X.
Marsch von Mainz nach Toul. – Abscheuliche Zusammensetzung des Transports. – Oppenheim. – Worms. – Desertion und Diebereien. – Die Pfalz. – Dürkheim. – Kaiserslautern. – Die Familie Karcher. – Landsstuhl. – Homburg. – Saarbrücken. – Eine getröstete Strohwitwe. – St. Avold. – Courcelle. – Ein schmutziger Vorfall. – Metz. – Ich werde in das Militärgefängnis gesetzt. – Spitzbübereien des Quartiermachers. – Die Sehenswürdigkeiten von Metz. – Pont à Mousson. – Ankunft in Toul.

Ungeachtet ich die vorhergehende Nacht fast ganz durchschwärmt hatte, stand ich doch am andern Morgen um sechs Uhr marsch- und reisefertig vor der Wohnung des Quartier-Maitres, der mir noch einige Instruktionen erteilte, an der Spitze meines, einige siebenzig Mann starken Transports. Dieser bestand in aus allen Ecken und Enden zusammengerafftem Gesindel, noch ungekleidet und unbewaffnet; da waren preußische, österreichische, bayerische, hessische Deserteure, Polen, Russen, Böhmen und Ungarn, alles durcheinander, zum Teil noch die abgenutzten Uniformen ihres frühern Dienstes tragend, zum Teil in Lumpen gehüllt. Das Ganze hatte ein recht abenteuerliches Aussehen und glich eher einer Räuberbande oder einem zusammengelaufenen Vagabundenkorps als einem militärischen Detachement; in der Tat waren auch ein paar Kerls dabei, die früher unter der Bande des Schinderhannes gestanden und sich dessen sogar gegen ihre Kameraden rühmten. Außerdem ward mir noch eine ganz besondere Zugabe, nämlich die Frau und die vier Töchter des Wagenmeisters des Regiments, die noch zurückgeblieben waren und die nebst einigen Weibern verheirateter Rekruten den weiblichen und wahrhaftig nicht am leichtesten zu dirigierenden Teil des Transports ausmachten und mir überdies angelegentlich vom Kapitän Viriot empfohlen worden waren. Von diesem war es jedoch eine leichtsinnige Unvorsichtigkeit, einem noch so jungen, ganz dienstunerfahrenen, kaum sechzehn Jahre zählenden Menschen ein solches Detachement zur Führung zu übergeben, bei dem sich die abgefeimtesten und verschmitztesten, mit allen Hunden gehetzten Galgenstricke, die selbst einem unter den Waffen ergrauten Krieger noch zu schaffen gemacht haben würden, befanden; auch machten sich die Folgen dieser Unüberlegtheit nur zu bald fühlbar.

Um acht Uhr marschierten wir ab und zum neuen Tor hinaus. Noch manchen, nicht ganz wehmutslosen Rückblick warf ich auf das alte Mainz, wo ich, nur kurze Zeit dort, doch so manche vergnügte Stunde hatte. Nach der Marschroute war mir ein vierspänniger Wagen für die Bagage und allenfallsige Marode gut getan, diesen nahmen, kaum vor dem Tor, Deßwarts – so nannte sich die Familie des Wagenmeisters – in Besitz, behauptend, daß sie der Herr Quartier-Maitre darauf angewiesen habe; auf dessen Empfehlung hatte ich auch einem gewissen Lamertz, einem preußischen Deserteur, welcher vorgab Feldwebel in jener Armee gewesen zu sein und wegen Händeln mit seinem Hauptmann, der ihn zu ungerechten Dingen habe nötigen wollen, dieselbe Verlassen zu haben, die Marschroute übergeben, um die Quartiere machen zu können; Viriot hatte ihm außerdem versprochen, daß er bei seiner Ankunft bei dem Regiment wieder eine Unteroffiziersstelle erhalten solle. Dieser Mensch war jedoch ein Ausbund von Verschmitztheit und in allem, was man damals preußische Pfiffe und Kniffe nannte, trefflich bewandert. Der erste Marsch, nach Oppenheim, ging glücklich und munter von statten, wir hatten heiteres Wetter, einige Rekruten sangen lustige Schelmen- und Soldatenlieder; wir kamen durch die ihrer Weine wegen berühmten Orte Laubenheim, Bodenheim und Nierstein, und in letzterm