Denselben Tag und zur selben Stunde, als die Kanonen bei der Erstürmung der Bastille zu Paris donnerten, nämlich den 14. Juli 1789, kam in der ehemaligen freien Reichsstadt des seligen heiligen römischen Reichs, von dem schwer zu ermitteln, was heilig und was römisch an ihm war, zu Frankfurt am Main, in einem in der alten Fahrgasse gelegenen Haus, zum goldnen Schiff genannt, ein Knäblein zur Welt, dessen Vater, Johann Nikolaus Fröhlich, ein wohlhabender Handelsmann und Bürger dieser Stadt war.

Zehn Tage nach dieser Begebenheit gewahrte man in einer langen, grünen, braungetäfelten Stube dieses Hauses einen dreieckigen, mit schneeweißem, mit kostbarer Spitzenarbeit versehenem Linnen gedeckten Tisch. Auf demselben stand ein sehr kunstreich gearbeitetes silbernes und vergoldetes Taufbecken zwischen zwei wohlduftenden japanischen Blumenvasen und vier schwere silberne Armleuchter von getriebener Arbeit, das Patengeschenk für den Neugeborenen. Um diesen so geschmückten, eine Art Altar repräsentierenden Tisch stand in einem Halbkreis eine hochachtbare Gesellschaft ganz honetter Spießbürger aus den angesehensten Familien der alten Reichsstadt samt ihren Frauen. Alle waren in stattliche Galakleider von Sammet und Seide, im Geschmack jener Zeit gestickt, gekleidet, die Herren trugen prächtige Perücken mit stattlichen Haarbeuteln und die Frauen hochgetürmte, sehr künstliche Haargebäude auf ihren Häuptern und waren trotz der heißen Jahreszeit in steifen, schweren Damast gehüllt. All diese respektablen Personen hatten sich hier eingefunden, um der Taufe des jungen Christen beizuwohnen, der während der ganzen Dauer der heiligen Handlung gleich einem Neuntöter schrie.

Unter denen, welche diesen feierlichen Akt mit ihrer Gegenwart beehrten, befand sich auch ein Herr Weller mit seiner Gattin, ein Achtundvierzigstteil der damaligen Frankfurter Souveränität, das heißt, er war als Schöffe Mitglied des aus achtundvierzig Personen bestehenden und Hochwohlgebornen, Gestrengen, Fest- und Hochgelahrten, Hoch- und Wohlweisen, auch Wohlfürsichtigen, insonders Großgünstigen, Hochgebietenden und Hochzuverehrenden betitelten Magistrats[1]. Dieser gewichtige Mann war der Pate und Großpapa des zu taufenden Kindes.

