Seine preußische Majestät gefiel sich sehr in Frankfurt und war den Einwohnern ein überaus liebreicher Herr, besonders den Damen, von denen ihn manche nur „unsern lieben, dicken Wilhelm“ nannte, denn der König verschwendete viel, sehr viel Geld, war äußerst freigebig und machte allen denen, die sich seiner Aufmerksamkeit und seiner Huld zu erfreuen hatten, reiche Geschenke. Diesem Beispiel folgten auch seine Untergebenen, namentlich zeichnete sich das Offizierkorps der Garden, das seinem Herrn keine Schande machen wollte, durch Großmut, Freigebigkeit und galantes Benehmen aus. So kamen abermals große Summen zur Bereicherung der Einwohner Frankfurts in Umlauf. Besonders aber waren die Herren gewaltige Spielratzen, und in den größeren Gasthöfen wurden die Hazardspiele, namentlich Pharao, welches die Offiziere, meistens vermögende Edelleute, leidenschaftlich liebten, auf eine furchtbare Höhe getrieben. Diese Leidenschaft der preußischen Marssöhne wußten mehrere Spieler von Profession trefflich auszubeuten, unter ihnen waren namentlich ein verabschiedeter hessischer Oberst von Willich, der in Bockenheim wohnte, ein gewisser Kohl, ein Frankfurter Bäckerssohn, der eine sehr hübsche Frau hatte, die bei verschiedenen Spielen pointierte, ein anderer Gauner namens Gimpel und so weiter, die sich alle in kurzer Zeit ein großes Vermögen erspielten, von denen jedoch die meisten später wieder in bittere Armut gerieten, ja wohl in Spitälern Unterkunft suchen mußten. Diese Spielsucht der preußischen Offiziere kam nebst den sauberen Bankhaltern keinem mehr zu statten als den Frankfurter Juden, welche den Herren oft und gerne aus augenblicklichen Geldverlegenheiten halfen und dafür so generös belohnt wurden, daß sie nicht selten Hundert vom Hundert in wenig Wochen erhielten. Ein komischer Vorfall, der sich damals mit einem der berüchtigtsten Gurgelschneider in Frankfurt zutrug, durch ein solches Darlehen hervorgerufen wurde und die ganze Stadt außerordentlich belustigte, verdient, daß ich ihn hier mitteile, um so mehr, da die Sache in dem Hause meines Großvaters vorging. Derselbe hatte nämlich einen Major und einen Leutnant von der Garde im Quartier. Beide waren sehr artige, feine Leute, die man im Hause gerne sah; der Leutnant aber, ein Herr Baron von D..., war ein Wüstling, der selten zu Tische kam, oft ganze Nächte wegblieb, die er größtenteils am Pharaotisch des Herrn von Willich zubrachte. So bedeutende Summen und Wechsel der junge Mann auch jeden Monat von Haus erhielt, er war der Sohn eines sehr reichen pommerschen Edelmannes, so waren seine Taschen doch in der Regel leer, und mit größerer Sehnsucht als er selbst warteten die Frankfurter Juden auf seine Berliner Wechsel, die selten ausreichten, die gemachten Darlehen zu decken; da er auch nicht sehr pünktlich im Bezahlen war, so wurden die Kinder Israels hinsichtlich seiner etwas schwieriger, und er mußte ihnen noch höhere Zinsen bezahlen. Ein gewisser Samuel Rapp war damals als einer der Hauptnothelfer des königlich preußischen Offizierkorps bekannt, an diesen wandte sich nun unser Leutnant, als er einmal wieder ganz im Trockenen saß, und ließ den Juden durch seinen Burschen rufen. Rapp kam, stellte sich jedoch äußerst schwierig, willigte aber endlich ein, fünfzig Friedrichsdor auf vier Wochen vorzuschießen, jedoch unter der Bedingung, daß ihm der Offizier hundert verschreibe und einen Wechsel ausstelle, in welchem Herr von D... sich durch sein Ehrenwort verpflichtete, die hundert dargeliehenen Friedrichsdor an dem bestimmten Tage zurückzuzahlen, da, wie bekannt, gegen das Militär kein Wechselrecht gültig und ebensowenig eine Zivilklage angebracht werden konnte. D... ging die Bedingung ein und erhielt die fünfzig Friedrichsdor bar; der Jude hatte ihm zwar für einen Teil des Geldes mancherlei Ware, unter anderm auch eine Partie Katzenfelle zu einem hohen Preis aufschmusen wollen, worauf sich der Offizier aber nicht einließ, indem er sagte: „Die hält mir kein Bankier.“ Die Verfallzeit des ausgestellten Wechsels rückte heran, und der Leutnant hatte kein Geld; er hatte zwar während der Zeit wieder einen Wechsel von Haus erhalten, aber die Coeur-, Treff- und andere Damen sowie Buben und so weiter hatten es längst verschlungen, auch hatte er ein paar andere Juden, die ihm früher geliehen und ihn gequält, bezahlt. Als nun der unglückliche Zahlungstermin herangekommen war, erschien Samuel schon in aller Frühe und präsentierte seinen Wechsel zum Einkassieren auf des Leutnants Stube, der jedoch zur Antwort gab:
„Schmul, ich kann Euch nicht helfen, Ihr müßt mir Frist geben, meine Wechsel sind ausgeblieben.“
„Gottswunder, Herr Barohn, was tu ich domit, ich brach mei Geld, ich kann net warte, ich hab’ druf gerächent, ich muß doch ach heind zahle.“
„Seid vernünftig, ich habe viel Unglück gehabt und gestern nach Haus geschrieben, in spätestens acht Tagen erhalte ich neue Wechsel.“
„Ich kann net, Herr Barohn, ich kann net warte, ich muß mei Geld hawe, ich muß es heind hawe, ich muß es gleich hawe, ich muß ach bezahle.“
„Wenn ich nun aber keines habe, ich kann doch keines aus der Erde stampfen oder Dukaten aus dem Aermel schütteln, gedulde dich nur acht Tage.“
„Nah, ich kann net, kah acht Stunne, kah acht Minute, ich muß mei Geld hawe, ’s is heind der Zahltag, un ich muß ach zahle.“
„Höre, Jude, wie viel muß ich dir zahlen, wenn du noch acht Tage Frist gibst?“
„Nix, gar nix, denn ich kann kahn Frist gewe, und ich kann ach net warte.“
„So scher dich zum Teufel, denn ich habe nun einmal kein Geld.“