Es wurde nun den ganzen Tag auf den Plätzen vor den Kasernen exerziert, den Leuten die Handgriffe der französischen Waffen beigebracht und sodann marschiert. Dies ewige geisttötende Einerlei war mir bald in hohem Grad zuwider: Gewehr auf, Gewehr ab, rechts und links in die Flanken, rechtsum kehrt euch, Ladung in zwölf Tempi und achtzehn Bewegungen, die Stellung, der Gänsemarsch usw. usw. waren drei bis vier Stunden vor- und ebenso viel nachmittags die geistreiche Beschäftigung, die mir und allen andern zuteil ward. Der Fürst hatte deutsches Kommando, aus dem Französischen übersetzt, eingeführt, weil er behauptete, es sei ein deutsches Regiment, obgleich fast mehr Russen, Polen, Ungarn, Böhmen als Deutsche bei demselben waren und ich hier alle Gelegenheit hatte, eine göttliche Geduld auf die Probe zu stellen, um mich bei dem Einexerzieren dieser Burschen mehr durch Mienen und Gesten, als durch Worte verständlich zu machen. Was aber noch schlimmer als das deutsche Kommando, war, daß man auch deutsche Prügelei bei dem Regiment einführte, und zwar auf den Rat mehrerer Offiziere, die früher in österreichischen, preußischen und andern deutschen Diensten gestanden hatten und behaupteten, die Disziplin bei dem Regiment sei durchaus nur vermittelst deutscher Prügel zu erhalten, und diese wurden auch bald häufig genug zu Portionen à fünfundzwanzig, fünfzig und hundert, je nachdem die Vergehen waren, mit großer Freigebigkeit durch ehemalige österreichische Korporale, die am besten damit umzugehen verstanden, erteilt. Dieses Verfahren hatte zwei wesentliche Nachteile für das Regiment: zum ersten wurde dadurch alles Ehrgefühl bei den Soldaten erstickt, und zum andern wurde das Regiment von den französischen Truppen, mit denen es im Feld oder in Garnison zusammenkam, deshalb mit großer Verachtung angesehen und den Offizieren desselben nicht selten von den Offizieren französischer und sogar italienischer Regimenter diese Prügelei vorgeworfen, wodurch es dann natürlich zu Händeln kommen mußte. Sicher ist es, daß salle de police und salle de discipline, wie es die französischen Reglements vorschreiben, dieselbe und wohl noch weit bessere Wirkung gehabt hätten, denn der rohe Russe, Böhme und Ungar fürchten weit mehr Einsperrung, wenn auch nur auf wenige Tage, als eine Tracht Prügel, die sie bald verschmerzen. Aber alle Vorstellungen einiger vernünftigerer Offiziere halfen nichts und konnten bei dem Fürsten nicht durchdringen, es blieb halt bei den Prügeln. Freilich bestand jetzt das Regiment schon aus beinahe dreitausend Mann zusammengerafftem Gesindel aus allen Weltgegenden, und Diebstähle und Exzesse aller Art wurden täglich in Masse begangen, aber durch das Prügeln wurde es um kein Haar besser, eher schlimmer. Leider war auch ein Teil des Offizierkorps nicht viel besser als die Soldaten. Da waren bankerotte Kaufleute, gescheiterte Gastwirte, die mit dem, was sie aus dem Schiffbruch gerettet, den sehr einflußreichen Kammerdiener des Fürsten und einige andere seiner Umgebung durch Präsente bestochen und sogar den Grad eines Kapitäns erhalten hatten; auch verunglückte Advokaten, Professoren, abgesetzte Richter, Bürgermeister, französische Schauspieler und Gott weiß was alles für Schiffbrüchige aus allen Ständen, hatten da einen Anker der Rettung, zum Teil auch als Feldwebel und