Außer ihm waren noch zugegen: der Stadtkommandant und Generalissimus des aus vier- bis fünfhundert Mann bestehenden freireichsstädtischen Heeres, nämlich der Herr Oberst Schulter nebst Gattin und Schwägerin, von denen die erste die Tante und die zweite die Mutter Goethes, die Frau Rat Goethe, waren. Letztere war eine etwas stolze und mitunter hochfahrende Dame, welche nicht versäumte, bei Gelegenheit anzubringen, daß der Verfasser Werthers und Götz von Berlichingens ihr leiblicher Sohn sei. Indessen war ihr Herz und Geist nicht abzusprechen, und ihre vertrauteren Freunde behaupteten, daß sie auch Gemüt und Gutmütigkeit besitze. Ferner befand sich noch ein Herr Fahrtrapp, Wellers Schwager, ein reicher, gelehrter Buchhändler und Antiquarius, holländischen Ursprungs, ein geniales Original, in dieser ehrenwerten Gesellschaft. Dieser Mann hatte große Verbindungen und Gelegenheit gehabt, Voltaire kennen zu lernen, als dieser in Frankfurt auf Befehl Friedrichs II. in Gewahrsam gehalten und bei dieser Gelegenheit von einigen Gaunern daselbst mißhandelt und geprellt wurde. Der Antiquar war ein wissenschaftlich gebildeter und geistreicher Mann, wenn auch, gleich allen Sterblichen, mit einigen Schwachheiten begabt. Er hatte die Gnade gehabt, während Karls VII. gezwungenen Aufenthalts zu Frankfurt am Main, als dieser unglückliche Kaiser trotz dem Beistand, den ihm Ludwig XV. von Frankreich leistete, seine Staaten hatte verlassen müssen, denselben unangemeldet durch eine geheime Hintertreppe in seinem Kabinett aufsuchen zu dürfen, was er dem Umstand verdankte, daß er dem Kaiser mehrmals hochwichtige Nachrichten hinterbracht hatte, ehe noch die diplomatischen Spürnasen Sr. Majestät eine Ahnung von denselben gehabt und die der Buchhändler vermittelst seiner weitverbreiteten Verbindungen in Erfahrung gebracht. Auch wollte ihn der Kaiser zum Edelmann und Baron stempeln, was sich Franz Fahrtrapp jedoch verbat und, für die hohe Gnade dankend, Sr. Majestät antwortete: Ich mag ein leidlicher Antiquarius und passabler Buchhändler sein, würde aber allem Anschein nach nur ein mittelmäßiger Baron und ein sehr schlechter Höfling werden, deshalb geruhen Allerhöchstdieselben mich in statu quo zu lassen, – und damit hatte es auch sein Bewenden. Dagegen hatte Herr Fahrtrapp die Schwachheit, daß, eine Meinung oder Tatsache behauptend, er häufig hinzusetzte: „so dachte auch mein Freund Voltaire,“ oder „ich hab’ es vom Kaiser Karl selbst!“

Von den übrigen mehr oder minder bedeutenden Taufgästen führe ich nur noch eine wunderschöne junge Frau an, die sich Madame Scholze nannte, die Schwester des Herrn vom Haus und die Gattin eines Millionärs aus der Hansestadt Bremen war, der in der Nähe von Worms ein schönes Gut, Niedesheim genannt, besaß, wohin ihm die Ankunft des Neugebornen vermittelst einer Stafette und blasendem Postillon gemeldet und die Einladung zur Taufe durch einen Freund der Familie, Herrn Rasor aus Worms, ebenfalls ein Taufgast, zugekommen war.

Als endlich der hochwürdige Pastor Stark in seinem protestantisch-geistlichen Kostüm mit breitem Lutherkragen, wie sie zu jener Zeit die lutherischen Pfarrherrn in Frankfurt trugen, die Taufhandlung beendigt hatte, übergab er den kleinen Schreihals dem Paten, und dieser überreichte ihn der Wartfrau Greifenstein mit den Worten: „Wohlan, junger Weltbürger, suche deinen Weg in dieser Welt voll Eitelkeit zu machen; es scheint, du bist mit einer guten Lunge begabt, dies ist schon etwas, du kannst es einmal bis zum Stadtamtmann, wohl gar zum einjährig wohlregierenden und gestrengen Bürgermeister in unserer guten Republik bringen.“

Nach beendigter Zeremonie empfahl sich der Pastor, nachdem er sich noch durch ein paar Gläser Malaga erquickt hatte. Die übrige Gesellschaft, von seiner etwas genierenden Hochwürden befreit, überließ sich nun ungestört den Genüssen, welche ihr die Freigebigkeit des Herrn vom Hause und Vaters des Getauften, Herrn Fröhlich, bereitet hatte. Perlender Niersteiner und uralter Hochheimer Dompräsenz wurden reichlich kredenzt, sowie flüssige und kompakte Süßigkeiten für die Damen.

Man war eben im Zug, sich so recht en Gevatter zu vergnügen, als die Frau Oberstin und Stadtkommandantin plötzlich ausrief: „Ach, mein Herr Jesus, wir sind ja zu dreizehn!“

„Hast du mich nicht erschreckt,“ sagte Frau Rat Goethe etwas ärgerlich zu ihrer Schwester.

„Und was ist’s denn weiter? Wir haben ja zu essen und zu trinken für mehr als dreißig,“ sagte der Antiquarius, Goethes Tante ein Glas hundertjährigen Hochheimer präsentierend, und setzte hinzu: „Auf Ihre Gesundheit, Frau Gevatterin!“