„Sie wird am Ende wohl müssen.“

Die Prinzessin wünschte mir nun einen ziemlich frostigen guten Tag und ließ mich stehen, während Fräulein Amand, so hieß die Kammerdame, noch einen teilnehmenden Blick auf mich warf.

Am Hofe zu Homburg waren unterdessen manche Veränderungen vorgegangen, die Prinzen waren bis auf den jüngsten, Leopold, alle bei den Armeen, in denen sie dienten, die schöne Prinzessin Mariana war die Gemahlin des Prinzen Wilhelm von Preußen geworden. Mehrere meiner älteren Bekannten hatte der Tod weggerafft, andere hatten Homburg verlassen. Ich stattete nun einige Besuche ab, namentlich bei meinem früheren Lehrer Breidenstein und bei der Frau von Brandenstein, und wurde in beiden Häusern recht freundlich aufgenommen.

Als ich gegen Mittag nach Hause kam, examinierte mich mein Oheim, wo ich gewesen, und da ich ihm sagte, daß ich mit der Prinzessin Auguste gesprochen, war auch er sehr freundlich. Den Inhalt des kurzen Gesprächs hatte ich ihm freilich nicht mitgeteilt. Er machte mich jetzt mit der Ordnung, die ich in seinem Haus einzuhalten habe, bekannt und namentlich, daß ich mich streng an die Stunden der Essenszeit, mittags zwölf Uhr und abends sieben Uhr, zu binden habe, sowie daß mir ein für allemal das Ausgehen nach dem Abendtisch untersagt sei, ich habe zu bedenken, daß ich in einem Pfarrhaus wohne. Dies letzte war mir der fatalste Kasus von allen. Er wies mir nun auch meine Beschäftigungen und Lehrstunden an und stellte mir dabei seine Bibliothek zur Disposition. Diese, welche gut assortiert war und namentlich auch fast alle klassischen Werke der französischen Literatur enthielt, benutzte ich fleißig, las viel von Voltaire, einiges von Rousseau, namentlich die Heloise des letzteren, aus der ich heimlich jenen berühmten Brief übersetzte, Lafontaines Fabeln, und vor allem Racines und Corneilles Tragödien sowie Molières Lustspiele. Aber, wer sollte es glauben, in dem Winkel eines Schrankes von Ebenholz fand ich sogar den Ritter Faublas und die Liaisons dangereuses, die ich verschlang, und diese im Verein mit Goethes Faust und Don Juan, den ich an einem alten Klavierkasten täglich sang und dessen Musik meinem Oheim, wenn er sie zufällig hörte, recht wohl gefiel, er kannte das Sujet nicht, machten mich zu einem wahren Virtuosen in der Kunst, Weiber und Mädchen zu verführen.

Frau von Brandenstein besuchte ich täglich, ihr und ihrer Tochter, mit der ich das alte freundschaftliche Verhältnis erneuert hatte, Schillers dramatische Werke vorlesend, die sie noch nicht kannten; bei diesen Vorlesungen fand sich dann auch Hannchen Schneider ein. Da jedoch am Tage diese Unterhaltungen oft unterbrochen wurden oder Zeit und Stunde sich nicht eigneten, so kam ich mit Frau von Brandenstein überein, daß sie künftig in den Abendstunden von acht bis zehn Uhr stattfinden sollten; da mir aber das Ausgehen zu dieser Zeit verboten, die Haustür ohnehin verschlossen war, so stieg ich nach acht Uhr zum Fenster hinaus, kletterte an den nicht sehr hohen Spalieren hinab in den Garten und gelangte dann durch des Pfarrer Schneiders Garten auf die Straße, ging auch auf diesem Wege wieder zurück, Hannchen in ihres Vaters Wohnung begleitend, wozu Eleonore eben nicht gut sah und uns einigemal ihren noch viel jüngeren Bruder Karl mitgab, der sich jedoch bald weigerte, ferner diese Aufpasserrolle zu übernehmen; ich machte dann mit dem hübschen Pfarrerstöchterchen große Umwege durch das Boskett des Schloßgartens, wo wir in einer Marmorgrotte nebst den Düften der Blumen den Hauch glühender Küsse einatmeten. Aber lange währte das süße Spiel nicht, meines Oheims alter Drache, die Köchin Justine, hatte meine nächtlichen Ausflüge durch das Fenster erspäht und ihrem Herrn verraten. Als ich mich eines Abends wieder auf diesem Wege in meine Schlafstube begeben wollte, fand ich die Fenster von innen nicht nur verriegelt, sondern mit Kordeln zugebunden und sogar versiegelt. Ebenso fest war die Tür verschlossen, die aus dem Garten in das Haus führte. Was blieb mir anderes übrig, wollte ich die Nacht nicht unter freiem Himmel biwakieren, als ein paar Scheiben einzudrücken und die Fenster sodann von innen zu öffnen, wobei natürlich auch das Siegel lädiert wurde; zum Glück war es kein Amts- oder Gerichtssiegel, sondern nur das Privatsiegel meines guten Oheims, der aber dennoch den kommenden Morgen mit einer mehr als ernsten Amtsmiene in mein Zimmer trat und mir verkündigte, daß, wenn ich es so forttreibe, ich nicht länger bei ihm bleiben, sondern er an meine Eltern schreiben würde, damit diese andere Anordnungen hinsichtlich meiner träfen, eine solche Aufführung sei in einem geistlichen Haus nicht zu dulden. Auf meine Bemerkung, daß ich doch nicht mit den Hühnern schlafen gehen könne, erwiderte er mir, es sei besser, mit den Hühnern schlafen zu gehen, als mit den Gänsen zu wachen. Der gute Onkel war auch witzig; doch mit meinen Abendpromenaden und Vorlesungen war es nun aus.

