Unterdessen hatte diese Begebenheit, wie noch so manche andere Dinge, meinen Großoheim Oberpfarrer doch endlich veranlaßt, meinen Eltern sehr ernstliche Vorstellungen wegen meiner Erziehung in Breidensteins Institut zu machen, wo ich durchaus nichts als Teufeleien lerne und unter gar keiner Aufsicht sei, und es wurde beschlossen, mich von da weg und zu einem Hofrat Scherer zu tun, der ein sehr besuchtes Institut zu Offenbach am Main hatte, wo ich, wenigstens während der Sommerszeit, unter elterlicher Aufsicht sei, da meine Eltern jetzt die Sommersaison in Offenbach zubrachten.

Der Abschied von Homburg tat mir in mehr als einer Hinsicht weh, ob ich gleich, außer einer fast ungezügelten Freiheit, in Breidensteins Haus gerade nicht wie der Vogel im Hanfsamen saß, da die Frau Hofpredigerin eine sehr strenge Ökonomie eingeführt, mich und andere auch im Sommer und Winter in Dachkammern logiert hatte, wo Wind, Regen und Schnee durch das Ziegeldach drang, im Winter über meiner Bettdecke oft eine andere von Schnee war und mir vor Frost und Kälte die Zähne klapperten. Da ich indessen schon früher im elterlichen Hause abgehärtet worden war, so schadete mir dies nichts und bereitete mich zu den Strapazen, Fatiguen und Entbehrungen vor, die mir später in reichem Maße werden sollten.

Bald nach meiner Abreise verließ auch mein Oheim Scholze Homburg, um sich mit seinen Kindern nach Bremen zu begeben. Die Ursache dieser beschleunigten Abreise war, daß sich Prinz G... sterblich in meine schöne Cousine Henriette verliebt hatte und ihr bei den Spielen im Schloßgarten und auch auf Spaziergängen hart zusetzte; das nun mehr als fünfzehnjährige Mädchen schien auch für die Aufmerksamkeit des Prinzen eben nicht unempfindlich, weshalb Herr Scholze für gut befand, schneller als er gewollt seinen Wohnsitz zu wechseln und seine Kinder in der alten Hansestadt in Sicherheit gegen die verschiedenen Angriffe zu bringen.

Vor ihrer Abreise sah ich meine Cousinen noch einmal in Frankfurt, wo sie Abschied von uns nahmen; zwei, Sophia und Johanna, sollte ich gar nicht mehr und Henriette und Mina, die letztere in dem beklagenswertesten Zustand, erst nach vielen Jahren wiedersehen.

VII.
Das Pensionat zu Offenbach. – Die Gebrüder Bernard. – Eine große Prellerei. – Das Puppenspiel. – Der Konfirmationsunterricht. – Schinderhannes gefangen und hingerichtet. – Allerlei Amoretten. – Ich will mich schlechterdings dem Theater widmen. – Eine Reise nach Weimar. – Goethe und Schiller.

