Die Anwesenheit der Preußen und ihres Königs hatte auch viel zum Glanz des wenige Monate früher auf Aktien gegründeten Frankfurter Theaters, welches sich, Gott weiß mit welchem Recht, den hochtrabenden Titel ‚Nationaltheater‘ beigelegt hatte, beigetragen. Was an demselben national war, konnte niemand ausfindig machen. Sechzig wohlhabende Bürger, fast lauter Kaufleute, hatten jeder fünfhundertfünfzig Gulden, also eine Totalsumme von dreiunddreißigtausend Gulden zusammengeschossen, um das Unternehmen zustande zu bringen; sie erhielten Aktien für ihren Einschuß. Ein Advokat nannte dies ‚eine wahrhaft nationale Handlung‘, und so meinten die anderen Herren, diesem Institut den Titel eines Nationaltheaters erteilen zu müssen, was manchen Stoff zum Lachen und zur Satire gab. Erst im Jahre siebzehnhundertzweiundachtzig hatte man ein Schauspielhaus in Frankfurt erbaut, das zwei Jahre nach seiner Erbauung beinahe ein Raub der Flammen geworden wäre, da das im Kontor des Direktors mitten in der Nacht ausgekommene Feuer anfänglich niemand löschen wollte und das auf dem Komödienplatz versammelte Volk schrie: „Laßt nur das Teufelshaus brennen, wir brauchen kein Komödienhaus, das nur Unglück über die Stadt bringt. Baut die Barfüßerkirche aus.“ Nur die dringendsten Vorstellungen einiger vernünftiger Personen, daß die ganze Stadt Gefahr laufe niederzubrennen, wenn man nicht lösche und den Flammen Einhalt tue, vermochten endlich die Leute, Hand an die Spritzen zu legen, und in kurzer Zeit war man Meister des Feuers geworden, das noch wenig Schaden angerichtet hatte.

Als der Aktienverein dieser Nationalbühne gegründet war, verschrieb man aus allen Ecken und Enden Deutschlands und den angrenzenden Ländern Künstler, unter denen manche sich durch Talent und nicht gewöhnliche Darstellungsgaben auszeichneten oder doch zu großen Hoffnungen berechtigten. Ein Schauspieler, Büchner, der jedoch seinen Namen umgedreht und sich Rennschüb nannte, ward als Regisseur bei dieser Truppe angestellt, aber unter der Bedingung, daß weder er noch seine Gattin Rollen bei diesem Theater übernehmen dürften, und zwar aus dem hochwichtigen Grunde, weil er ein Frankfurter Bürgersohn und ein Bruder des Senators Büchner, Vaters des später wegen seines großen Scharfsinns und glänzenden Verstands in ganz Frankfurt und eine Meile im Umkreis so berühmt gewordenen Stadtamtmanns Büchner war; denn ein solcher Skandal, daß der Verwandte einer Frankfurter Magistratsperson ein Komödiant geworden, war bis jetzt in der guten Reichsstadt noch nicht erhört worden.

Die neue stehende Bühne wurde mit Ifflands ‚Alte und neue Zeit‘ eröffnet, letztere ist seitdem ebenfalls längst alt geworden. Noch in demselben Theaterjahr kam Mozarts unsterbliches Meisterwerk ‚Die Zauberflöte‘ (den sechzehnten August 1793) zur Aufführung und machte sowohl in Frankfurt als in der ganzen Umgegend, aus der man bis auf zwanzig Stunden Entfernung hinzuströmte, diese Oper zu sehen, ein ungeheures Aufsehen, was jedoch mehr der Szenerie des Stückes, als der herrlichen Musik des großen Meisters zuzuschreiben war. Von der Schlange, dem Erscheinen der Königin der Nacht und ihren Nymphen, dem Vogelmensch Papageno, den Affen, Bären, Elefanten, Sarastros Löwen und Triumphwagen, dem Wasser und Feuer und so weiter erzählte man sich Wunderdinge, während man der trefflichsten Tonstücke kaum erwähnte. Diejenigen, die so glücklich gewesen, Plätze oder eine Loge zu erhalten, konnten nicht genug von den Wundern erzählen, die sie gesehen, wohl auch von den Papagenoliedchen, die sie gehört und die man bald allenthalben nachtrillerte und sang, während die wahrhaft himmlischen Melodien und Harmonien, wie der Chor ‚Isis und Osiris‘, die herrlichen Stellen der Finale, die dem Ohr fast als überirdische Klänge aus andern Sphären ertönen, nur von wenigen Kennern beachtet wurden. Dagegen sah man bald alle Knaben der Reichen in Papagenokleidern und die Mädchen in Sternenkleidchen à la Königin der Nacht auf den Promenaden erscheinen. Nie hat seitdem wieder eine Oper eine ähnliche Sensation hervorgebracht.