Fouriere, gesucht und gefunden, bis sich nach und nach das Offizierkorps wieder reinigte und durch den Gärungsprozeß von dem Untauglichen befreite. Auf dem Exerzierplatz hörte man in allen Sprachen reden, radebrechen und fluchen, und es war gewiß nicht eine Nation Europas, mit Ausnahme der türkischen, die nicht ihre Repräsentanten bei diesem Regiment gehabt hätte. Raufereien, Desertionen, Diebstähle und andere Exzesse waren so sehr an der Tagesordnung, daß die Rückseite der täglichen Kompagnie-Rapporte ganz damit, sowie die Gefängnisse und Arresthäuser mit Delinquenten vom Regiment angefüllt waren. Besonders waren es auch die Unteroffiziere, zu denen man trotz des Verbots viele Franzosen, und zwar solche Subjekte genommen hatte, die aus französischen Regimentern wegen schlechter Streiche fortgejagt oder desertiert waren, die nächtlichen Unfug in den Wirtshäusern und auf den Straßen begingen. Die Folgen von all diesem waren, daß das Regiment bald eine sehr traurige Berühmtheit erlangte, auf Märschen und in Garnisonen, wo ihm ein schrecklicher Ruf voranging, gefürchtet, von den französischen Truppen verachtet wurde, und vor dem Feind wenig zuverlässig war. Aber an all diesen Dingen war nicht sowohl die schlechte Zusammensetzung, als vielmehr die noch schlechtere oder doch ebenso schlechte Führung desselben schuld. In keiner Beziehung hatte man den Angeworbenen Wort gehalten, namentlich wurde ihnen das versprochene Handgeld nie ausgezahlt, und dies gaben die meisten der wiedereingefangenen Deserteure, sowie viel derer, die einen Diebstahl begangen, als den Grund ihres Vergehens an; viele hatten nur gewartet, bis sie mit Schuhen, Hemden und Kapotten versehen waren, um sich wieder davonzumachen. Hierzu kam noch der Kontrast der Behandlung im Vergleich mit den französischen Truppen; in Toul lag das Depot eines Linienregiments, das sich einer äußerst humanen Begegnung von seiten der Vorgesetzten zu erfreuen hatte. In dem französischen Heer war damals ein sehr menschenfreundliches Benehmen der Höhern gegen die Niedern vorherrschend, wodurch die Untergebenen eine aufrichtige Zuneigung zu ihren Vorgesetzten faßten, und dies ging durch alle Grade durch. Dies bildete einen grellen Kontrast mit der sklavischen und zum Teil barbarischen Behandlung, die noch bei den deutschen Truppen beliebt war. Ein Lieblingsausdruck der deutschen Offiziere und Unteroffiziere gegen den Untergebenen, der eine, wenn auch noch so bescheidene Einwendung vorbrachte, war in der Regel: „Was will der Kerl noch räsonieren, ich lasse ihn hauen, daß ihm die Schwarte kracht, oder krummschließen, daß er die Schwerenot kriegt“ usw. Freilich hätte es sehr schlimm um jene Heere gestanden, wenn sich Räson hätte dürfen geltend machen. Wie ganz anders war dies jetzt im französischen Heer, wo selbst der Gemeine seinem Obersten oder General ohne Bedenken alle möglichen Vorstellungen machen durfte und gewiß war, daß sie nicht nur mit Güte und Wohlwollen angehört wurden, sondern auch Eingang fanden, wenn sie sich als bewährt oder begründet zeigten, während unsere deutschen Stockhelden alles, was nur nach Vernunft schmeckte, mit stieren Augen anglotzten, und nur Meister im gemeinsten Schimpfen und Fluchen waren; fast nie hörte man ein erniedrigendes Schimpfwort aus dem Munde eines französischen Offiziers gegen seine Untergebenen.
