Bald hatte ich alle Schönheiten, es hat deren wirklich nicht gewöhnliche, und Merkwürdigkeiten Homburgs kennen gelernt, denn ich hatte ja einen gar lieben Führer. Die Lage dieser Stadt ist in der Tat wunderlieblich, und mit vollem Recht sagt der Dichter:

Wie lächelt mir so freundlich und so mild,

Wenn ich hinunter in den Osten sehe,

Mit weißem Turm und lieblichem Gefild

Das Badeörtchen Homburg vor der Höhe.[6]

Die Stadt, die damals ungefähr dreitausend Einwohner zählte, liegt am Fuß des Taunus, drei kleine Stunden von Frankfurt, und ist die Residenz des Landgrafen von Homburg, der hier ein geräumiges Schloß hat. Die Einwohner waren gewerbsame, fleißige, brave und sehr genügsame Leute, die bei aller Dürftigkeit doch eine glückliche Zufriedenheit besaßen und ihrem Landesfürsten, dem damaligen Landgrafen Friedrich V., einem Ehrenmann im vollen Sinne des Worts und trefflichem Fürsten, mit unbegrenzter Liebe und Hochachtung ergeben waren. Die Umgebungen Homburgs sind pittoresk und reizend, namentlich die herrlichen Waldpartien. Der Schloßgarten, halb im altfranzösischen, halb im englischen Geschmack angelegt, die Anlagen jenseits des großen Teiches in demselben, der große und kleine Tannenwald, die hohe Pappelallee, die zu beiden führt, und so weiter bieten die herrlichsten Spaziergänge ganz in der Nähe. Namentlich war der kaum eine Viertelstunde von der Stadt entfernte kleine Tannenwald, ein Park mit mannigfaltigen Anlagen, ein reizender Aufenthalt, in dem sich äußerst geschmackvolle Anlagen mit japanesischen Häusern, Grotten, dunklen Bogengängen und so weiter befanden, nebst einem großen Teich, in dessen Mitte eine kleine Roseninsel lag, aus deren Gebüsch eine Tempelkolonnade malerisch hervorragte. Diese stille, von der ganzen übrigen Welt abgeschieden scheinende Insel machte, als ich sie zum erstenmal betrat, einen unbeschreiblichen Eindruck auf mein junges, wenn auch nicht mehr sehr unschuldiges Gemüt; eine Brücke führte auf dieselbe zu der von einer Kolonnade umgebenen Rotunde; es war schon in der Abenddämmerung, als ich an Jettchens Hand diesen Ort betrat. Die tiefe feierliche Stille, die hier herrschte, nur von dem Gezwitscher einiger Vögel unterbrochen, erfüllte mich mit einem namenlosen, fast heiligen Schauer, noch nie gehabte Empfindungen bemächtigten sich meines sonst eben nicht zur Schwärmerei geneigten Gemütes, und ich glaubte mich in eines jener Feengefilde versetzt, die man mir in lieblichen Märchen so oft geschildert hatte. Lange hielt ich fast atemlos meine liebliche Führerin umschlungen, und nur die sich durch Geschrei verkündende Ankunft ihrer Schwestern weckte uns aus dem seligen Vergessen unserer selbst. Indessen sollten diese Insel und der kleine Tannenwald mit seinen Grotten, Lauben und so weiter noch gar manchmal Zeugen unserer eben nicht mehr ganz kindischen Liebe sein.

Friedrich V., der an der Regierung war, als ich in die Pension nach Homburg kam, war, wie ich schon erwähnt, von seinen Untertanen angebetet und wie ein Vater geliebt, es war ein wahrhaft patriarchalisches Verhältnis zwischen ihm und seinem Volke, und er förderte, so sehr es nur immer die Umstände gestatteten, das Wohl seines Landes. Achtzehn Jahre alt, hatte er die Regierung angetreten und im einundzwanzigsten sich mit einer Tochter Ludwigs IX., Landgrafen von Hessen-Darmstadt, vermählt, einer liebenswürdigen und sehr geistreichen, aber stolzen Prinzessin, die jedoch ihre großen Schwächen hatte und den kleinen Hof auf einen sehr großen Fuß eingerichtet haben wollte. Da gab es alle möglichen Hofchargen, ein Geheimer Rat von Saint-Clair war dirigierender Minister, da gab es einen Oberhofmarschall von Kickebusch, einen Oberstallmeister von Reizenstein, einen Oberforstmeister von Brandenstein; ein französischer Abbé, Herr de Roque, war Oberhofmeister der Prinzen, ein paar alte Hofdamen, von denen die eine schief, die andere buckelig, von Donop und von Ziegler, waren die Schönheiten am Hof. Ein Hauptmann von B... war so eine Art von Oberküchenmeister und zugleich Generalissimus der Homburger Armee, die aus ungefähr siebzig Invaliden bestand, von denen der jüngste hoch in den Fünfzigern war und die der Hoffurier kommandierte und exerzierte, fast alle waren mit Brüchen oder anderen Leibschäden behaftet, zwanzig davon trugen Bärenmützen und stellten Grenadiere vor, die anderen fünfzig waren Musketiere, sie trugen noch eine Uniform wie zur Zeit des siebenjährigen Kriegs. Alle die Regierungs- und Hofchargen wohnten weit ärmlicher als ein Frankfurter Handwerksmann und waren noch viel schlechter bezahlt als der Kommis eines gewöhnlichen Kaufmanns; aber alle diese Chargen sowie die Geistlichen hatten die Ehre, häufig und besonders Sonntags zur landgräflichen Tafel gezogen zu werden.

