„Lieber Wailand, ich komme gestern per Kurier von London. Gott! Gott! Alles ist verloren; was sind wir für unglückliche Menschen, wenn nicht gleich auf der Stelle drei- bis vierhunderttausend Gulden dahin geschafft werden, um das dortige Obligo zu decken; was ist André (der Geschäftsführer) für ein Spitzbube, es ist alles bei ihm in der größten Unordnung und Konfusion, nichts eingetragen, nichts eingeschrieben; ich habe viele Papiere mitgebracht, kommen Sie doch um Himmelswillen gleich zu Herrn Bernard, er und meines Vaters Bruder sind hier, da werden Sie alles hören.“
Man kann sich die Wirkung denken, welche diese Anrede auf das bisher so sorglose Gemüt des unglücklichen Wailand machte. Der große Bankrott war in London bereits förmlich ausgebrochen und erklärt, und das Offenbacher Haus stand auf dem Punkt, es dem Londoner nachzumachen, als einige noch solvable Verwandte desselben auf den Einfall kamen, bei den reichsten Frankfurter Kaufleuten eine Subskription zugunsten der Gebrüder Bernard zu eröffnen, um vermittelst derselben ein Kapital auf eine bestimmte Zeit zu erhalten, mit welchem man den völligen Sturz des Hauses verhindern könne. – Das Projekt gelang, da man vermittelst Frauengunst den reichsten Bankier Frankfurts, von Bethmann, dafür gewann, der sich sogleich mit einer bedeutenden Summe an die Spitze stellte und unterzeichnete. Indessen konnten sich die Bernard doch nie wieder ganz von diesem Stoß erholen und zu dem früheren Glanz kommen.
Der betrogene Wailand wollte sich freilich an das Offenbacher Haus halten, aber die Bernards wußten dennoch die Sache auf die lange Bank zu schieben, dem durch sie an den Bettelstab gebrachten Wailand fehlte es jetzt an allen Mitteln, etwas Durchgreifendes zu unternehmen, und kummervoll und trostlos mußte er vorerst alles gehen lassen, wie es ging, während das Offenbacher Haus, durch die Subskription aus der Not gezogen, sich um den schändlichen Bankrott in London nicht weiter bekümmerte, einen ärgerlichen Aufwand in Equipagen und so weiter fortsetzte und Bernard sogar einen Teil seiner Kapelle, und zwar den besten, den er zum Schein verabschiedet hatte, wieder mit dem früheren Gehalt anstellte! Dies war um so empörender, als der arme Wailand oft nicht wußte, von was er leben sollte.
Nach langen Jahren nahm sich jedoch einer der renommiertesten Advokaten Frankfurts, der Doktor Klaus, plötzlich des armen Wailand an, machte dessen Sache zu seiner eigenen, griff das Ding auf dem rechten Fleck an, indem er damit begann, die Geschichte dieser Beutelschneiderei, mit allen nötigen Beweisen, Briefen und anderen Dokumenten versehen, im Druck herauszugeben, um hierauf den Prozeß gegen die Gebrüder Bernard einzuleiten. Da vorauszusehen war, daß die Sache auf jeden Fall schlimm für das Haus Bernard ausfallen würde, so suchte dies nun den Rechtsstreit durch einen Vergleich zu beseitigen, den die Gegner auch eingingen, da sie wußten, daß es eben nicht zum Brillantesten mit jenem Haus stand, und Wailand mußte sich ungefähr mit dem sechsten Teil seiner Forderung begnügen, der ihm in Terminen ausbezahlt wurde. Die Haupturheber dieser Prellerei waren schon längst tot, und die Nachkommen waren es, die nun in den für sie sehr sauern Apfel beißen mußten.
In Offenbach war damals das gesellige wie das öffentliche Leben überaus heiter und fröhlich, die Fabriken hatten einen guten Absatz, die Gewerbe blühten, und eine Albernheit der Frankfurter Behörden war dem Städtchen von großem Nutzen. Das Verbot, daß in Frankfurt keine Maskenbälle gegeben werden durften, kam den Offenbachern sehr zustatten, wo während des ganzen Winters jeden Sonnabend bei ziemlich hohen Eintrittspreisen dieses Vergnügen im dortigen Schauspielhaus gestattet wurde, wohin die Frankfurter karawanenweise fuhren, um desselben teilhaftig zu werden, und wodurch viel Geld von Frankfurt nach Offenbach geleitet wurde; denn außer dem Eintrittsgeld und was in solchen Nächten verzehrt und verspielt wurde, bezahlte man auch die brillanten Kostüme und was zu den Maskenanzügen gehörte, in dem damit reichlich versehenen Magazin der Mamsell Niepold zu enormen Preisen. Als Ursache, daß man diese Bälle, ausgenommen in Krönungszeiten, wo man nicht anders konnte, in Frankfurt nicht dulden wollte, gab man an, daß mehrmals den regierenden Bürgermeistern große Unannehmlichkeiten bei solchen Gelegenheiten widerfahren, ja einer sogar einmal beinahe ermordet worden wäre.