Mit den Prügeln wurde es bald so arg, daß ein jeder Kapitän deren nach Belieben austeilen ließ, ja sogar die Sergeant-Majors (Feldwebel) ließen auf ihre eigene Faust prügeln, und bei jedem Rapport wurden Tausende von Prügeln verordnet; der Fürst, der früher ebenfalls in österreichischen Diensten gestanden, fand dies ganz in der Ordnung. Die Folgen waren Vermehrung der Desertion, aber dies war gerade, was die Kompagniechefs und Sergeant-Majors wollten, denn jedem Deserteur wurden sogleich Schuhe, Hemden, Gamaschen, Polizeimütze und sogar Uniform aufgebürdet, die er noch gar nicht erhalten und mitgenommen haben sollte, auch wurde der Mann noch mehrere Wochen als präsent fortgeführt, und so Brot, Sold und andere Dinge für ihn empfangen; das Geld teilte der Hauptmann mit seinem Feldwebel, versteht sich so, daß der erstere den Löwenanteil erhielt, auch die Fouriere hatten ihren Anteil. Die Sache war um so leichter tunlich, als die wieder eingebrachten Deserteure nicht in Untersuchung kamen, sondern den Kompagnien zur willkürlichen Bestrafung übergeben wurden, die dann in einer gehörigen Tracht Prügel und Gefängnis bei Wasser und Brot bestand. – Der Fürst, der sich wenig oder nicht um den Dienst bekümmerte, ihn auch nicht verstand, ließ die Bataillons- und Kompagniechefs nach Gefallen schalten und walten. Auf der andern Seite durfte auch er nicht viel sagen, denn wie sah es mit den versprochenen Handgeldern aus, da ihm das französische Gouvernement doch sechzig Franken für den Kopf gutgetan hatte? – Fürst Y. war kein böser, aber was oft weit schlimmer, ein äußerst schwacher Mensch, und hatte dabei sehr kostspielige Liebhabereien, unter denen die für gewisse Damen nicht die am wenigsten kostende war, dazu war seine Suite fast immer ein kleiner Hofstaat, und er führte viele Pferde, Bereiter, Dienerschaft und so weiter mit sich. Wer seine Schwächen zu benutzen verstand und Gelegenheit hatte, konnte von ihm verlangen, was er wollte, vielen Offizieren hatte er Bons für nicht unbedeutende Summen auf den Quartier-Maitre-Tresorier abgegeben, sowie noch andere Bons, so daß er in einem Monat oft zwanzigmal mehr auf die Regimentskasse anwies, als sein Gehalt als Oberst betrug. So war das den Rekruten zukommende Handgeld, an zweihunderttausend Franken, bald erschöpft, und was der Fürst aus seinem ohnehin schon mit Schulden belasteten Ländchen in Person bezog, denn seine Gemahlin, die Prinzen, der Hof mußten doch auch standesmäßig unterhalten werden, reichte bei weitem nicht aus, seinen Aufwand in Frankreich zu bestreiten. Da also das Übel von oben kam, war ihm schwer abzuhelfen, erst nachdem der Inspekteur mehrmals von Metz zur Musterung des Regiments gekommen war und dabei empfindliche, harte und drohende Worte hatte fallen lassen, kam etwas mehr Ordnung in die Organisation, Administration und Führung desselben, doch fand immer noch Unterschleif genug, nur mit mehr Vorsicht und Behutsamkeit statt.
Das nicht ausgezahlte Handgeld führte indessen eines Tages einen sehr bedenklichen Vorfall bei der Wachtparade herbei. Kaum waren die Wachen nach ihren verschiedenen Posten abmarschiert, als über 300 Mann, von einigen Unteroffizieren geführt, auf dem Paradeplatz erschienen und deren Sprecher, ein Sergeant-Major, von dem Fürsten verlangte, daß er ihnen sogleich das versprochene Handgeld auszahlen lasse. Der Fürst Y. und ein paar Stabsoffiziere wollten nun die Leute mit kurzen Worten und Drohungen abspeisen, aber diese erklärten durch ihren Dolmetscher, daß sie nicht eher von der Stelle gehen würden, bis man sie befriedigt habe. Nach mehrerem Hin- und Herreden wußte sich Fürst Y. nicht anders zu helfen, als ein paar tausend Franken bei dem Quartier-Maitre holen und einem jeden dieser Leute sogleich einen Sechs-Livretaler auf Abschlag auszahlen zu lassen, versprechend, das übrige sowie das Handgeld für das ganze Regiment solle unfehlbar in den nächsten vierzehn Tagen ausgezahlt werden. Die Leute begnügten sich damit und gingen in die Kasernen zurück, das à conto Empfangene zu verjubeln und ihren Kameraden die gute Nachricht zu hinterbringen. Aber kaum hatten sie den Paradeplatz verlassen, als die Unteroffiziere, die sie angeführt hatten, arretiert und in das Militärgefängnis geworfen wurden. Man machte kurzen Prozeß mit ihnen, und schon am andern Tage wurden sie bei der Wachtparade angeblich wegen Meuterei degradiert. Der Sergeant-Major hatte jedoch dabei furchtbar getobt und gedroht, er würde alle seine Beschwerden und Klagen wegen der Unterschleife und Betrügereien so vieler Kapitäne an gehörigem Ort vorzubringen wissen. Nachdem man ihn wieder ins Gefängnis zurückgebracht, war er nach einigen Tagen verschwunden, niemand wußte, was aus ihm geworden war; später habe ich in Erfahrung gebracht, daß man ihm den Mund mit Geld gestopft und einen Paß nach Deutschland gegeben habe.