Ort, der sehr alt ist und ehemals eine königliche Burg hatte, ließ ich halten und, um mir die Burschen anhänglicher zu machen, jedem Mann einen Schoppen Niersteiner, der freilich nicht von der ersten Qualität sein mochte, verabreichen. Dieses versetzte die Leute in die beste Stimmung, sie ließen mich hochleben, aber auch zum Dank ein paar Gläser verschwinden, die ich samt dem Wein bezahlen mußte. Vor Oppenheim kam uns Lamertz mit geschäftiger Miene entgegen, mir ein Quartierbillet mit den Worten: „Ein fürstliches Quartier, Herr Fourrier,“ überreichend. Es war bei einem Apotheker, wo ich aber nichts weniger als etwas Fürstliches, ja nicht einmal etwas Anständiges fand, denn trotz meiner Ermüdung vom Tanz und Marsch konnte ich fast die ganze Nacht kein Auge vor Ungeziefer schließen. Das Detachement wurde aber in dem eine halbe Stunde von Oppenheim entfernt liegenden Dorf Dienheim einquartiert, wohin auch ich eigentlich gehört hätte, aber mein dienstfertiger Lamertz meinte, daß dort gar kein passendes Unterkommen für mich sei, der Transportkommandant müsse doch etwas extra haben, dies gehöre sich, und er wolle sorgen, daß alles in bester Ordnung abliefe. Ich führte die Leute nach Dienheim, und nachdem ich den Sold, den ich ihnen nach Viriots Vorschrift Tag für Tag selbst auszahlen sollte, verabreicht und die Appelle gehalten, begab ich mich nach Oppenheim zurück und sah mich in demselben und dessen Nähe um. Oppenheim war ehemals eine freie Reichsstadt, ist aber ein unansehnlicher und schlecht gebauter Ort, der jedoch eine der schönsten gotischen Kirchen Deutschlands besitzt, deren eine Hälfte beinahe in Ruinen zerfällt. So wenig ich mich damals noch um Gemälde, namentlich wenn sie religiöse oder heilige Gegenstände darstellten, bekümmerte, so fiel mir doch eines in dieser Kirche auf, nämlich eine Darstellung der Empfängnis Marias, wo Gott der Vater derselben den heiligen Geist ins Ohr hineinbläst. – Hier sind auch an fünftausend spanische Totenköpfe, welche die Schweden gemäht, aufeinandergeschichtet, und auf dem sogenannten spanischen Kirchhof liegen deren Körper begraben. Oppenheims Lage soll Ähnlichkeit mit der von Jerusalem haben, um sich dies zu denken, mag doch eine gute Portion Phantasie nötig sein.

Ich hatte zwar meinem Wirt empfohlen, mich ja mit Tagesanbruch wecken zu lassen, weil ich, so müde wie ich war, zu verschlafen fürchtete, aber mein unseliges Quallager machte, daß ich früher aufstand als einer der übrigen Hausbewohner, und ich diese wecken mußte, wenn ich das Haus nicht nüchtern verlassen wollte. Nach schnell eingenommenem Frühstück, das in einem Eierkuchen bestand, eilte ich nach Dienheim, wo beim Appell zwei Mann fehlten, die auch nicht wieder zum Vorschein kamen; statt ihrer aber fand sich ein Bauer ein, welcher klagte, daß ihm seine Einquartierung, die sich schon vor Tage davongemacht, zwei Gänse mitgenommen. Dies waren meine beiden Deserteurs; ich gab dem Mann zwei Taler für seine geraubten Vögel, um seinem Jammer ein Ende zu machen, und nahm mir vor, den Transport nicht mehr allein zu lassen, um möglichst solchen Unannehmlichkeiten vorzubeugen, was ich indessen nicht zu bewirken vermochte. Vor dem Abmarsch stellte sich auch noch Frau Deßwart mit ihren Töchtern ein, mir die Ohren vollschreiend über das schlechte Quartier, das sie gehabt, die Schuld auf Lamertz schiebend, der sich selbst bei dem Herrn Pfarrer des Orts einquartiert hatte, wo er, wie sie behaupteten, trefflich versorgt gewesen. Ich empfahl dem Schlingel, doch in Zukunft galanter gegen diese Damen zu sein, was er auch versprach, und lachend trollte er sich.