Als einige Zeit darauf zu Ehren des Vermählungstages des landgräflichen Ehepaares ein Ball auf der Meierei veranstaltet wurde, dem alle Honoratioren Homburgs beiwohnten, und ich den Wunsch blicken ließ, denselben besuchen zu dürfen, schlug es mir mein gestrenger Oheim mit den Worten ab: „Es paßt sich nicht, daß der Neffe des Oberpfarrers Tanzböden besucht.“ – Ich hatte auf der Zunge: „Ei, so wollte ich, daß ich lieber der Neffe des Oberteufels wäre,“ unterdrückte jedoch glücklicherweise die Phrase. Aber alle meine Beredsamkeit vermochte nicht den festen Willen des geistlichen Oberhirten zu erweichen, der endlich mit den Worten schloß: „Ich möchte gar nicht an einen Ort gehen, wo ich der Letzte wäre, dort findest du lauter graduierte und betitelte Personen, und du bist gar nichts.“ Ich gestehe, daß diese letzte Bemerkung ein wenig meinen Ehrgeiz verletzte, und schwieg nun still. Als ich diese Äußerung bei Gelegenheit meinem früheren Lehrer, dem Hofprediger Breidenstein mitteilte, sagte dieser: „Ein Mensch, der Herz und Kopf am rechten Fleck hat, ist nie der letzte, wenn er auch gar keine Titel aufzuweisen hat, und am allerwenigsten hier bei uns, wo diese Titel nur die Aushängeschilde großer Erbärmlichkeiten jeder Art sind.“ – Nun ärgerte ich mich wieder, daß ich mich so hatte einschüchtern lassen.

Mein Leben in Homburg fing an, so einsilbig als langweilig zu werden, kaum daß ich mein hübsches Hannchen manchmal an der Gartenhecke verstohlen sprechen konnte, denn die alte Justine paßte auf wie ein Drache und hinterbrachte meinem Oheim jeden meiner Schritte. Glücklicherweise trat bald ein Ereignis ein, das mich aus dieser Lage befreite.