Der König von Preußen hatte schon 1795 mit der französischen Republik Frieden geschlossen, gegen das Ende desselben Jahres waren die Österreicher in vollem Rückzug, die Franzosen rückten mit Macht heran, und im Juli 1796 erschien eine französische Heeresabteilung, von dem General Kleber befehligt, vor Frankfurt und forderte den österreichischen Kommandanten der Stadt, einen General Wartensleben, auf, dieselbe zu übergeben, was dieser jedoch verweigerte. Hierauf fingen die Franzosen an, Frankfurt in der Nacht vom zwölften auf den dreizehnten Juli bis drei Uhr nach Mitternacht zu beschießen, ohne jedoch einen sonderlichen Schaden anzurichten, indem sie nur gewöhnliche Kugeln warfen. Da indessen die Österreicher mit großer Ostentation alle möglichen Anstalten zu einer hartnäckigen Verteidigung trafen, auch verlauten ließen, sie würden sich bis auf den letzten Mann halten, und man von der anderen Seite erfuhr, daß die Franzosen sich zu einer nachdrücklichen Belagerung vorbereiteten, ja sogar mit Sturm drohten, so trafen die geängstigten Einwohner alle möglichen Vorkehrungen zu ihrem Schutz. Die meisten Dächer wurden mit feuchtem Stroh oder Mist belegt und beständig mit Wasser begossen, um die Wirkung der Kugeln und Bomben zu schwächen, die Feuerspritzen wurden in allen Quartieren aufgeführt; wer konnte, versah sich noch besonders mit großen Hausspritzen, alle Kostbarkeiten und Dinge von Wert wurden in feuerfeste Gewölbe gebracht und so weiter. Ähnliche Vorkehrungen wurden im Hause meiner Eltern getroffen, und die ganze Familie und viele Bekannte flüchteten ihre kostbarsten Habseligkeiten in ein unterirdisches, bombenfestes Gewölbe, das sich in einem zweiten Hof in dem Hause meines Großvaters Weller befand. Mehr denn hundert Kisten, Kasten und Koffer wurden in dasselbe hinabgelassen. In der Nacht vom dreizehnten auf den vierzehnten Juli erneuerten die Franzosen gegen elf Uhr das Bombardement, und zwar mit gefüllten Haubitzgranaten und glühenden Kugeln. Mehrere Einwohner hatten sich noch beizeiten mit Weib und Kindern aus der Stadt geflüchtet, die meisten aber verkrochen sich in die Keller und Gewölbe. Bald ertönte nun das schreckliche Feuerjo durch die finstern Gassen der Stadt, und ehe eine halbe Stunde verging, brannte es schon an mehreren Orten zugleich.

Im Hause meiner Eltern hatten sich sämtliche Hausbewohner auf das zu ebener Erde befindliche Kontor meines Vaters geflüchtet. Man hatte uns Kinder aus den Betten geholt, in Decken gewickelt, und die Mägde und meine Mutter hielten uns auf ihren zitternden Knieen. Schrecken und Angst malten sich auf jedem Gesicht und mehrten sich bei jedem Kanonen- oder Bombenknall, die jetzt Schlag auf Schlag folgten; der alte Buchhalter kniete neben der zitternden Mutter meines Vaters, beide beteten unaufhörlich. Meine Mutter war noch die beherzteste und schien auf alles gefaßt. Plötzlich wurde es unserer Wohnung gegenüber ganz ungewöhnlich helle, der ganze Himmel schien in Flammen zu stehen, und bald erfuhren wir, daß der ganze vordere Teil der Judengasse, der nur durch eine Häuserreihe und den kleinen Platz von unserm Haus getrennt war, in vollem Brand stehe. Hinter den uns gegenüberstehenden Häusern sahen wir die Flammensäulen hoch emporwirbeln und sich bald zu einem schrecklichen Feuermeer, einer wahren Flammenwand vereinigen. Das Prasseln dieses Feuers, der ewige Kanonendonner, das Läuten der Glocken, das Blasen der Türmer, das Anrufen der Patrouillen, der Feuerruf durch die hohlschallenden Sprachrohre, welche Feuer an zehn Orten verkündeten, das Rasseln der vorüberfahrenden Spritzen und Wasserwagen, dies alles machte um Mitternacht einen so schrecklich chaotischen Tumult, daß den Bürgern Hören und Sehen verging, und gar manche von ihnen unter Heulen und Zähneklappern der Welt Untergang und das jüngste Gericht erwarteten. Gegen ein Uhr ließ das Schießen jedoch nach; Kleber hatte Mitleid mit der unglücklichen Stadt und schickte sogar drei Feuerspritzen aus den nahen Dörfern und eine Kompagnie Franzosen ohne Waffen, denen jedoch der Eingang verweigert wurde, um löschen zu helfen.

Nicht weniger als hundertundvierzig Häuser waren bereits in der Judengasse niedergebrannt, und sonderbar genug hatte sich das Feuer gerade an dem Haus des alten Rothschild, das unversehrt blieb, und an der Judenschule gebrochen und sich in dieser Gegend nicht aus dem Judenquartier verbreitet, was man hauptsächlich den hohen Mauern und Brandmauern, welche die Wohnungen der Kinder Israels umgaben, zu verdanken hatte, und wir und unsere Nachbarn kamen mit dem bloßen Schrecken davon. Unser ganzes Haus war mit geflüchteten Habseligkeiten der Juden angefüllt, unter denen auch viele von der Familie Rothschild.

