Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm II., gewöhnlich der dicke Wilhelm genannt, hielt nun mit dem Herzog von Braunschweig an der Spitze seiner Generalität und der Truppen seinen Einzug und wurde von den Frankfurter Bürgern, die sich jetzt befreit glaubten, mit großem Vivatgeschrei freudig jubelnd empfangen. Fortwährend blieb die Menge vor dem Roten Haus, damals der erste Gasthof der Stadt, in welchem der König abgestiegen war, versammelt, dem gnädigen König unaufhörlich ein Lebehoch bringend, so oft derselbe geruhte, sich dem guten Volk auf dem Balkon zu zeigen. An selbigem Tage hatte eine halbe Stunde von Frankfurt, zwischen den Flecken Bockenheim und Rödelheim, ein scharfes Gefecht mit einer Abteilung von Cüstines Truppen stattgefunden, bei dem der preußische General von Eben verwundet wurde.
Der König von Preußen besuchte noch den nämlichen Abend das Theater, wo er abermals mit großem Enthusiasmus empfangen wurde. Frankfurt erhielt nun eine preußische und hessische Besatzung zur Einquartierung, unter der sich besonders die preußischen Garden auszeichneten.
Nachdem jedoch der erste Sieges- und Freudenrausch verschwunden war und die Überlegung nach und nach zurückkehrte, fing man doch zu fürchten an, daß die Geschichte wohl noch schlimme Folgen für die gute Stadt Frankfurt und ganz besonders für die sich noch zu Paris befindliche Deputation derselben haben könne. Was man im ersten Augenblick als eine Heldentat sondergleichen, die man denen eines Horatius Cocles und Mutius Scävola zur Seite setzte, angesehen, nämlich das Zertrümmern der Kanonenlafetten und das Zerschlagen der Torschlösser, wollte bald niemand mehr getan oder nichts davon gewußt haben, und mit Grauen und Schaudern dachte man an die Folgen bei einer möglichen Wiederkehr der Franzosen. Dem Freudentaumel folgte schnell eine düstere Stimmung und Grabesstille, und die Besorgnis der ängstlichen Gemüter wurde noch um vieles vermehrt, als man wenige Tage darauf in der ‚Mainzer Nationalzeitung‘ vom sechsten Dezember einen Bericht las, der die Überschrift führte: ‚Frankfurter Adventsfeier, ein Gegenstück zur Bartholomäusnacht und zu der sizilianischen Vesper‘ und dessen Verfasser ein Adjutant Cüstines, Daniel Stamm, war. In demselben wurde unter anderm gesagt:
‚Der zweite Dezember, als der erste Adventssonntag, wurde zum Mordtag ausersehen. Frankfurter! diesen Tag werdet ihr trotz euren feilen Zeitungen nicht aus den Jahrbüchern eurer Geschichte löschen! Buben werden euch auf den Straßen anspeien, der Name Frankfurt wird der Nachwelt ein Abscheu sein, der Franke ist verabscheuungswert, der euch ansehen kann, ohne euch zu würgen! Euch und euern Namen zu vertilgen, sei der Schwur, den jeder freie Mann auf dem Vaterlandsaltar ablegen wird! Ich tue ihn freiwillig, und ich werde ihn halten.‘
Doktor Böhmer in Mainz schrieb in dieselbe Zeitung: ‚Plötzlich wurden sie (die Franzosen) von einem mit Mordgewehren aller Art versehenen Haufen von Frankfurter Banditen überfallen, mit einer Wut, deren nur ein Frankfurter Reichsstädter fähig sein kann, gemißhandelt und in solcher Anzahl getötet, daß von zwei Bataillonen der größte Teil ein Opfer dieser Henkersknechte wurde. Die französischen Krieger setzten sich mutig zur Gegenwehr, waren aber zu schwach, um acht- bis zehntausend bewaffneten Bösewichtern Widerstand leisten zu können. Kaum hörte dies der General Cüstine, als er morgens gegen elf Uhr mit einem großen Teil seines Heeres und einer Menge von Belagerungsgeschütz vor die Stadt rückte. Er hat erklärt, daß er entweder selbst vor ihren Mauern sterben, oder die Stadt in Staub und Asche verwandeln wolle.‘
Die allgemeine Administration zu Mainz, um die Wut der französischen Armee noch zu steigern, befahl, daß für die zu Frankfurt gemordeten Franzosen ein großes feierliches Totenamt gehalten werden solle.
