Mein Oheim ließ mich rufen und teilte mir mit, ich habe mich zur Mittagsstunde des kommenden Tages auf der bezeichneten Terrasse einzufinden, wo ich etwas Neues erfahren würde, ich dürfe aber ja nicht fehlen. Auf weiteres ließ er sich nicht ein. Meine Neugierde machte, daß ich seinen Willen pünktlich befolgte. Nachdem meine Geduld schon während einer ganzen Stunde vergeblichen Wartens auf die Probe gestellt war, sah ich die Landgräfin in Begleitung einer Hofdame und von einem Bedienten gefolgt, wie sie um diese Zeit regelmäßig ihre Promenade zu machen pflegte, die Terrasse herabkommen. Als sie mich erblickte, schickte sie den Bedienten, ich möge mich zu ihr verfügen; ich eilte, dem Befehl ehrfurchtsvoll zu gehorchen, und als ich vor ihr stand, sagte sie:

„Was höre ich, Sie wollen Schauspieler werden, ist dies an dem?“

„Ja, Durchlaucht.“

„Der Neffe des Herrn Oberpfarrers von Homburg ein Komödiant! – Was wird die Welt dazu sagen?“

„Oh, der Oberpfarrer von Homburg ist auch etwas Rechtes!“

Die durchlauchtigste Frau machte nun ein Rechtsumkehrt, trotz einem preußischen Grenadier, und ließ mich mit langer Nase und etwas verblüfft stehen. – Erst nach einigen Augenblicken kam ich wieder zur völligen Besinnung und fühlte, welche Artigkeit ich der Landgräfin gesagt hatte.

Noch denselben Abend, als ich zu Brandensteins ging, erzählte mir Leonore, daß sie die Landgräfin gefragt, ob ich noch ihre Mutter besuche, und als sie dies bejaht, habe sich die Fürstin geäußert, sie könne nicht begreifen, wie man einem Menschen, der ein Komödiant, das heißt ein Hanswurst werden wolle, den Zutritt gestatten möge; Leonore habe darauf gestammelt, ich lese ihrer Mutter sehr gut vor, worauf ihr die Dame gesagt: „Was vorlesen, Komödianten darf man in keinem honetten Haus dulden.“ Brandensteins und Fräulein von Breidenbach drangen nun auch in mich, doch einen anderen Stand und zwar den des Militärs zu wählen, und letztere meinte, ich müsse ein recht schmucker Offizier werden, als Soldat könne ich eine ganz andere Karriere machen, ja zu hohen Würden gelangen, kur- und tafelfähig und allgemein geachtet werden, ein solcher Entschluß würde mich auch sogleich wieder mit der zürnenden Landgräfin sowie mit meinen Verwandten aussöhnen, und das Haus Homburg könne mir sowohl in österreichischen wie in preußischen Diensten, wenn ich diese wähle, sehr förderlich und zu schnellem Avancement behilflich sein.

Aber noch konnte ich einen Plan, den auszuführen ich mir seit Jahren alle erdenkliche Mühe gegeben, und einen Stand, für den mich auszubilden ich bisher fast nur allein rastlos und mit großem Eifer gearbeitet hatte, nicht so rasch aufgeben, ob ich gleich schon wankte. Da beschied mich abermals mein guter Oheim zu sich, empfing mich ungewöhnlich ernst, indem er mir mit einem feierlichen Tone sagte, daß es nun die höchste Zeit für mich sei, einen Entschluß zu fassen, denn mein Vater habe beinahe sein ganzes Vermögen verloren. – Ich sah meinen Oheim mit großen Augen und zweifelnd an, als wollte ich ihn fragen: Ist dies auch wahr? – „Du scheinst die Sache in Zweifel zu ziehen,“ fuhr derselbe nach einer Pause fort, und teilte mir sodann die näheren Umstände dieser nur zu wahren Begebenheit mit.

Ohne sein Verschulden hatte mein Vater eine große Summe, über zweimalhunderttausend Gulden, verloren. Er hatte einem auswärtigen Haus, mit dem er schon lange in Geschäftsverbindung stand, auf ein Deposito von österreichischen Staatspapieren eine sehr bedeutende Summe auf mehrere Monate vorgeschossen und zu diesem Zweck selbst noch fremdes Geld aufgenommen. Kaum war diese Operation gemacht, so teilte er sie dem alten Rothschild mit, dieser aber sagte ihm ganz bestürzt: „Um Gotteswillen, Herr Fröhlich, was haben Sie getan, bevor acht Tage vergehen, erklärt sich Österreich bankrott.“ – Mein Vater erschrak, wollte jedoch Rothschild keinen Glauben schenken, der ihm dagegen versicherte, dies sei nur zu wahr, er habe es aus einer Quelle, die auch nicht den mindesten Zweifel übrig ließe. „Oh, warum haben Sie mir nicht vorher etwas davon gesagt,“ setzte er hinzu. – Mein Vater schrieb nun gleich an das Haus, erhielt aber erst nach sechs Tagen zweideutige und ausweichende Antwort, und schon den siebenten war die Finanzoperation, welche die österreichische Regierung (Ende 1804) vorgenommen, wodurch sie ihr Papiergeld sehr bedeutend herabsetzte, also Bankrott machte, in Frankfurt bekannt. Das Haus, von dem das unsrige die Papiere hatte, ließ diese im Stich und fallierte ebenfalls, so daß mein Vater den ganzen ungeheuren Verlust allein zu tragen hatte. Er hielt die Sache indessen sehr geheim, und mein Oheim teilte sie mir unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit mit, wenn ich meines Vaters Kredit nicht untergraben wollte.

Mein Oheim drang nun nochmals in mich, eine Karriere, und zwar eine andere als das Theater zu wählen und meinen armen Eltern nicht noch mehr Kummer zu machen, als sie jetzt schon hätten. „Übrigens,“ setzte er, mich tröstend, hinzu, „bleibt ihnen noch immer so viel, daß sie dich in dem Stand, den du wählen wirst, vorerst noch unterstützen können. Würdest du dich der Theologie widmen, so kannst du auch noch auf meine Hilfe zählen und vielleicht dereinst meine Stelle bekleiden.“