Am frühen Morgen begab sich eine Deputation der Bürgerschaft zum kommandierenden General der Österreicher, diesen zu bitten, doch den völligen Ruin der Stadt durch eine Kapitulation zu verhüten. Wartensleben, dem nichts erwünschter als ein Vorwand zur Übergabe der Stadt war, in der er sich noch Monate lang recht gut hätte halten können, ließ sich schnell erweichen, erhörte das Flehen der guten Leute, kapitulierte noch denselben Morgen, und in zweimal vierundzwanzig Stunden mußte die Festung den Franzosen übergeben werden, welche der Stadt nun eine Kontribution von acht Millionen Franken auferlegten, wovon sechs Millionen bar und zwei Millionen in Lieferungen von Tuch und anderen Gegenständen binnen drei Wochen entrichtet werden mußten.

Diese Züchtigung hatte man hauptsächlich den Unbesonnenheiten, die sich ein Teil der Einwohner Frankfurts früher, und namentlich bei der Belagerung von 1792 hatte zuschulden kommen lassen, zu verdanken, denn so viel war erwiesen, daß man den belagernden Hessen und Preußen, mit denen man im Einverständnis gewesen, versprochen hatte, die Stadttore zu öffnen. Man mußte zufrieden sein, noch so gelinde davonzukommen, und die Einwohner konnten um so eher diesen Verlust verschmerzen, als sie trotz aller Kriegsunruhen und oft gerade durch den Krieg große Summen gewannen, und alles dankte Gott, eine so furchtbar drohende Belagerung glücklich überstanden zu haben.

Die Juden waren bei diesem Ereignis am schlimmsten weggekommen, aber was sie und mit ihnen die ganze Stadt augenblicklich für ein hartes Mißgeschick der Kinder Israel hielten, fiel bald zu ihrem großen Heil aus und war der Wendepunkt zu ihrer erträglicheren und besseren Zukunft. Man mußte ihnen nun gestatten, wenigstens den Abgebrannten, ihre stinkende, schmutzige Gasse zu verlassen, da das Niederbrennen eines großen Teils derselben es unmöglich machte, daß alle Juden in dem ihnen bestimmten Quartier wohnen konnten, und man war gezwungen, ihnen zu erlauben, sich einstweilen in anderen Stadtteilen ein Unterkommen zu suchen, was ihnen jedoch nicht so leicht wurde, da sich viele Christen weigerten, dies ‚unreine Geschmeiß‘, wie man sich ausdrückte, aufzunehmen. Auch waren mehrere Mitglieder des Senats und manche Bürger, welche durchaus wollten, daß die Unglücklichen in den unversehrt gebliebenen Häusern ihrer Glaubensgenossen einquartiert werden sollten, bis ihre eigenen Häuser wieder aufgebaut seien, und sie hätten diese Abscheulichkeit vielleicht durchgesetzt, wenn nicht der französische General erklärt hätte, daß er eine solche Unmenschlichkeit nimmermehr zugeben würde. Von dieser Zeit an wohnten die Juden in verschiedenen Quartieren der Stadt, und man mußte ihnen auch nach der Wiederaufbauung ihrer Gasse, womit man sich eben nicht übereilte, durch die Finger sehen.

Das damalige Frankfurt war ohnehin mit Ausnahme einer einzigen Straße, der Zeil, und einiger Plätze, wie Roßmarkt, Römerberg und Komödienplatz, eine finstere und sehr kotige Stadt, in welcher man mit jedem Schritt an die Ungereimtheiten des Mittelalters erinnert wurde. Fast alle Häuser hatten stockweise Überhänge, wodurch die ohnehin schon sehr engen Straßen in eine ewige Dämmerung gehüllt wurden, und Sonnenschein und reine Luft waren fast unbekannte Dinge. Die hohen bastionierten Wälle und Stadtmauern und die mit faulem und übelriechendem Wasser angefüllten Gräben, die sie umgaben, verhinderten das Eindringen der frischen Luft. Über Brücken und Zugbrücken, durch lange, düstere, von Feuchtigkeit triefende Torgewölbe gelangte man in die alte Festung, in die nie ein wohltätig reinigender Wind dringen konnte und in der Fieberkrankheiten das ganze Jahr heimisch waren; auch hatten die meisten Einwohner ein kränkliches Aussehen. Die meisten Häuser waren übrigens von außen mit den buntesten Freskogemälden verziert, die Begebenheiten und Wunder aus dem alten Testament oder auch Ansichten von Landschaften, Burgen, Städten und so weiter darstellten, so daß die ganze Stadt einer burlesken, mitunter auch recht unterhaltenden Gemäldegalerie glich.