Nachdem diese Dinge beseitigt waren, brach ich doch ziemlich munter nach Worms auf, wo wir ohne besondere Zufälle glücklich ankamen. Hier kündigte mir unser Quartiermacher an, daß wir abermals auf ein nahes Dorf, Forchheim, an dem die Reihe sei Einquartierung aufzunehmen, verlegt würden, ich könne aber ein gutes Quartier in der Stadt haben, was ich mir verbat, das Billett zurückwies und mit meinen Leuten nach Forchheim marschierte, wo ich mich bei einem wohlhabenden Bauern einquartierte, und nachdem ich alles gehörig angeordnet zu haben glaubte, nach Worms zurückging, um die einst so berühmte und wohlhabende Stadt, die jetzt kaum mehr ein Schatten ihrer ehemaligen Herrlichkeit war, in Augenschein zu nehmen. Hier ist bekanntlich der Schauplatz der Nibelungensage. Früher bis zum vierzehnten Jahrhundert führten viele Wormser Familien den Namen Niebelung, und die hier wohnende Familie der Dalberge war, wenn auch nicht ganz so alt wie die Montmorency, die schon bei der Sündflut unsern Herrgott baten, ihrer zu schonen, wie ein Gemälde ihres Hotels bis zur Revolution von 1789 bewies, doch immer noch alt genug, da ein Dalberg in römischen Diensten bei der Kreuzigung Christi als Hauptmann zugegen war und die Jungfrau Maria demselben zugerufen: „Bedeckt Euch doch, Herr Vetter!“ Ein Sohn oder Enkel desselben befand sich unter dem Heer des Titus bei der Zerstörung von Jerusalem, kaufte eine Menge gefangene Juden, die er nach Worms versetzte und Stück für Stück mit einem Silberling bezahlte, daher die vielen Juden in dieser Stadt, für die ihm die übrigen Einwohner wenig Dank wissen.

Worms hatte in seiner Blütezeit und bis zum Dreißigjährigen Krieg über vierzigtausend Einwohner, seine Mauern prangten mit mehr denn hundert Türmen, und ein Dutzend wohlbefestigter Tore führten in die feste Stadt; damals (1805) konnte es kaum fünftausend Bewohner aufweisen, unter denen beinahe ein Fünftel Nachkommen der von Dalberg hierher geschafften Kinder Israels waren. 1689 wurde die Stadt von den Franzosen fast gänzlich zerstört und an tausend Wohngebäude lagen in wenig Stunden in Asche; das Feuer hatten die Mordbrenner des jämmerlich großen Königs Ludwig XIV. angelegt und geschürt, während sie die Liebfrauenmilch und andere köstliche Weine aus den zerschlagenen Fässern, nachdem sie sich satt und dumm gesoffen, in die Straßen rinnen ließen, Frauen und Mädchen notzüchtigten und raubten und stahlen. Fast nur der Dom war stehen, aber nicht unversehrt geblieben, denn auch diesen hatten die Räuber geplündert. Diese merkwürdige Kirche rührt aus dem achten Jahrhundert; noch ist ein Bildhauerwerk vorhanden, welches den Teufel und seine Großmutter darstellt.

