Die Familie Bouillé tat ihr Möglichstes, mir den Aufenthalt in Chalons angenehm zu machen, und ein anderer Sohn des Hauses war mein treuer Begleiter auf allen Wegen, was mir aber gerade nicht sehr angenehm war und mich genierte, denn ohne diesen jungen Hüter, der mir nicht von der Seite wich, hätte ich gewiß ein kleines Abenteuer in Chalons gehabt; auch verschwor ich es, solche Einladungen wieder anzunehmen. Der junge Mensch gab sich indessen viel Mühe, mich zu unterhalten, zeigte mir die Kirchen, das Stadthaus, die Bibliothek, das Lorenzo-Hospital auf der Insel dieses Namens, das Theater und so weiter, aber damit war mir nicht gedient, und ich wäre lieber mancher Schönen gefolgt, die mir auf unseren Streifereien und Promenaden begegnete. Nach einem viertägigen Aufenthalt reiste ich, herzlich für die gute Aufnahme dankend, ohne irgendein Abenteuer, mit dem Coche d’Eau, einer eleganten Wasserdiligence, nach Lyon. Auf diesem Schiff traf ich auch den Offizier payeur unseres zweiten Bataillons, Herrn Madinier, und mehrere junge Offiziersfrauen an, deren Männer beim Heer waren, und die sich zu Verwandten nach Lyon begaben und recht liebenswürdig waren. Zu jener Zeit war überhaupt ganz Frankreich mit solchen jungen Strohwitwen angefüllt, deren Männer sich im Feld oder als Employés, Kommissäre und so weiter bei den Armeen befanden, und auch mit wirklichen Witwen, welche sich gerne über die allenfallsige und vermutliche Untreue ihrer verstorbenen Herren zu trösten und dieselbe bestens wettzumachen suchten. Bald hatte ich eine interessante Unterhaltung mit der jungen Gattin eines Groß-Majors[9], der bei den französischen Truppen in Österreich stand, angeknüpft; es war eine artige Pariserin und die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns. Die hübsche Frau hatte die feinste Taille, die man sich denken kann, einen eleganten Wuchs, ein Paar fast chinesische Füßchen, frivol-schelmische Augen, ein prächtiges kastanienbraunes Seidenhaar, Perlenzähne und eine Munterkeit, die mutwillig, ja bisweilen ausgelassen war. Während ich mit ihr scherzte und lachte, hatte Madinier mit einer anderen dieser Damen Bekanntschaft gemacht. Ohne zu wissen wie, erreichten wir Macon, wo wir ausstiegen und übereinkamen, daß man hier bis zur Ankunft des nächsten Coche d’Eau, das den folgenden Tag erwartet wurde, da eins täglich von Chalons abgeht, bleiben wollten. Daß ich weder das Haus, dem ich empfohlen, aufsuchte, noch mich viel mit den Sehenswürdigkeiten Macons beschäftigte, sondern einzig und allein dem Dienst der liebenswürdigen Dame lebte, darf man mir aufs Wort glauben. Ich hatte das Vergnügen, Madame O... am Arm, auf den schönen Kais an der Saone zu promenieren; wir ließen uns auch zu den noch vorhandenen Trümmern eines Triumphbogens und eines Janustempels, des alten Matiscos, führen und kehrten dann in unser Hotel zurück, wo wir uns nach einem deliziösen Souper zu einer ziemlich unruhigen Ruhe begaben.