Nach diesem Ereignis war keine Rede mehr von der weitern Auszahlung des Handgeldes, obschon die Leute nicht aufhörten deshalb zu murren.
Jetzt waren bereits die drei Bataillone des Regiments vollzählig und das erste ganz uniformiert, bewaffnet und ziemlich gut einexerziert. So gerne aber auch die Einwohner von Toul, und insbesondere die Wirte, Geld verdienen mochten, so war es den Inhabern der Speiseanstalten, Wein- und Branntweinschenken doch jedesmal nicht wohl zumute, wenn Gäste vom Regiment Y. bei ihnen einsprachen, da sich diese in der Regel betranken und dann, namentlich die Russen und Polen, Händel anfingen, oft alles zerschlugen und nicht selten Reißaus nahmen, ohne die Zeche zu berichtigen. Auch wegen der Unmäßigkeit dieser Leute, von denen oft ein einziger mehr Trank und Speise zu sich nahm als drei Franzosen, von welchen manche Familie von vier bis sechs Personen mit anderthalb Pfund zu einer Suppe konsumiertem Fleisch einen ganzen Tag lebt, mit Wein rotgefärbtes Wasser trinkend, kamen wir in den besten Ruf als Vielfresser und Trunkenbolde. Da ich indessen in der Pension, in welcher ich mit noch einem Dutzend anderer Kadetten, meistens Söhne aus guten Familien aus Nancy und Metz, speiste, sehr wenig aß, auch nur Wasser mit äußerst wenig Wein vermischt und gar keine Spirituosa trank, sehr geläufig französisch mit wenig oder gar keinem Akzent sprach, so wollte man mir durchaus die Ehre erzeigen, mich für einen Franzosen zu halten, wenn ich auch noch so sehr dagegen protestierte.
Der Fürst hatte den Kadetten, sobald sie nicht im Dienst waren ganz dieselben Uniformen wie den Offizieren gestattet, nur mit dem Unterschied, daß sie zwei silberne Kontre-Epaulettes statt eines Epauletts mit Fransen auf der linken Schulter trugen, und diese selbst im Dienst mit der Abzeichnung ihres Grades beibehielten, denn es gab Gemeine-, Korporal-, Fourier-, Sergeant- und selbst Sergeant-Majors-Kadetten.
