Mit Sonnenuntergang wurden jeden Abend die Stadttore geschlossen und die Schlüssel zu einem der wohlregierenden Bürgermeister in Verwahrung gebracht, ohne deren großgünstige Bewilligung niemand mehr aus- und einpassieren durfte. Aber nicht allein die leblosen Gegenstände waren es, die an barbarische Zeiten erinnerten, sondern die Menschheit entehrende Züchtigungen, an Lebenden verübt, taten dies noch weit mehr. Das Halseisenstehen am Römer, dem Versammlungshaus des Magistrats, besonders von liederlichen Dirnen, war etwas Alltägliches, wobei die liebe Jugend ihr wahres Gaudium hatte; die aus aller Welt zusammengeworbenen Stadtsoldaten wurden vor der Hauptwache täglich geprügelt oder liefen Spießruten, mußten einen vor derselben stehenden hohen Esel besteigen und mehrere Stunden unter dem Hohn der Vorübergehenden und des Pöbels auf dessen scharfem Rücken reiten, und zwar wegen des geringsten Vergehens, wenn sie zum Beispiel vor einem Senator, den sie nicht erkannt, das Gewehr nicht präsentiert hatten! Das Ärgste war indessen, daß, wenn in dem Zuchthaus Verbrecher in den sogenannten spanischen Bock gespannt wurden, eine Art Zwangsstuhl, wodurch den Sträflingen Hals, Arme, Hände und Füße so eingezwängt wurden, daß jede Bewegung unmöglich war, und sie dann in dieser Lage eine schwere Tracht Prügel auf den Podex erhielten, jedesmal die armen Waisenkinder herbeigeholt wurden, um diese Exekution mit anzusehen!!!
Noch einige Zeit nach dem Bombardement blieben wir Kinder in dem großväterlichen Hause in der Buchgasse, wo wir uns wohl befanden, recht artige Nachbarskinder zu Gespielen hatten, und bald hatte ich ein kleines Liebhabertheater organisiert, wobei ein niedliches Mädchen, Evchen, die Tochter eines Faktors, die Hauptrolle spielte. Die Aufführungen selbst fanden auf dem Boden des gegenüberwohnenden Bankiers Wanzel statt, während ich die Privatproben zwischen Eva und mir in der stillen Puderkammer meiner Großmutter hielt. Stundenlang probierten wir die heimliche Zusammenkunft Ludwig des Springers mit Adelheide von Stade. Endlich mußten wir zu meinem großen Bedauern wieder in das elterliche Haus, in das Goldene Schiff zurückkehren, das indessen doch auch nicht ganz freudenleer war und mir bald der Freuden mancherlei bringen sollte. Einstweilen wurde ich der kleine Geliebte eines hübschen Nähmädchens, das mich in besondere Affektion und statt zu nähen gar zu gerne auf seinen Schoß nahm, mich herzte und drückte und dabei meine Hände unter seinem Busentuch wärmte, auch sonst allerlei mit mir vornahm. Die Abende brachte ich meistens allein und ohne alle Furcht in der Gespensterstube, die sehr abgelegen im zweiten Stock unseres Hauses war, mit ihr zu und war ein gelehriger Schüler unter Amors Fahne.
Indessen hieß es nun bald: genug gespielt, man nahm mich aus der Mädchenschule und gab mir einen Kandidaten Jung zum Hauslehrer. Lesen und etwas Schreiben hatte ich schon gelernt, nun aber wurde ich mit den Anfangsgründen der lateinischen Grammatik, der Arithmetik und andern sehr trockenen Studien geplagt, die mir wenig zusagten, dagegen sprachen mich Erdbeschreibung und Geschichte, die mir Jung erzählend beibrachte, weit mehr an, auch das Französische, das mich eine Dame lehrte, fiel mir nicht schwer. Vor allem aber war es die Musik, in der ich die meisten, für mein Alter selbst auffallenden Fortschritte machte und bald spielte ich alle beliebten Opernmelodien, Tänze und Märsche auf dem Klavier nach dem Gehör.
Eines Nachmittags, als ich mich gerade bei meinen Großeltern väterlicherseits, die dasselbe Haus mit uns bewohnten, befand, sagte mir meine Großmutter Fröhlich, einen Brief in der Hand haltend: „Freue dich, lieber Ferdinand, morgen kommen deine Cousinen von Kreuznach,“ und schilderte mir diese beiden älteren Töchter Scholzens, die ich nur als ganz kleines Kind gesehen und deren ich mich durchaus nicht mehr erinnerte, auf eine Art und Weise, die meine Neugierde und Erwartung aufs höchste steigerte. Namentlich war es Henriette, das ältere Mädchen, deren Liebenswürdigkeit und Schönheit sie mir nicht genug preisen konnte. „Sie werden die Messe über bei uns bleiben,“ setzte sie hinzu, „und vielleicht für immer, denn ich werde ihrem Vater raten, sie zu den englischen Fräulein in Pension zu schicken.“ Der von mir so sehnsüchtig erwartete andere Tag kam heran, mit ihm Oheim und Tante Scholze von Homburg, bald darauf fuhr ein zweiter Wagen vor, dem zwei junge Mädchen mit einer schon ältlichen Dame entstiegen, die gleich darauf in das Wohnzimmer traten, wo ein herzliches Bewillkommnen gar kein Ende nehmen wollte. Ich aber konnte mich nicht satt an der schönen schlanken Gestalt des elfjährigen Mädchens sehen, auf die ich meine Augen starr und unverwandt geheftet hatte. Henriette war für ihr Alter sehr groß und ausgebildet, verband mit einem zierlichen Nymphenwuchs eine im hohen Grad einnehmende Gesichtsbildung und hatte eine unaussprechliche Lieblichkeit in ihrem Blick, wodurch jedermann hingerissen und bezaubert wurde; und so war es auch mir, dem kaum achtjährigen Knaben, ergangen. Endlich rief die alte Frau Fröhlich, mein Staunen bemerkend, aus:
„Seht nur den Jungen an, der ist ja ganz wie versteinert in seine Cousine vergafft.“ Ich war in der Tat zur Statue geworden.
