„Ich bin es, holder Engel.“

„Wie?“ sagte die Stimme noch leiser, „und Sie sind doch gekommen?“

„Alle Pferde der Welt hätten mich nicht zurückgehalten,“ sagte ich ebenso leise, eilte auf den Ort zu, wo das Stimmchen ertönte, und verhinderte dessen Lautwerden durch einen Strom der feurigsten Küsse und eine lange, lange – Umarmung. – Erst gegen Morgen verließ ich das gastfreundliche Zimmer und Ehebett, nachdem ich dem guten Weibchen mit tausend Küssen ein herzliches Lebewohl gesagt und versprochen hatte, daß, wenn der Zufall mich wieder in diese Gegend führe, ich gewiß nicht unterlassen würde, sie zu besuchen. – Ich sah sie nie wieder. – Ich hatte ihr gesagt, daß ich mich zuerst in das Zimmer ihrer Mutter verirrt, und fürchtete, daß diese etwas gemerkt habe, worüber sie lachte und ganz naiv sagte: „Ach, wenn Mutter auch etwas gemerkt hat, so tut sie doch, als hätte sie nichts gemerkt.“

Von Saarbrücken ging der Marsch nach St. Avold, die erste Stadt des älteren Frankreichs. In dieser Gegend ist das Erdreich so hart und steinig, daß man, um es umzuackern, acht bis zehn Ochsen oder Pferde vor einen Pflug spannen muß, auch sah ich hier zum erstenmal auf gut gesattelten Ochsen reiten. – Man baut meistens Wein. – In dem Städtchen, das etwa 2500 Einwohner zählen mochte, wird nur französisch gesprochen, und man erlaubt sich hier, so wie überhaupt an der Grenze von Deutschland, sich über den ehrlichen Deutschen lustiger zu machen, als im Innern von Frankreich. Sonderbar kam es mir anfänglich vor, jedermann und auch die untersten Klassen nur französisch reden zu hören. – Der nächste Tag führte uns nach Courcelles, ein großes, schön gelegenes und von Hügeln umgebenes Dorf, wo ich abermals mein Quartier in einer Schenke mit den Deßwarts teilen mußte. – Noch ruhte ich auf der Streu, als der Bursche, den ich dem Lamertz zum Quartiermachen während der Route mitgegeben hatte, vor mich trat und mir eröffnete, daß er seinen Kollegen schon seit dem gestrigen Abend vermisse, der samt seinen Effekten verschwunden, also aller Wahrscheinlichkeit nach desertiert sei; er habe nichts als die Marschroute zurückgelassen, die er mir bei diesen Worten zustellte. Daß der Kerl desertiert war, bezweifelte ich nicht, aber noch ahnte ich nichts von den andern Streichen, die er gemacht hatte, und die mich schon in unserm heutigen Etappenort, Metz, in eine arge Patsche bringen sollten. Ich gab dem andern Burschen, einem ehrlichen Bayer, der ein paar Worte französisch stottern gelernt, die Marschroute zurück und trug ihm auf, damit nach Metz vorauszugehen und unsere Ankunft auf der Mairie anzukündigen. – Eine Stunde darauf setzte sich der Transport in Marsch, von dem außer Lamertz noch vier andere Burschen desertiert und mehrere marode waren.

