Im Herzogtum Württemberg war wie in noch anderen Ländern des seligen deutschen Reichs die Verordnung, daß man vor jeder Schildwache ehrerbietigst den Hut abzuziehen habe, da sie den Souverän selbst repräsentiere, obgleich dieser Stellvertreter der allerhöchsten Person nicht selten, vom Posten abgelöst, wegen eines fehlenden Gamaschenknopfs Fünfundzwanzig oder gar Fünfzig, von zwei Gefreiten oder Korporalen aufgezählt, öffentlich erhielt. Einige Stunden nach ihrer Ankunft in der herzoglichen Residenz wollten sie die Merkwürdigkeiten derselben besehen und gingen an der Schloßwache vorüber, ohne der Schildwache daselbst den gehörigen Respekt zu erweisen. Kaum hatten sie ein paar Schritte weiter getan, als ihnen ein zornentglühtes, kupferrotes Fähnrichsgesicht nacheilte und mit einer fast heiseren Fuselstimme zurief: „Wollt ihr gleich still stehen, ihr Flegel! Wer seid ihr, wo seid ihr her, wißt ihr nicht, daß ihr die Schildwache salutieren sollt? Ich will euch lehren, die Deckel von den Dickköpfen herunterzunehmen, ich werd’ euch arretieren, die Schildwache, die statt dem Herzog hier steht, hätte euch die Kolben in die Rippen stoßen sollen. – Gefreiter, löst gleich den Esel ab und stellt einen andern für den Herzog hin, der Kerl muß fünfzig auf den A... haben.“ Und so ging das Gebrüll des Fähnrichs noch eine halbe Stunde fort, während sein langer Zopf den Takt dazu an seinem breiten Rücken schlug, was sich recht possierlich ausnahm. Bald hatte sich eine Menge Leute um die Wache versammelt, und Scholze und seine arme Frau befanden sich in der peinlichsten Lage, ja letztere war einer Ohnmacht nahe. Vergeblich bemühte sich mein Vater, der das Paar begleitete, dem furchtbaren Stock- und Zopfhelden begreiflich zu machen, daß sie als Fremde und Reichsstädter, wo man dergleichen nicht kenne, von dieser Verordnung nicht unterrichtet sein könnten und folglich in aller Unschuld gesündigt hätten. Der Fähnrich aber schrie und tobte nur um so ärger, er wollte von der Gelegenheit profitieren, seine Autorität einmal zeigen zu können, und als sich einige Umstehende der Fremden annahmen und sie entschuldigten, befahl er dem Korporal, ‚das Gesindel‘ mit Kolbenstößen auseinander zu treiben, was dieser auch sogleich vollzog.

Scholze eilte nun mit seiner zitternden Gattin und seinem Schwager nach dem Gasthof zurück und teilte dem Wirt den Vorfall und zugleich die Erklärung mit, daß er noch heute, sobald sich seine Frau etwas erholt haben würde, weiterreisen und von den Stuttgarter Herrlichkeiten nichts mehr sehen wolle, womit dem ehrlichen Gastgeber jedoch nicht gedient war. Die Reisenden, die mit Extrapost vierspännig angekommen waren und erklärt hatten, einige Tage in der herzoglichen Residenz verweilen zu wollen, hatten ihm eine gute Zeche versprochen, und er bot alle seine Beredtsamkeit auf, sie anderen Sinnes zu machen. Mein Vater hatte sich indessen nach dem Namen des wachthabenden Fähnrichs erkundigt und erfahren, daß sich derselbe Kreischhuhn nenne und ein durch seine Rohheit, aufgeblasene Plumpheit und krasse Unwissenheit berüchtigtes Subjekt sei, das er sich nun zu züchtigen vornahm.