Man kann sich denken, welche Angst bei dem Lesen solcher Zeitungsartikel – die Mainzer hatten dafür gesorgt, daß diese sogleich gehörig in Frankfurt verbreitet wurden – sich der armen Kaufmannsseelen daselbst bemächtigte, die eigentlich an dem Vorgefallenen sehr unschuldig waren, das außerdem ebenso entstellt wie übertrieben wurde. In allen Familien war jede Lebenslust wie weggeblasen, und diejenigen, deren Angehörige bei der fatalen Mission zu Paris waren, gaben sich der Verzweiflung hin. Ein reicher Kaufmann, der uns denselben Abend, als die Preußen in die Stadt eingerückt waren, einen Besuch gemacht und sich dabei gerühmt hatte, aus seinem Haus habe man auf seinen Befehl siedendes Wasser auf fliehende Franzosen gegossen und ‚die Kerls gehörig gebrühet‘, wobei er und seine Frau tätig gewesen seien, kam einem Gespenst gleich ein paar Tage darauf zu meinen Eltern, um sie zu fragen, ob sie seine Fabel weiter erzählt hätten, er habe dies alles nur im Scherz gesagt, es sei nur ein dummer Spaß von ihm gewesen, er selbst könne nicht begreifen, wie er zu einem so elenden Geschwätz gekommen sei, seine alberne Gans von einer Frau sei an dem ganzen Eselsstreich schuld. Mein Vater suchte den reichen armen Teufel möglichst zu beruhigen, er hatte jedoch noch lange an seinem Angstfieber zu laborieren.
Magistrat und Bürgerschaft wetteiferten nun, diese gräßlichen Beschuldigungen von sich zu weisen und sie für abscheuliche Verleumdungen zu erklären, was sie denn zum größten Teil auch waren. Eine Unwahrheit war es, daß ein förmliches Mordkomplott stattgefunden habe, und eine große Lüge, daß man zehntausend Mordmesser zu diesem Zweck habe verfertigen lassen, von denen Cüstine sogar eines an den Konvent nach Paris sandte.
Um diesen furchtbaren Anklagen zu begegnen, machte der Magistrat von Frankfurt bekannt, daß derjenige eine Belohnung von vierundzwanzigtausend Livres erhalten solle, der beweisen könne, daß ein Mordkomplott in Frankfurt stattgefunden und die Bürger Franzosen mit Mordgewehren oder Messern getötet hätten. Aber niemand konnte dergleichen dartun; das Wahre an der Sache war, daß mehrere wohlhabende Bürger, der Hingebung des Augenblicks folgend, verschiedene Individuen aus den niedern Ständen zur Zertrümmerung der Kanonen und zum Eröffnen der Tore aufgemuntert hatten, sowie, daß aus einzelnen Häusern siedendes Wasser auf die Fliehenden gegossen worden war. Aber auch schon das war hinreichend, um unter solchen Verhältnissen und in einem solchen Krieg den Ruin und die Zerstörung einer Stadt herbeizuführen, und dies, fühlte man wohl, wäre auch das unvermeidliche Schicksal Frankfurts gewesen, wenn der Feind damals schnell zurückgekehrt wäre. Aller Enthusiasmus für die Sieger war indessen nach ein paarmal vierundzwanzig Stunden verschwunden, und man hörte keine Vivats mehr.