Den andern Tag fuhren wir mit dem ankommenden Schiff nach Lyon ab und legten den Rest der Wasserreise vergnügt zurück. Je näher wir unserer Bestimmung kamen, desto pittoresker wurde der Anblick der Ufer der Saone, die freundlichsten Ortschaften, die reizendsten Landhäuser und Landschaften wechselten unaufhörlich ab, bis wir endlich im Hafen zu Lyon einliefen. Hier stiegen wir im Hotel d’Europe ab, wo wir wieder einen recht vergnügten Abend und eine noch vergnügtere Nacht zubrachten. Erst den kommenden Morgen meldete ich mich bei dem Bataillon, das diesen Tag Rasttag hatte. Mein Kapitän teilte mir die angenehme Nachricht mit, daß wir den Rest des Marsches auf der Rhone eingeschifft zurücklegen und deshalb noch einen Tag länger hier verweilen würden. Dies war mir zwar erwünscht, aber doch suchte ich mich wieder frei von Madame O... los zu machen, von deren Ketten ich schon genug hatte; ich kaufte bei einem Goldarbeiter eine zierliche Allianz, die ich ihr, ins Hotel zurückgekehrt, zum Geschenk machte, dabei mit schweren erzwungenen Stoßseufzern ankündigte, daß die Stunde der Trennung geschlagen habe, indem ich zur Kompagnie, bei der ich als Kadett stehe, – sie wußte sich nicht zu erklären, was dies für eine Charge sei, da die französischen Regimenter dergleichen nicht hatten, und hielt mich für einen Offizier, – einrücken müsse und wir wahrscheinlich noch diesen Abend abmarschieren würden. Nach einer letzten feurigen Umarmung, herzlichem Lebewohl und Versicherungen ewiger Liebe und Treue schieden wir für immer. Ich suchte jetzt das Quartier meines Sergeant-Majors auf, das ich erst nach langem Umherirren durch die engen und finsteren Gassen Lyons fand, und ließ mir von demselben ein Einquartierungsbillett geben, das auch in ein Hotel lautete. Da meine Börse anfing an der Auszehrung zu leiden, obgleich ich mir von Bouillé zu Chalons noch etwas Geld hatte geben lassen, so suchte ich das Bankierhaus J. Boutoux auf, an das ich empfohlen war, und ließ mir fünfundzwanzig Louisd’ors auszahlen, lehnte aber jede weitere Einladung und sogenannte Ehrenbezeigungen ab, und das Haus Paul Pages et neveux, an das ich ebenfalls empfohlen war und das mit dem unsrigen in Verbindung stand, besuchte ich gar nicht, sondern streifte nun auf eigene Faust und planlos in den langen labyrinthischen Straßen Lyons herum; besonders gefielen mir die lebendigen und schönen Kais der Rhone und der Saone, namentlich der Kai St. Clair. Auch die prächtigen Plätze Bellecour und das Terraux, auf dem das Hotel de Ville und andere schöne Gebäude stehen, sowie die Kathedrale St. Jean und so weiter besuchte ich.
Den zweiten Abend nach meiner Ankunft besuchte ich das große Theater, in dem „Le tyran corrigé“ nebst einem hübschen Ballett aufgeführt wurde. Hier traf ich mehrere Kadetten und auch ein paar Fouriere des Regiments, die letzteren zwei Franzosen, von denen sich der eine Jean Roi nannte und eines Pächters Sohn bei Nancy war, der andere Latouche, dessen Herkunft unbekannt, der aber schon durch ein halbes Dutzend Regimenter gegangen, waren deux mauvais sujets dans toute la force du terme. Diese beiden Individuen hatten es namentlich auf die jungen Leute beim Regiment abgesehen, von denen sie wußten, daß sie mit Mutterpfennigen versehen waren, und suchten diesen die Beutel auf alle mögliche Weise zu fegen. Sie hatten sich auch schon einigemal an mich gewagt, aber die Erfahrung gemacht, daß sie mich trotz meiner Jugend nicht leicht zu ihrem Düpe machen konnten, da ich weder zum Trunk noch zum Besuch liederlicher Häuser zu bewegen war. Diesen Abend hatten sie zwei ganz junge und noch unerfahrene Leute aus guten Familien auf dem Korn, die beide, der eine Dantrace aus Paris, der andere Roger aus Metz, Kadetten ohne Grad waren. Ich war im Parterre hinter ihnen, merkte bald, wo es hinaus wollte, und nahm mir