Ich erbat mir nun noch vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, obgleich ich ihm hinsichtlich des theologischen Studiums – ich wäre ein sauberer Theolog geworden – gleich mit einem sehr positiven ‚Nein‘ hätte antworten können.
Noch den nämlichen Abend teilte ich der Frau von Brandenstein mit, daß ich mich nun für den Militärstand entschlossen habe und daß allerdings die Worte der Frau Landgräfin nicht ohne Einfluß auf diesen Entschluß geblieben seien; am anderen Morgen eröffnete ich dasselbe meinem Oheim und schrieb meine Sinnesänderung an meine Eltern. Obgleich man auch diesem Stand nicht sehr hold war, so war man doch froh, daß ‚mir der Komödiant aus dem Kopf war‘, ergab sich darein und ließ mich vorerst noch in Homburg, um mich zu der neugewählten Laufbahn vorzubereiten, während man überlegen wolle, wie und wo ich am besten unterzubringen sei.
Als die Landgräfin meinen Entschluß hörte, sowie daß ihre Worte denselben hervorgebracht, äußerte sie sich wieder sehr gnädig über mich, und der Herr Landgraf sagte: „Unter den Soldaten wird man ihn schon zurechtbringen.“ Indessen wurde mir die hohe Gnade, an den Exerzierstunden des Prinzen Leopold, er lernte die Handgriffe und das Marschieren bei einem ehemaligen preußischen Unteroffizier, teilnehmen zu dürfen, und da der junge Brandenstein auch zugelassen wurde, so formierten wir eine ganze Rotte und konnten nach Verlauf von wenigen Wochen schon ordentlich im Feuer exerzieren, marschieren, alle Wendungen und so weiter machen. Meine Eltern hatten mir einige Werke über Taktik, Strategie und so weiter geschickt, in denen ich fleißig studierte, und Prinz Leopold, der kleine Schanzen mit Wällen und Gräben anlegte, machte, daß ich wenigstens einen Begriff von der Fortifikationskunst erhielt, auch hatte er in Hölzer eingereihte Bleisoldaten, mit denen er die Pelotonsschule übte, sowie Festungen von Pappe, die wir mit kleinen messingenen Kanonen beschossen. War es schlechtes Wetter, so exerzierten wir in den Schloßgängen, wobei wir bisweilen die Gewehrkolben so gewaltig aufstießen, daß die Frau Landgräfin schickte und sich zu menagieren gebot.
Meine Eltern beschäftigten sich jetzt, eine passende Anstellung im Militär für mich ausfindig zu machen. Mein Vater hatte anfänglich den Gedanken, mich nach Petersburg zu seinem Bruder Wilhelm, der Oberst in der russischen Garde war, zu schicken. Eine Ohrfeige bewirkte, daß er den Handelsstand mit dem Soldatenstand vertauschte, in welchem er rasch ein glänzendes Glück gemacht. Als er von Bremen wieder in das elterliche Haus zurückgekehrt war, mußte er auf dem Kontor seines Vaters arbeiten und sollte sich dabei streng an die eingeführte Hausordnung halten, namentlich sich präzis um acht Uhr zum Abendessen einfinden; da er sich aber öfters verspätete, so zog ihm dies mehrmals Verweise zu, und als er wieder einmal erst um halb neun Uhr kam, empfing ihn sein Vater mit einer Ohrfeige vor dem ganzen Kontorpersonal. Wilhelm eilte zur Tür hinaus, ließ sich von der Köchin vier Kreuzer für die Torsperre geben, da er gar kein Geld zu sich gesteckt hatte, und eilte so zum Allerheiligentor hinaus nach Hanau zu. Hier angekommen, wurde er nicht eingelassen, diese Stadt war damals ebenfalls noch eine Festung, und schlief die Nacht auf dem Glacis. Am folgenden Morgen verkaufte er seine Uhr in Hanau und reiste weiter bis Leipzig, suchte daselbst einen Geschäftsfreund seines Hauses auf und schrieb nun seinen Eltern, was aus ihm geworden, sowie daß sein fester Vorsatz sei, nicht mehr nach Frankfurt zurückzukehren, sondern sich nach St. Petersburg zu begeben, den Kaufmann für immer an den Nagel zu hängen und in russische Militärdienste zu treten. Durch einen Bruder seines Vaters, der schon eine hohe Militärcharge daselbst bekleidete, die er durch Verwendung des russischen Generals Prinzen von Anhalt erhalten, nachdem er als Rittmeister in dem Leibkürassier-Regiment des Großfürsten Paul gedient und bald ein Liebling Pauls I. geworden war, machte auch Wilhelm rasch sein Glück in Rußland und heiratete obendrein ein sehr reiches Fräulein, eine Anverwandte des Fürsten Potemkin. Er fügte seinem Brief noch hinzu, man möge etwas Geld und Wäsche nach Leipzig schicken, womit er bis St. Petersburg reisen könne, wo nicht, so würde er sich so durchzuhelfen suchen; man tat, was er wünschte.
