Mein Oheim Fritz zählte kaum einige zwanzig Jahre, bei jeder anderen Gelegenheit würden die hochweisen Herren (sie waren damals alle gepudert, und die meisten trugen Perücken) einen solchen Antrag unwirsch zurückgewiesen haben, aber hier galt es, seine Haut zu Markte zu tragen, und auch die Vorlautesten waren mäuschenstill. Nur einer unter ihnen, ein Schöffe, Wallacher, äußerte: „Da man doch niemand habe, der fähiger sei, so müsse man das Anerbieten des jungen Wellers wohl annehmen.“

Die Sache wurde nun noch in geheimer Sitzung verhandelt und beschlossen, daß mein Oheim ganz insgeheim nach Paris reisen solle. Auf sein Verlangen wurde ihm ein Paß von der Isenburger Regierung, um nicht als Frankfurter bezeichnet zu sein, in der Eigenschaft eines spekulierenden Buchhändlers ausgestellt, der sich in Privatgeschäften nach Paris begebe.

Als alles in gehöriger Ordnung und mein Oheim mit Geld, Wechseln und Empfehlungen reichlich versehen war, denn Gold durfte nicht gespart werden, wollte man die Kerkertüren sprengen, – reiste er ganz in der Stille ab, kam glücklich über die Grenze und ohne besondere Zufälle in der stürmischen Hauptstadt Frankreichs an, wo er vorgab, gekommen zu sein, um die merkwürdigsten Szenen der französischen Revolution an Ort und Stelle zeichnen lassen, die dann später in Kupfer für ein deutsches Werk gestochen werden sollten, das die Heldentaten dieser Revolution dem deutschen Volk recht anschaulich machen und dasselbe zur Nacheiferung aufmuntern werde. Dies war freilich nicht der Wille des Magistrats gewesen, aber mein Oheim fand es der Klugheit gemäß, so zu handeln, um jeden Argwohn zu entfernen. Indessen traf er auf manche große, nicht vorhergesehene Schwierigkeiten, doch bahnten ihm seine Empfehlungen, eigene Geschicklichkeit und vor allem der mitgebrachte goldene Talisman den Weg. Einmal lief er jedoch Gefahr, für einen Spion gehalten, als solcher verhaftet und folglich um einen Kopf kürzer gemacht zu werden, aber durch seine Geistesgegenwart wußte er sich im kritischsten Augenblicke aus der fatalen Lage zu ziehen. Er unterhielt sich nämlich eines Abends mit einem andern Deutschen in seiner Muttersprache über die neuesten Vorfälle der Revolution, wobei sie auch mehrmals die Worte: Monsieur und Graf Artois hatten fallen lassen. Ein Jakobiner aus dem Elsaß, der hinter ihnen drein gegangen war und einen Teil dieser Unterredung gehört hatte, schrie plötzlich: „Voila des espions autrichiens, qu’on les arrête.“ Mein Oheim dreht sich um und sieht, wie der Kerl auf ihn losspringt, um ihn zu packen, er gibt ihm jedoch einen gewaltigen Faustschlag auf die Brust, der Jakobiner prallt ein paar Schritte zurück, stolpert, stürzt, und mein Oheim wirft ihm jetzt schnell seinen Mantel über das Gesicht, aus allen Kräften „au voleur!“ schreiend. In einem Augenblick waren eine Menge Menschen um den Gefallenen versammelt, unter die sich der junge Weller sogleich mit seinem Begleiter mischte, sich gleich den anderen erkundigend, was da vorgehe, und dann, den Mantel im Stiche lassend, unbemerkt wegeilte, sich glücklich preisend, mit dem Verlust dieses Kleidungsstückes davon zu kommen. Aus einiger Entfernung durch die Schatten der Nacht begünstigt, sah er, wie der arme Teufel von Jakobiner, den die Menge festhielt, ihn wirklich für einen Dieb haltend, große Mühe hatte, sich zu rechtfertigen und den Leuten den wahren Hergang der Sache begreiflich zu machen, worauf sich alle nach dem vermeintlichen Aristokraten umsahen, den sie jedoch nicht mehr entdecken konnten.