Hofrat Scherer, der Direktor des Instituts zu Offenbach, war als ein gestrenger und despotischer Schulmonarch bekannt, der nicht selten den Farrenschwanz schwang, aber bei dem die Kinder doch etwas Tüchtiges lernten, soweit seine eigenen Kenntnisse zureichten, die sich aber nicht über das Alltägliche erstreckten. Mich hatte man ihm als einen wilden, ausgelassenen Jungen geschildert, den man unter strengem Regiment halten müsse, und ihm dieses besonders anempfohlen; ich wurde daher sehr ernst und mit gewaltigen Ermahnungen und Warnungen empfangen, wozu noch das Neue und Unbekannte meiner Lage kam, was mich für die ersten Tage ebenfalls ernst und düster stimmte. Bald ward ich es jedoch inne, daß der Herr Hofrat auch seine schwachen Seiten habe, die ich mir vornahm möglichst zu benutzen, und so kamen wir, einige Extrafälle abgerechnet, ziemlich gut miteinander aus. Indessen hieß es hier anhaltend lernen von morgens sieben bis mittag, und von nachmittags zwei Uhr bis abends sieben. Französisch, Englisch, Arithmetik, Erdbeschreibung und was zu dem merkantilen Wissen nötig ist, war die Hauptsache, alte Sprachen wurden nicht gelehrt, der Herr Hofrat kannte sie selbst nur dem Namen nach, Zeichnen und Musik waren extra und deren Erlernung willkürlich, ebenso Tanzen, dagegen wurden wir während der Sommertage jeden Morgen, manchmal auch noch des Abends, zur Schwemme, das heißt zum Baden und Waschen in den Main getrieben, wo wir schwimmen lernten und ich es in dieser Kunst nach drei Wochen so weit brachte, daß ich gemächlich von einem Ufer des Flusses zum anderen und wieder zurückschwimmen konnte, was mir jedoch streng untersagt wurde, nachdem ich es ein paarmal versucht, da das Experiment wegen des starken Stroms in der Mitte des Flusses und der vielen sehr tiefen Stellen allerdings gefährlich war. Dies war eine gesunde und heilsame Bewegung, die uns in Homburg fehlte, wo wir aus Mangel an fließendem Wasser uns nur in großen Pfützen oder kleinen Bächen von Zeit zu Zeit badeten. In dem Institut fand ich einige zwanzig Knaben und ein paar Mädchen, des Hofrats nahe Anverwandte, er war ihr Oheim, aber alle Kinder nannten ihn nur Onkel, was sie von den Mädchen abgehört hatten, es schien dem strengen Herrn nicht zuwider, und so ward der Allerweltsonkel auch mein Onkel.

Damals war Offenbach in einem blühenden Zustand, viele reiche Familien aus Frankfurt hatten hier Landhäuser oder mieteten Sommerwohnungen daselbst, so wie viele andere Fremde. Unter den letzteren war der sogenannte Polackenfürst Frank, der seit mehreren Jahren mit einer zahlreichen Dienerschaft und großem Gefolge aus Wien hierher gekommen war und einen verschwenderischen Haushalt mit großer Pracht und ungeheurem Aufwand entfaltete; er hielt sich anfänglich sogar eine kleine Garde mit Erlaubnis der Isenburgischen Regierung. Dieser Mann, seine Umgebung und sein ganzes Wesen und Treiben waren in ein mysteriöses Dunkel gehüllt; niemand wußte, wer er eigentlich war, noch kannte man seine Herkunft, über seinen Stand schwebte ein tiefes Geheimnis, man nannte ihn nur den Polackenfürsten, alle seine Leute waren in russische und polnische Nationaltrachten, doch sehr reich gekleidet, und hatten lange Bärte. Indessen raunte man sich in die Ohren, daß er in krummer Linie von kaiserlich russischer Abkunft sei, und als einst nach seinem Tode seine Tochter, die man das polnische Fräulein nannte, bei einer gewissen Gelegenheit ihre Unterschrift geben sollte und um ihren Namen gefragt wurde, nannte sie sich Romanowna. Diese geheimnisvolle Familie starb nach und nach aus oder verlor sich spurlos in ziemlich drückenden Verhältnissen.