Bald nach mir war auch der Quartier-Maitre Viriot in Toul angekommen und brachte mir Briefe von meinen Eltern nebst der Nachricht mit, daß er von meinem Vater beauftragt sei, mir jeden Monat hundert Franken, also Oberleutnantsgage, als Zulage auszuzahlen; dies machte mich gewissermaßen zum Mylord unter den Kadetten, von denen keiner so viel hatte, und ich galt für reich im Regiment. Daß ich, wenn meine Dienste vorüber, kein alltägliches Philisterleben führte, wird man mir gerne glauben. Ich suchte, kaum in Toul angekommen, mein altes Steckenpferd wieder auf, und gab mir alle erdenkliche Mühe, ein Liebhabertheater zustandezubringen, was mir auch gelang. Ein Herr Bertrand, Kaffeewirt, hatte ein sehr niedlich eingerichtetes Theater mit zwei Reihen Logen, das er gewöhnlich an herumziehende Truppen vermietete, die sich bisweilen nach Toul verloren, welches ich in Beschlag nahm, und unter den deutschen Offiziersfrauen fanden sich auch einige recht willige, sich zu Aktricen gut qualifizierende Damen, namentlich die siebzehnjährige Tochter des Adjutant-Majors Kramer. Bald waren wir so weit, daß wir Kotzebues ‚Wirrwarr‘ aufführen konnten; ich machte den Fritz Hurlebusch, Mademoiselle Kramer war meine Babette, und deren Mama die Frau v. Langsam. Der Fürst hatte mit seiner ganzen Suite der Vorstellung beigewohnt, sowie alle Offiziere und mehrere Einwohner, die deutsch verstanden, auch viele Franzosen, die jedoch nicht aushielten, und Seine Durchlaucht hatten sich sehr ergötzt. Wir verstiegen uns nun höher und studierten ‚Kabale und Liebe‘ ein. Mademoiselle Kramer machte die Louise, und ich bestieg mein theatralisches Paradepferd, den Major; wir spielten auf jeden Fall unsere Rollen recht natürlich, denn die Liebe hatte sich unserer bereits bemächtigt, und die Kabalen fehlten nicht, sie wurden bald gesponnen, um meine Louise Sr. Durchlaucht zuzuführen, die großen Gefallen an der jungen Aktrice zu finden schien. Da indessen das deutsche Theater zu wenig Teilnahme fand und finden konnte, so meinte Fürst Y., man solle ein französisches zu organisieren suchen und übertrug mir auch dieses Geschäft, wogegen er mich zu meiner großen Freude von dem Exerzierplatz bis auf weitere Ordre freisprach. Es war weniger schwierig instand zu bringen, als das deutsche, und eine Mad. Alphonse, die hübsche Gattin eines Kapitäns, und die Tochter des Eigentümers des Theaters, Mademoiselle Bertrand, waren bei diesem die ersten Liebhaberinnen, während andere die Soubretten und so weiter übernahmen. Madame Alphonse hatte ein eminentes Talent für das französische Lustspiel und Vaudeville, sie spielte und deklamierte in der Tat bezaubernd, sang nicht schlecht, hatte eine allerliebste niedliche Figur, viel Grazie und schien auf der Bühne in ihrem Element. Wir führten zuerst Molieres ‚Geizigen‘ auf, in welchem sie Harpagons Tochter und ich den Valère machte, worauf noch mehrere Vaudevilles gegeben wurden; auch Boieldieus ‚Kalif von Bagdad‘ kam an die Reihe. Madame Alphonse war auch bald meine französische Geliebte, doch konnte ich mir auf diese Eroberung eben nicht sehr viel zugut tun, da die Dame nichts weniger als geizig mit ihren Gunstbezeigungen war. Auch sie fand bald Gnade vor Sr. Durchlaucht, die hier schnellere Erhörung fanden, als bei Mademoiselle Kramer; ich hielt mich dagegen an Demoiselle Bertrand, bei der ich es jedoch nie weiter als bis zu einem verstohlenen Kuß, höchstens zu einer flüchtigen Umarmung bringen konnte, und kein Zureden, keine Bitten, keine Geschenke wollten helfen, der ewige Refrain lautete: „Mais finissez donc! Mais vous me feriez un enfant,“ und wenn ich den Aal zu packen vermeinte, husch war er mir wieder durch eine schnelle Wendung entschlüpft. Indessen waren dennoch die Proben dieser Stücke äußerst unterhaltend. Die deutschen Vorstellungen unterblieben nicht ganz und wechselten manchmal mit den französischen ab. Dieses Liebhabertheater hatte schnell einen gewissen Ruf erlangt, der sich sogar bis nach dem nachbarlichen Nancy verbreitete, wohin Fürst Y. sehr oft mit seinem Bruder, dem Prinzen Wolf, fuhr, und wir hatten jedesmal bei den französischen Vorstellungen Zuschauer und Zuschauerinnen aus dieser Stadt. Auch ich begab mich öfters nach dem schönen Nancy, wohl einer der schönsten Städte Frankreichs, und brachte in der Regel die Sonntage daselbst zu, wenn ich nicht besondere Abhaltungen hatte. Dort fand ich bald durch die Empfehlungen Viriots, der ein echter Gentilhomme war und daselbst viele Bekannte und Verwandte hatte, in mehreren der angesehensten Häuser eine gute Aufnahme, obgleich die Hautevolee, aus Adeligen bestehend, sehr aristokratisch und hochmütig ist. Aber man glaubte, daß alle deutsche Kadetten des Regiments mindestens Söhne deutscher Barone sein müßten, und ich ließ die guten Leute bei dem Glauben, da es hier in meinen Kram paßte. Man hatte mich schon auf dem Theater gesehen und war ‚charmé de faire la connaissance du jeune acteur‘, der zu gleicher Zeit deutsche und französische Komödie spielte.