Ein paar Tage nach seiner Ankunft zu Paris war es meinem Oheim gelungen, sich mit den gefangenen Deputierten, die einen rettenden Gott in ihm sahen, heimlich in Verbindung zu setzen. Man beriet sich gemeinschaftlich über die Art und Weise, wie ihre Befreiung zu bewirken sei, und nachdem der junge Mann das Terrain hinlänglich sondiert, gelang es ihm, einige einflußreiche Mitglieder des Konvents für sich zu gewinnen, das heißt, zu bestechen, indem er hier und da, wo es nötig war, mit aller Vorsicht seine goldenen Minen springen ließ, andere gewann er durch eine der Wahrheit gemäße einfache und einleuchtende Darstellung der Sache. Bei dieser Gelegenheit kam er auch mit Danton, Robespierre Camille Desmoulin, Vergniaud, Brissot und anderen berühmten Konventsmitgliedern in nähere Berührung. Das Unternehmen gelang über alle Erwartung, der Konvent verfügte die Freilassung der Verhafteten, und diese kamen gegen Ende Januar siebzehnhundertdreiundneunzig wieder glücklich und wohlbehalten mit ihren, sich jetzt wieder außer Gefahr befindenden Köpfen in Frankfurt an, während Ludwig XVI. unter der Zeit den seinigen durch das Beil des Henkers verlor. Die Geretteten konnten nicht genug rühmen, was der junge Weller für sie getan, und sie und deren Familien, unter denen auch die G...sche war, gaben ihm bei jeder Gelegenheit Beweise ihrer Erkenntlichkeit. Nachdem der schwierige Auftrag so glücklich vollzogen, hörte man von mehr als einer Seite, wenn des jungen Wellers lobend erwähnt wurde von manchen superklugen, hochweisen Lippen die Worte fallen:

„Mit solchen Mitteln versehen, gehörte eben keine große Kunst dazu!“

Mein Oheim hatte seinen Freunden und Verwandten mehrere hübsche Geschenke von Paris mitgebracht, darunter ein kostbares Porzellanservice, das der unglücklichen Maria Antoinette gehört und das er verstohlen um einen hohen Preis erstanden hatte.

Die Frankfurter Vorfälle hatten für niemand ersprießlichere Erfolge als für die französischen Gefangenen, die von jetzt an, so oft deren nach Frankfurt kamen, von der Stadt und ihren Bewohnern reichlich beschenkt und trefflich verköstigt wurden, was denn jedesmal in den Zeitungen gehörig ausposaunt ward, da man im Geiste schon wieder die französischen Heere und ihre erzürnten Krieger racheschnaubend vor den Stadttoren sah.

Die Nachricht von der Hinrichtung des unglücklichen Königs von Frankreich hatte einen höchst peinlichen Eindruck in Frankfurt sowie in ganz Deutschland gemacht, man wollte lange nicht an die Möglichkeit dieser Greueltat glauben und hatte Mühe, sich von der Wahrheit dieser Tatsache zu überreden, die man sich nur mit dem Ausdruck des Schmerzes und des Kummers mitteilte. Diese Begebenheit wandelte mehr als einen Demokraten zum Aristokraten um, sowie überhaupt der Gang und die Richtung, welche die Dinge in Frankreich nahmen, viele frühere Freunde der französischen Revolution zu deren erbitterten Feinden umschuf; von dem Glück einer Freiheit, die nur Mord, Raub, Brand, die blutigsten Greuel und scheußlichsten Würger hervorrief, konnte sich kein Mensch, der noch einen Funken gesunde Vernunft besaß, einen Begriff machen, dennoch behielt sie auch in Frankfurt manche Anhänger, und sogar in unserer Familie.

V.
Aufenthalt des Königs von Preußen und seiner Garde in Frankfurt. – Spielwut der Offiziere. – Ein Jude muß einen Wechsel fressen. – Eine Entführung. – Errichtung einer stehenden Bühne in Frankfurt. – Die erste Vorstellung der Zauberflöte erregt ungeheures Aufsehen. – Abermalige Belagerung Frankfurts (1796). – Die Stadt wird mit glühenden Kugeln beschossen. – Niederbrennen der Hälfte des Judenquartiers. – Frankfurter Zustände jener Zeit. – Meine schöne Cousine. – Eine Scheidung. – Eine Hochzeitsreise mit Unannehmlichkeiten in Stuttgart.

Die fortdauernde Gegenwart des Königs von Preußen, der den ganzen Winter in Frankfurt zubrachte, und seiner Garde machte doch, daß die Furcht der ängstlichen Gemüter der guten Reichsstädter vor den Franzosen und ihren Drohungen sich allmählich verlor, wozu das joviale Leben und galante Benehmen der Preußen nicht wenig beitrug, und bald machten die Besorgnisse dem Vergnügen Platz. Den gefallenen Hessen wurde auf Befehl Friedrich Wilhelms II. ein Denkmal vor dem Friedberger Tor errichtet, zu dem sein Hofbaumeister Langhans das Modell lieferte, und welches trotz der, als alles zerstörende Vandalen verrufenen, Franzosen, die es im Laufe der Revolutionskriege unversehrt ließen und achteten, noch jetzt steht.