Um diese Zeit wurde auf einer Anhöhe bei Toul ein Volksfest gefeiert, dessen Ursprung ich mich nicht mehr entsinne. Man spielte und tanzte bei dem Gekratze einer schrecklichen Geige im Freien, meistens wurden Kontretänze aufgeführt. Der junge Deßwart, der Sergeant-Major bei dem Regiment war, hatte sich hier ebenfalls mit seinen vier Schwestern, die in Toul ein so unanständiges Leben führten, daß ihr Haus in nicht viel besserem Ruf als ein Freudenhaus stand, eingefunden, und während ich mich mit einem Paar hübschen jungen Mädchen, der jungen Bertrand und einer ihrer Freundinnen, unterhielt, schielten Deßwarts und namentlich Mimi beständig auf uns herüber, sich dabei in die Ohren zischelnd, so daß mich die Bertrand fragte, wer denn diese Frauenzimmer seien, und ich erwiderte: „N’y faites pas attention, ce sont des coquines.“ Diese Worte hatte ein anderer Kadett namens Larbalestier aus Nuit, der ebenfalls der jungen Bertrand den Hof machte und eifersüchtig auf mich war, gehört und hinterbrachte sie sogleich dem Bruder und seinen Schwestern, welche erstern aufforderten, mich sofort wegen dieser Äußerung zur Rechenschaft zu ziehen, was er vorerst ablehnte, unter dem Vorwand, daß hier nicht der Ort dazu sei. Das Fest ging auch ungestört vorüber, aber noch den nämlichen Abend traf ich mit dem Bruder, der sich einen kleinen Rausch getrunken, zufällig in einem Kaffeehaus zusammen, wo er mich nun zur Rede stellte. Larbalestier, der auch gegenwärtig war, und noch ein paar andere schürten das Feuer, ich leugnete nicht, was ich gesagt und was die ganze Stadt sagte, und erbot mich zu jeglicher Satisfaktion. Man nahm mich beim Wort und, die Köpfe durch Glühwein erhitzt, wollte man, daß die Sache gleich abgemacht werde. Ich war es zufrieden, aber Deßwart meinte, es sei Nacht, die Tore bereits geschlossen, und man könne sich doch im Finstern nicht schlagen, sondern müsse es auf den kommenden Morgen verschieben. „Bah, es ist ja heller Mondschein,“ fiel Larbalestier ein, „und ein passender Platz wird sich auch wohl in der Stadt finden lassen, was meinen Sie, Fröhlich?“ – „Sie haben Recht, besser man macht so etwas gleich ab, als den andern Tag, man schläft dann viel ruhiger, und auf den Wällen und nach zehn Uhr ist es allenthalben öde und stille genug.“ – Wir kamen nun überein, daß das Duell nach zehn Uhr in der Stadt vor sich gehen solle, und zwar auf dem Platz hinter der gotischen Kirche in der Nähe der Kasernen. Als die Stunde gekommen war, eilten wir auf das Terrain, nicht weniger als neun an der Zahl, und da Deßwart, der nicht Kadett war, keinen Degen trug, kam man überein, daß wir uns mit Briquets – so nannte man die gewöhnlichen Infanteriesäbel – schlagen sollten. Wir zogen die Uniformen aus, streiften die Hemdärmel hinauf und legten aus. Trotz dem Mondschein war es nicht sehr hell, denn der Himmel war zum Teil bewölkt; indessen führten wir mörderische Hiebe gegeneinander, so daß das Klirren der Klingen an den hohen Mauern der alten gotischen Kirche, unserer stummen Zuschauerin, laut widerhallte, und hauten wie besessen in die Nacht hinein. Plötzlich rief mein Gegner: „Ah je suis blessé!