In den Sommermonaten wohnte ich, wie gesagt, zu meiner großen Freude bei meinen Eltern, wo ich weit mehr Freiheit als in Scherers Institut hatte. Unser nächster Gartennachbar, ein Kaufmann O... aus Frankfurt, hatte mehrere Kinder, mit denen ich bald eine nähere Bekanntschaft anknüpfte. Der älteste Junge, Adam, war indessen ein stupid-trauriges Subjekt, der zweite, Fritz, ein ausgelassener Wildfang; sie hatten eine Schwester, Lilli geheißen, ein artiges Mädchen, der den Hof zu machen ich schon der Mühe wert fand. In den Erholungsstunden setzte ich mit einem Sprung über die Planken, die unsere Gärten trennten, und befand mich bei diesen Kindern, wo ich indessen bald noch ein anderes sehr hübsches Mädchen, ebenfalls die Tochter eines Kaufmanns aus Frankfurt, kennen lernte, der ein naher Verwandter O.s und d’Orvilles war, die Karoline Th... hieß. Kaum hatte ich dieses liebenswürdige Kind erblickt, so hatte ich auch keine Augen mehr für Lilli, sondern bewarb mich eifrig um die Gunst der ersteren, die mir auch bald in vollem Maße zuteil ward, und wir verstanden es vortrefflich, die gute Lilli und ihren einfältigen Bruder Adam unter allerlei Vorwand zu entfernen, namentlich wenn wir Verstecken spielten. Aber dabei hatte es sein Bewenden nicht, sondern bei den Abendharmonien in Bernards Boskett machte ich die Bekanntschaft noch mancher anderen liebenswürdigen Kinder, unter denen eine Jeannette, eine Annette und eine Arkade, die letztere die Tochter eines reichen, in Offenbach privatisierenden Holländers namens Amerong, und reservierte mir diese für meine Winterschönheiten, da Lilli und Karoline wieder nach Frankfurt zurückkehrten, sobald der Herbstwind die Blätter gelb färbte und die Schwalben abzogen. – Um mehr Gelegenheit zu haben, mit all diesen Mädchen zusammen und in nähere Berührung zu kommen, und auch aus angeborener Liebhaberei, nahm ich wieder zu meinem erprobten alten Mittel, dem Komödienspielen, meine Zuflucht, und wir spielten in Bernards Garten, wo sich die beste Gelegenheit dazu bot und gar manch heimliches, ‚stillvertrautes Örtchen‘ war, Komödien jeder Art, in denen auch manchmal die Eifersucht schon eine Rolle spielte, namentlich von seiten der Aktricen.
Mit dem Ende des Sommers hatten auch unsere Garten-Komödien aufgehört, und ich glaubte schon, einen recht traurigen Winter in dem Institut zubringen zu müssen, da fügte es sich, daß sich meine Eltern entschlossen, bis Weihnachten in Offenbach zu bleiben, und zu meiner großen Freude fand sich eine Schauspielergesellschaft, deren Direktor ein gewisser Badewitz war, für die Wintersaison ein; meine Mutter nahm ein Abonnement in einer Loge, das meistens mir zugute kam. Die Gesellschaft war so übel nicht; Madame Badewitz, eine hübsche junge Frau, spielte die Liebhaberinnen recht natürlich, eine Demoiselle Sternfeld war leidlich, auch der erste Liebhaber, Herr Stahl, gefiel, nur tobte und schrie er bisweilen gar zu arg.