Henriette sprang nun auf mich zu, schloß mich in ihre Arme und küßte und drückte mich, daß mir beinahe schwindelte. Ich hatte mich fest an das reizende Mädchen geklammert und wollte sie gar nicht lassen, bis meine Mutter endlich sagte: „Aber nun ist’s genug, du verdirbst Jettchens ganzen Anzug.“
Vorerst wurde zu meiner großen Freude beschlossen, daß die Mädchen bei den Großeltern zum Besuch bleiben sollten, bis das weitere über sie bestimmt sein würde. Während der drei Wochen langen Messe wollten diesmal meine Studien überhaupt nicht viel bedeuten, denn ich flanierte mit den beiden Mädchen und meinem jüngeren Bruder fast täglich unter Jungs Aufsicht in der Budenstadt herum. So eine fröhliche Messe hatte ich noch nie erlebt, sie ist mir in ewigem Angedenken. Gleich darauf, es war die Septembermesse, kamen die Herbstfeierlichkeiten, wo es nicht minder lustig in den verschiedenen Gärten unserer Bekannten zuging, und so kam der Dezember und mit ihm der Nikolaustag, auch das uns Kindern über alles gehende Weihnachtsfest heran, das diesmal ungewöhnlich reich und überraschend ausfiel, da Scholzens eine überaus verschwenderische Bescherung veranstalteten. Meine Mutter erhielt unter anderm einen Zobelpelz von mehreren Tausend Gulden im Wert von ihrem reichen Schwager. Auch diese Zeit gab Veranlassung zu mancherlei extemporierten Freuden, und ich besuchte mit Jettchen an der Hand fast jeden Abend den erleuchteten und aufgeputzten Christmarkt mit seinen vielen kleinen Gärtchen. Doch sollten gleich nach Neujahr diese vergnügten Tage ein nicht sehr glänzendes Ende nehmen. Scholze hatte Gründe, nicht sehr zufrieden mit dem Benehmen seiner schönen Frau zu sein, und die ganze Familie fuhr eines Morgens ohne weiteres nach Homburg ab, das mir so teure Cousinchen mitnehmend. Die Kinder erhielten nun eine französische Gouvernante und andere Lehrer im elterlichen Hause. Diese Abreise ging mir ein paar Tage sehr nahe, um so mehr, da ich für den Umgang mit Henriette keinen Ersatz hatte.
Da wir indessen öfters nach Homburg zum Besuch fuhren, auch während des Sommers uns häufig auf dem Gut in Berkersheim sahen und daselbst recht romantisch ländliche Promenaden machten, uns auf dem Heuboden und den Wiesen herumtummelten, so dauerte das Einverständnis zwischen Henrietten und mir noch ungetrübt fort.
Eines Morgens, als wir noch behaglich beim Frühstück zusammensaßen, rollte plötzlich ein Wagen vor, und einen Augenblick darauf stürzte Tante Scholze mit verstörtem Antlitz und sehr nachlässiger Toilette, von einem Kammermädchen gefolgt, mit den Worten in die Stube: „Ich bin von meinem Mann, dem Wüterich, dem Tyrannen, fortgelaufen.“ Das ganze Haus geriet in Alarm, die Großeltern kamen herab, und Frau Scholze erzählte unter Tränen, daß sie ihr Mann mißhandelt habe, weil er sie mit einem französischen General in einem Gartenhaus gefunden, wo sie ganz zufällig und in aller Unschuld mit diesem zusammengetroffen und wo durchaus nichts Böses, sondern nur Gutes und Liebes vorgefallen sei, wie Annette, das mitgebrachte Kammermädchen, bezeugen könne. Ihre Mutter nahm sogleich ihre Partei gegen den Wüterich von Mann, der so etwas rügen könne, die übrigen waren jedoch stumm oder meinten, man müsse auch den Mann hören. Dieser kam eine Stunde später an, stieg in einem Gasthof ab und ließ seinen Schwiegervater bitten, sich zu ihm bemühen zu wollen; er teilte demselben mit, daß er seine schöne Frau en flagrant délit mit dem General de Rade ertappt habe, daß sie schon länger ein geheimes Verständnis mit diesem gehabt, der sogar zur Nachtzeit durch die Fenster ihres in den Garten gehenden Schlafzimmers gestiegen sei, wie es der Nachtwächter und mehrere Nachbarn gesehen und ihm berichtet hätten. Das Ende von der Geschichte war eine förmliche Scheidung. Madame Scholze gestand selbst ihre Zuneigung zu dem de Rade, und ihr großmütiger Mann bewilligte ihr ein Jahresgehalt von zwölfhundert Talern, so lange sie sich nicht wieder verheiraten würde.
Hier fällt mir eine Episode aus der Hochzeitsreise des Ehepaars Scholze ein, die, da sie den Geist jener Zeiten trefflich charakterisiert, erwähnt zu werden verdient.