“ und wir ruhten. Er hatte in der Tat eine leichte Wunde an der Stirne erhalten, die jedoch das ganze Gesicht mit Blut übergoß, so daß man sie im ersten Augenblick für sehr gefährlich hielt, während es sich bei näherer Untersuchung und nachdem man das Blut abgewaschen, fand, daß wenig mehr als die Haut geritzt war. Dies war allein die Tat des Zufalls und weder mein Wille noch meine Geschicklichkeit, denn man konnte die Gegenstände nicht klar unterscheiden. Die Umstehenden erklärten nun, daß der Ehre genug geschehen sei, und nachdem Deßwart gehörig abgewaschen und verbunden war, begaben wir uns sämtlich in das Café de la Comedie zu Bertrands, wo auf Kosten der Duellanten die wiederhergestellte Eintracht mit Champagner, Punsch und vin chaud gefeiert wurde, aber mehr als einmal auf dem Punkt war, wieder gestört zu werden, wozu ein mauvais sujet, ein gewisser Poireau, auch Sergeant-Major im Regiment, dabei ein guter Fechtmeister und Raufbold von Profession, der aus einem französischen Regiment wegen Betrügereien fortgejagt worden war, allen möglichen Vorschub leistete. Dieser machte sich besonders an junge Leute, von denen er wußte, daß sie bei Geld waren, um sie aus Furcht vor seiner Klinge zu bewegen, ihn in Gast- und Kaffeehäusern freizuhalten und ihm auch Darlehen à fonds perdu zu bewilligen. Ich kannte den Patron, und es kam mir nicht unerwartet, daß sich derselbe an mich und noch ein paar andere Kadetten machte, die Deßwartsche Sache immer wieder aufwärmend und bemerkend, ihm hätte so etwas nicht passieren dürfen und so weiter. Die Sticheleien wurden endlich so arg, daß ich unmöglich länger schweigen konnte und ihm sagte, ich wisse recht gut, daß er ein vollkommener Fechtmeister, ich aber wenig mehr als Anfänger in der edlen Fechtkunst sei, aber wisse auch, wie ich mich gegen eine gewisse Gattung von Kopffechtern zu verhalten habe, und wenn ich noch nicht deren Fertigkeit im Spiel der Rappiere erlangt, so fehle ich doch auf zwanzig Schritte meinen Mann nie mit Pistolen, wodurch die Gleichheit der Kräfte immer hergestellt würde. Und dies war keine Lüge, denn ich hatte mich längst im Pistolenschießen geübt und gut eingeschossen. Monsieur Poireau ließ sich dies nicht wiederholen, sondern zog von diesem Augenblick andere Saiten auf und wurde sogar hündisch kriechend, denn der Bursche war so feig, als es in der Regel alle seines Gelichters sind, sobald sie glauben ihren Mann vor sich zu haben, und wagen sich immer nur an unerfahrene Massetten; geht es gegen den Feind, so befällt sie nicht selten das Lazarettfieber. – Wenige Wochen nach diesem Vorfall wurde auch er wegen schlechter Streiche vom Regiment gejagt, und ich sah ihn später in den Straßen von Toulon die Galeerenketten schleifen.
