IX.
Mainz; seine Geschichte. – Ich werde zu dem Regiment Y. versetzt. Formation desselben. – Die Familie Jung. – Die Mitternachtsmessen. – Eine tödliche Krankheit. – Das Regiment erhält Ordre, nach Toul zu marschieren. – Ich gehe zu meiner Wiederherstellung auf Urlaub. – Chasttelers Mätresse, und eine Nacht im Bären. – Napoleon hält eine Revue in Mainz. – Ich bekomme einen Transport Rekruten nach Toul zu führen.

Mit zwar etwas beklommenem Herzen, aber leichtem Sinn, leichter Bagage – mein militärisches Equipement sollte ich erst beim Regiment erhalten –, ziemlich gefüllter Börse, übrigens frohen Muts verließ ich das Vaterhaus und setzte mich in den nach Mainz abfahrenden Postwagen. An meinen solideren Kenntnissen trug ich auch nicht schwer: Geschichte, Erdbeschreibung und Französisch, das ich gut sprach und schrieb, waren die einzigen Dinge, die ich ziemlich gründlich kannte, namentlich hatte ich Plutarch, Cäsar und Titus Livius gut inne; meine Muttersprache, das Deutsche, sprach und schrieb ich nicht einmal sehr korrekt, ebenso sprach ich nur schlecht Englisch, und in der Mathematik wie im Zeichnen hatte ich es auch nicht sehr weit gebracht, eine Hand schrieb ich, daß es zum Erbarmen war, dagegen aber hatte ich in frivoleren Künsten eine ziemlich hohe Stufe erreicht; in der Musik, im Klavier und Singen war ich ein Virtuose, dabei ein guter Reiter und ebenso guter Tänzer. Von allen meinen Büchern hatte ich nur die, welche von den Militärwissenschaften handelten, die ich erst kürzlich bekommen hatte, und sodann noch Schillers Don Carlos und Fiesko, Kramers Adolph der Kühne, Raugraf von Dassel, dies war mein Homer und Plutarch, und den Klavierauszug des Don Juan eingepackt und mitgenommen.

In Mainz angekommen, stieg ich im Gasthof ‚Zur hohen Burg‘ ab, denn man hatte mir gesagt, daß sich dort ein allerliebstes Wirtstöchterchen befände; ich fand mich aber getäuscht, es war eine zwar jugendliche, frische, rotwangige, aber ziemlich derbe Schönheit, für die ich in meinem Leben nie inklinierte, blieb indessen vorerst da wohnen. Am nächsten Morgen stellte ich mich meinem Regimentschef vor, der mich wohlwollend empfing und einer Kompagnie zuteilte. Der Dienst des kaum errichteten Regiments war noch nicht geregelt, und ich hatte vorderhand nichts weiter zu tun, als mich bei den Appellen einzufinden, benutzte deshalb die müßige Zeit, um mich in dem alten Mainz umzusehen, und nahm bei einem Ingenieuroffizier Unterricht in der praktischen Feldmeßkunst und Fortifikation sowie bei einem Unteroffizier-Maitre-d’Arme (Fechtmeister) in der Fechtkunst, denn mir ahnte, daß es mir an Händeln der besten Sorte nicht fehlen würde. Glücklicherweise war damals kein Theater in Mainz, das mich von meinen Berufsstudien hätte abwendig machen und zu sehr zerstreuen können.

