Unterdessen war mein guter Oheim wieder von seiner Reise zurückgekommen, hörte von all dem Skandal, den ich verursachte, und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, wozu noch kam, daß ich an einem Sonntagmittag, als gerade seine Kirche aus war, in der ich mich nie sehen ließ, auf meinem Mietklepper in vollem Galopp durch die Leute, welche die Kirche verließen, sprengte und ihn fast selbst über den Haufen ritt, da ich ihn unter der Menge nicht bemerkt hatte. Dies war denn doch ein wenig zu toll, und er schickte noch denselben Tag einen fulminanten Brief durch einen Expressen an meine Eltern ab, worin er diesen ans Herz legte, mich sofort von Breidenstein und von Homburg wegzunehmen, wo ich ihm und ihnen die größte Schande und so weiter mache.
Den folgenden Tag kam mein Vater selbst nach Homburg, die Sache zu untersuchen, aber Breidenstein meinte, dies seien nur Jugendstreiche, die man nicht so genau nehmen dürfe. Indessen drang mein Vater darauf, daß ich mich erklären und irgendeinen Stand, dem ich mich widmen wolle, wozu es hohe Zeit, wählen müsse, und setzte hinzu, daß, im Fall ich bei dem Theater beharre, ich auf alle und jegliche Unterstützung von seiner Seite sowie von der ganzen Familie zu verzichten habe. Er nahm nun noch Rücksprache mit dem Hofprediger und dem Oberpfarrer, welche Mittel zu ergreifen seien, mich von dieser Idee gänzlich abzubringen. Breidenstein meinte, man müsse es versuchen, mich bei der Ambition anzugreifen, da ein gewisser wenn auch falscher Ehrgeiz meine schwache Seite sei, und er wolle sich deshalb mit dem Herrn Oberpfarrer besprechen, um gemeinschaftlich mit diesem zu wirken, dies würde gewiß fruchten, und da ich nun einmal einen unbeschreiblichen Widerwillen gegen den Kaufmannsstand hege, so möge man immer zugeben, daß ich mich dem Militär widme, weil er glaube, daß ich zu diesem am ersten nach dem Theater inkliniere und auch am meisten dazu passe.
Mein Vater überließ es daher den beiden Hochehrwürden, diese Angelegenheit bestens zu betreiben, und sie taten ihr Möglichstes bei der Sache, ja mein Oheim wandte sich deshalb sogar erzählend an die regierende Landgräfin, bei der er wie bei dem ganzen fürstlichen Haus hoch in Gnaden stand, indem er sagte, er wisse nicht, was er machen solle, und wäre außer sich, wenn ich zum Theater ginge. Die Fürstin, eine sehr geistreiche Dame, tröstete den guten Mann, ihn auffordernd, zu veranstalten, daß ich mich den nächsten Mittag auf der Terrasse vor ihrem Pavillon einfinde, sie wolle mir den Kopf gewiß so waschen, daß mir der Komödiant vergehen solle, ich habe ohnehin den ganzen Hof vor ein paar Tagen in Alarm und Uneinigkeit versetzt.
Dies hatte folgende Bewandtnis. Ich hatte aus Schillers Gedichten, von denen damals noch viele unbekannt waren, namentlich in Homburg, das Gedicht ‚Laura am Klavier‘ auf Velinpapier mit Goldschnitt abgeschrieben und es dem Fräulein von Brandenstein, Eleonoren, gegeben, ohne ihr zu sagen, wer der Verfasser sei. Diese glaubte, das Gedicht sei von mir, ich habe es ihr zu Ehren gemacht, und zeigte es auf dem Schloß, wo es sogar bei der Tafel zirkulierte und als von mir verfaßt nach Herzenslust kritisiert, bespöttelt und heruntergemacht wurde, namentlich ließ mein Freund, Herr von B..., kein gutes Haar an demselben und meinte, Fräulein von Brandenstein hätte so läppisches Zeug gleich verbrennen sollen; indessen waren doch einige Damen, und namentlich Prinzessin Auguste, anderer Meinung und erwiderten, es sei für einen Anfänger so übel nicht, aber die Majorität machte sich lustig darüber. Von B... hatte den Vorfall gleich nach der Tafel dem Hofrat M... mit Schadenfreude hinterbracht, und dieser, dem ich hierauf begegnete, hatte mir, was auf dem Schloß vorgefallen, mit hämischer Freude wiedererzählt und dabei gesagt, auch er habe das Ding gelesen und könne nicht begreifen, wie ich meine Zeit damit zubringen möge, solch abgeschmacktes Zeug zusammenzuschmieren. Ich ließ den guten, etwas begeisterten Mann ganz ruhig ausreden und sagte dann trocken: „Ich bedaure, mein Herr Hofrat, daß der Verfasser des Don Carlos, der Jungfrau von Orleans und so weiter so abgeschmacktes Zeug schmiert, denn das Gedicht ist von keinem anderen als von Schiller.“
„Unmöglich,“ rief M..., „Sie haben mich zum besten.“
„Wie würde ich mich so etwas unterstehen!“
Aus dem stupiden Gesicht des Hofrats war nun mit einem Mal alle Schadenfreude verschwunden, und es zog sich ellenlang.
„Also wirklich von Schiller?“ fragte er wieder.
„In dem soeben erschienenen zweiten Band von Schillers Gedichten Pagina so und so können Sie es nachlesen.“
Ich ließ den Hofrat stehen, eilte nach Haus, nahm Schillers Gedichte und schickte sie dem Fräulein von Breidenbach, der ich fortwährend Bücher zur Unterhaltung lieh; diese ließ noch denselben Tag das Buch im Schloß von Hand zu Hand gehen, und alle, die gegen das Gedicht so losgezogen hatten, mußten sich nun den beißendsten Spott gefallen lassen; aber Eleonore grollte ein paar Tage mit mir, weil ich ihr den Verfasser nicht gesagt und sie so die unmittelbare Veranlassung war, daß sich mehr als ein Hofgehirn gewaltig kompromittiert hatte.