Fürst Y. kam um diese Zeit von Paris zurück, wo er allerdings die Interessen des Regiments trefflich gewahrt hatte, denn in seinem Gefolge kamen ganze Kisten grüner, roter, gelber Epauletten, Federbüsche, Pompons, Dragoner, Fangschnüre und so weiter an, von denen die für die Unteroffiziere sogar reich mit Silber besetzt waren. Die Staatsuniform des Tambour-Majors, die er zu Paris hatte machen lassen, war von gelbem Tuch mit hellblauen Aufschlägen, aber so reich mit Gold und Silber besetzt, daß man von dem Tuch gar nichts sah; seinem ebenfalls reich bordierten Hut entquoll ein mächtiger Straußenfederbusch in allen Farben aus einer goldnen Tulipane, und die Fransen der massiv goldenen Epauletten hingen fast bis auf den Ellenbogen herab, sogar die Stiefel waren reich mit Silber besetzt. Der Tambour-Major war ein großer vierschrötiger Böhme, der mindestens sechs Schuh drei Zoll maß und sein Rohr mit dem silbernen Riesenknopf gut zu schwingen verstand. Die Paradeuniform des Musikkorps stand im Verhältnis damit und war von derselben Farbe, ebenso die der Tambour-Maitres der andern Bataillone. Diese Equipierung hatte über achtzigtausend Franken gekostet, machte aber dafür auch gewaltiges Aufsehen in den Städten, durch die wir in Parade defilierten. Das Musikkorps war jedoch auch durch seine Virtuosität ausgezeichnet, man hatte aus den gefangenen österreichischen Regimentern die besten Hoboisten, meistens Böhmen, ausgesucht und ihnen sehr hohe Gage bewilligt: die ersten Klarinettisten erhielten hundertdreißig Franken monatlich, also beinahe die Gage eines Kapitäns dritter Klasse. Die außerordentlichen Ausgaben hieß natürlich das Gouvernement nicht gut, auch wollte sie Fürst Y. aus eigenen Mitteln bestreiten, und die Regimentskasse sollte nur einstweilen die Vorlage machen, was später zu schlimmen Händeln Veranlassung gab und das Conseil d’Administration des Regiments, oder vielmehr die Offiziere, aus denen es bestand, und die aus Gefälligkeit für den prachtliebenden Oberst zu solchen Ausgaben ihre Unterschrift gegeben, in eine fatale Lage versetzte. So hatte ich später, als ich Unterleutnant war und ein krankes Mitglied dieses Conseils für nur eine Sitzung supplierte, für eine einzige Unterschrift, die ich gab, weil auch alle andern dieselbe ohne Bedenken gegeben, solange ich bei dem Regiment Y. war, einen monatlichen Gagenabzug, da das Ministerium die durch diese Unterschriften bewilligten Ausgaben für ‚Objets d’agréments‘ nicht anerkannte. Diese Unterschrift, in aller Unschuld und Unwissenheit gegeben, kostete mich mehrere hundert Franken.
Der Fürst hatte auch acht Offizierspatente für Kadetten von Paris mitgebracht, aber leider keines für mich. Mein Bataillonschef, Herr Düret, bei dem ich mich deshalb beklagte, sagte mir im Vertrauen, daran sei die Ohrfeige schuld, die ich dem Sekretär des Fürsten gegeben, ich solle mich indessen trösten und ruhig verhalten, dann würde ich bei der nächsten, in ein paar Monaten stattfindenden Promotion unfehlbar zum Offizier ernannt werden. Ich konnte indessen diese Zurücksetzung doch nicht so leicht verschmerzen, zog mich von öffentlichen Vergnügungen zurück, und hing sogar das Theater an den Nagel, obgleich ich wußte, daß der Fürst noch ein paar Vorstellungen zu sehen wünschte, ja ohne das Zureden Dürets und meines Kapitäns hätte ich sogar um meinen Abschied gebeten.
Wir waren noch nicht volle zwei Monate in Toul, als das Regiment Ordre bekam, nach Avignon zu marschieren, alle drei Bataillone waren jetzt vollzählig und fähig ins Feld zu rücken. Die Nacht vor dem Abmarsch des ersten Bataillons, bei dem ich stand, gab der Fürst noch einen glänzenden Ball im Namen des Offizierkorps, zu dem auch die notabelsten Schönheiten Nancys und mehrere Damen von Metz eingeladen waren; das Souper konnte aber, außer den Damen, niemand als Seine Durchlaucht sitzend einnehmen, die andern Herren standen als dienende Kavaliere hinter den Stühlen der Damen und genossen, was ihnen deren Güte reichte. Wir nahmen gegen Morgen einen rührenden Abschied von den Schönen Touls und Nancys, warfen uns in das Marschkostüm, und um sechs Uhr früh ließ der Bataillonschef durch den herkulischen Tambour-Major das Roulement zum Abmarsch schlagen. Somit waren alle etwa noch unbezahlten Schulden quittiert[7], und wir marschierten mit klingendem Spiel mit rechts in die Flanken ab und frohen Mutes zum Tor hinaus, von den Tränen mancher zurückbleibenden Geliebten, den guten Wünschen eines Teils der Einwohner und den Verwünschungen verschiedener Ehemänner begleitet.