Gar zu gerne hätte ich im elterlichen Haus jetzt ein Liebhabertheater etabliert, aber da sich diesem Vorhaben nicht zu beseitigende Schwierigkeiten entgegensetzten, so mußte ich mich begnügen, ein Puppentheater bestmöglich einzurichten, auf dem ich mit Hilfe einiger anderen Kinder gewöhnlich Sonntags Vorstellungen gab. Dies Theater stellte ich dann dicht an die Türe, die aus der Stube, in der wir spielten, in ein anderes Zimmer führte, so daß dasselbe samt den Dirigenten völlig von den Zuschauern, welche meistens aus Kindern und dem Gesinde bestanden, getrennt war und niemand hinter das Theater konnte. Die Bühne hatte mir unser Tischler nach meiner Angabe verfertigen müssen, mehrere Dekorationen hatte mir unser Zeichenlehrer Herchenröder gemalt, andere hatte ich selbst nach denen des Frankfurter Theaters, die zum Teil von dem berühmten Quaglio und Fuentes gemalt waren, zusammengepfuscht, und meine Gehilfen bei der Aufführung waren meistens Mädchen, namentlich Jeannette und Arkade. Indessen glaube man nicht, daß wir uns begnügten, kleine Harlekinaden aufzuführen, im Gegenteil, die größten Maschinenstücke, wie eine Nymphe der Donau, der Spiegel von Arkadien, die Teufelsmühle, das Sternenmädchen, die Zauberzitter waren uns nicht zu schwierig, und sogar an große Ritterstücke und Opern, wie Maria von Montalban, Oberon, das unterbrochene Opferfest, die Zauberflöte, den Titus und so weiter wagten wir uns und leierten sie ab, so gut es gehen wollte; freilich sangen wir nur einzelne Lieder und Gesänge aus denselben, und alle Ensemblestücke und die meisten Chöre blieben weg. Ein Klavier, das wir abwechselnd spielten, war das Orchester, aber gar oft waren Orchester und Sänger um zwanzig bis dreißig Takte und mehr auseinander. Wir sangen eben so gut wir konnten und strengten uns dabei ganz gewaltig an. Indessen muß dies Marionettenspiel doch nicht so durchaus langweilig gewesen sein, da es nicht selten auch von erwachsenen Personen beehrt wurde, die den Vorstellungen bis zu Ende beiwohnten. Eine der aufmerksamsten Zuschauerinnen war Bettina Brentano, die damals mit noch zwei anderen Schwestern bei ihrer Großmutter, der Schriftstellerin Sophia von La Roche, zu Offenbach wohnte und unser Haus öfters mit einem Besuch beehrte. Dieses originelle Mädchen war ein ganz eigenes und geniales Geschöpf, welches in ihrem Wesen viel von Goethes Mignon hatte, dabei ein etwas wildes, sehr naives und ungeniertes Naturkind war, unser Puppenspiel mit großer Vorliebe gegen jede hämische Kritik verteidigte und in Schutz nahm. Sie war damals schon eine außerordentliche Verehrerin Goethes, und in Ermangelung des großen Dichters selbst brachte sie ihre Huldigung einstweilen dessen Mutter, der Frau Rat, die sie jedoch so sehr mit ihren Besuchen zu fast jeder Stunde bestürmte, daß sich dieselbe öfters verleugnen ließ. Bettina aber merkte dies und ließ sich dann nicht abweisen, sie klopfte an der Tür des Schlafzimmers, in welchem sie die Dame vermutete, und rief ihr ganz naiv zu: „Machen Sie nur auf, Frau Rat, ich weiß doch, daß Sie zu Hause sind,“ oder öffnete ein Fenster des Vorzimmers und schlug von außen mit einem Stöckchen an das Fenster der Stube, in der sie Goethes Mutter glaubte, dieselben Worte wiederholend, bis endlich die gute Frau, durch diese Beharrlichkeit erweicht, lächelnd öffnete, wo dann das Mädchen in die Hände patschend freudig herumsprang und ausrief: „So muß man es machen, Frau Rat, wenn man Sie sehen will.“ –
Bald darauf kehrten meine Eltern nach Frankfurt zurück, und ich mußte zu meinem Leidwesen wieder ganz in dem Institut wohnen, wo sich indessen eine neue, sehr hübsche, kaum dreizehnjährige Nichte des Hofrats, Helenchen Valentin, eingefunden hatte, mit der ich nun meine Aufgaben in den Abendstunden zusammen in der erwähnten Garderobe machte und auswendig lernte, und man darf es mir aufs Wort glauben, daß auch ohne die Pestalozzische Methode, die wir nicht kannten, wir beide durch gegenseitigen Unterricht erstaunlich schnelle Fortschritte machten. Gegen das Frühjahr verlor ich meinen guten, schon länger kränkelnden Großvater Weller. Der Mann hatte sich übermäßig angestrengt und fast zu Tode gearbeitet, während die meisten Römerherren ihre Stellen als Sinekuren betrachteten und es sich in träger Behaglichkeit wohl sein ließen. Das edle Roß arbeitet unaufgefordert bis zum letzten Atemzug, der Esel aber läßt sich zur Arbeit prügeln und tut sich doch nicht weh.