vor, die jungen Leute nicht außer Augen zu lassen. Man hatte sich zu einem Souper bei einem Restaurateur nach beendigtem Theater verabredet, wo die beiden Fouriere, wie es schien, schon bekannt waren. Ich folgte der Gesellschaft, die in einer engen Straße in der Nähe des Platzes „des terraux“ in ein Haus von ziemlich verdächtigem Aussehen ging, und trat fast zu gleicher Zeit mit den Herren in das Speisezimmer, wo mich die Fouriere mit nicht sehr günstigen Augen ansahen. Sie ließen starke Weine auftragen und tranken den jungen Leuten, die, obgleich älter als ich, doch noch Kinder waren, tüchtig zu, so daß es bald schwere und schwindelnde Köpfe gab. Ich hatte mich an denselben Tisch zu ihnen gesellt, aber nur ein paar Gläser Champagner mit Wasser vermischt getrunken. Als man die Köpfe nach dem Dessert erhitzt genug glaubte, sagte Latouche: „Ah ça, il faut que nous allions voir les filles!“ Ich wollte die beiden Kadetten davon zurückhalten; da mir dies jedoch nicht gelang, so beschloß ich, sie zu begleiten, und wir brachen, nachdem die Zeche berichtigt war, auf. Die Fouriere führten uns durch einen langen Korridor, dann eine Treppe hinab über einen Hof in ein Hinterhaus, wo wir wieder zwei Stiegen steigen mußten und in ein ziemlich geräumiges Gemach traten, in dem sich etwa ein halbes Dutzend keuscher Priesterinnen der Venus vul befinden mochte, die uns entgegensprangen und auf das zuvorkommendste bewillkommneten. Ich stieß jedoch die, die sich an mich machen wollte, so unsanft zurück, daß sie ausrief: „Tiens qu’est ce que ce drôle“, worauf sich Latouche zu mir wandte und sagte: „Mais ce n’est point ainsi qu’on traite les filles“; ich erwiderte lächelnd: „Mais bien les g...s.“ Nun aber nahm sich auch Jean Roi der Dirnen an und zeigte eine drohende Miene. Ich gab mir jedoch gleich ein so imponierendes Ansehen, daß die beiden Herren es für gut fanden, sich von ihren Freundinnen besänftigen zu lassen, was ich spöttisch lächelnd geschehen ließ. Um den Frieden herzustellen, wurde wieder Wein und Punsch gebracht, den die Dirnen kredenzten, wobei ich aber das Angebotene ausschlug, und auch den Kadetten, die ohnehin schon genug hatten, zuredete, nichts anzunehmen. Eine der Dirnen machte sich an Dantrace, die andere an Roger, und wollten beide mit sich fortziehen; ich aber protestierte dagegen, indem ich sagte: ich gebe es nicht zu, daß sich die jungen Leute ohne mich entfernten. Roger bezeigte auch wenig Lust, aber Dantrace, den diejenige, welche sich an ihn gewandt hatte, festhielt, indem sie zu ihm sagte: „Mais ce Monsieur est il donc votre Mentor?“, wurde dadurch gereizt, sagte mir: ich habe ihm nichts zu befehlen, und er wollte mit dem Mädchen fort; ich versetzte: „Gut, aber geben Sie mir erst Ihre Börse.“ Ich wußte, daß er an hundert Napoleons in Gold bei sich hatte. Er war im Begriff, es zu tun, als ihm Jean Roi lachend zurief: „Mais vous êtes donc un enfant?“, worauf er mein Begehren abschlug. Ich sagte ihm aber, daß er in diesem Fall nicht ohne mich das Zimmer verlassen werde. Jetzt ließ auch er einen drôle fallen, ich aber, an mich haltend, erwiderte nur: „Vous m’en rendez raison demain,“ und kündigte ihm sogleich, sowie den beiden Fouriers, kraft meines Sergeantengrades, Arrest an. Während dieses vorging, hatte sich ein anderes der Mädchen an Roger gemacht, diesen auf einen Stuhl gezerrt, und während sie eine ihrer Hände sonstwo hatte, verlor sich die andere in dessen Hosentaschen. Ich bemerkte dieses Manöver und sah, wie ihm die Dirne den wohlgefüllten Beutel ganz sachte aus der Tasche zog. Jetzt tat ich einen Seitensprung und faßte das Mädchen bei dem Arm, mit dem sie den Beutel hielt, den sie fallen ließ. Ihn aufhebend, sagte ich mit lauter Stimme zu dem Kadetten: „Merken Sie denn noch nicht, wohin man Sie geführt hat?