XII.
Colombey. – Neufchateau. – Ein greulicher Vatermord. – Montigny. – Komisches Mißverständnis. – Langres. – Dijon. – Chalons sur Saone. – Wasserfahrt auf dem Coche d’Eau. – Eine Nacht in Macon. – Lyon. – Ein vereitelter Gaunerstreich und beigelegtes Duell. – Das Regiment wird auf der Rhone eingeschifft. – Vienne. – Condrieux. – Schiffbruch unter der Brücke St. Esprit. – Orange. – Avignon. – Aufenthalt daselbst. – Die Insel Bartelasse. – Villeneuve. – Madame Croizet und die Prozession. – Eine Tour nach Vaucluse. – Ewiger Friede. – Eine gefährliche Überrumpelung. – Abmarsch nach Montpellier. – Tarascon. – Böses Volk. – Eine entwaffnete Wache. – Ein Schäferturnier. – Nimes. – Lünel. – Montpellier.
Es war damals ein sehr lustiges, unbekümmertes und sorgloses Leben, das französische Soldatenleben, und wenn man so mit klingendem Spiel, Sappeurs, Tambours, Musik an der Spitze, in eine neue Garnison einrückte und die vielen hübschen Frauen und Mädchen in den Fenstern erblickte, wie sie mit verlangender Neugierde die braungebrannten martialischen Gesichter vorüberdefilieren sahen, da waren alle ausgestandenen Strapazen und Entbehrungen verschwunden und man freute sich der bevorstehenden Abenteuer.
Ich hatte die Nachricht, daß wir Toul in kurzem verlassen würden, sowie unsre Marschroute sogleich meinen Eltern mitgeteilt und noch vor unserm Abmarsch Antwort und Empfehlungsschreiben an verschiedene Häuser in Dijon, in Chalons für Saone, Macon und Lyon empfangen, nebst einem Wechsel von vierhundert Franken auf Chalons als besondere Marschzulage, den ich jedoch noch in Toul versilberte, um mehrere Rückstände zu berichtigen. Unser erstes Nachtquartier war Colombey, ein erbärmliches Nest; zwei Dritteile des Bataillons mußten in umliegenden Dörfern untergebracht werden. Da der Fourier der Kompagnie kein Französisch konnte, so mußte ich auf des Kapitäns Geheiß das Geschäft desselben hinsichtlich des Quartiermachens für die Kompagnie versehen, womit mir wohl gedient war, da sämtliche Fouriere mit dem Adjutant-Unteroffizier ein paar Stunden vorausmarschieren, daher viel freier sind und die Unbequemlichkeiten des Marsches bei weitem nicht so empfinden, sich’s bequem machen, auch oft fahren oder auf Eseln reiten, wenn sie deren haben können, und dabei sich nichts abgehen lassen, indem es ihnen auf dem Marsch nie an Geld mangelt, das sie sich auf folgende Weise zu verschaffen wissen: sie lassen sich nämlich immer für den kompletten Stand der Mannschaft Quartierbilletts geben, während sich doch niemals eine Kompagnie ganz vollzählig auf dem Marsch befindet, da es immer Kranke, Detachierte und so weiter gibt, auch selten eine Kompagnie, besonders nach langen Märschen, Gefechten und so weiter komplett ist. Die Billette, die ihnen übrig bleiben, verkaufen sie an die Wirte, auf die sie lauten, die gerne einen, auch wohl einige Franken bezahlen, um der Last von ein paar Mann Einquartierung überhoben zu sein, so daß in größern Städten und wo Rasttage sind, der Fourier sich nicht selten fünfzig Franken und mehr auf diese Weise verschafft, von denen er aber einen Teil an den