In Mainz war es zwar sehr lebendig, denn die Festung wimmelte von Militär jeder Waffengattung, aber die Stadt bot doch im ganzen einen traurigen Anblick. Überall stieß man noch auf die Spuren der letzten schweren Belagerungen, Häuser, Klöster und Paläste lagen teilweise in Ruinen, das Dalbergsche Palais, die drei Schweinsköpfe genannt, alle Gebäude am sogenannten Höfchen, wo die schöne tempelartige St. Sebastianskapelle, die alte Jesuitenkirche stand, waren zum Teil halb abgebrannt oder ganz von Kanonenkugeln zerschossen, und selbst der Dom hatte ein melancholisches Ansehen, seine Türme waren dach- und fensterlos. Das kurfürstliche Schloß war jetzt der Aufenthalt des Jammers und Elends, und in den prächtigen Prunkgemächern, wo früher die glänzendsten Feste gefeiert wurden, standen längs den kahlen Wänden Krankenbetten, in denen oft unheilbare Kranke und Verwundete ihr Dasein verfluchten; die Fürstenwohnung war ein Lazarett geworden. Noch stand die alte Martinsburg, die vierzehnhunderteinundachtzig Erzbischof Diether erbaut hatte, aber, öde und leer, fenster- und türlos, war sie der Aufenthalt von Eulen, Uhus und Unken und wurde bald darauf (1806) von den Franzosen abgerissen. Das merkwürdige alte Kaufhaus, unter Kaiser Ludwig von Bayern (1314-1317) erbaut, eines der seltsamsten und kostspieligsten Denkmäler jener Zeit, war ebenfalls noch vorhanden (das französische Gouvernement ließ es 1812 demolieren), und im deutschen Ordenshaus wohnte ein französischer General. Eine meiner Lieblingspromenaden war nach der hoch und herrlich liegenden uralten Stephanskirche, zu der man durch einsame Mauerstraßen und Weingärten, an alten Gebäuden vorüberkommend, gelangte. Aber nirgends war ich heiterer, als wenn ich, auf der langen Rheinbrücke stehend, nach Bieberich und dem Rheingau hinabblickend, den kristallgrünen Wellen des majestätischen Stromes folgte und mich in diesem Anschauen verlor. Es gibt nicht leicht eine großartigere, das Gemüt mehr erhebende Ansicht als die, wo der alte Vater Rhein in seiner größten Breite die schönsten Gauen Deutschlands, zwischen lachenden Weinbergen und sich türmenden Felsgebirgen, hinabwogt. Noch eine lange Strecke sieht man die Fluten des schmutziggelben Mains, dem einige überpatriotische Poeten eine blonde Farbe angedichtet, in den grünen des Rheins, die sich nur ungern und widerstrebend endlich mit ihnen zu mischen scheinen, abgesondert dahinströmen.

Den schönsten Anblick gewährt aber Mainz von den Hochheimer Höhen herab; hier übersieht man die herrliche Lage der uralten, ehedem golden genannten Stadt und ihre Türme, Kirchen, Hügel und schönen Anlagen mit einem Blick, sie liegt gleich einem zu unseren Füßen aufgerollten Gemälde vor den freudig bewundernden Augen.

Bis zur französischen Revolution war der kurfürstliche Hof zu Mainz einer der glänzendsten Deutschlands, und die älteren Mainzer, die ihn noch gekannt, wußten mir nicht genug von dessen Pracht und Herrlichkeit zu erzählen. Man war auch sehr freigebig gegen die Armen, und auf der schönen kurfürstlichen Favorite, einem Lustschloß mit einem großen Park auf einer Anhöhe am Rhein, das während der Revolutionskriege zerstört worden war, wurden fast täglich Dürftige gespeist. Auch in den überreichen Klöstern konnte sich der Arme jeden Mittag eine warme Suppe holen, was freilich kein großes Verdienst war, da die im Überfluß schwelgenden feisten Pfaffen das Mark des herrlichsten Landes von Europa verzehrten, das sie inne hatten, und die abfallenden Brosamen noch lieber an wohlgenährte Hunde als an die bittere Armut verschenkten. Aber nachdem die fetten Klostergüter in arbeitsame und industriöse Hände übergingen, verschwand das ekelhafte Heer der Bettler, und das Auge wurde bald ebensowenig mehr durch den Anblick des schmutzigsten Elends als durch den der trägen widerlichen Schmerbäuche, der gemästeten kupferroten Vollmondsköpfe, der Pfaffen, beleidigt.

Unter den mancherlei Bekannten, die ich in meinen freien Stunden besuchte, das französische Exerzitium, das wir jetzt zweimal des Tages mit großem Eifer auf dem Glacis der Zitadelle betrieben, nahm täglich vier bis fünf Stunden in Anspruch, war es hauptsächlich das Haus des Hofrats Jung, unseres alten Familienfreundes, bei dem ich schon bei der Reise zu Schinderhannes Hinrichtung logiert hatte, das mich am meisten anzog. Dies war eine höchst achtungs- und liebenswürdige Familie, welche, in guten Vermögensumständen sich befindend, besonders den Wissenschaften und Künsten huldigte. Der älteste Sohn Eduard beschäftigte sich mit Malerei, die Töchter Mimi und Agnes mit Musik, Zeichnen und auserwählter Lektüre, zwei kleinere Jungens besuchten noch die Schule. Der Vater, ein hochwissenschaftlich gebildeter und sehr vorurteilsfreier Mann, Witwer, widmete sich fast ausschließlich der Erziehung seiner Kinder. Die Abende in diesem Haus wurden meistens in einem vertrauten Familienkreis, abwechselnd mit kritisierenden Unterhaltungen über die neuesten ausgezeichnetsten literarischen Erzeugnisse, mit Vorlesungen, Musik, Deklamation und so weiter auf das angenehmste hingebracht. Bisweilen verlor man sich auch in das Feld der Politik, das damals unermeßlichen Stoff bot, jedoch nur, wenn man so ganz unter sich war, denn es war sehr gefährlich, sich über das Treiben des damaligen allmächtigen Gewalthabers und seine Staatskunst selbst nur bescheiden auszulassen, und nicht ratsam, seine Meinung offen zu äußern. Ich selbst war indessen zu jener Zeit ein blinder Verehrer des neugebackenen Kaisers, in dem ich einen zweiten Cäsar erblickte, seine glänzenden Siege hatten auch mich wie so viele tausend andere verblendet, Jung aber fällte sehr richtige Urteile über den korsischen Machthaber, die sich auch später vollkommen bewährten und die ich beinahe als in einem prophetischen Geist gesprochen ansehen möchte. Was aber diesen unterhaltenden Abenden den meisten Reiz verlieh, war die älteste Tochter des Hauses, Mimi, ein Mädchen, das bei körperlicher Schönheit unendlich geistige Reize besaß und bald der Gegenstand meiner innigsten Verehrung ward, ohne daß ich gerade ein sinnlicheres Vergnügen als ihre Unterhaltung gewünscht oder begehrt hätte.