Da ich alles schnell auffaßte und begriff, ja fast leidenschaftlich betrieb, nur zum Zeichnen fehlte es mir an der nötigen Geduld, so ließ mir Breidenstein weit mehr Freiheit als den übrigen Zöglingen.

Fast alle meine Mußestunden, und ich hatte deren ziemlich viele, brachte ich bei Scholzens zu, die zu jener Zeit auch die einzigen waren, die in Homburg ein Haus machten, und obgleich es nach der Scheidung meiner Tante und unter der repräsentierenden Frau Bönig bei weitem nicht mehr den früheren Glanz hatte, so fanden sich doch alle Honoratioren durch eine Einladung in dasselbe geehrt und freuten sich auf die Leckerbissen, die da gespendet wurden und eine Abwechslung in ihre gewöhnlich sehr magere Hausmannskost brachten.

Leider gab es in dem Scholzeschen Hause einen komisch-unangenehmen Auftritt, in den ich mit verwickelt oder vielmehr zu dem ich die mittelbare Veranlassung war. Seit kurzem hatte sich unser Institut durch zwei junge Engländer, Atkinson und Edwards, vermehrt, von denen der erste siebzehn und der andere achtzehn Jahre alt war; sie sollten die deutsche Sprache erlernen. Diese beiden jungen Leute hatten sich in zwei von meinen Cousinen verliebt, die sie aber nur selten sahen und noch weniger sprechen konnten, da diese kein Englisch und jene noch zu wenig Deutsch verstanden, einstweilen aber suchten sie sich durch allerlei Geschenke bei den Mädchen zu insinuieren und erzeigten mir die Ehre, mich zum Überbringer derselben und so zu ihrem Postillon d’amour zu machen. Die beiden jungen Leute waren immer reichlich mit Taschengeldern versehen, und bald waren es seidene Strümpfe mit roten Zwickeln, die sie dutzendweise kauften, ostindische Foulards, Spitzen, kostbare Bänder und dergleichen, welche ich den Mädchen in ihrem Namen brachte, wozu ich mich in aller Unschuld um so lieber hergab, da diese Engländer auch gegen mich sehr freigebig waren und mir namentlich auf den Homburger Jahrmärkten alle möglichen Spielereien kauften. Ich teilte nun diese Sachen nach Gutdünken heimlich an meine vier Cousinen aus, wobei ich natürlich Jettchen immer am besten bedachte. Die jungen Gänschen nahmen alles, jedoch mit Zittern und Zagen an, denn sie fürchteten, daß Madame Bönig oder ihr Vater dahinter kommen könnten, und versteckten die Geschenke, die manchmal auch mit kleinen englischen Gedichten und Briefchen mit Goldschnitt begleitet waren, in die Strohsäcke ihrer Betten, wo sie sie am sichersten vor den Argusaugen der Gouvernante verwahrt glaubten, denn ihre Kommoden und Schränke wurden von Zeit zu Zeit von derselben inspiziert und visitiert. Schon waren sie im Besitz einer ziemlichen Quantität solcher Schätze, als Frau Bönig eines Tages zufällig beim Bettmachen ein Paar Handschuhe aus einem Strohsack fallen sah, die das Bettmädchen, die in dem Geheimnis war und so wie alles Gesinde die despotische Gouvernante verabscheute, schnell wieder hineinstopfen wollte; aber zu spät, die Dame fiel über den Strohsack her und fand den ganzen darin verborgenen Plunder. Zornentglüht rief sie nun Vater Scholze, welcher sich nicht weniger über den unvermuteten Fund wunderte; man untersuchte nun auch die drei andern Strohsäcke und fand sie mit gleicher Ware angefüllt. Auf der Stelle ward ein peinliches Verhör und strenge Untersuchung angestellt, die erschrockenen Mädchen bekannten und gestanden, daß ich der Überbringer dieser Dinge gewesen. Man ließ mich sogleich holen, und als ich in das Schlafzimmer meiner Cousinen trat und die schönen Sachen, wie in einem Laden, alle auf den Betten ausgebreitet sah, erschrak ich nicht wenig und erblaßte. Frau Bönig schnauzte mich an, mein Oheim zankte, und ich begriff wohl, daß hier kein Leugnen mehr helfen würde, und sagte ebenfalls mein pater peccavi. Man packte nun alle diese schönen Dinge zusammen, es gab einen ziemlich dicken Pack, und schickte sie durch einen Bedienten mit mir zu Breidenstein, wo mich ein neues Donnerwetter erwartete und mir verkündet wurde, daß, wenn ich mich noch einmal unterfinge, der Überbringer solcher Geschenke zu sein, ich das Haus meines Oheims nicht wieder betreten dürfe.