Die Reisenden fuhren indessen noch denselben Abend nach Ulm ab zum großen Verdruß des Wirtes, der verdrießlich seinen Abendgästen diese Begebenheit mitteilte, so daß die Sache sogar zu den allerhöchsten Ohren des Herzogs kam und Kreischhuhn einen Verweis erhielt. Nicht so gelinde aber kam das Bürschchen von seiten der Beleidigten weg. Scholze wollte zwar die Geschichte auf sich beruhen lassen und meinte, mein Vater solle es dabei bewenden lassen; dieser jedoch, einundzwanzig Jahre alt, im vollen Jugendfeuer, war nicht so friedlich gesinnt und schrieb ohne Wissen seines Schwagers einen derben Brief an den Fähnrich Kreischhuhn, in dem er es an Beleidigungen nicht fehlen ließ und der mit einer förmlichen Herausforderung schloß. Die Antwort lautete ganz trocken: ‚Da Herr Fröhlich nicht von Adel sei, so könne man sich auch nicht mit ihm schlagen.‘ Diese dumme Feigheit brachte meinen Vater noch mehr auf, der den ganzen Hergang der Sache an einer öffentlichen Wirtstafel in Ulm erzählte und an den Herzog selbst schreiben wollte. Zufälligerweise befand sich ein französischer Rittmeister, ein geborner Elsässer, bei Tische, den die Sache so empörte und den vielleicht auch die schöne Frau, der man so arg mitgespielt hatte, interessierte, daß er nach beendigtem Mahl zu Scholze ging und zu diesem sagte, er wolle ihm, bevor zweimal vierundzwanzig Stunden vergingen, eklatante Satisfaktion verschaffen. Scholze wollte durchaus nichts davon hören, sein Schwager und seine Frau unterstützten jedoch die Absichten des Rittmeisters, und nach einigem Hin- und Herreden kam man überein, daß mein Vater in Begleitung dieses Offiziers nach Stuttgart zurückfahren und Scholze deren Rückkehr in Ulm abwarten solle. In Stuttgart suchte der französische Rittmeister, ein Graf Caguenek, den Fähnrich auf der Wachtparade auf, nahm ihn auf die Seite, teilte ihm seinen Namen und Stand sowie die Absicht seines Hierseins mit und lud ihn ein, nach der Parade sogleich einen Gang mit ihm zu machen, um ein paar Kugeln zu wechseln. Held Kreischhuhn wurde bleich, stammelte etwas von Dienstpflicht, worauf der Rittmeister jedoch nicht hörte und ihm ziemlich laut und vernehmbar sagte: „In einer Viertelstunde erwarte ich Sie unfehlbar in dem Bopserwäldchen, verfehlen Sie nicht, sich mit einem Sekundanten einzufinden, wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie öffentlich beschimpfen und also dienstunfähig machen soll.“ Kreischhuhn fand sich, jedoch ohne Sekundanten, mit etwas unsicheren Tritten und verstörter Miene wirklich auf dem bezeichneten Platz ein, nur mit seinem Degen bewaffnet, der jedoch noch kein Blut gesehen, sondern nur auf den Rücken armer Soldaten herumgetanzt hatte. Er traf den Rittmeister schon in Gesellschaft meines Vaters nebst einem Wundarzt an. „Wie, Herr Fähnrich, ohne Sekundant?“ rief ihm der erstere entgegen. – „Die Eile hat mich verhindert,“ stotterte der zitternde Held. – „Ohne Sekundant können Sie sich doch nicht schlagen – Sie dauern mich – ich merke wohl, daß Sie ebenso wenig ein Freund von Taten sind, als ich von viel Worten. Hier mein Ultimatum: Bereuen Sie Ihr Benehmen, so geben Sie mir deshalb eine schriftliche Erklärung, in welcher Sie die schwer beleidigten hochachtbaren Personen um Vergebung bitten, wo nicht, so müssen Sie sich mit mir schlagen.“ – Der Fähnrich stammelte nun, daß es durchaus nicht seine Absicht gewesen, die respektabeln Fremden im mindesten zu beleidigen, strenge Order und Mißverständnis hätten diese Unannehmlichkeit veranlaßt, und zeigte sich bereit, die geforderte Erklärung zu geben, die er auch sofort in den demütigsten Ausdrücken, wie sie ihm der Rittmeister diktierte, nieder- und unterschrieb und dabei die ihm eigene Orthographie beobachtete. Man trennte sich nun friedlich, mein Vater und der Rittmeister eilten nach Ulm zurück, wo Scholze und seine Frau ängstlich ihrer harrten und nach Berichterstattung dessen, was vorgefallen, sowie über die schriftliche Erklärung herzlich lachten.

Nachdem Frau Scholze geschieden, lebte sie mit dem General de Rade, der die Ursache der Scheidung war und jetzt einen Gesandtschaftsposten in Hessen-Kassel bekleidete. Unglücklicherweise war der Gesandte verheiratet, und seine rechtmäßige Gattin hielt sich zu Paris auf. Da sie eine kränkliche Frau war, so hatte er seiner Geliebten versprochen, da er nicht geschieden werden konnte, sie gleich nach dem Tode jener zu ehelichen. Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt, der General starb nach ein paar Jahren, vor seiner Gemahlin, Frau Scholze kehrte nach Frankfurt zurück, wo sie bald darauf einen der berühmtesten Advokaten der Stadt, einen Doktor Feierlein, der ihren Scheidungsprozeß geführt hatte, heiratete.

Mein Hauslehrer Jung hatte durch die Verwendung meines Großvaters Weller eine Pfarrei im Hessischen erhalten, und man schickte mich nun in das damals in Frankfurt blühende Kemmetrische Institut zur weiteren Ausbildung meiner Kenntnisse, die eben noch nicht weit her waren. Aber bald fand man, daß dieses für meine Anlagen von gar mancherlei Art nicht genüge, und auf Anraten meines Oheims Scholze kam man überein, mich zu einem jungen Geistlichen namens Breidenstein, der soeben ein vielversprechendes Erziehungsinstitut in Homburg vor der Höhe errichtete und dem Scholze sehr wohl wollte, in Pension zu geben. – Als mir dies eröffnet wurde, war ich hoch erfreut, denn Cousinchen Henriette war ja zu Homburg, ich hoffte sie täglich zu sehen und sprang wie besessen herum, einmal über das anderemal ausrufend: „Ach, das ist schön, das ist charmant!“ –

VI.
Das Institut zu Homburg vor der Höhe. – Die Flegeljahre. – Homburg und seine Umgebungen. – Der Hof. – Eine Schweinsjagd im Schloßgarten und eine Schildwache im Teich. – Eine kaiserliche Stecknadel.