“ und packte die Diebin so fest bei der Gurgel, daß sie überlaut aufschrie. Jetzt war endlich dem Dantrace ein Licht aufgegangen, und er rief aus: „Nous sommes donc dans un répaire de voleurs!“; er legte nun so starke Hand an die Demoiselles, daß ich genötigt war, ihn abzuwehren. Es gab jetzt einen gewaltigen Lärm, so daß die mère abesse des Hauses herbeieilte und sich eifrig nach der Ursache desselben erkundigte. Ich sagte ihr ganz trocken, es handle sich um einen ertappten Dieb, worauf sie ein: „Impossible“ erwiderte, ich aber ganz trocken erklärte, die Possibilität beweisen zu können, und mich hierauf mit den beiden Kadetten, die mir nun gerne folgten, entfernte, den zurückbleibenden Fourieren ein: „à demain“ verächtlich zuwerfend. Ich begab mich mit meinen Begleitern in ein Kaffeehaus auf dem Terrauxplatz, wo wir mehrere Offiziere vom Regiment antrafen, denen ich die saubere Geschichte mitteilte, und die auf der Stelle in das verdächtige Haus gehen, die Sache untersuchen und daselbst tolle Wirtschaft machen wollten. Vergeblich suchte ich sie von diesem Vorhaben abzuhalten, fürchtend, daß es zu argen Exzessen kommen könnte. Glücklicherweise war es uns, trotz stundenlangem Suchen, unmöglich, das Haus, von dem wir nicht einmal den Namen der Straße wußten, in der es lag, wieder aufzufinden; wir trennten uns um Mitternacht, indem ich zu Dantrace sagte, daß ich ihn wegen des drôle morgen besuchen würde. Das schändliche Benehmen der beiden Fouriere aber nahm ich mir vor, dem Bataillonschef, Herrn Düret, anzuzeigen. Bei Tagesanbruch suchte ich einen Kadetten auf, dem ich das Vorgefallene mitteilte, und den ich sodann zu Dantrace sandte, mit dem Auftrag, diesen zu einem Dejeuner à la broche einzuladen. Er fand sich auch bald darauf in dem ihm bezeichneten Kaffeehaus ein, von wo wir alle vier uns ins Freie jenseits der Rhone begaben. Auf dem Terrain angekommen, hielt ich ihm sein Benehmen gegen mich vom vorigen Abend vor; gerne gestand er sein Unrecht ein, sowie daß er mir noch obendrein großen Dank schuldig sei, und deshalb aus freien Stücken den drôle zurücknehme, mich um meine Freundschaft bitte, versichernd, daß er sie auf jede Weise zu verdienen suchen wolle, und ich in allen Fällen auf ihn zählen könne. Damit war die Sache abgemacht, und statt dem Dejeuner à la broche nahmen wir vergnügt eins à la fourchette ein, worauf ich mich mit meinen Kameraden zum Bataillonschef begab und diesem, was in der verwichenen Nacht vorgegangen, bis auf den kleinsten Umstand mitteilte. Düret ließ sogleich die Fouriere Latouche und Jean Roi holen und stellte sie in den härtesten Ausdrücken zur Rede, ihnen mit strenger Untersuchung und Strafe drohend. Diese redeten sich aber damit aus, daß auch sie ganz fremd in dem verdächtigen Haus seien, das sie jetzt nicht einmal mehr aufzufinden wüßten, da sie halb im Rausch und ebenso unwissend wie wir in dasselbe geraten seien. Ob nun gleich auch Herr Düret moralisch von der nichtswürdigen Absicht der beiden Individuen überzeugt war, so ließ er sie doch mit der Warnung gehen, sich nicht wieder auf ähnlichen Wegen erwischen zu lassen, schärfte den beiden andern jungen Leuten ein, künftig vorsichtiger zu sein, und somit war die Sache vorerst abgetan. Als wir das Quartier des Chefs verließen, sagte jedoch Latouche zu mir: dies würde er mir gedenken, worauf ich erwiderte: „Quand il vous plaira.“ Ich schwärmte den Rest des Tages noch in Lyon herum, besuchte den Abend das Theater Cölestin, wo ich mich mit einer schneeweiß gepuderten Schönheit, damals schon eine Seltenheit, die wahrscheinlich die grau werdenden Haare durch den Puder verbergen wollte, sonst aber gar nicht so übel war, recht angenehm in einer Loge unterhielt. Man gab „Agnes Sorel“ und noch einige kleine Piecen. Der Vorhang dieses Theaters stellte eine sehr täuschend gemalte Ansicht Lyons, von dem Kai der Rhone aus gesehen, dar.