Der gute Mann hatte noch vor seinem Tode geäußert, daß man mich doch in den Religionsunterricht des Pfarrers Doktor Hufnagel nach Frankfurt schicken solle, der ein berühmter Prediger und sein intimer Freund war, um von diesem konfirmiert zu werden. – Dies war Wasser auf meine Mühle, denn nun mußte mich Hofrat Scherer jede Woche ein-, auch zweimal zu dieser Gebetstunde nach Frankfurt gehen lassen. Hier fesselte sogleich nicht Doktor Hufnagel, sondern ein allerliebstes Mädchen, die Wirtstochter aus dem Englischen Hof, Jungfer L..., wie sie sich nannte, meine Aufmerksamkeit, ich hatte bald nur noch Augen und Ohren für sie und war taub für die Lehren des wackeren Hufnagels. Bald hatten wir erst nur durch Blicke, dann durch Zettelchen korrespondiert, die ich ihr beim Verlassen der Gebetstunde zusteckte, worauf wir aus Mangel an passenderen Orten uns Rendezvous hinter den einsamen Stadtmauern in der Gegend des Eschenheimer Tors gaben; aber dies Einverständnis hatte kaum einige Wochen gedauert, als es durch die Unvorsichtigkeit meiner Teueren plötzlich gestört und mir der fernere Besuch der Religionsstunden in Frankfurt untersagt wurde. Die L. ließ während des Unterrichts ein Zettelchen, das ich ihr beim Eintreten zugesteckt, indem ich sie auf den Wall am Eschenheimer Tor beschied, und das mit einem: ‚einstweilen tausend Küsse, mein lieblicher Engel‘ schloß, aus ihrem Gebetbuch fallen, ohne es sogleich wahrzunehmen, ein anderes neben ihr sitzendes Mädchen hob es auf und übergab es dem Doktor Hufnagel, der es zu unserm beiderseitigen Schrecken las, zu sich steckte und nach der Konfirmandenstunde das arme Kind vornahm, das, heiße Tränen vergießend, beichtete, ich habe sie zu all den gottlosen Dingen verführt. Meine Eltern wurden von der gemachten Entdeckung in Kenntnis gesetzt, teilten sie dem Hofrat Scherer mit, der ohnehin über das Nach-Frankfurt-Laufen als viel zu zeitraubend ärgerlich war, und nun wurde beschlossen, daß ich den Frankfurter Religionsunterricht aufgeben, die Konfirmandenstunden in Offenbach bei dem lutherischen Oberpfarrer Waldeck fortsetzen und daselbst auch konfirmiert werden solle. So unangenehm mir dieser unwiderrufliche Beschluß anfangs war, so wußte ich mich doch bald darein zu finden und fing in der neuen Gebetstunde da an, wo ich es in Frankfurt gelassen hatte, nämlich statt auf die Lehren des guten Herrn Oberpfarrers zu achten, suchte ich mit den hübschesten Mädchen zu liebäugeln, deren es auch hier gab, und eine schmachtende Sophia, ein Kind der Liebe in jedem Sinn, hatte neben Rosettchen, die gleichfalls diese Gebetstunden besuchte, schnell mein so empfängliches Herz zu fesseln gewußt, ich war getröstet, nahm mir aber vor, meine Sache jetzt klüger anzufangen und vor allem keine Zettel mehr zu schreiben, dagegen unterstrich ich die mir gerade dienlichen Worte in meinem Katechismus mit Bleifeder, machte ein kleines Zeichen an den Rand der Zeilen, in denen sich die unterstrichenen Worte befanden, ein Kreuz hinter dem Wort, das eine Phrase schloß, und machte mich so vollkommen verständlich. Beim Herausgehen tauschten wir die gleich gebundenen Bücher gegeneinander aus, ich fand die erbetene Antwort auf dieselbe Weise bezeichnet, denn ich hatte gar gelehrige Schülerinnen für meinen Unterricht, und auf diese Weise wurde gar manche Zusammenkunft verabredet und zustande gebracht.