Bevor ich wieder nach Forchheim zurückkehrte, nahm ich ein paar Flaschen von der echten Milch der Wormser Lieben Frauen mit; angekommen, kündigte mir mein Wirt an, daß, da seine Frau in den Wochen, er also deshalb geniert sei und mir keine Stube geben könne, er mich in die Schenke ausquartiert habe, ich mußte mich fügen, denn er hatte das Recht dazu. In der Schenke aber, die einer wahren Rauchhöhle glich, waren schon die Deßwarts einquartiert, denen man die Wirtsstube eingeräumt, wo man ihnen eine Streu bereitet hatte; der Wirt erklärte mir nun, er habe kein anderes Lokal und müsse mir ein Lager in derselben Stube aufschlagen. Es war schon spät, kein anderes Quartier aufzufinden, zudem waren zwei der Mädchen nicht häßlich, eine, die jüngste, sogar recht hübsch, und ich ließ mir eine Streu in eine andere Ecke des Zimmers machen, bestellte für uns alle ein Abendbrot so gut man es haben konnte, dessen Hauptsubstanz Speck und Eier war, und gab meine Liebfrauenmilch zum besten. Dies machte die Damen fröhlich und munter, sie sangen, schäkerten, ich erlaubte mir manche Freiheiten, küßte abwechselnd die beiden liebenswürdigsten, und erst gegen Mitternacht begaben wir uns sämtlich und ziemlich ent- oder vielmehr nur zur Hälfte bekleidet zur Ruhe. Am andern Morgen war es schon hell am Tag, als der Bursche, den ich auf Lamertz Rat zu meiner Bedienung auserwählt hatte, klopfte und mir zurief: „Herr Fourrier, die Leute stehen schon vor der Türe und erwarten Sie.“ – Ich sprang schnell von der Streu auf, zog meinen Rock an, hing den Säbel um, und als ich in den Hof trat, stürmten ein halbes Dutzend Bauern mit Klagen über ihre Einquartierung auf mich ein, die teils bestohlen, teils mißhandelt worden zu sein vorgaben. Dem einen waren ein paar Schinken, dem andern eine Speckseite und dem dritten gar sein Sonntagsrock abhanden gekommen; einem vierten hatte man die Kuh mit Gewalt gemolken und einem fünften die Frau geschlagen, und als ich über die Täter die Appelle zu machen suchte, waren die Kerls zum Teufel gegangen und mein Faktotum Lamertz schon über alle Berge. Dies war mir ein sauberes Kommando, ich wußte mir nicht anders zu helfen, als die klagenden Bauern wieder mit Geld zu beschwichtigen, um Ruhe zu haben, und dachte bei mir selbst: ‚Wenn so ein Transport solche Unannehmlichkeiten verursacht, was mag es erst sein, wenn man eine Armee zu kommandieren hat.‘ Ich befahl den Abmarsch, und das auserwählte Korps, mit dem ich auf der Stelle die trefflichste Räuberbande hätte bilden können, marschierte singend und jubelnd zum Dorfe hinaus und freute sich, einen so nachsichtsvollen und humanen Führer zu haben. Nachdem ich etwa eine gute Stunde marschiert und ziemlich müde war, denn es war schon die dritte Nacht, die ich mehr wachend als schlafend zubrachte, setzte ich mich zu den Mädchen auf den Leiterwagen, an Mimis Seite, so hieß die jüngste von des Wagenmeisters Töchtern, und unterhielt mich recht artig mit ihr. Bei dem schönsten Wetter fuhren wir durch die Gauen der herrlichen Pfalz, ein schönes Land, dessen üppig bebaute Fluren und Weinberge Herz und Gemüt freudig erregen, und das besonders zur Zeit eines guten Weinjahrs und im Herbst in großer Pracht strahlt.