Den kommenden Morgen schiffte sich das Bataillon auf fünf gebrechlichen Fahrzeugen auf der Rhone ein; da diese Art Schiffe nie den Weg zurückmachen, sondern, mit dünnen Brettern zusammengenagelt, an ihrer Bestimmung angekommen, auseinandergeschlagen werden und das Holz verkauft wird, so sind sie nicht von großer Solidität. Unsere Kompagnie, die erste, war mit der der Karabiniers, der Musik und dem Etatmajor des Bataillons zusammen eingeschifft. Kapitän Alphons, der die Karabiniers[10] kommandierte, hatte seine hübsche Frau bei sich, beide aber schnitten verdrießliche Gesichter, saßen stumm und traurig in einer Ecke des Schiffes und maulten miteinander. Ich erfuhr bald von meinem Kapitän den Grund dieses Umstandes: beide hatten eine galante Krankheit, und jeder warf dem andern vor, sie von ihm bekommen zu haben; das Wahre an der Sache mochte sein, daß keines seiner Sache gewiß war oder sein konnte, denn beide waren eben keine Felsen ehelicher Treue. Wir stießen nach acht Uhr unter dem Schall der Musik und dem Wirbeln der Trommeln vom Ufer und flogen pfeilschnell auf dem reißenden Strom dahin; rechts und links schwanden Villen, Gärten, Dörfer, Hügel und Auen, während die Soldaten jauchzten und zufrieden waren, so mühelos die Märsche zurückzulegen.
Bald bekamen wir das uralte Vienne mit seinen gotischen Türmen, Mauern und Zinnen zu Gesicht, eine der ältesten Städte Frankreichs, die schon fünfhundert Jahre vor Christi Geburt erbaut worden sein soll und die Hauptstadt der Allobroger (Vienna Allobrogum) war. Keine Stadt am Rhein, Köln ausgenommen, sieht so ehrwürdig grau, so imponierend alt aus, wie Vienne an der Rhone; nur zu schnell entschwand sie unsern Augen und wir kamen bald an jene hochberühmte Côte dü Rhone, deren Feuerweine mit dem besten Ungar rivalisieren können, namentlich der, den die Côte rotie, dem Barometerberg Pila gegenüber, erzeugt. So sahen wir Rousillon, und endlich Condrieux, wo wir landeten, um zu übernachten; ein Teil der Truppen schlief jedoch in den Schiffen. Das Städtchen liegt zwar nicht dicht am Fluß, hat jedoch einen Hafen an demselben, und ist meistens von Schiffern bewohnt, weshalb auch nur die Offiziere und ein Teil der Unteroffiziere in demselben einquartiert werden konnten und der Rest der Truppen auf den Schiffen blieb. Hier trug sich eine Begebenheit zu, die dem Fourier Jean Roi den Hals brach. Alle Fouriere waren nämlich samt dem Adjutant-Unteroffizier Geßner in einer großen Stube einquartiert, wo Jean Roi erwischt wurde, wie er in der Nacht einem Kameraden achtzig Franken aus der Tasche der abgelegten Beinkleider stahl; er wurde cum infamia vom Regiment gejagt, da man es nicht der Mühe wert erachtete, ihn vor ein Kriegsgericht zu stellen.