Unter den Offenbacher Bürgern gab es einige außerordentlich reiche Häuser, unter denen die Schnupftabaksfabrikanten ‚Gebrüder Bernard‘ durch den großen Aufwand, den sie machten, hervorragten. Nicht weniger als vier zum Teil sehr kinderreiche Familien lebten auf großem Fuß von dem Ertrag dieses Marokko genannten Nasenfutters, hatten alle glänzende Equipagen, zahlreiche Dienerschaft, prächtig eingerichtete Wohnungen und gaben große Feste. Einer der Chefs dieses Etablissements, ein gewisser Peter Bernard, tat es aber allen zuvor, hatte einen fast fürstlichen Haushalt und hielt sich sogar eine Kapelle, die fast aus lauter Virtuosen bestand, bei der Fränzel Kapellmeister war, und die ihm eine jährliche Ausgabe von mehr als dreißig- bis vierzigtausend Gulden verursachte. Er gab große Konzerte, zu denen alle angesehenen Einwohner Offenbachs gratis Zutritt hatten, und keine berühmten Tonkünstler, Sänger oder Sängerinnen kamen durch Frankfurt, die nicht bei Bernard gespielt oder gesungen hätten und aufs generöseste dafür honoriert worden wären; die Damen, wenn sie liebenswürdig genug waren, hatten sich noch obendrein der Küsse des Fabrikherrn als Zugabe der metallreichen Belohnung zu erfreuen. Aus dieser Kapelle rekrutierte sich später das treffliche Orchester des Frankfurter Theaters. Aber Peters Associés, die Herren d’Orville, waren eben nicht sehr von dieser wütenden musikalischen Liebhaberei erbaut, die außer großem Zeitverlust auch bedeutende Summen verschlang, namentlich war der alte Georg d’Orville Gift und Galle, wenn das Musikantenvolk, wie er die Virtuosen zu betiteln beliebte, in musikalischen Angelegenheiten oder auch Geld fordernd auf das Kontor zu Herrn Bernard kam, was ihm jedesmal ein konvulsivisches Beintrappeln verursachte. Diese Musikwut hatte fast ganz Offenbach ergriffen, und es war beinahe kein einziges nur einigermaßen ansehnliches Haus, aus dem man im Vorübergehen nicht zu jeder Stunde des Tages irgendein Instrument dudeln oder einen Gesang leiern hörte, wozu auch die berühmte musikalische Anstalt und Verlagshandlung des Herrn Hofrat Andre das ihrige beitrug. Auch ich fand hier die beste Gelegenheit, mein musikalisches Talent völlig auszubilden, erhielt von den besten Meistern Unterricht und hatte es bald so weit gebracht, daß ich so ziemlich alles a prima vista auf dem Klavier abspielen und auch singen konnte.

Der Gründer dieser berühmten Tabakfabrik war ein gewisser Nikolaus Bernard, Vater des Peter, gewesen, der eine pikante Nasenbeize erfand, den damit fabrizierten Tabak Marokko taufte, das Geschäft mit nichts begonnen hatte und als steinreicher Mann starb. Er hatte Hunderte von Arbeitern beschäftigt, denen er jede Frankfurter Messe am dritten Montag derselben einen Feiertag gab, wo er jeden noch außerdem mit einem Taler beschenkte. Die Leute gingen an diesem Tag scharenweise nach Frankfurt, machten sich einen guten Tag, den sie nach ihrem Brotherrn den Nickelchestag nannten, und kehrten beim Heimgehen in den Wirtshäusern zu Oberrad ein, wo sie sich unter Tanzen und Trinken bis zum hellen Morgen vergnügten. Dieser Gebrauch wurde nach und nach in der ganzen Umgegend von Frankfurt nachgeahmt, wodurch der Frankfurter Nickelchestag entstand, an dem das Gedränge in den Straßen fast ebenso groß als auf den Boulevards zu Paris ist.