Den Herrn Oberpfarrer, obgleich schon in den Fünfzigern, aber noch Junggeselle, wandelte plötzlich die Lust an, in den Stand der heiligen Ehe zu treten, und er hatte sich zu seiner Ehegefährtin eine ehrsame und wohlhabende Witwe aus dem nahen Friedrichsdorf erkoren; vor der Vermählung war er jedoch genötigt, noch eine mehrwöchige Reise anzutreten, um einige ihm wichtige Geschäfte in Ordnung zu bringen. Er schrieb daher an meine Eltern, daß sie mich wieder zu sich nehmen möchten, indem er mich unmöglich während seiner Abwesenheit allein in seinem Hause lassen könne, da ich imstande wäre, die Mädchen bis in die Pfarrwohnung zu bringen. Meine Eltern, die mich jedoch schlechterdings nicht in Frankfurt haben wollten, indem sie fürchteten, daß durch die Gelegenheit des Theaters meine Liebe zur Bühne wieder aufs neue erwachen möge und Nahrung erhalte, zogen es vor, mich nochmals meinem früheren Lehrer Breidenstein anzuvertrauen, mit der Bitte, er möge nur meinem Hang zum Schauspieler entgegenarbeiten, mir aber sonst alle Freiheit lassen. Diese benutzte ich auch in vollem Maß; nicht nur meine Vorlesungen bei Frau von Brandenstein begannen wieder und mit ihnen die Heimbegleitungen, sondern nun gab es auch Partien in den kleinen und großen Tannenwald, auf das Jägerhaus und so weiter, die ich veranstaltete und deren Kosten ich trug, wobei die Frau Hofküchenmeister Silbereisen die Honneurs mit Schokolade und Süßigkeiten, die ich lieferte, machen mußte, ich fuhr sogar einigemal mit den Mädchen heimlich in das Theater nach Frankfurt. Doch blieb es dabei nicht; auf einem anderen Ball, den ich, trotzdem ich keine Titel aufzuweisen hatte, besuchte, machte ich die Bekanntschaft einer anderen jungen Hofdame, eines Fräuleins von Breidenbach, aus einer angesehenen Familie aus Mainz, die zu den kurfürstlichen Zeiten daselbst eine große Rolle gespielt. Aber noch eine andere Bekanntschaft hatte ich auf diesem Ball gemacht, die zu reelleren Genüssen führen sollte, nämlich die einer jungen Frau, welche an den etwas rohen und plumpen Herrn von B. verheiratet war, der ebenfalls eine Hofcharge bekleidete, und die häufig zu der Frau Hofpredigerin zum Tee kam, wo mir dann das Glück zuteil wurde, sie nach Haus führen zu dürfen. Der Weg führte uns durch den Schloßgarten, ich war noch etwas schüchtern, denn es war das erstemal, daß ich mit einer jungen Frau in Berührung kam, auch war es bei der ersten Nachhausebegleitung bei einem ehrerbietigen Handkuß und sehr leisen Händedruck geblieben; einige Tage darauf aber, als sich gleiche Gelegenheit bot, hatte ich schon mehr Herz gefaßt und wagte, aber erst an der Haustür ihrer Wohnung angekommen, einen Kuß auf die Wangen der hübschen Frau, den man ruhig duldete. Als mir aber das drittemal die Ehre zuteil wurde, Frau von B. zu begleiten, unterfing ich mich, als wir durch das zweite Schloßtor waren, meinen Arm um ihre schlanke Taille zu schlingen, und auf der Terrasse angekommen, drückte ich sie fester an mich, worauf sie ihr schönes Lockenköpfchen gegen mich drehte, als wollte sie sagen: Was soll dies?, denn so lebhaft auch unsere Unterhaltung in der Gesellschaft war, so stumm und einsilbig ward sie, sobald wir uns allein befanden. Jetzt begegneten sich unsere Lippen, und ein minutenlanger glühender Kuß war die Folge. Statt nun den geraden Weg nach dem in die Neugasse führenden Gartentor zu gehen, verirrten wir uns in eine dunkle Kastanienallee des Bosketts auf eine Rasenbank in einer Grottenlaube. Hier schloß ich die reizende Frau in meine Arme, ungestümer als noch je rollte mir das Blut in den Adern, sie ließ es geschehen, daß ich sie mit Küssen bedeckte, bald waren wir so innigst verschlungen, daß wir das Spalten des Erdballs und alle Donner des Himmels nicht gehört haben würden, und zum erstenmal schwelgte ich so ganz im Vollgenuß der Liebeslust. – Endlich aber war es hohe Zeit aufzubrechen. Nachdem die ziemlich zerstörte Toilette wieder etwas geordnet war, brachte ich Frau von B. nach Haus und lispelte zum Abschied: „Morgen, auf morgen mehr!“, aber es vergingen drei Tage, bevor ich sie wieder heimbegleiten konnte, der Schicklichkeit halber konnte sie ihre Abendbesuche bei B.s nicht früher wiederholen. Vorlesungen dienten auch hier zum Vorwand der Zusammenkünfte, und so fand sie sich von jetzt an dreimal die Woche ein. Der Herr Gemahl aber brachte jeden Abend in einem Männerkränzchen, in dem auch der Hofprediger war, mit Tabakrauchen, Trinken und à la bête-Spielen zu. Eines Abends aber, wir hatten kaum B.s verlassen, war es ihm eingefallen, sein teures Weibchen, das schon mit mir auf dem Heimweg war, einmal abzuholen; glücklicherweise ließ er sich von der Frau Hofpredigerin und ihrem Mann bereden, ihnen noch einige Zeit Gesellschaft zu leisten, aber dennoch sahen wir ihn vor uns hergehen, als wir den Schloßgarten verließen, ahnten aber nicht, daß er bei B.s gewesen. Wir gingen nun in einiger Entfernung hinter ihm, so daß wir fast zu gleicher Zeit an seinem Haus ankamen. „Wo hat dich denn der Teufel gehabt?“ schnaubte er seine Frau an, und diese wollte eben mit einem „Ich komme gerade von B.s“ herausplatzen, als ich, Unrat merkend, ihr noch zu rechter Zeit ins Wort fallend, sagte: „Herr von B..., da der Abend so schön ist, so gingen wir noch ein paarmal auf der Schloßterrasse zwischen den Orangen, deren Blüten so herrlich duften, auf und nieder.“ – „Zum Henker auch,“ brummte der Eheherr, „sie haben ja schon längst keine Blüten mehr.“ – „Möglich, aber sie duften dennoch.“ – „Dergleichen Promenaden verbitte ich mir für die Zukunft,“ sagte Herr von B. nun zu seiner Frau, „überhaupt weiß ich nicht, warum du seit einiger Zeit fast jeden Abend zu Hofpredigers läufst, was soll das?“ – „Ich wohne den Vorlesungen des Herrn Fröhlich bei, die mich außerordentlich unterhalten.“ – „So, es wird besser sein, du unterhältst dich mit deinem Strickstrumpf.“ – „Das tue ich auch.“ – „Komm jetzt ins Haus.“ – Ich wünschte nun eine gute Nacht, die mir Frau von B. freundlich, ihr Mann aber brummend zurückgab. Noch einigemal ging ich vor dem Haus auf und nieder und glaubte ein kleines Donnerwetter und allerlei eben nicht sehr schmeichelhafte Epitheten, wie „Rotznase, dummer Junge“ und so weiter, von denen die einen der armen Frau, die anderen mir gelten mochten, zu hören. Die Besuche der Dame bei B.s waren vorerst eingestellt, und ich sah sie nur bisweilen im Flug, am Fenster vorbeireitend oder gehend.