Unsere heutige Etappe war Dürkheim, und diesmal wurden wir nicht ausgewiesen, sondern blieben in der Stadt, welche der Mittelpunkt einer der fruchtbarsten und schönsten Gegenden am Rhein ist. Auch hier kamen wieder Klagen wegen Diebstählen an mich, und diesmal nahm sich der Maire selbst der bestohlenen Bürger an, rief mich beiseite und riet mir, das Gepäck der Rekruten durchsuchen zu lassen; ich willigte sogleich ein und ließ diese Prozedur durch zwei Gendarmen vornehmen, die der Maire zu meiner Verfügung stellte. Der Erfolg war, daß man bei einem Ungarn drei silberne Löffel, bei einem Polen mehrere feine Hemden und über ein Dutzend weiße Tücher, bei einem Böhmen eine silberne Uhr und ein paar Ringe, bei einem Russen einige zwanzig Talglichter und bei ein paar Deutschen eine Menge Linnen fand; die letztern waren die Subjekte, die sich gerühmt hatten, bei der Bande des Schinderhannes gestanden zu haben. Mehrere dieser Gegenstände gehörten Dürkheimer Einwohnern, andere hatten die Kerls wahrscheinlich schon früher gestohlen. Die Burschen ließ ich nun sofort ins Gefängnis abführen, um durch die Gendarmerie von Brigade zu Brigade zum Regiment gebracht zu werden.

Nachdem diese unangenehme Operation beendigt war, trat ich den Marsch nach Kaiserslautern an. Mein dienstwilliger Quartiermacher hatte mir, weil ich über Ermüdung geklagt, von jetzt an ein Reitpferd unentgeltlich zu verschaffen angeboten, was er schon zu machen wissen werde, ich lehnte dies jedoch ab, bat ihn dagegen mir eines gegen bare Bezahlung für jede Etappe zu mieten, was er auch tat, und ich trat nun den Marsch beritten an. Der Weg führte zum Teil durch Wald und zwischen Felsgestein an Abgründen vorüber, gleich hinter Dürkheim hatten wir die Ruinen der malerischen Hartenburg vor Augen, von der noch mehrere Türme hinter dunkeln Tannen hervorragten. Beim Ausmarsch war das Wetter ziemlich gut, die Leute sangen abwechselnd russische, böhmische und deutsche Lieder, aber bald verdüsterte sich der Himmel und es trat Regenwetter ein. Ich hatte mehrere kranke Russen, die ich auf den hintern Teil des Wagens plazierte, während den vordern die Frauenzimmer einnahmen, aber alle wurden bald durch und durch naß. Der Marsch war lang und erst gegen abend trafen wir in Kaiserslautern ein, wo uns die Marschroute einen allen willkommenen Rasttag gewährte. Hier hatte mich Lamertz in ein eben nicht sehr anständiges Wirtshaus einquartiert, wo es mir nicht behagte, und als ich mich nach guten Quartieren in der Stadt erkundigte, wurde mir das Haus des reichen Kaufmanns Karcher als eines der besten empfohlen, der noch obendrein eine hübsche Tochter habe. Ich ging nun auf die Mairie, ein Billett auf dieses Haus verlangend, indem ich vorgab, daß Herr Karcher ein alter Geschäftsfreund meines Vaters in Frankfurt sei und es demselben gewiß sehr willkommen wäre, wenn ich bei ihm einquartiert würde. Man war auch so gefällig, meinem Ansuchen zu willfahren, schrieb jedoch auf die Rückseite des Billetts, welche Gründe ich angegeben, um es zu erhalten. Dies hatte ich nicht bemerkt, sondern steckte das Billett, ohne es weiter zu besehen, in die Tasche. Als ich zu Karcher kam, empfing mich dessen Frau, da der Mann verreist war, und wunderte sich, daß man ihr Einquartierung schicke, da sie schon einen Offizier habe, indem sie aber das Billett umwandte, las sie, was auf der Rückseite geschrieben stand, und sagte dann zu mir: „Ach, Ihr Herr Vater ist ein Geschäftsfreund von meinem Mann, ja so, das ist etwas anderes, darf ich um Ihren Namen bitten?“ „Mein Name ist Fröhlich, mein Vater Kaufmann zu Frankfurt, und hat mir viele Empfehlungen an Herrn Karcher aufgetragen.