Zu Paris hatten sich diese Vorfälle, greulich ausgemalt und durch gräßliche Zusätze vermehrt, schon verbreitet, noch ehe ein offizieller Bericht daselbst angekommen war. Als Cüstines Berichte eintrafen, beschloß der vollziehende Staatsrat vorerst, die Frankfurter Deputierten in ihren Wohnungen in strengem Verhaft zu halten und auf das schärfste bewachen zu lassen. Diese sahen sich nun mit einem Mal von all ihren dortigen Bekannten verlassen und befanden sich in der Tat in einer schrecklichen Lage, und dies zu einer Zeit, wo man in Paris Menschenköpfe gleich Mohnköpfen abschlug. Unter ihren Fenstern verkaufte man Extrablätter unter dem Ruf: ‚Getreue Erzählung, wie durch die Frankfurter Banditen tausend Franzosen ermordet wurden, Frankfurter Mordgeschichten‘ und so weiter. Keine französische Zeitung wollte etwas zur Verteidigung der armen Deputierten aufnehmen, welche jeden Augenblick fürchteten, zur Guillotine geschleppt zu werden. Unter den vielen Mitteln, die man anwendete, jene gehässigen Anklagen zu widerlegen und als nichtig darzustellen, wurde eines ergriffen, das guten Erfolg hatte: man ließ nämlich die französischen Gefangenen, Offiziere und Gemeine der Nationalgarde und Linientruppen, Erklärungen und Briefe schreiben, in welchen sie die treffliche Behandlung, welche ihnen von der Frankfurter Bürgerschaft und dem Magistrat zuteil wurde, hochrühmten und auf das dankbarste anpriesen. Sie bekräftigten in denselben, daß sich der Magistrat alle mögliche Mühe gegeben habe, dem Auflauf des Pöbels zu steuern, und daß Bürger selbst vor den eindringenden Hessen Pardon für mehrere ihrer Landsleute erwirkt hätten. Man schob überhaupt die ganze Schuld auf fremde Handwerksburschen, diese armen Teufel mußten jetzt alles auf ihre Schultern nehmen. Dies vermochte indessen nicht, die in Paris gefangenen Frankfurter Deputierten, unter denen auch einer vom Senat war, aus ihrer hochnotpeinlichen Lage zu befreien, was für den Augenblick das Wichtigste war, da sie in augenscheinlicher Lebensgefahr schwebten, denn man spielte ja in Frankreichs Hauptstadt um Köpfe wie um Dreier, und die Familien der Abgeordneten waren in unaufhörlicher Höllenangst, sahen in banger Verzweiflung jeden Tag der ankommenden Post entgegen, schreckliche Nachricht befürchtend, und gingen dem hochedlen Magistrat Tag und Nacht zu Leibe, damit er die baldigste Befreiung ihrer Angehörigen bewirken möge. Dies war eben keine leichte Aufgabe. Mein Großvater Weller hatte den Herren des Rats den Rat gegeben, man müsse schleunigst suchen, jemand ohne allen offiziellen Charakter ganz insgeheim und mit hinlänglichen Mitteln versehen nach Paris zu schicken, um das Terrain daselbst zu rekognoszieren, die Deputierten gehörig von allem zu unterrichten und von dem fatalen Vorfall und der Sachlage in Kenntnis zu setzen, sodann aber deren Befreiung um jeden Preis zu erwirken suchen. So einleuchtend es auch war, daß sich nur einzig von diesem Mittel einiger Erfolg erwarten ließ, so waren doch mehrere Hohlköpfe des hochgelahrten und wohlfürsichtigen Magistrats und selbst einer der wohlregierenden Bürgermeister dagegen und meinten, man müsse sich nicht in neue Fatalitäten verwickeln, sondern, da es doch einmal nicht anders sei, der Sache ihren Lauf lassen, das heißt, die armen Teufel zu Paris ihrem Schicksal überlassen. Glücklicherweise war der bessere Teil der Herren anderer Meinung und drang, jedoch nicht ohne einige derbe Kraftäußerungen und sogar Drohungen ausgestoßen zu haben, durch. So weit war man nun gekommen, aber wen absenden? Von den hochweisen Herren des Magistrats wollte sich keiner zu dieser Mission verstehen, sie liebten alle zu sehr, was unter ihren Perücken und Haarbeuteln vegetierte, es mochte auch noch so unnützes Unkraut sein. Alle hatten ihre triftigen Entschuldigungsgründe, die übrigens auch wohl vollgültig sein mochten. Die einen schützten ihr respektables Alter, fast alle ihre Unkenntnis der französischen Sprache vor, was bei den meisten auch der Wahrheit gemäß war, denn nur wenige der gebildeteren Klasse der Einwohner Frankfurts sprachen damals außer ihrer Muttersprache, dem abscheulichen Frankfurter-Deutsch, noch eine andere; höchstens warfen einige hochgelahrte Herren mit ein paar Brocken Küchenlatein um sich, mit dem freilich in Paris nichts anzufangen war. Mein Großvater, der die Verlegenheit, in der sich die guten Väter des Vaterlands befanden, sowie die traurige Lage, in der es sich selbst befand, erwog und sich zu Herzen nahm, sprach zu ihnen: „Ich bin zwar zu alt, kränklich und schwach“ – er hatte noch nicht lange einen Schlaganfall gehabt – „um die Reise nach Paris unternehmen zu können, sonst würde ich mich der Sache gern unterziehen, aber mein Sohn Fritz, das ist ein gewandter Bursche, spricht geläufig französisch, weiß sich zu drehen und zu wenden, der soll es wagen, nach dem Teufelsnest zu reisen, unsern armen Landsleuten Trost und wo möglich Rettung zu bringen.“