Mit Tagesanbruch schifften wir uns wieder ein und setzten die Reise gut gelaunt und fröhlich fort. St. Jüste hatte eine gute Portion süßen Condrieux mit an Bord genommen, womit er seine ganze Kompagnie regalierte, so daß jedermann ein großes Glas voll davon zum Frühstück erhielt, wodurch die Leute gewaltig munter wurden, während die Karabiniers des Kapitän Alphons, die nichts erhielten, scheel dazu sahen. Saint Vallier mit seinem alten Schloß, der platte Königsfelsen, der Berg Ventoux und so weiter glitten an unsern Blicken vorüber, und bald waren wir in der Nähe der berühmten Eremitage, welche den köstlichsten der Rhoneweine, den perlenden weißen Eremitage liefert, den viele Weinkenner noch dem Tokaier vorziehen. Jetzt windet sich der gewaltige Strom bald zwischen wandsteilen, ungeheuer hohen Felsen durch, bald wogt er durch die herrlichsten Weinhügel dahin. In dieser Gegend zeigt alles an, daß einst zahlreiche Vulkane hier gewesen sein müssen, die längst ausgewühlt haben, und noch stößt man auf ausgebrannte Krater. Immer reißender wird nun die rauschende Rhone, je näher man der Pont St. Esprit kommt. Bald zeigt sich diese majestätische, fünfundzwanzig schöne Bogen lange Brücke, ein Meisterstück der Architektur, dem erstaunten Auge, man darf sie kühn den größten Werken des Altertums der Art zur Seite stellen. Im Jahr 1265 wurde ihr Bau begonnen und erst 1309 vollendet, aber sie wurde fortwährend so gut unterhalten, daß sie noch so völlig unversehrt dasteht, als ob sie erst vor kurzem aufgeführt worden sei. Sie geht nicht in gerader Linie durch den Strom, sondern biegt in der Mitte gegen denselben aus, dies macht, daß sie besser den tobenden Wellen widersteht und an Festigkeit gewinnt. Ihre Bogen sind zirkelrund und sie ist bei aller Dauerhaftigkeit doch noch zierlich; ihren Namen soll sie erhalten haben, weil der heilige Geist selbst den Plan der Brücke dem Baumeister eingegeben hat. Die Beiträge, um das Werk vollenden zu können, wurden weit umher gesammelt, bis auf zwanzig Lieues in der Umgebung, man gab gerne, da die Überfahrt hier, wo der Strom so reißend ist, so gefährlich war, und kein Jahr ohne bedauerliches Unglück vorüberging.
Wild wogen die Fluten an der Brücke und unter ihren Bogen, und es erfordert eine große Geschicklichkeit der Schiffer, um pfeilschnell mitten durch einen derselben unversehrt durchzukommen; im Fall eines Anstoßes geht das Schiff unvermeidlich in Trümmer, wie es einem der unsrigen erging. Als wir uns der Brücke näherten, auf der viele Menschen standen, die Durchfahrt der kleinen Flottille anzusehen, schlugen die Tambours Sturmschritt, die Musik spielte einen Pas de charge, und man ließ die Guides wehen, während die Schiffer Gebete hersagten. Die beiden ersten Schiffe, worunter das unsrige, waren schon glücklich, unter dem Beifallrufen der auf der Brücke stehenden Leute, tambour battant durchgefahren, als das dritte, welches der Strom ein wenig zu weit rechts getrieben hatte, mit großer Gewalt gegen einen Pfeiler anfuhr und sich krachend spaltete, worauf sich sogleich ein furchtbares Geschrei auf und unter der Brücke und an den Ufern erhob, aber auch in demselben Augenblick stießen mehr denn zwanzig Nachen vom Ufer ab, die Verunglückten aufzunehmen. Das so leicht gebaute Fahrzeug war wenige Sekunden nach dem Anstoß auseinandergegangen und die Oberfläche des Wassers war alsbald mit Menschen, Tschakos und Effekten bedeckt. Alle ins Wasser Gefallenen, unter denen auch einige Frauen, wurden indessen bis auf zwei Mann gerettet oder retteten sich mittelst der Seile, die man ihnen zuwarf, und die für einen allenfallsigen Unfall schon in Bereitschaft waren. Die beiden andern Schiffe kamen, mitten durch die Leute und Trümmer im Wasser fahrend, glücklich jenseits der Brücke an. Vom Gepäck ging manches, und namentlich viele Gewehre, verloren. Die so wider Willen ausgeschifften zwei Kompagnien legten nun, nachdem sie sich erholt und getrocknet hatten, den Weg bis Orange zu Fuß zurück, wo auch der Rest des Bataillons ausschiffte, und Düret beschloß, daß wir die letzte Etappe – es war nur noch ein Marsch bis zur neuen Garnison – zu Land zurücklegen sollten.