Als der zur Abreise bestimmte Tag herangekommen war, holte mich mein neuer Lehrer selbst ab; ich folgte ihm willig und gern und verließ das väterliche Haus, in dem ich doch so manche Kinderfreuden genossen, ohne großes Leidwesen, denn Homburg hatte einen Magnet, dessen Anziehungskraft mich alles andere vergessen machte. Pfarrer Breidenstein war ein noch ganz junger und lebhafter Mann, der, noch unverheiratet, bei einem alten Schullehrer wohnte, dessen Frau die Wartung der Zöglinge übernehmen sollte. Als ich zu ihm kam, war ich der erste, der bei ihm wohnte, die übrigen, sieben bis acht an der Zahl, waren Kinder aus Homburger Familien, die nur am Tage teil an dem Unterricht nahmen.

Außer meinem Oheim Scholze, den ich noch den Abend nach meiner Ankunft besuchte, hatte ich noch einen Großoheim zu Homburg, der lutherischer Oberpfarrer daselbst war. Meine Eltern hatten lange geschwankt, ob sie mich nicht diesem braven Mann anvertrauen sollten, doch war man in der Familie dagegen, indem man denselben als zu ernst und zu streng für die Erziehung eines so lebhaften Knaben wie ich schilderte, und entschied sich für Breidenstein, obgleich derselbe der reformierten Religion zugetan, während unsere ganze Familie lutherisch war, weshalb manche unserer Basen einen Anstand nahmen und dies für eine gottlose und sündhafte Handlung hielten. Die beiden Konfessionen standen sich damals, besonders in Frankfurt, noch fast feindlich gegenüber. Ein Reformierter konnte ebenso wenig wie ein Katholik oder ein Jude in den Senat gelangen oder ein Amt zu Frankfurt bekleiden, und die Reformierten mußten in dem hessischen Ort Bockenheim ihren Gottesdienst halten. Später erlaubte man ihnen Bethäuser, aber ohne Türme, in Frankfurt. Bei diesem Lehrer nun hatte ich mich fast unbegrenzter Freiheit zu erfreuen und war außerhalb der Unterrichtsstunden so ziemlich ohne alle Aufsicht, denn des Schulmeisters Frau, die eine solche über mich üben sollte, achtete ich nicht, und sie traute sich auch nicht, mir etwas zu wehren. Ich benutzte nun diese Freiheit in vollem Maß und zum großen Verdruß meines Oheims, des Oberpfarrers, dem ich auf allen seinen Wegen begegnete, der sich aber jedes Verweises enthielt, damit es nicht scheinen möge, als fände er sich zurückgesetzt, daß man mich lieber einem Fremden als ihm anvertraut habe. Obgleich Breidenstein ein Lebemann war, so hoffte man doch, er würde meine überschäumende Lebhaftigkeit und frühzeitige Entwicklung wohl zu zügeln wissen; dies war aber nicht der Fall, und ich lernte bei ihm, was ich eben lernen wollte. Wie wir gesehen, hatten sich bei mir allerlei Eigenschaften und Talenten besonderer Art weit früher entwickelt, als dies bei anderen Menschenkindern gewöhnlich der Fall ist, und so traten denn auch die sogenannten Flegeljahre viel früher als bei anderen Jungen bei mir ein.

Es war im Frühjahr, als meine Versetzung nach Homburg stattfand, die Wiesen prangten mit den buntesten Blumenteppichen, auf den Feldern schossen alle Pflanzen auf das üppigste empor, Bäume und Wälder waren mit dem frischesten Grün bedeckt, und mir war es vergönnt, jeden Abend an Jettchens Hand durch Fluren, Auen und Wälder zu wandeln. Das Scholzesche Haus war meine zweite Heimat, ja ich war fast mehr in diesem als bei Breidenstein. Jeden Abend aß ich da zu Nacht, und an Sonn- und Feiertagen war ich ohnehin ein für allemal auf den ganzen Tag geladen.

Die französische Gouvernante hatte fast zu gleicher Zeit mit ihrer Herrin das Haus verlassen müssen, man hatte sie im Verdacht des Einverständnisses mit den Intrigen ihrer Gebieterin. Eine gewisse Frau Bönig hatte ihre Stelle vertreten und stand der Erziehung der vier Mädchen vor; sie war schon in etwas gesetzteren Jahren, mehrere dreißig, und hatte sich bei Herrn Scholze fest einzunisten gewußt, wurde aber von den Kindern und dem Gesinde nicht mit Unrecht gehaßt.