Vier Wochen mochte ich ungefähr in Mainz sein, dessen heitere, lebenslustige und muntere Bewohner mich weit mehr ansprachen als die griesgrämigen besorglichen Prozentgesichter meiner Vaterstadt, als mich eines Morgens mein Oberst zu sich rufen ließ und mir eröffnete, daß meine Familie wünsche, ich möchte in das Regiment treten, welches Fürst Y... im Begriff sei, für den Kaiser der Franzosen zu formieren, und daß er, wenn mir dies angenehm sei, nichts dagegen habe, ob er gleich glaube, daß ich in seinem Regiment wohl ebenso gut und vielleicht noch besser als in dem des Fürsten mein Glück machen würde. Ich erwiderte hierauf, daß ich dies meinen Eltern überlassen wolle. Mir war die Sache ziemlich gleichgültig, obgleich das Regiment Latour schon einen großen Vorsprung hatte und beinahe organisiert war; indessen versprach ich mir doch eine angenehmere Existenz im Regiment Y., in dem ich alte Bekannte aus Offenbach anzutreffen hoffte, auch sagte mir dessen Uniform (hellblau mit gelbem Kragen, weißem Paspel und Silber) mehr zu, als die dunkelgrüne mit Rot des Regiments Latour d’Auvergne. Noch denselben Tag erhielt ich einen Brief von meinem Vater, in welchem er mir meldete, daß er den folgenden Tag nach Mainz kommen würde, um mich dem Fürsten Y., bei dem schon alles eingeleitet sei, und der in den ‚Drei Reichskronen‘ logiere, vorzustellen. Gegen Mittag des bestimmten Tages kam mein Vater an, und wir machten sogleich unsere untertänigste Aufwartung bei Seiner Durchlaucht. Der Fürst war außerordentlich gnädig, erbot sich sogar, mich sogleich mit Unterleutnantsrang anstellen zu wollen, was mein Vater sich gehorsamst verbat, indem er wünschte, daß ich von der Pike auf dienen solle, was indessen gar nicht tunlich war, aus dem einfachen Grunde, weil, außer einem Dutzend designierter Offiziere, das Regiment erst auf dem Papier vorhanden war. Der Fürst erteilte mir daher den Rang eines Furiers und verwies mich an den Kapitän Quartier-Maitre, Herrn Viriot, einen äußerst humanen und liebenswürdigen Mann, um einstweilen in dessen Bureau zu arbeiten und mich mit der militärischen Komptabilität zu befreunden.

Fürst Y. setzte alles in Bewegung, das Regiment möglichst bald zu formieren und vollzählig zu machen, was um so schwieriger war, da keine Franzosen in demselben aufgenommen werden durften, was aber nicht so genau genommen wurde; indessen würden doch Jahre damit hingegangen sein, wenn nicht besondere Ereignisse die Komplettierung schnell möglich gemacht hätten. Erst ganz kürzlich hatte der Krieg mit Österreich (1805) begonnen, und soeben hatten dreiunddreißigtausend Mann Österreicher mit sechzig Kanonen, vierzig Fahnen, achtzehn Generälen und so weiter bei Ulm das Gewehr gestreckt und sich zu Gefangenen ergeben. Aus diesen Gefangenen rekrutierte man nun so viel als möglich für das Regiment Y., wobei man sich mitunter der gewissenlosensten Kunstgriffe und Kniffe bediente, indem man die Leute betrunken machte und ihnen Gott weiß was alles vorspiegelte, um sie zu bewegen, französische Dienste zu nehmen, ihnen großes Handgeld versprach, sechzig bis hundert Franken, das sie nie erhielten, und so weiter. Im übrigen hatten es diese Leute weit besser in französischer Gefangenschaft, wo sie alle mögliche Freiheit genossen, auf Arbeit gehen durften, gut genährt waren und so weiter, als in ihrem früheren Dienst. Noch weit schlimmer spielte man später den bei Austerlitz gefangenen Russen und Österreichern mit, um sie zu vermögen, Dienste bei den französischen Fremdenregimentern zu nehmen. Man zwang sie durch den Hunger dazu, indem ihnen die vom Gouvernement zugedachten Portionen von den mit diesen Austeilungen beauftragten Beamten, im Einverständnis mit den Werbern, so sehr geschmälert wurden, daß sie unmöglich dabei bestehen konnten und der ärgste Feind des Menschen, der Hunger, sie nötigte, zu dienen, um sich zu sättigen. Fürst Y. selbst hatte diese Schändlichkeiten zwar nicht befohlen, war aber schwach genug, denen, die sie begingen und die von jedem angeworbenen Mann zehn Franken erhielten, durch die Finger zu sehen; obendrein wurden die armen Teufel noch um das ihnen versprochene Hand- oder besser Blutgeld geprellt, das größtenteils nichtswürdige Speichellecker, die sich dem Fürsten angenehm zu machen gewußt, unterschlugen und einsteckten. Fürst Y. hatte den Fehler begangen, viele Offiziere ohne weitere Prüfung und oft auf sehr verdächtige Empfehlungen hin bei dem Regiment anzustellen, wodurch gar manche nichtswürdige Subjekte in dessen Reihen figurierten, die wegen allerlei schlechter Streiche, Betrügereien und so weiter aus anderen Korps fortgejagt worden waren, wodurch das Regiment in sehr üblen Ruf kam. So war zum Beispiel ein gewisser Wable, ein ehemaliger Douanenleutnant, den man wegen Diebstahl zum Teufel gejagt und der nur mit genauer Not der Galeere entgangen war, als Adjutant-Major angestellt; der Kerl hatte ein so widrig konfisziertes Gesicht und Äußeres und stand in einem so abscheulichen Ruf, daß man ihn sogar in öffentlichen Gast- und Kaffeehäusern nicht mehr hatte dulden wollen, allein er hatte dem Fürsten Y. gewisse geheime, eben nicht sehr ehrenvolle Dienste erwiesen, weshalb er sich dessen Protektion zu erfreuen hatte. Als er später einen Teil der Löhnung der Rekruten unterschlug, kamen bei dieser Gelegenheit seine anderen Streiche zur Sprache, und er mußte dennoch fort, sich wo anders hängen zu lassen. Später säuberte sich das Regiment allerdings nach und nach von seinem Unkraut, aber der böse Ruf war einmal da und nicht so leicht auszumerzen, besonders da auch die aus aller Welt zusammengerafften Soldaten es nicht an Exzessen aller Art fehlen ließen.

Mein Dienst wollte immer noch wenig sagen, obgleich das erste Bataillon von einem Bataillonschef namens Düret kommandiert, der früher Hauptmann und Generalissimus des vierzig Mann starken Heeres des Fürsten Y. und dessen Günstling gewesen, bereits vollständig und ich der ersten Kompagnie desselben zugeteilt war, aber es war weder gekleidet noch bewaffnet und konnte also nicht einexerziert werden. Auf dem Bureau des Quartiermeisters brachte ich des Tags nur wenige Stunden zu, hatte die übrige Zeit so ziemlich für mich, meine Studien und andere Angelegenheiten und benutzte sie bestens. Das Jungsche Haus frequentierte ich fortwährend, Mimis Umgang wurde mir täglich teurer, obgleich er ganz platonischer Art war, vielleicht gerade deshalb, auch schien ich dem liebenswürdigen Mädchen nicht zu mißfallen, und wir brachten manche Stunde mit wissenschaftlicher Unterhaltung oder vierhändige Sonaten spielend zu. Da mir indessen mit einer bloß geistigen Liebe nicht gedient war, so suchte ich mich anderwärts dafür zu entschädigen und fand auch bald, was ich suchte. Mimis älterer Bruder hatte mich in Tanzstunden eingeführt, die im Schröderschen Kaffeehaus wöchentlich einigemal gegeben wurden, und hier lernte ich wieder eine Henriette, die Tochter vom Haus, und eine Luise, eine Anverwandte des Kaufmanns Kretzinger, bei dem sie sich aufhielt, kennen. Beide Mädchen waren katholisch, und bald war ich so weit mit ihnen, daß wir uns in den einsamen Kreuzgängen der abgelegenen Stephanskirche sprachen und dann auch deren Turm bestiegen, um der herrlichen Aussicht, die man von demselben in die paradiesische Umgegend von Mainz hat, teilhaftig zu werden.