Unter den Schönen, die ich in Nancy hatte kennen lernen, war eine sehr liebenswürdige junge Dame, deren Bekanntschaft ich in dem Hause eines Herrn von St. Ange machte, in das mich ein junger Viriot, Neffe des Quartier-Maitres und ebenfalls Kadett beim Regiment, eingeführt hatte. Diese hübsche Frau war die Witwe eines erst kürzlich in dem Feldzuge von 1805 gebliebenen Bataillonschefs; noch war sie in tiefe Trauer gehüllt, obgleich eben nicht mehr sehr traurig, sondern an allen sich ihr darbietenden Vergnügungen lebhaften Anteil nehmend. Über ihrer Abkunft lag ein mysteriöser Schleier, und man sagte sich deshalb allerlei ins Ohr. Frau v. St. Ange vertraute mir, daß sie die natürliche Tochter eines ebenfalls natürlichen Sohns des unglücklichen Stanislaus sei, den dieser mit einer Marquise L... gezeugt habe; doch lagen für diese Behauptung keine Beweise vor, nur soviel war gewiß, daß sie mit einer nicht unansehnlichen Leibrente dotiert war. An all diesem war mir wenig gelegen, wer wird auch eine hübsche einundzwanzigjährige Witwe viel nach deren Abkunft fragen. Ich machte ihr eifrig den Hof, begleitete sie manchmal in das Theater zu Nancy, das ich jetzt öfters besuchte, und wieder heim, und stand bald bei der schönen Adelaïde in Gunst, wußte es aber so anzufangen, daß die Dame, die beinahe sechs Jahre älter als ich war, glauben mußte, sie habe einen in der Liebe ganz unerfahrenen Neuling vor sich, der zuvorkommender Aufmunterung bedürfe, um ihn zu verführen. Ich ließ sie gerne bei dem sie beglückenden Glauben, spielte den unerfahrenen Menschen so gut, stellte mich so unschuldig naiv, daß ihr gewiß nichts zu wünschen übrig blieb, und ließ mich von ihr in die Geheimnisse der praktischen Liebe einweihen. Als sie aber später einigemal nach Toul kam, auch einer Vorstellung unsers französischen Liebhabertheaters beiwohnte und vielleicht allerlei erfuhr, merkte sie doch, daß ich auch mit ihr eine Art Komödie gespielt hatte, und sagte mir eines Tages, mit dem Finger drohend: „Vous êtes un roué jeune.“
Auch der junge Viriot, der aber schon zwanzig Jahre zählte, hatte eine Intrige, und zwar ernsthafterer Art, in Nancy mit einem der hübschesten und reichsten Mädchen dieser Stadt angesponnen. Er war bis über die Ohren verliebt und beabsichtigte das Mädchen, das freilich in jeder Hinsicht eine sehr gute Partie war, zu heiraten. Seine beiden Oheime, der Kapitän d’Habillement und der Quartier-Maitre-Tresorier des Regiments, wußten davon und wünschten die Heirat, von der aber die Familie und die Eltern des Mädchens nichts wissen wollten, da der junge Mann ohne Vermögen und seine nächste Aussicht eine Unterleutnantsstelle war, der Papa aber einen reichen oder doch wenigstens einen hochgestellten Mann, wie einen Obersten oder General, zum Schwiegersohn wollte. Aber das Mädchen liebte den Kadetten von ganzer Seele, und seine Oheime, auch ein paar lockere Zeisige, rieten ihm zu einer Entführung, das Übrige würde sich dann schon finden. Der Neffe ließ sich das nicht zweimal sagen, folgte dem guten Rat, überredete Mademoiselle, sich entführen zu lassen, und kam eines Abends gegen Mitternacht mit der entführten Schönen, die er aus dem Theater zu Nancy abgeholt, mit mir, der ich die Postpferde und Relais besorgt hatte, in Toul an, wo er die Geraubte in der Wohnung seines Oheims versteckte. Am andern Morgen eilte er, mit einem sechswöchigen Urlaub in der Tasche, mit der Geliebten nach Paris. Adelaïde hatte nicht nur um die Sache gewußt, sondern war auch mit Rat und Tat behilflich gewesen. Die Familie und besonders der Vater waren anfänglich entsetzlich erbost, man sprach nur von Totschießen, Enterben usw., aber die Zeit besänftigte die Leute mehr und mehr, die Oheime knüpften Unterhandlungen an, die Sache war geschehen und, wie alle geschehene Dinge, nicht zu ändern. Der junge Viriot erhielt seinen Abschied, eine Zivilanstellung, den Konsens der Eltern, und das junge Paar kam später nach Nancy zurück.