Bei diesen aufgeblasenen Familien bewährte sich indessen das Sprichwort: Hochmut kommt vor dem Fall, nur allzubald. Nicht zufrieden mit dem reichlichen Gewinn, den ihnen alljährlich der Schnupftabak abwarf, der sich auf achtzig- bis hunderttausend Gulden belief, von dem freilich bei dem gewohnten Aufwand wenig oder nichts übrig bleiben konnte, fiel es den Herren Gebrüdern ein, auch in London ein Haus zu gründen, um in Kolonialwaren ins Große zu spekulieren, ohne zu überlegen, daß ihnen, die sich bisher nur mit der höchst einfachen Fabrikation ihrer Schnupftabaksbeize befaßt hatten, die nötige Sachkenntnis und Einsicht dazu völlig mangelte, wozu noch kam, daß sie ein ganz unfähiges Subjekt an die Spitze des Londoner Hauses stellten, und so mußte das Unternehmen natürlich fehlschlagen. Während dieses Haus in der Tat schon völlig bankrott war, aber vor den Augen der Welt noch florierte, suchten die Herren Gebrüder Bernard, das heißt Herr Peter Bernard und seine Gesellschafter, die Herren George und Jakob d’Orville, um sich möglichst aus der Schlinge zu ziehen, einen wohlhabenden Bürger namens Wailand, der in dem nahen Frankfurter Ort Oberrad wohnte, oder vielmehr dessen Vermögen für das bankrotte englische Haus zu gewinnen, was nichts anderes als ein abgefeimter Beutelschneiderstreich war, der ihnen auch vollkommen gelang, ohne jedoch die gehofften Früchte zu bringen, nämlich das Offenbacher Haus vor allem Verlust zu bewahren. Da dieses indessen noch in der öffentlichen Meinung sehr hoch stand und für sehr reich galt, so war es den Herren nicht schwer, den Wailand zu übertölpeln. Um nun über Wailands Kapitalien verfügen zu können, sandten sie einen ihrer Bekannten, ein zu einem solchen Auftrag ganz geeignetes Subjekt, einen gewissen Ewald, Weinhändler in Offenbach, an den Mann ab, der ihm nur so wie von ungefähr beibringen mußte, daß die Gebrüder Bernard noch einen Teilnehmer für ihr Londoner Haus, das einen unermeßlichen Gewinn verspreche, suchten, der die noch nötigen Fonds einschießen würde, die sie dem Offenbacher Geschäft nicht entziehen könnten, da sie ohnehin schon so große Kapitalien im Londoner hätten. Da der Geldbedarf äußerst dringend war und das Feuer dem Bernard und Konsorten unter den Sohlen brannte, so ließen sich die Herren Peter, George und Jakob so weit herab, dem Herrn Wailand, als ihrem künftigen Gesellschafter, nacheinander in höchsteigener Person ihre Aufwartung zu machen, luden ihn zu sich nach Offenbach ein, wo ihm sogar die Ehre ward, daß ihm Herr Bernard ein Solo auf dem Violoncello vorspielte, das den Geladenen trotz mancherlei Mißgriffen doch so bezauberte, daß er sich noch in derselben Stunde zu einer Einzahlung von einhundertfünfzigtausend Gulden anheischig machte, sowie zu noch hunderttausend Gulden später, was ungefähr das ganze Vermögens des Mannes war. Der arme Teufel, dem der vermeintliche Millionär Bernard noch mehr Solis vorspielte und der einen Ehrenplatz in dessen Konzerten erhielt, überbrachte seinen Herren Associés selbst die Gelder und versprach auch die strengste Geheimhaltung dieser Beutelschneiderei, die um so niederträchtiger war, als sie ein fast blindes Vertrauen hinterging. Die Folgen blieben nicht lange aus, und die Komödie mit dem armen Betrogenen wurde nur noch eine kurze Zeit fortgespielt. Die Gebrüder Bernard hatten zwar ein paar Lücken mit dem erhaltenen Geld gestopft, dadurch neuen Kredit in England erlangt, ließen nun ungeheure Quantitäten Waren auf längere Zahlungstermine aufkaufen, verkauften diese sogleich wieder per comptant in Hamburg und trieben nebenbei eine so arge Wechselreiterei, wie die merkantilische Welt schwerlich eine zweite aufzuweisen vermag, während sich Wailand laut Kontrakt in nichts mischen, ja kaum einmal anfragen durfte, bis plötzlich an einem schönen Morgen ein Sohn des George d’Orville wie toll in sein Zimmer stürzte und hin und her rennend ausrief: