Als das Weihnachtsfest herangekommen war, verabredete ich mit Luise, uns bei der Mitternachtsmesse in der Quintinskirche zu treffen, während mich Henriette in die St. Stephanskirche beschied, ich selbst jedoch dieser Feierlichkeit gerne im Dom, wo der Bischof fungierte und sie am glänzendsten begangen wurde, beigewohnt hätte. Es gelang mir indessen, die den beiden Mädchen gemachten Versprechungen zu erfüllen und auch das Ende der Feierlichkeit im Dom zu sehen, auch hatte ich im Vorübergehen sogar noch einen Blick in die Emeranskirche geworfen. Nachdem ich in St. Quintin einige Minuten neben Luise gekniet, ihr die Hand gedrückt und ein paar Worte zugeflüstert hatte, verlor ich mich nach St. Stephan und kniete hier neben Henriette, betete mit ihr ein kleines Weilchen und ward wirklich von dieser mitternächtlichen Feier der Geburt des Christuskindes ergriffen, daß ich den eigentlichen Zweck meines Herkommens ganz vergaß und, von der Feier des Gottesdienstes hingerissen, nicht mehr an die neben mir kniende Schöne dachte, die ohnehin in Begleitung einer Tante der Feier beiwohnte. Als der größte Teil derselben vorüber war, flüsterte ich ihr eine ‚Gute Nacht‘ zu und eilte in den Dom; hier fand ich die weiten, düster beleuchteten Hallen sehr öde, nur hier und da kniete eine vermummte Gestalt einsam und verlassen, während die anderen Kirchen zum Erdrücken voll waren, und nur der Chor war belebt und mit einem Heer von Geistlichen aller Grade angefüllt, an deren Spitze der Bischof in seinem Ornat fungierte; ich war kurz vor der Beendigung der Messe angekommen. In diesem Tempel war der Eindruck auf mich ein ganz anderer als zu St. Stephan, das ganze hatte etwas schauerlich Unheimliches; zum erstenmal in meinem Leben hatte ich einem solchen nächtlichen Gottesdienst beigewohnt und konnte lange die Bilder nicht aus meiner Phantasie verdrängen. Diese Feier hatte von jetzt an immer etwas Anziehendes für mich, und ich versäumte nie, ihr beizuwohnen, wenn sich Gelegenheit dazu bot.
Acht Tage später wurde zur Feier der Neujahrsnacht ein großer Ball in dem Schröderschen Kaffeehaus veranstaltet, den auch der Marschall Lefebre und sein ganzer Generalstab mit ihrer Anwesenheit beehrten und dem ich, obgleich mich sehr unwohl fühlend, dennoch in Zivilkleidern beiwohnte; denn ich konnte unmöglich die mit meinen liebenswürdigen Freundinnen eingegangenen Engagements versäumen und hatte zudem eine neue Intrigue mit einer sehr pikanten Französin, der Frau eines Kriegskommissars, Madame Nellier, angeknüpft, von der ich mir viel Unterhaltung versprach. Das Schicksal wollte es anders: schon nach ein paar Quadrillen fühlte ich mich so unwohl, daß ich gezwungen war, den Ball zu verlassen; kaum zu Hause angekommen, rüttelte mich ein starkes Fieber, das in eine schwere, hitzige Krankheit, einen Lazarett-Typhus ausartete, den ich mir im Dienst durch Ansteckung zugezogen hatte. Immer noch auf dem Bureau des Quartier-Maitre arbeitend, wurde mir häufig der Auftrag, die aus den Gefangenen angeworbenen Rekruten zur körperlichen Visitation zu dem Regimentsarzt zu führen, wo sie sich ganz nackend auskleiden mußten, und dann diejenigen, die krank befunden wurden, in das Lazarett zu bringen, wo dieser Typhus herrschte und sehr viele Leute und auch manche Einwohner von Mainz wegraffte. Hierdurch hatte ich mir aller Wahrscheinlichkeit nach die Krankheit zugezogen, die mich in zweimal vierundzwanzig Stunden an den Rand des Grabes brachte. Als der Fürst Y. von meinem Zustand unterrichtet war, befahl er, daß man mich sogleich ins Lazarett schaffen solle, wo ich durch seine Vermittlung in den Offizierssaal gebracht wurde, in dem noch am nämlichen Tage ein Dragonerrittmeister, mein nächster Bettnachbar, an derselben Krankheit starb. Gerade nach dem Tag, als man mein Ende erwartet hatte, öffnete sich gegen mittag die Tür unseres Zimmers, und mein guter Vater trat mit bekümmerter Miene an mein Bett; er schien mir ein tröstender Retter, tat alles, was er konnte, mir Mut einzusprechen, und brachte jeden Tag zweimal mehrere Stunden an meinem Krankenlager zu, so lange er sich in Mainz aufhielt; erst als ich außer aller Gefahr war, reiste er ab, mich reichlich mit Geld und was ich bedurfte versehend. Etwas hatte für den Augenblick denn doch diese Krankheit und der Anblick der Sterbenden um mich herum, meinen angeborenen Leichtsinn verscheucht, der aber mit dem allmählichen Besserwerden sich auch wieder einstellte. Auch Hofrat Jung, der wider mein Wissen und meinen Willen meine Krankheit an meine Eltern berichtet hatte, besuchte mich einigemal, und das Bild seiner holden Tochter Mimi war das einzige, das mich in dieser Periode fast immer umschwebte, während mir alle anderen ganz aus dem Sinn gekommen waren; auch mein Kapitän, St. Jüst, ein sehr guter Mann und ein Verwandter des Verfassers des Librettos des Kalifen von Bagdad, des Johann von Paris und noch so mancher anderen Stücke, dem mich mein Vater noch besonders empfohlen, kam einigemal, um nach mir zu sehen.
Während ich noch rekonvaleszent im Lazarett lag, erhielt das Regiment Befehl, sich binnen wenig Wochen marschfertig zu machen, um seine endliche Formation in Toul in Lothringen zu vollenden. Der Grund hiervon war, daß viele der neuangeworbenen Rekruten ein paar Tage nach ihrem Engagement mit den erhaltenen Effekten wieder über die Rheinbrücke gingen und desertierten, was ihnen in Toul nicht so leicht war. Ich erhielt jedoch, nachdem ich das Lazarett verlassen hatte, einen Urlaub von vierzehn Tagen, den sich mein Vater vor seiner Abreise von dem Fürsten erbeten, um meine völlige Wiederherstellung im elterlichen Hause abzuwarten.
Noch sehr schwach verließ ich das Krankenhaus, das früher das Schönbornsche Palais am Tiermarkt war, in welchem zu den kurfürstlichen Zeiten so manches Prunkfest gefeiert worden, und das sich jetzt in die Herberge des Elends umgestaltet hatte, und bezog wieder meine Wohnung in der ‚Hohen Burg‘. Mein erster Besuch war bei Jung, dem ich freundschaftlich vorhielt, daß er an meine Eltern geschrieben, denen ich keine unnötige Sorgen habe machen wollen, sie sollten meine Krankheit erst nach überstandener Gefahr oder nach meinem Tod erfahren. Mimi schien über meinen Anblick zu erschrecken, ich sah noch sehr leidend und elend aus, mit einem: „Ach, mein Gott!“ eilte sie auf mich zu, faßte mich bei der Hand und sagte endlich: „Dank dem Himmel, daß Sie dem Leben wiedergeschenkt sind, lieber Freund, wir waren recht bange um Sie.“ In diese Worte legte sie einen nicht zu beschreibenden Ausdruck. Als wir uns bald darauf allein im Zimmer befanden, fiel sie mir um den Hals und gestand mir mit Tränen, daß sie recht sehr besorgt um mich gewesen; ich drückte sie innig an mich, und Brust an Brust wechselten wir minutenlange Küsse; erst durch das Kommen ihrer Tante wurden wir aus unserem Vergessen erweckt. – Meine Abreise nach Frankfurt war schon auf den nächsten Morgen festgesetzt, was das liebe Geschöpf viel zu frühe fand und meinte, sie würde mich nicht mehr wiedersehen. Ich lächelte bei diesen Worten der blühend schönen Jungfrau, die behauptete, eine nur zu sichere Ahnung sage es ihr, und klagte, daß sie sich schon seit einigen Tagen nicht ganz wohl befinde. Indessen konnte ich meine Abreise unmöglich länger aufschieben; Mimi veranlaßte, daß man mich für diesen Abend zum Essen einlud und ersuchte mich, doch ja beizeiten zu erscheinen, da dies der letzte Abend sei, den wir in diesem Leben zusammen zubringen würden. Nochmals lächelnd, versprach ich gerne, was das liebe Mädchen wollte, kam schon mit einbrechender Nacht wieder und brachte noch ein paar selige Stunden mit ihr am Klavier zu, wo wir abwechselnd vierhändige Sonaten spielten und uns küßten. Um zehn Uhr nahm ich mit bewegtem Herzen Abschied von der gastfreundlichen Familie und fuhr am andern Morgen nach Frankfurt ab.
Meine guten Eltern hatten mich erwartet und empfingen mich wie einen vom Tode erretteten Sohn mit unendlicher Liebe und Wohlwollen; nachdem man mich nach den geringfügigsten Umständen meiner Krankheit und deren Behandlung mit großer Teilnahme gefragt hatte, fiel meine Mutter plötzlich mit den Worten ein: „Sieh, lieber Ferdinand, wärest du Kaufmann geworden oder hättest studiert, so wäre dir dies gewiß nicht begegnet,“ und meinte, daß, wenn ich wolle, es noch Zeit sei, umzusatteln und in das ruhige bürgerliche Leben zurückzukehren. Der Meinung waren auch mehrere meiner Verwandten, ich aber beharrte darauf, beim Militär zu bleiben, hoffend, unter Napoleon eine recht glänzende Karriere zu machen, und lehnte alle Einladungen eines Heeres von wißbegierigen Vettern und Basen ab, die mich gerne zu Tode gefüttert hätten, um ihre löbliche Neugierde zu befriedigen.
Zehn Tage mochte ich etwa im Vaterhaus sein, als meinem Vater gerade bei Tische ein schwarz gesiegelter Brief übergeben wurde, der, die Adresse lesend, erschrocken ausrief: „Mein Gott, das ist ja vom Hofrat Jung!“ Auch ich entsetzte mich, und ehe wir uns recht besinnen konnten, sagte mein Vater, nachdem er einige Zeilen durchlaufen, mit bebender Stimme: „Mein Gott, Jungs Tochter, die Mimi, ist an derselben Krankheit gestorben, die Ferdinand gehabt.“ – Ich ward leichenblaß, stand mit verhülltem Gesicht vom Tisch auf und es war mir in diesem Augenblick, als schwebe die verklärte Engelsgestalt dieses Mädchens an meinem Auge vorüber. Nachdem ich mich ein wenig erholt, erzählte ich meinen Eltern, ohne ihnen jedoch das nähere Verhältnis mitzuteilen, was mir das Mädchen beim Abschied versichert hatte, worüber sie, namentlich meine Mutter, höchst erstaunt waren. Sie meinten, ich könne die Krankheit in dieses Haus gebracht haben, was wenigstens möglich war und uns viel Kummer verursachte, da der gute Jung so schrecklich für sein Wohlwollen belohnt wurde.
Die Zeit meines Urlaubs war um, und zum zweitenmal nahm ich vom Vaterhaus und der ganzen verwandtschaftlichen Sippschaft einen herzbrechenden Abschied; manche von ihnen glaubten, daß Toul schon außer der Welt liege, aber Sophia von La Roche meinte, sie würde es noch erleben, mich mit Generalsepauletts geschmückt zurückkehren zu sehen. Nochmals reichlich mit Mutterpfennigen versehen, bestieg ich den Mainzer Postwagen, in dem ich nur einen einzigen Passagier, und zwar ein zierliches, niedliches junges Mädchen, antraf, mit der ich bald eine interessante Unterhaltung anknüpfte und von der ich erfuhr, daß sie die Geliebte des damals sich in Hanau aufhaltenden Marquis von Chastteler sei und auf acht Tage nach Mainz gehe, um ihre daselbst wohnenden Eltern, ganz ehrsame Bürgersleute, zu besuchen. Nichts war wohl geeigneter, meine durch den Abschied und Mimis Tod etwas düsteren Gedanken zu verscheuchen, als eine so hübsche Gesellschafterin tête-à-tête in dem engen Raum eines Postwagens; auch kam mir die Reise trotz des Schneckenganges eines Postwagens jener Zeit gewaltig kurz vor. In Hattersheim, wo umgespannt wurde, nahmen wir ein kleines, aber fröhliches Mahl ein, nach dem wir uns wieder vergnügt in den alten Rumpelkasten sperren ließen, und waren bald einverstanden, daß wir unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit – denn käme es an den Tag, so wäre Susannchen, so hieß die kleine Lose, um ihre Stelle bei dem Herrn Marquis gekommen – beide in Kassel im ‚Schwarzen Bären‘ übernachten wollten, wo wir uns zwar zwei Zimmer, die jedoch im Innern miteinander kommunizierten, geben ließen. Erst gegen mittag des andern Tages gingen wir müde und ermattet über die Rheinbrücke, wo ich Susanna an das Haus ihrer Eltern begleitete, und beim Abschied das Geheimnis zu wahren und sie zu besuchen versprach; ich hielt in beiden Wort, bis Chastteler längst verfault, und die Götter mögen wissen, was aus Susanna geworden ist. Die nächste Nacht schlief ich wieder allein in meiner hohen Burg und zwar so vortrefflich, daß mich schwerlich eine Kanonade aus dem Schlaf geweckt haben würde. Ich meldete nun meine Zurückkunft dem sich noch immer in Mainz befindlichen Quartier-Maitre Viriot, der mich recht freundlich bewillkommte und mir ankündigte, daß in einigen Tagen ein Transport von etwa sechzig Mann Rekruten zum Regiment abgehen müsse, den er mir zur Führung übergeben würde, da ich der einzige jetzt noch in Mainz vorhandene Unteroffizier desselben sei. Ich fühlte mich hierdurch nicht wenig geehrt und besuchte einstweilen meine Mainzer Bekannten; aber mit beklommenem Herzen und nicht ohne ein peinliches Gefühl von Wehmut betrat ich das Haus des Hofrats Jung, denn ich hielt es für ziemlich gewiß, die Ursache des Todes dieses hoffnungsvollen Mädchens zu sein, deren Schwester Agnes ich ebenfalls leidend, sowie Vater und Brüder sehr angegriffen fand. Jetzt glaube ich es aber nicht mehr, denn ich bin bis zu einem gewissen Grad Fatalist geworden. Nur zweimal wiederholte ich diesen Besuch vor meiner Abreise, dagegen fand ich mich desto häufiger bei Susanna ein, die aber auf Befehl ihres hochgebietenden Herrn Marquis noch früher als ich Mainz verlassen und nach Hanau zurückkehren mußte.
In Mainz hatten sich unterdessen immer mehr Truppen von allen Waffengattungen gesammelt, deren Bestimmung jedermann noch ein Rätsel, da der Friede mit dem fast vernichteten Österreich so gut wie geschlossen war. Wenige Tage vor meinem Abmarsch kam der allgemein bewunderte Sieger, Kaiser Napoleon, nach Mainz und ließ die hier und in der Umgegend liegenden Truppen die Musterung passieren. Hier sah ich den Helden des Jahrhunderts zum erstenmal, und zwar ganz bequem in der Nähe, indem ich ihm Schritt vor Schritt folgte, als er die lange Front der auf der großen Bleiche und dem Schloßplatz aufgestellten Truppen hinabritt und deren Reihen musterte. Ich hörte, wie er hie und da einem Inspekteur oder Stabsoffizier eine mißfällige Bemerkung ziemlich schonungslos machte, sah, wie er bei manchem alten Soldaten, der das Zeichen seiner Tapferkeit im Angesicht trug, ein paar Augenblicke verweilte, sich erkundigend, wo und bei welcher Gelegenheit er die Schmarren und Wunden davongetragen. Er versicherte die Truppen, daß sie bald Gelegenheit erhalten sollten, sich neue Lorbeeren zu erwerben, worauf ein ungestümes „Vive l’Empereur“ wie ein Lauffeuer durch die Reihen donnerte.
Ich muß gestehen, daß mich Napoleons Äußeres nicht befriedigte, namentlich verriet seine Gestalt und seine Haltung eben nicht, was man sich gewöhnlich unter einem Helden vorstellt, sie hatte nichts Majestätisches, ja nicht einmal etwas Edles, dagegen war sein Blick so finster imponierend, daß er mehr erschreckte als anzog, hatte aber für die Soldaten dennoch etwas Aufmunterndes, so daß derselbe auf den, der ihn einmal gesehen, auch noch in seiner Abwesenheit einen magischen Einfluß ausübte und ihm gleich einem leitenden Genius bei den ernsten Waffentaten und Kämpfen vorschwebte und begeisterte.
Zwei Tage nach dieser interessanten Musterung erhielt ich die Feuille de Route für mich und meinen Transport und trat mit demselben den Marsch nach Toul an, nachdem ich die Nacht vorher noch einen brillanten Maskenball in spanischem Kostüme beigewohnt und mit Louise und Henriette die Abschiedswalzer getanzt hatte.