Fürst Y. litt seit einiger Zeit heftig an Podagra, so daß er das Zimmer und oft das Bett nicht verlassen konnte; diese schmerzhafte Krankheit suchte Se. Durchlaucht sehr oft heim, wozu wohl das Leben, das der Fürst führte, viel beitragen mochte, und da ihn jetzt noch obendrein die Langeweile gewaltig plagte, so ließ er mich eines Nachmittags holen und fragte mich, ob ich ihm nicht jeden Tag ein paar Stunden vorlesen wolle, wozu er mich sehr fähig halte, weil ich so gut Komödie spielen könne. Ich fand mich gleich hierzu bereit und las dem hohen Patienten mehrere Tage hintereinander jeden Nachmittag und Abend ein paar Stunden aus den vorzüglichsten deutschen und französischen Autoren, hauptsächlich aber Tragödien von Schiller, Lessing, Goethe, Shakespeare, Racine, Corneille und Voltaire vor, was den Fürsten außerordentlich zu amüsieren schien, besonders da ich meine Stimme bei jeder Rolle veränderte, damit die Vorlesung soviel als möglich einer Aufführung nahekam. – Eines Nachmittags, als ich gerade den berühmten Monolog aus Racines ‚Phädra‘: „A peine nous sortions des portes de Trézène“ und so weiter im vollen Feuer der Begeisterung rezitierte, schlich sich jemand hinter mich und zupfte mich beim Ohrläppchen. Ohne mich nur umzusehen, wer derjenige war, der mich so unzeitig unterbrach, stach ich ihm mit all der Kraft, in die mich das Feuer versetzt hatte, eine so derbe Ohrfeige im fürstlichen Schlafzimmer, daß dasselbe laut davon widerhallte. Erst nachdem es geschehen und der Fürst schrie: „Was soll das heißen, welche Impertinenz, gleich aus meinen Augen!“ sah ich, daß es der über und über rot gewordene Sekretär des Fürsten war, den ich in dessen Gegenwart geohrfeigt hatte. Es hätte ebenso gut der Bruder des Fürsten, Prinz Wolf, sein können, der sich damals bei ihm in Toul zu Besuch befand, der die Ohrfeige bekommen, die ihm kein Gott wieder abgenommen hätte. Was aber dann aus mir geworden wäre, mögen die Götter wissen. Glücklicherweise aber war er es nicht, und ich kam mit zweimal vierundzwanzigstündigem Arrest davon, durfte aber dem Fürsten vorerst nicht weiter vorlesen, der unterdessen wieder besser geworden war und ausfuhr. Auf den Rat meines Kapitäns, St. Jüste, der die Sache vom Fürsten selbst erfahren hatte, schrieb ich an letztern noch ein Entschuldigungsschreiben, was aber nicht hinderte, daß er mir die in seiner Gegenwart ausgeteilte Ohrfeige noch lange nachtrug und mich empfindlich genug bestrafte, wie wir bald sehen werden. Etwa vierzehn Tage nach diesem Vorfall reiste der Fürst nach Paris ab, um, wie er sagte, ‚die heiligsten Interessen des Regiments zu wahren‘, und sich zu zerstreuen und besser zu amüsieren, als dies in dem stillen, geräuschlosen Toul möglich war.