Bald darauf war wieder ein Ball auf der Meierei, wo sie mir im Vorübergehen zuflüsterte: „Fordern Sie mich ja nicht zum Tanze auf, denn ich darf nicht mit Ihnen tanzen.“ Um jedoch in Berührung mit ihr zu kommen, suchte ich einen Kontretanz zu arrangieren, was nicht so leicht war, da es Mühe kostete, vier Paar zusammenzubringen, welche diesen Tanz nur einigermaßen kannten. Kaum waren wir aber angetreten, als Herr von B... aus dem Rauchzimmer in den Ballsaal trat, und seine Frau mir gegenüber stehen sehend, schnell zu dem Kandidaten ging und zu demselben sagte: „Erlauben Sie mir, daß ich diese Tour mitmache.“ Jedermann lächelte, da von B... sonst nie und am allerwenigsten Quadrille tanzte; ich erlaubte mir auch, dem Eingedrungenen zu bemerken, daß es ein Kontretanz sei. – „Schon gut, hat nichts zu sagen,“ lautete die barsche Antwort. – Wir begannen, und Herr von B... machte einen Bock über den andern, benahm sich auch so ungeschickt, daß jedermann lachte. Ich wollte ihn belehrend höflichst zurechtweisen, es war gerade bei dem Queue de chat, wofür mir mit einem ‚Naseweis‘ gedankt wurde, worauf ich sogleich mit meiner Dame austrat, meinem Gegner zurufend: „Das wird sich finden.“ – Ich begab mich in das Billardzimmer, wo ich auf ein Stückchen weißes Papier eine Herausforderung, und zwar auf Pistolen, an Herrn von B. schrieb, ihm diese zuschickte und mich sofort entfernte.

Die Veranlassung zu einem Duell hatte ich mir schon längst gewünscht, ein solches schien mir so recht heroisch-romantisch, und ich freute mich darauf, auf diese Weise Eklat und von mir reden machen zu können. Herr von B... dachte aber nicht so, sondern gab das Billett dem Hofprediger, indem er diesem sagte, er würde es nicht dabei bewenden lassen, ich sei ein naseweiser Junge, der, kaum hinter den Ohren trocken, sich schon mit bärtigen angestellten Männern messen wolle, ich müsse auf die Wache gesetzt werden, und dahin hoffe er es auch zu bringen. Es hätte auch in der Tat nicht viel daran gefehlt, daß man mich auf die Schloßwache gesetzt hätte, und nur aus Rücksicht für meinen Oheim verweigerte der Landgraf, bei dem Herr von B... klagte, seine Einwilligung. Mich ärgerte es, daß aus dem Duell, ja nicht einmal aus dem Arrest etwas geworden war, denn beides hätte nach meinen damaligen Begriffen von Ehre und der Lust, Aufsehen zu erregen, in meinen Kram gepaßt. Indessen tröstete ich mich mit dem Aufsehen, das die Sache dennoch in ganz Homburg gemacht hatte, und ein preußischer Leutnant, der als Werbeoffizier daselbst war, fand die Albernheit vortrefflich und hatte sich mir sogar zum Sekundanten angeboten, wenn aus der Sache etwas geworden wäre.