Meiner Mutter aber lag Rußland zu fern, sie fürchtete, mich nie wiederzusehen, und so ward dieser Plan aufgegeben, ehe ich nur etwas davon erfahren hatte. Man sprach von österreichischen Diensten, gegen diese hatte ich aber eine Abneigung, weil man die Österreicher so oft zum Gegenstand des Spottes und des oft schalen Witzes und sich über sie lustig machte; sie standen mir nicht hoch genug in der öffentlichen Meinung, eher neigte ich mich zu den Preußen hin, aber hier hatte ich trotz aller Protektion nur wenig Aussicht auf Beförderung, da ich kein gegerbtes und bekritzeltes Eselsfell vulgo Pergament aufzuweisen hatte, welches bewies, daß ich schon so und so viel faule Ahnen habe, die zu jener Zeit, bei der Artillerie ausgenommen, erforderlich waren, um des Tragens eines Portepees in der preußischen Armee würdig zu sein. – Also auch hier nichts.
Mein Vater hatte einige finanzielle Relationen mit Hessen-Kasselschen höheren Beamten und glaubte in diesem kleinen Staat mir eine Karriere eröffnen zu können, obgleich auch hier wie in allen deutschen Staaten und Stäätchen der Adel sehr bevorzugt war. Es wurde nun an diese Herren geschrieben, die Antwort lautete ziemlich günstig, wir wurden an einen in Hanau garnisonierenden Obersten empfohlen, der mich dem Erbprinzen daselbst vorstellen und zum Kadetten oder Junker vorschlagen sollte. Ich fuhr an einem Sonntag mit meinem Vater dahin ab, wo uns der Oberst im Gasthof zum Riesen erwartete, um uns mit auf die Parade zu nehmen und die Gelegenheit abzupassen, mich Seiner Durchlaucht vorzustellen. – Als ich die steifen abgemessenen hessischen Soldaten, die mir gleich hölzernen Maschinen vorkamen, mit ihren langen bis an die Kniekehle reichenden Zöpfen und weißgepuderten Locken, mit ihren ausgestopften Puppen ähnlichen Offizieren, die aufs Haar den Nürnberger, von schwarzem Brotteig geformten, gebackenen und lackierten Soldaten glichen, welche die Kaufleute auf die Frankfurter Messe bringen, so bei mir vorübermarschieren sah, da bekam ich einen Schauder, es wurde mir ganz komisch zumute, und das Theater fiel mir wieder ein. – Ich erklärte auch sofort meinem Vater, daß ich nicht in hessische Dienste treten wolle und es besser wäre, wir führen gleich wieder heim. Er meinte aber, daß, da wir einmal hier seien, man auch das Ende abwarten müsse, und man könne nicht weg, bevor ich wenigstens vorgestellt sei, der Oberst von M... könne sonst glauben, man habe ihn zum besten gehabt.
Als endlich die Parade vorüber war, kam der Oberst und beorderte mich, ihm zu folgen. Er führte mich zum Erbprinzen, der von mehreren Stabsoffizieren mit hohen, lang bespornten Kanonenstiefeln, mit ungeheuren Federhüten auf den Köpfen, martialische Dienstmienen, aber recht nichtssagende Gesichter machend, umgeben war. Als wir in der Nähe des Erbprinzen waren, sagte mein Führer: „Da bringe ich Eurer Durchlaucht einen neuen Rekruten, den Sohn des Herrn Fröhlich aus Frankfurt,“ und gab mir ein Zeichen, vorzutreten.
Der Erbprinz und seine Offiziere musterten mich von oben bis unten und betrachteten mich ungefähr mit der Miene wie ein Fleischer, der ein Rind zum Schlachten kaufen will. Hierauf sagte der erste:
„Man hat Lust, Soldat zu werden?“
„Ja, Durchlaucht.“