Mein Faktotum Lamertz hatte mir wieder eine Rosinante besorgt und kündigte mir an, daß sich nicht weniger als sieben Marode bei dem Detachement befänden, die man auf dem Wagen fortschaffen müsse, dagegen gab es keine Deserteure und es kamen auch zum erstenmal keine Klagen wegen Diebereien oder Exzessen vor, obgleich wir einen Rasttag gehabt. – Der kurze Marsch nach Landsstuhl war in drei Stunden zurückgelegt, und da wir so früh daselbst ankamen und ich vollkommen ausgeruht war, so besuchte ich noch vor Tisch die interessanten Ruinen von Sickingens Burg, die gleich vor dem Flecken auf einem Berg liegen. Hier hatte einst Götzens treuer Waffenbruder gehaust und Ulrich Hutten und andern eine sichere Freistätte gewährt. – Noch erzählen sich die Landleute der Umgegend gar manche seltsame Geschichten und Sagen von dem wackern Haudegen, der Worms, Metz und Trier zittern gemacht, religiöse Gewissensfreiheit wollte, sich wenig um Kaiser und Reich scherte und als bloßer Reichsritter Heere von zwanzigtausend Mann befehligte. Hutten nannte seine Burg „Die Herberg der Gerechtigkeit“. Sein Grabmal wurde erst 1792 von den Franzosen zerstört. – In Landsstuhl war ich in der Post einquartiert, wo diesen Abend gerade ein kleiner Ball von den Honoratioren des Orts veranstaltet wurde, an dem ich teilnahm und mit den Töchtern des Hauses tanzte, von denen war die älteste wieder eine Mimi und ein rotwangiges, hochbusiges Kind, das recht wild walzte und mir nicht undeutlich zu erkennen gab, daß sie mir nicht gerade abgeneigt sei; ich hatte große Lust, die Sache weiter zu poussieren, als mir eine Dame, mit der ich Ecossaise tanzte, zuflüsterte: „Sie haben da an der Tochter des Posthalters eine Eroberung gemacht, auf die Sie eben nicht stolz sein dürfen, die Jungfer hat schon ein Hufeisen verloren, Sie werden leichtes Spiel haben.“ Dies kühlte mich zwar etwas ab, indessen konnte ich mich nicht enthalten, meiner gefälligen Tänzerin, des Maires Frau, zu erwidern: „Ei, was Sie mir da sagen, wer weiß, wie manche in denselben Fall gekommen wäre, wenn man es der Mühe wert gefunden hätte, sie zu versuchen.“ – Nach Mitternacht verließ ich den Tanzsaal, warf mich angekleidet auf mein Lager und marschierte um sechs Uhr nach Homburg ab, das mich nur seines Namens wegen interessierte. Hier war ich zum erstenmal bei einem Juden einquartiert, der mir aber ein so schmutziges Zimmer und Bett anwies, daß ich mich auf meine Kosten ausquartierte. – Auf dem nahen Karlsberg sieht man die Trümmer des prächtigen Schlosses, das die Herzöge von Zweibrücken mit ungeheuren Kosten erbaut hatten, und welches erst 1784 vollendet wurde; an fünfzehn Millionen wurden auf die Anlagen desselben Berges verwendet! Hauchard hatte es in den Revolutionskriegen in Brand stecken und zerstören lassen. Auf der linken Seite dieses Berges liegen die malerischen Ruinen des schon im Dreißigjährigen Kriege zerstörten Schlosses Kirki.
Von Homburg führte uns die Marschroute nach der freundlichen Stadt Saarbrücken, ehemals die Hauptstadt einer Grafschaft dieses Namens.
Mein Glücksstern führte mich diesmal zu einer wohlhabenden Witwe, deren Tochter noch nicht lange an einen französischen Employé verheiratet war, der sich in diesem Augenblick in Dienstgeschäften auf mehrere Tage nach Zweibrücken begeben hatte, so daß das junge Weibchen Strohwitwe war und bei der Mama im Haus wohnte. Ich knüpfte eine Unterhaltung mit den gesprächigen Damen an und hatte bald heraus, daß beide eben nicht sonderlich von der Heirat mit einem Stockfranzosen eingenommen waren, der kein Wort deutsch verstand und sich beständig über alles, was deutsch, mokierte; auch scherzte die Mama über die Strohwitwenschaft des hübschen Töchterchens. Ich meinte, diesem Übel sei doch wohl noch abzuhelfen, und bedauerte von Herzen, daß eine so schmucke junge Frau schon die Erfahrung nächtlicher Langeweile machen müsse. In der Stube stand ein Klavier, und ich bat die Dame, mich doch etwas von ihrer Kunst hören zu lassen, sie spielte und sang ein paar kleine Schmachtlieder mit zwar reiner, aber schwacher Stimme. Während Mama ab- und zuging und sich mit dem Hauswesen beschäftigte, drückte ich der jungen freundlichen Strohwitwe die Hand, wagte bald einen Kuß auf die Wangen, dann auf den Mund und endlich eine Umarmung, bei der ich sie so fest an mich drückte, daß ich mich vollkommen von der straffen Elastizität zwei schön geformter Halbkugeln überzeugen konnte. – Man sträubte sich zwar ein wenig, machte Miene zum Schreien, aber ich lispelte: „Wo ist Ihr Schlafzimmer? Darf ich kommen? Es ist ja nur eine einzige, schnell vorübergehende Nacht, die morgen um diese Zeit, so wie mich selbst, der Wind verweht hat, und niemand ahnt etwas davon.“
„Mein Zimmer ist eine Stiege hoch, die erste Türe links, aber Sie dürfen sich nicht unterstehen zu kommen,“ stammelte mit hochpochendem Busen und kaum hörbarer Stimme die junge Frau.
„Aber ich komme doch, schließen Sie nicht ab,“ erwiderte ich, sie abermals umarmend.
„Ich schließe niemals ab, aber Sie dürfen doch nicht kommen.“
Jetzt trat die Mutter wieder ins Zimmer, und ich wiederholte nur noch: „Doch.“ Ich speiste mit den Damen zu Nacht und wünschte ihnen dann wohl zu ruhen; als aber die Glocke elf schlug und im Hause alles still und stumm war, da schlich ich mich auf den Zehen und in den Strümpfen an das bezeichnete Zimmer. Leise, leise drückte ich an die nachgebende Klinke, öffnete die Tür und hüstelte ein wenig, um meine Gegenwart zu verraten.
„Bist du’s, Louise,“ hörte ich mit Schrecken die Stimme der Mama und machte möglichst leise die Türe wieder zu, vor der ich aber stehen blieb und lauschte, was es weiter gebe.
„Was war denn das? Was soll das heißen? – Ist jemand da?“ hörte ich die Mutter wiederholen, blieb aber stumm wie eine Statue. – Als ich endlich nichts mehr hörte und sich die Alte auch nicht mehr regte, schlich ich mich fort, überzeugt, daß ich die rechte Tür verfehlt hatte, ich war an die erste Tür rechts gekommen, von meinem Zimmer aus, das auf dem nämlichen Gang, also links lag; ich suchte nun die erste Türe rechts von der Treppe aus, öffnete auch diese so sachte als möglich, und ließ ein „Bst, Bst!“ vernehmen, worauf ein kaum hörbares Stimmchen sagte:
„Mein Gott, wer ist denn da?“