Die Rückreise war so langweilig als einsilbig, die ganze Unterhaltung, deren Kosten mein Oheim allein trug, drehte sich um das Nichtswürdige des Komödiantenstandes und daß jeder, der sich ihm ergebe, dem Teufel verfallen sei und so weiter, jedoch wußte der kluge Mann die Sache in ein sehr verständiges Gewand einzukleiden; indessen fanden alle seine trefflichen Ermahnungen und Lehren wenig Eingang bei mir; nur die Vorstellung, daß ich dann jedem, der es sich ein paar Groschen kosten lasse, jedem Schafskopf und Schuhputzer den Narren und Hanswurst machen müsse und dem Urteil jedes Einfaltspinsels ausgesetzt sei, was er mir öfters wiederholte, machte einigen Eindruck auf mich.

In Frankfurt angekommen, erklärte mir mein Vater, nach abermaliger Strafpredigt und bitteren Vorwürfen über mein liebloses, unbesonnenes Verfahren, wodurch ich meine Eltern in so große Unruhe versetzt und worüber meine arme Mutter so viele Tränen vergossen und schlaflose Nächte zugebracht, was mir bei allem Leichtsinn doch so zu Herzen ging, daß mir bald selbst die Augen voll Wasser standen, daß ich vorerst mit dem Oheim Oberpfarrer wieder nach Homburg gehen und bei diesem unter seiner Aufsicht wohnen würde, bis man einen weiteren Entschluß über meine Zukunft gefaßt, daß man aber auf keine Weise zugeben werde, daß ich mich dem Theater widme. Wenn ich durchaus kein Kaufmann werden wolle, so möge ich irgendeinen anderen ehrenvollen Stand wählen.

Die Gründe meines Oheims, die Tränen meiner Mutter hatten zwar meinen Vorsatz etwas erschüttert, doch noch lange nicht wankend genug gemacht, um ihn aufzugeben. Ich packte nun meinen Koffer mit Büchern und so weiter und fuhr noch denselben Abend stumm und nachdenkend neben dem guten Oheim sitzend nach meinem provisorischen Aufenthaltsort ab.

VIII.
Abermaliger Aufenthalt in Homburg vor der Höhe. – Diverse Amoretten. – Ich gebe den Schauspieler auf, um Soldat zu werden. – Glänzende Folgen einer Ohrfeige. – Eine Hanauer Zopfparade. – Ich trete in französische Dienste.

Die Pfarrwohnung meines Oheims lag klösterlich abgeschieden im Hintergrund eines Hofes und hatte einen noch einsameren Garten, ganz geeignet, sich in aller Ruhe und Stille allerlei Meditationen hinzugeben. Die Fenster des mir angewiesenen Zimmers gingen in diesen Garten und gestatteten mir die Aussicht in einen anderen benachbarten, den des zweiten lutherischen Pfarrers, Herrn Schneider. Den Morgen nach meiner Ankunft packte ich die mitgenommenen Bücher aus, beinahe lauter Schauspiele, einige historische Werke und ein paar Romane. Gleich nach dem Frühstück kam mein Oheim, musterte meine kleine Bibliothek und rief aus: „Lauter Komödien und nicht eine Bibel, doch dafür werde ich sorgen!“ Nachdem er nach einigen Ermahnungen mein Zimmer verlassen hatte, kam seine alte Köchin und brachte mir Merians Bibel in Folio, ich durchblätterte die und vergnügte mich bei dem Anschauen der oft gar sonderbaren Bilder. Auf einmal hörte ich ein paar Mädchenstimmen unter meinen Fenstern kichern und lachen. Ich sprang auf und erblickte zwei schöne schlanke Gestalten in des Nachbars Garten zwischen Blumenbeeten lustwandeln. Die eine war Eleonore von Brandenstein, zur reizenden Jungfrau emporgewachsen, und die andere Hannchen Schneider, des Pfarrers niedliches Töchterchen, ungefähr von gleichem Alter. Hinter dem Traubenlaub, das meine Fenster fast ganz verbarg, beobachtete ich unbemerkt die beiden Mädchen, die sich dessen nicht vermuteten und sich mit aller Naivität gehen ließen, sich neckten und schäkerten und endlich zu meinem Bedauern den Garten verließen. Ich steckte nun den Don Carlos zu mir und machte eine Morgenpromenade in den Schloßgarten. Als ich an dem Haus vorüberkam, in welchem mein Oheim Scholze mit seinen Kindern gewohnt und in dem ich der Freuden so manche genossen, entfuhr mir ein unwillkürlicher Seufzer. Jetzt bewohnte Frau von Brandenstein, die unterdessen Witwe geworden war und ihre älteste Tochter, die schöne Karoline, ebenfalls durch den Tod verloren hatte, der die wunderliebliche Blume gerade zur Zeit gepflückt, als die Knospe dem Aufbrechen nahte, einen Teil desselben. Im Schloßgarten selbst erinnerte mich jedes Plätzchen, jede Laube, jeder Gang an Henrietten und die hier gehabten Freuden. Ich wollte die Rolle des Marquis von Posa studieren, die mir mehr als die des Don Carlos, welche ich schon kannte, zusagte, aber es war mir unmöglich, meine Gedanken genugsam zu sammeln, um auch nur ein paar Zeilen mit gehöriger Aufmerksamkeit durchgehen zu können. Ich saß auf einer Bank an einem Rasenplatz in der Nähe des Schloßflügels, den die Landgräfin bewohnte, und hatte wohl schon zum sechstenmal die Stelle durchgegangen, wo Posa die Königin Elisabeth im Garten zu Aranjuez spricht, als zwei Damen die Schloßterrasse herabstiegen, von denen die eine in ihrer ganzen Haltung etwas sehr Edles und Majestätisches verriet, während auf ihrem Antlitz die Lieblichkeit eines Engels thronte; es war die liebenswürdige Prinzessin Auguste; die andere, auch recht hübsch, war ein Hoffräulein. Beide kamen auf die Bank zu, auf welcher ich Platz genommen hatte, und als sie sich in meiner Nähe befanden, stand ich auf und grüßte ehrerbietig. Die Prinzessin erkannte mich und sagte:

„Ah, Herr Fröhlich, seit wann sind Sie wieder bei uns?“

„Seit gestern, Durchlaucht.“

„Werden Sie lange bleiben?“

„Das weiß ich selbst noch nicht, Prinzessin.“

„Sind Sie wieder bei B...?“