Auf einem Halt dieses Marsches kamen die Damen Deßwarts mit den beiden andern Weibern dieses Transports und deren Männern in einen schlimmen Konflikt, der für die erstern sehr schmutzig endigte. Seitdem wir auf altfranzösischem Boden waren, hatten wir statt eines vierrädrigen Leiterwagens nur zweirädrige Karren für die Bagage und Kranken bekommen, auf denen natürlich der Raum weit beengter war. Deßwarts, als des Wagenmeisters Töchter, vom Kapitän-Quartier-Maitre empfohlen und obendrein von mir protegiert, machten Ansprüche nicht nur auf die besten Plätze, sondern wenn der Raum zu eng war, wollten sie, um nicht geniert zu sein, den andern Weibern nicht erlauben, den Karren zu besteigen; diese, ohnehin schon wegen der Vorrechte, die jene hatten, neidisch, wurden nun wütend, da sie bei allem Wetter hintendrein zu Fuß laufen mußten. Als ich auf dem halben Wege nach Metz Halt machen ließ und eines dieser Weiber etwas von ihren Effekten von den Karren nehmen wollte, wodurch die Mutter Deßwart, die eben ihr Frühstück, Wurst und Brot, einnahm, derangiert wurde, ließ diese ein flamändisches Schimpfwort fallen (Deßwarts waren Flamänder, sprachen jedoch französisch), was die Deutsche verstand und noch derber zurückgab, worauf sich ein sehr heftiger Wortwechsel in flamändischer, französischer und deutscher Sprache entspann, bei dem es an Kraftwörtern der drei Sprachen nicht fehlte; das andere deutsche Weib und deren Mann hatten sich ebenfalls darein gemischt und letzterer endlich geschrien: „Was macht man viel Umstände mit den wälschen H...,“ er hob den Vorderteil des Karrens, ihn bei der Schere fassend, so hoch, daß das Hinterteil, auf dem die fünf Frauen saßen – die Pferde waren ausgespannt –, das Übergewicht bekam, der ganze Kasten das Oberste nach unten kehrte, und alles, was er enthielt, in eine sehr kotige Pfütze ausleerte, aus der die Mädchen unter dem Gelächter und Gespötte der Rekruten ganz beschmutzt hervorkrochen und samt der Mama heulend und fluchend und ihre bittern Klagen vorbringend zu mir in die Wirtsstube liefen, wo ich mein Frühstück einnahm. Ich suchte sie möglichst zu besänftigen und zu beruhigen, was mir hauptsächlich durch ein kopiöses Frühstück gelang, das ich ihnen auf meine Kosten servieren ließ, ging hinaus, um den Kerl zur Rede zu stellen, der sich diese Ungezogenheit erlaubt hatte, und sich damit ausredete, daß er es nicht so gemeint habe, die Schere sei ihm aus den Händen gerutscht und das Ganze nur Zufall. Ich versprach ihm jedoch, daß ich ihn zu Metz, wo wir den zweiten Rasttag hatten, für diesen Zufall würde einstecken lassen, nicht ahnend, daß mir dieses Schicksal so nahe bevorstehe. – Nachdem sich die Mädchen gereinigt und durch reichliches Essen und Trinken gehörig gestärkt hatten, setzten wir guter Dinge unsern Marsch fort und erblickten gegen Mittag die Türme der ehemaligen alten Reichs-, jetzt Hauptstadt des Mosel-Departements; bald marschierten wir zwischen den berühmten Obstgärten dieser Stadt, welche köstliche Mirabellen, Reineklauden, Aprikosen usw., die treffliche Konfitüren geben, enthalten, den Toren zu. Aber schon vor einem derselben erwartete mich der vorausgesandte Quartiermacher und meldete mir, daß man auf der Mairie beim Durchlesen der Feuille de Route gewaltig die Köpfe zusammengesteckt und geschüttelt und eine Menge Dinge gekauderwelscht habe, von denen er kein Wort verstanden, aber es sei ihm vorgekommen, als wären die Herren sehr bös geworden. Als ich kaum auf dem Place d’Armes angekommen war und die Appelle gemacht hatte, erschien ein Adjutant des Platzkommandanten, der mir andeutete, ich habe mich sogleich zu seinem Chef zu verfügen. Er führte mich auf die Kommandantur, wo mich der Platzkommandant mit den Worten: „Ah, Monsieur le fourrier, vous avez fait des jolies choses“ anfuhr, „Monsieur le Sous-Inspecteur va passer la revue de votre detachement, et gare a vous si vous ne pouvez vous justifier.“ Ich war über diese Anrede sehr erstaunt und erwiderte: „que je ne comprenais rien a çela“ usw. Der Kommandant fiel mir aber ins Wort und sagte: „Eh bien je veux vous le faire compendre, vous allez commencer par vous rendre en prison.