ihm beigegebenen Korporal abgibt, der sich dafür ebenfalls mit dem Billettverkauf, der natürlich viel Laufereien veranlaßt, da die Quartiere alle aufgesucht werden müssen, befaßt. Dieser Unterschleif mit den Billetten ist den Chefs bekannt, allein man sieht durch die Finger, da dem Gouvernement und den Truppen kein Schaden dadurch verursacht wird; viele Soldaten verkaufen ebenfalls ihre Billetts und bringen dann die Nacht auf den Straßen oder unter einer Kirchenhalle zu, besonders in dem mittäglichen Frankreich, wo es das Klima gestattet. – Der zweite Tag führte uns in das Städtchen Neufchateau an der Mouzon, die sich hier in die Maas ergießt, es zählt über dreitausend Einwohner. Hier war den Tag vor unserer Ankunft ein empörender Mord begangen worden. Ein Ungeheuer von einem Sohn hatte seinen achtzigjährigen Vater, den er unter irgendeinem Vorwand in den Keller gelockt hatte, daselbst mit einem Beil erschlagen; der Alte lebte dem Wüterich und namentlich dessen Konkubine zu lange. Die scheußliche Tat war den Abend um acht Uhr begangen, aber gleich darauf von einer alten Magd des Hauses, die sie entdeckte, verraten und angezeigt worden, so daß der Mörder noch in derselben Nacht verhaftet wurde. Auf der nächsten Etappe, dem Flecken Bourmont, hatte ich ein Quartier bei einer alten Marquise, die, noch ein lebendiges Monument aus den Zeiten Ludwigs XV., eine achtundachtzigjährige hochgeschminkte Schöne war und das damalige Hofkostüm trug, eine sehr ehrwürdige, andächtige Dame, welche den alles zertrümmernden Revolutionsstürmen glücklich entging. Das Quartiermachen brachte mir den Vorteil, daß ich gute Quartiere für mich selbst aussuchen und auf dem Quartieramt immer nach solchen, in denen sich liebenswürdige Schöne befanden, erkundigen konnte; diesmal hatte mich aber der die Billette austeilende Adjoint zum besten gehabt, indessen war das Quartier sonst gut. – Der folgende Tag brachte uns in den Flecken Montigny-le-Roi in der Champagne, wo man noch Überbleibsel von ehemaligen Befestigungen sieht. Hier hatte ich einen komischen Streit zwischen einem Leutnant, der kein Französisch verstand, und seinem Wirt zu schlichten. Letzterer hatte dem Offizier gesagt, als ihm dieser sein Billett präsentierte: „Qu’il ne pouvait lui donner qu’une paillasse pour coucher.“[8] In dem Ort spielten gerade Seiltänzer, als das Bataillon einmarschierte, und der Offizier, glaubend, daß der Mann ihm von diesen spräche, erwiderte: „Oui, oui, monsieur, joli Bajazzo.“ Als er aber bald darauf sah, daß sein Bett nur in einem Strohsack bestand, fing er Händel mit dem Wirt an, der sich ein über das andre Mal entschuldigte, daß er ihn präveniert und ihm gesagt habe: „Qu’il n’aurait qu’une paillasse.“ „Ach was Bajazz, Bajazz,“ schrie der Leutnant, „ich hätt’ den Henker von seinem Bajazz, er soll mir ein ordentliches Bett geben.“ Ich kam gerade dazu, als diese mit vielen Gestikulationen begleitete Diskussion stattfand, und klärte die Sache auf, worüber nun beide Teile herzlich lachten, und der Leutnant auf mein Zureden sich mit dem Strohsack begnügte, da der Bauer keine Matratze hatte.