“ – „So so, das ist recht schön, zwar entsinne ich mich nicht, den Namen Ihres Hauses gehört zu haben, doch er wird wohl in unsern Büchern stehen.“ – Diese Antwort machte mich verlegen, und um mich aus der Affäre zu ziehen, erwiderte ich: „Vermutlich,“ und setzte hinzu: „Aber es würde sehr unbescheiden sein, wenn ich Ihnen noch zur Last fallen wollte, da Sie schon Einquartierung haben, ich erbitte mir also das Billett zurück und werde mich in das Gasthaus verfügen, in welches man mich zuerst gewiesen, ich glaube es ist der ‚Schwan‘.“ – „Ei, behüte Gott,“ fiel jetzt Madame Karcher ein, „das kann ich nimmermehr zugeben, was würde mein Mann dazu sagen, wenn ich den Sohn eines Geschäftsfreundes abgewiesen hätte, und zudem genieren Sie uns nicht im mindesten, wir haben noch zwei Gastzimmer frei.“ – Diese freundliche Einladung wäre mir schon recht gewesen ohne die verdammten Bücher, ich stellte mich jedoch, als nähme ich sie an und entfernte mich unter dem Vorwand, mein Gepäck bringen zu lassen, begab mich aber in mein Wirtshaus, mich mit diesem Quartier begnügend. – Ich mochte etwa eine gute Stunde daselbst sein, als ein junger Mensch eintrat, nach mir fragte und mir sagte, daß ihn Madame Karcher schicke, in deren Haus er Handlungsdiener sei, und daß mich die Dame bitten ließ, doch ja in ihrem Haus vorlieb zu nehmen, man hätte in den Büchern nachgesehen und die Firma unseres Hauses gefunden. Diesmal hatte mir der Zufall treffliche Dienste geleistet, ich nahm die gütige Einladung vergnügt an, folgte sogleich meinem Führer und wurde von der Dame mit vielen Entschuldigungen, daß sie mich nicht sogleich mit offenen Armen aufgenommen habe, empfangen. – Bei Tische mußte ich ihnen viel von Frankfurt erzählen, wo sie schon einigemal während der Messen waren, und ich befand mich so wohl bei der Familie, daß ich mich königlich freute, daß mein etwas unbesonnener Kniff eine so glückliche Wendung genommen hatte.

Den übrigen Teil des Nachmittags brachte ich damit zu, mich in Kaiserslautern, das an der Lauter liegt und etwa dreitausend Einwohner zählen mochte, umzusehen, wo das französische Gouvernement gerade die alte Kaiserburg Friedrich des Ersten sprengen ließ und die Steine davon verkaufte! – Doch waren die Hauptmauern dieser ehemaligen Residenz der Hohenstaufen so fest und solid, daß sie selbst dem Pulver noch widerstanden; es tat mir wehe, daß dieses Monument Barbarossas so vertilgt wurde. Hier war auch früher ein großer Fischteich, den man den Kaiserwog nannte, in welchem man 1497 einen beinahe zwanzig Fuß langen und über viereinhalb Zentner wiegenden Hecht fing, den Kaiser Friedrich der Zweite im Jahre 1230 in diesen Teich setzte, nachdem er ihm einen goldenen Ring hatte umschmieden lassen, auf welchem in griechischer Schrift die Worte zu lesen waren, daß ihn der Kaiser den fünften Oktober zwölfhundertunddreißig in das Wasser getan; er war demnach zweihundertundsiebenundsechzig Jahre alt, als man ihn fing, billig hätte man ihn sollen leben lassen, aber Kurfürst Philipp verspeiste ihn an seiner Tafel. Ich brachte den Abend recht angenehm im Familienkreis der Damen Karcher zu, denen ich nach dem Abendbrot auf dem Klavier vorspielte und sang, worüber sie sich entzückt stellten, und wünschte endlich meinen charmanten Wirtinnen eine freundliche gute Nacht, die mir zurückgegeben wurde. Ich bedauerte recht sehr die Abwesenheit des Herrn Karcher, über die ich mich im Innern ebenso sehr freute, nahm herzlichen Abschied und gab am andern Morgen beim Weggehen den Dienstmädchen ein so gutes Trinkgeld, daß mein erschlichenes Quartier damit reichlich bezahlt war, wofür mir nebst dem Dank eine glückliche Reise von freundlichen Gesichtern gewünscht wurde.