“ Ich mußte ihm meinen Säbel abgeben und wurde sofort durch den Adjutanten in das Militär-Stadtgefängnis abgeführt, ohne zu wissen warum und weswegen. Hier traf ich in einem ziemlich geräumigen Lokal mehrere Unteroffiziere wegen Dienstvergehen verhaftet, diese kamen bei meinem Eintritt auf mich zu, hießen mich willkommen und verlangten, daß ich die „bien venu“ bezahlen solle. Da ich nicht verstand, was sie eigentlich damit wollten, so erläuterte mir einer derselben, daß es sich darum handle, sie zu regalieren, wie dies Brauch und Sitte bei jedem neuen Ankömmling in den französischen Militärgefängnissen sei, wenn er gut gehalten und angesehen sein wolle. Ich gab an einen derselben, den man mir als den Herrn Präsidenten des Prison bezeichnete, weil er schon am längsten in demselben saß, zwölf Franken, wofür er sogleich Wein, Brot, Wurst und Käse holen ließ, was den Herren trefflich schmeckte; dann, nachdem ich ihnen mitgeteilt, wie ich zu der Ehre ihrer Gesellschaft gekommen, sprachen sie mir Trost und Mut ein und meinten, die Suche müsse sich bald aufklären. Noch redeten wir darüber, als der Platzadjutant wieder eintrat und mir befahl, ihm zu folgen. Er führte mich vor den Inspecteur aux revues, der die Rekruten musterte, die in einem Glied aufgestellt waren, und an die er, die Marschroute in der Hand, verschiedene Fragen tat, welche alle unbeantwortet blieben, da ihn keiner der Leute verstand. Als er mich ansichtig wurde, sagte er zu mir: „C’est donc vous qui commandez ce detachement?“ „Oui Monsieur.“ „Eh bien, vous n’êtez pas blanc.“ Er hielt mir nun zornig vor, warum ich auf jeder Etappe vier Wagen unter dem Vorwand von Kranken und Maroden requiriert habe, daß ich über sechzig Paar Schuhe in Kaiserslautern empfangen und keiner der Leute ein Paar ganze Schuhe an den Füßen habe, daß ich Brot und Quartiere für einige siebzig Mann genommen und doch nur sechsundfünfzig vorhanden seien, daß sogar die Feuille de Route verfälscht sei, und er mich von hier weg ins Cachot bringen lassen wolle, um mich durch ein Conseil de guerre verurteilen zu lassen. Über alle diese Anschuldigungen war ich wie aus dem Himmel gefallen und wußte nicht, auf welche ich zuerst antworten sollte; erst als der mich scharf ansehende Inspekteur hinzufügte: „Comment à votre àge tant de perversité, c’est, terrible, cela vous menera droit aux galères!“ bekam ich die Sprache wieder und erklärte in einem Strom von Worten, daß ich von allem, was er mir da gesagt, gar nichts verstünde und nicht wisse, was dies heißen solle, daß ich nie weder Schuhe noch Wagen noch sonst etwas requiriert und seit dem Abmarsch von Mainz die Feuille de Route nicht eher als diesen Morgen, wo derjenige, der die Quartiere gemacht, desertiert sei, wieder zu Gesicht bekommen habe. Der Inspekteur und der Platzadjutant sahen einander und dann wieder mich an, und ersterer sagte darauf zum andern: „Allez chercher un interprête.“ – Dies war in Metz nicht schwer, und in ein paar Minuten war der Offizier mit einem Dolmetscher, der ein Jude war, zurück. Durch diesen ließ nun der Inspekteur die Mannschaft befragen, konnte aber nur von den Deutschen Auskunft erhalten, da ihn die Polen, Russen, Böhmen und Ungarn natürlich nicht verstanden. Ich mußte ergänzen, was die Leute gegen Lamertz aussagten, und der Inspekteur sah bald ein, daß dieser durchtriebene Spitzbube, der alle Kniffe und Ränke des Soldatenwesens genau kannte, meine Jugend und Unerfahrenheit benutzt und schändlich mißbraucht hatte, um sich zum Quartiermacher aufzudrängen und sich Geld zu machen, wo und wie er konnte. Solange wir durch kleine Städte kamen, war dies eben nicht schwer, und die Herren Maires ließen sich leicht hinters Licht führen, statt der requirierten Wagen hatte er sich von den Bürgern oder Bauern, welche die Fuhren liefern sollten, etwas Geld geben lassen und so weiter, aber wohl wußte er, daß sich in Metz eine militärische Inspektion befinde, wo alles genau untersucht würde, und nahm daher im vorletzten Nachtquartier, gut mit Geld versehen, Reißaus. Wie ich später erfuhr, hatte man ihn eingefangen, aber er gab sich für einen entwischten Kriegsgefangenen aus und man ließ ihn wieder laufen; dennoch entging er seiner Strafe nicht, denn ich traf ihn bald darauf zu Toulon, wo er wegen noch anderer Verbrechen auf zehn Jahre aux travaux forcés verurteilt war.

