in das Speisezimmer mit dem Ausruf: „Es hat bei uns eingeschlagen!“ Meine arme Mutter war einer Ohnmacht nahe, und ich lag auf dem Boden. Schnell war das Zimmer mit allen Hausbewohnern angefüllt, die verzweiflungsvoll untereinander schrieen, und jeder schien Rat und Hilfe von dem andern zu erwarten, sie fragten sich untereinander, was zu tun sei, aber keiner war imstande, ein vernünftiges Wort hervorzubringen, alle hatten den Kopf verloren. Einige wollten, daß man in die Kellergewölbe, andere, daß man auf die Straße flüchten solle, und Frauen und Mägde weinten. Mein Vater, der hinausgegangen war, um nachzusehen, was eigentlich geschehen, kam nach einigen Minuten mit den tröstenden Worten zurück: „Beruhigt euch, Kinder, ein Stück Bombe hat nur das Dach unsers Regenfasses im Hof eingeschlagen, der Schaden ist nicht groß.“ Nachdem man sich überzeugt hatte, daß es wirklich so war, erholte man sich nach und nach von dem Schreck, und da das Schießen immer schwächer wurde und bald ganz aufhörte, so beruhigte man sich völlig, und das ganze endigte damit, daß man sich gegenseitig foppte, jeder dem andern den größten Teil der gehabten Furcht in die Schuhe schob und sogar Gebärde und Mienen vormachte, die er in dem Schreckensmoment gezeigt haben sollte.

In der Stadt waren indessen ganz andere und sehr ernsthafte Szenen vorgefallen. Die wenigen Franzosen hatten sich auf den Wällen sehr tapfer unter beständigem Feuern verteidigt. Aber die beiden Geschütze, welche der General Helden auf die Wälle beordert hatte, wurden von zusammengelaufenem Pöbel und Handwerksburschen, die dazu von mehreren Bewohnern angereizt worden, angefallen, und da ihre Bedeckung sehr schwach war, so bemächtigten sich die Volkshaufen derselben, schlugen die Räder und Lafetten entzwei, hieben die Stränge der Pferde ab und drohten, den Kommandanten, dem wirklich durch den Hut geschossen wurde, zu ermorden. Das Volk öffnete nun die Stadttore mit Gewalt, die Riegel mit Beilen und Äxten sprengend, während sich die Franzosen auf den Wällen, von diesen Vorgängen nichts ahnend, noch immer tapfer verteidigten. Preußen und Hessen stürzten zu dem geöffneten Friedberger Tor herein, machten ohne Pardon zu geben nieder, was ihnen von Franzosen begegnete, die jedoch, namentlich auch die Nationalgarden, ihr Leben teuer verkauften, auch oft keinen Pardon begehrten. Die Truppen der Verbündeten waren wegen des heftigen Widerstands, den man ihnen geleistet hatte, höchst erbittert. Zweihundert Hessen bedeckten mit ihren Leichen das Schlachtfeld vor den Toren, über siebenhundert Franzosen gerieten samt dem General von Helden in Gefangenschaft. Die Körper der niedergesäbelten Franzosen, die in den Straßen lagen, waren zum Teil schrecklich verstümmelt, einigen war der ganze Hinterkopf abgehauen, anderen war der Schädel gespalten und so weiter. Alle wurden schnell und ganz in der Stille beerdigt, nur ein kleiner Teil der Garnison war entkommen und hatte sich nach Höchst flüchten können. Auch einem Bürgerssohn hatte seine Neugierde das Leben gekostet.