Den kommenden Tag marschierten wir nach Langres, das alte Audomatunum und spätere Lingones, dessen schon Cäsar erwähnt. Es ist fast die am höchsten gelegene Stadt in Frankreich, nur Briançon liegt noch höher; dem Berg, auf dem sie liegt, entquellen nicht weniger als drei Flüsse, nämlich die Marne, die Maas und die Vingeanne. Die Stadt gehört zu dem Departement der Haute-Marne und ist hauptsächlich wegen ihrer vortrefflichen Messerklingen und Stahlwaren in ganz Europa berühmt. Hat man mühsam den Berg erstiegen, so wird man durch eine herrliche Aussicht belohnt, die sich über die Vogesen, in weiter Ferne über die Alpen verbreitet; ist der Himmel ganz heiter, so erblickt man sogar den Montblanc. Den Rasttag, den wir hier hatten, brachte ich mit Spaziergängen in die nächste Umgebung zu. Wir kamen nun nach dem nicht unbedeutenden Flecken Selongey, und von hier in die alte Hauptstadt der einst so mächtigen Herzöge von Burgund, nach Dijon; jetzt ist sie die Hauptstadt des Departements der Goldküste und liegt mitten zwischen Weinbergen, in einer fruchtbaren Ebene an dem Flüßchen Ouche. Sie hat zum Teil schöne und reinliche Straßen, große Plätze und herrliche Gebäude, unter denen der Palast der alten Herzöge von Burgund, in welchem sich ehemals die Stände dieses Landes berieten, das interessanteste ist. Die Kirche Notre-Dame ist ein herrliches Monument gotischer Baukunst, das Schiff derselben und die Halle mit ihren von schlanken Säulen umgebenen Pfeilern gewähren einen erhabenen Anblick. Auf einem Turm derselben war jenes berühmte Uhrwerk, welches Philipp der Kühne nach der Schlacht von Rosebecque der Stadt Courtray weggenommen hatte, um diese zu bestrafen, weil sie sich geweigert hatte, die goldenen Sporen Karls VI., der 1312 unter ihren Mauern getötet worden war, herauszugeben.
Wir marschierten jetzt, beständig die goldene Hügelreihe vor Augen, welche das Land mit den gepriesensten Weinen beschenkt, nach Beaune. Als wir durch Nuit kamen, hatte uns sowie dem ganzen Offizierkorps, ein dortiger Weinhändler, der Vater des Kadetten Larbalestier, ein treffliches Gabelfrühstück bereitet, wobei er reichlich Clos de Dougeot, Volney, Chevalier-Monrachet, Chambertin und andere Sorten des vorzüglichsten Gewächses, die ihrer Seltenheit und Güte halber fast nie in den Handel kommen, im Überfluß reichte; aber das klare Wasser mundete mir auch hier besser als alle die burgundischen Nektare. Durch das gute Dejeuner gestärkt und auf Wagen das Versäumte wieder einholend, denn das Bataillon war uns auf den Fersen, kamen wir bald in Beaune an. Diese alte Stadt, die schon unter Cäsar belagert wurde, hatte noch Wälle und liegt in einer lachenden Gegend, an dem Flüßchen Bouzeoise. Auch sie ist eine Hauptniederlage der besten Burgunderweine.
Von hier brachen wir nach Chalons an der Saone auf, beim Ausmarsch zeigte man uns Volney, Meursault, Chambertin, Pommard und andere Orte, welche die berühmten Weine dieser Namen liefern. Als wir in Chalons angekommen waren, fand ich auf dem Quartieramt ein Einladungs- und Einquartierungsbillett von dem Haus Bouillé, an das ich empfohlen war, für mich vor, in dem ich vortrefflich aufgenommen wurde, da ein Sohn desselben als Volontär in Frankfurt war; auch wirkte mir Herr Bouillé, sobald das Bataillon angekommen war, die Erlaubnis aus, einige Tage bei ihm auf Besuch bleiben zu dürfen, mit dem Versprechen, daß er dafür sorgen wolle, daß ich in Lyon wieder bei demselben eintreffe. Ich brachte nun ein paar Tage recht vergnügt in dem heiteren Chalons zu, das in einer schönen Ebene an dem rechten Ufer der Saone liegt, über welche eine Brücke von Quadersteinen zu der gegenüberliegenden Vorstadt führt, die auf einer Insel erbaut ist und anmutige Promenaden hat. Die Stadt ist sehr freundlich und hat besonders am Kai geschmackvolle Gebäude und an fünfzehntausend Einwohner, sie ist gewissermaßen der Stapelplatz zwischen Süd- und Nordfrankreich, hauptsächlich eine Niederlage für Marseille und Paris, auch verbindet sich hier der Zentralkanal mit der Saone.