Der Inspekteur, den Zusammenhang der sauberen Geschichte wohl einsehend, tadelte es scharf, daß man einem so jungen und unerfahrenen Menschen, wie ich sei, einen solchen Transport von aus aller Welt zusammengerafftem Gesindel zur Führung übergeben habe, und erteilte Befehl, daß mir von Metz bis Toul, es waren nur noch zwei Etappen, drei Gendarmen beigegeben wurden, die Burschen, von denen ein halbes Dutzend im Lazarett zu Metz zurückblieb, in gehörigem Respekt zu halten.

Am andern Morgen traten wir zu meiner großen Zufriedenheit den letzten Marsch dieses für mich ziemlich beschwerlichen Kommandos an und kamen ohne weitere Un- oder Zufälle glücklich an dem Ziel unserer Bestimmung, zu Toul, an, wo ich meinen Transport an den Kommandanten des bereits formierten ersten Bataillons des Regiments Y. übergab. – Ich hatte ein gutes Lehrgeld für meine Unerfahrenheit bezahlt, das mir aber später zustatten kam.

XI.
Die Garnison zu Toul. – Ich werde Kadett-Sergeant. – Schlechte Administration und Organisation des Regiments. – Schlimmer Ruf desselben. – Aufstand wegen des Handgeldes. – Deutsches und französisches Liebhabertheater. – Nancy. – Eine Entführung. – Ich werde Vorleser beim Fürsten und erhalte Arrest. – Ein Duell im Mondschein. – Eine Klopffechterei. – Abmarsch nach Avignon.

Den Tag nach meiner Ankunft zu Toul meldete ich mich bei dem Regimentschef, dem Fürsten Y., der seine Residenz in dem ehemaligen bischöflichen Palast aufgeschlagen hatte und mich äußerst gnädig empfing. Ich mußte ihm alle Details über die Führung meines Transports wiederholen, und Seine Durchlaucht geruhten sich über den Vorfall zu Metz beinahe halb totlachen zu wollen und meinten, der Inspekteur daselbst habe gut sagen, daß der Quartier-Maitre denselben einem gedienten und erfahrenen Unteroffizier hätte übergeben sollen, da in Mainz kein solcher dem Regiment angehöriger mehr vorhanden gewesen. Der Fürst teilte mir nun noch mit, daß er Kadetten kreieren und bei jeder Kompagnie zwei einstellen werde, wobei er so gnädig war, mich sogleich zu einem solchen zu ernennen, sowie mir den Grad als Sergeant zu erteilen, da sich der eines Fouriers wegen der Komptabilität nicht gut für mich schicke, ich möge mich nur jetzt mit dem Dienst recht befreunden, dann werde mein Avancement zum Offizier nicht lange auf sich warten lassen, und damit war ich allergnädigst verabschiedet. Ich befolgte den mir gegebenen Rat, studierte fleißig das französische Dienstreglement sowie die Soldaten-, Peloton- und Bataillonsschule und tat bald meine erste Wache an der Porte-Royal.

Toul, das alte Tullum Leucorum, zur Zeit der Römer die Hauptstadt der Leuci, ist eine Festung vierten Ranges, deren schlecht unterhaltene Werke einem Feind, der es ernstlich meint, nicht lange widerstehen würden. Die Wälle sind so niedrig, daß viele Rekruten des Regiments, das in der Stadt konsigniert war, von denselben herab und in die trockenen Gräben sprangen, um zu desertieren, weshalb die Unteroffiziere während der Nacht mit scharfgeladenen Gewehren um dieselben von außen patrouillieren mußten.