„Das gehörige Maß scheint man zu haben, auch kann man noch wachsen. Aber man hat die verteufelte französische Jakobinermode mitgemacht, trägt abgeschnittene Haare, wie steht es da mit dem Zopf?“

„Oh, der kann wieder wachsen,“ fiel der Oberst ein.

„Ja, das wird lange währen,“ meinte der Erbprinz, „und ein hessischer Soldat ohne Zopf ist so viel wie gar nichts.“

Hier wackelten sämtliche Offiziere mit ihren Köpfen, gleichsam um durch die Bewegung ihrer ellenlangen Zöpfe anzudeuten, wie sehr sie mit der Meinung Seiner Durchlaucht einverstanden seien. Dieser fuhr fort:

„Wie alt ist man?“

Ich stand wie auf Kohlen und platzte endlich heraus:

„Man ist fünfzehn Jahre vorüber.“

Der Erbprinz sprach nun einige für mich unverständliche Worte zu seiner Umgebung und entfernte sich, ohne mich weiter eines Blickes zu würdigen. Ich eilte zu meinem Vater zurück, der der ganzen Szene in einiger Entfernung zugesehen hatte, und gleich darauf kam der Oberst zu uns und sagte zu demselben, ich habe mich so sonderbar benommen, daß der Erbprinz sehr ungnädig sei und er es nicht wage, ferner einen Schritt in dieser Angelegenheit zu tun.

„Ist auch nicht nötig, Herr Oberst,“ versetzte ich, „ich werde um keinen Preis hessische Dienste nehmen.“ – Mein Vater hieß mich schweigen, war verlegen und suchte mich bei dem Obersten zu entschuldigen. Wir kehrten in den Riesen zurück, wo uns ein Bekannter aus Hanau aufsuchte, der mit meinem Vater über die Sache sprach und diesen einigermaßen beruhigte, indem er ihn versicherte, daß ich auf keinen Fall ein großes Glück bei den hessischen Zopfhelden gemacht haben würde, da ich, nicht von Adel, noch hätte von Glück sagen können, wenn ich mit dem fünfzigsten oder sechzigsten Jahre eine Kompagnie erhalten hätte, denn bei vielen heiße es: ‚Herr Leutnant, dir lebe und dir sterbe ich‘, und man könne sich nicht vorstellen, welch eine Misere es sei, einem kleinen deutschen Souverän zu dienen. Das Elend sei nicht einmal ein glänzendes, sondern ein ganz gewöhnliches.

Ich stimmte dem braven Mann von Herzen bei und sagte meinem Vater, als er bei der Heimfahrt äußerte, er wisse nun gar nicht, was er mit mir anfangen solle, es wäre wohl das beste, wenn ich es mit den französischen Diensten versuchte, wo man wenigstens weder nach albernen Hirngespinsten, wie verfaulten Ahnen, noch nach Schnurrpfeifereien, wie Zöpfen, frage. Diese Sprache hatte ich Breidensteins Erziehung zu verdanken, der uns wenigstens so viel als möglich von allen albernen Vorurteilen frei zu machen suchte, dabei aber vergaß, uns die nötige Klugheit anzuempfehlen, und seine Freude daran zu haben schien, wenn wir uns recht derb deshalb ausließen, eine Freude, die ihm durch mich in vollem Maß wurde. Diese Erklärung setzte meine werte Verwandtschaft, die noch meistens gut kaiserlich gesinnt war und die Franzosen haßte, neuerdings in Alarm, und es gab abermals Debatten, die jedoch durch die Furcht, meine Theaterlust möchte wieder erwachen, und da auch meine Mutter Neigung für den französischen Dienst zeigte, bald beseitigt wurden; es ward nun beschlossen, daß ich in französische Dienste treten sollte. – Ich fuhr ein paar Tage darauf mit meinem Vater nach Mainz, wo Latour damals ein neues Regiment für die französische Regierung errichtete. – Als wir ankamen, ließ General Lefevre, ein Müllerssohn, gerade ein Armeekorps von zwanzigtausend Mann auf der großen Bleiche, die zum Heer Napoleons stoßen sollten, die Musterung passieren. Als ich diese wahrhaft martialischen und dabei doch gutmütigen Gesichter defilieren sah, machte dies einen ganz anderen Eindruck als die Hanauer Zopfparade auf mich. Das kriegerische Aussehen dieser Truppen, das legere Marschieren, die ungezwungene und doch imponierende Haltung derselben, das unaufhörliche Wirbeln der vielen Trommeln, mit denen eine etwas wilde Janitscharenmusik wechselte, dies alles machte mein Herz freudig pochen. Ich vergaß und versäumte das Mittagessen über dieser Revue und kam erst nach drei Uhr in die drei Reichskronen zurück, in denen wir abgestiegen waren. Noch denselben Tag besuchten wir Latour, dem wir durch einen Mainzer Bekannten empfohlen wurden, und eine halbe Stunde darauf war ich mit Unteroffiziersrang in dem neuen Regiment angestellt. Am folgenden Tag kehrten wir wieder nach Frankfurt zurück, um meine Equipierung instand zu setzen, die eben nicht sehr umständlich sein durfte; als Abzeichen meines Dienstes hatte ich schon eine dreifarbige Kokarde, die ich aufsteckte, mitgebracht, kündigte mich allenthalben und mit triumphierender Miene, namentlich auch in Homburg, als angehender französischer Krieger an, was mir manche verdrießliche Miene zuzog und mir namentlich der alte Oberst Schulter übel nahm, der wie viele andere eine wahre Antipathie gegen die Franzosen hatte, ebenso die Homburger, mit Ausnahme der Landgräfin, die für die Franzosen eingenommen war und sehr gut französisch sprach. – Während ich so mit meinen Abschiedsbesuchen bei allen meinen Lieben und mit meiner Equipierung beschäftigt war, kam Frau von Waldschmidt zu uns und teilte uns mit, daß der Fürst Y... ebenfalls im Sinn habe, ein Regiment für den Kaiser Napoleon zu errichten, es könne sich nicht leicht bessere Gelegenheit finden, meine Militärdienste anzutreten, ja ich könne ohne Zweifel als Offizier in dieses Regiment treten, da der Fürst junge Leute von Distinktion für dasselbe suche. – Mein Vater entgegnete ihr jedoch, daß, da ich schon definitiv bei Latour d’Auvergne angestellt sei, dies zu spät komme, ohnehin sei es nicht sein Wille, daß ich gleich eine Offizierscharge bekleide, die mir zu viele Freiheit lasse, was bei meiner großen Jugend und meinem Hang zu einem wilden Leben gerade nicht wünschenswert sei. Aber Frau von Waldschmidt meinte, ich könne gerade in dieser Hinsicht nirgends besser aufgehoben sein als in dem Regiment des Fürsten Y..., der unsere Familie kenne und mich gewiß unter seine besondere Obhut nehmen würde, eine Versetzung von dem einen Regiment zu dem anderen ließe sich ja leicht bewirken und so weiter. Mein Vater dankte für die Aufmerksamkeit, ließ es indessen vorerst dabei bewenden, und nach ein paar Tagen reiste ich allein nach Mainz ab, meine militärische Laufbahn anzutreten, die wenigstens lustig genug werden sollte.