Mit dem frühesten Morgen marschierten wir, von der aromatischen Luft der provenzaler Sonne erquickt, nach dem Ort unserer einstweiligen Bestimmung, nach Avignon, ab. – Hier wird das Himmelsblau schon lebhafter, Nebel bei Sonnenauf- und -untergang kennt man nicht, freundlich heiter sind die Fluren, und die klimatische Veränderung fühlt man durch den ganzen Körper.
Eine Viertelstunde vor Avignon wurde Halt und Toilette gemacht, man warf sich in grande tenue, die Karabiniers setzten ihre Bärenmützen mit den roten Federbüschen auf und schmückten ihre Schultern mit den Epaulettes von derselben Farbe, sowie die Voltigeurs mit gelben und die Chasseurs mit grünen Epaulettes und Federn; da das Regiment ganz neu und schön uniformiert war, so nahm es sich stattlich und imponierend aus und marschierte gehörig geschniegelt und gestriegelt in schönster Ordnung in die neue Garnison und alte Residenz so vieler Päpste ein, wo wir durch sehr enge, winklige Straßen mit altertümlichen Häusern, aus denen aber doch sehr moderne Damen auf uns herabsahen, auf den Waffenplatz kamen. Das Bataillon wurde gleich in die geräumigen gewölbten Säle der alten päpstlichen, auf hohen Felsen liegenden Burg kaserniert. Ich mietete mir aber eine Chambre garnie, die recht schön möbliert war, für den äußerst billigen Preis von acht Franken per Monat in der Nähe des großen Platzes. – Als ich in Gesellschaft mehrerer Kameraden nach Wohnungen suchte, gerieten wir auch an ein Haus, an dessen Mauern mit großen Lettern geschrieben stand: „Ici on loue des chambres garnies pour hommes et non pas pour femmes“; bald wußten wir, was es damit für eine Bewandtnis hatte, eine solche Unverschämtheit kann man sich nur in Frankreich erlauben. Eine andere Sache, nach der man sich eifrigst in jedem Haus, wo wir Wohnungen suchten, erkundigte, war: ob wir keine Kosacken, Tataren, Kalmücken oder Russen seien, und man wollte uns in der Regel nicht eher Zimmer zeigen, bis wir zur Genüge dargetan, daß wir Franzosen oder doch wenigstens des bons allemands und Christen seien. Den Grund dieser ängstlichen Erkundigungen erfuhren wir bald; man hatte nämlich von unserm Regiment das Gerücht, das uns vorausging, verbreitet, daß es fast aus lauter wilden und barbarischen Völkern bestünde, die nicht nur raubten und plünderten, sondern sogar die kleinen Kinder wegfingen, wo sie deren habhaft werden könnten, um diese nach Umständen roh, gebraten oder auch in einem Fricot zusammengehackt zu verzehren. Solche Dinge glaubten die Einwohner in allem Ernst und fluchten dem Napoleon, daß er solches Volk in Dienst nehme und ihnen zuschicke. Erst nachdem ich hinlänglich beteuert hatte, daß ich kein Kinderfresser sei, willigte man ein, mir die erwähnte Wohnung bei einem Herrn Croizet, einem kleinen Rentier, der eine hübsche Frau hatte, zu vermieten.
Die alte Stadt liegt in einer reizenden, fast immer grünenden, etwas abhängigen Ebene, an dem linken Ufer der Rhone, und ist von gelbbraunen Mauern und Türmen, nach der alten Befestigungsart, umgeben. Hier findet man sich schon ganz unter dem südlichen Himmelsstrich, wo Oliven und andere Südpflanzen gedeihen, die meistens der tropischen Zone angehören; der Himmel hat schon den italienischen Anstrich, und die immergrünen Fluren sind mit Limonen-, Orangen- und Feigenbäumen bedeckt; die herrliche Natur gibt in üppiger Fülle, was den Lebensgenuß versüßt, und die bläulichen Wasser der Rhone strömen majestätisch wild dem nahen Meere zu. Unvergleichlich und entzückend ist die Aussicht von dem hohen Felsen, auf dem die alte Residenz der dreikronigen Priester steht, von wo man die blühenden Gefilde der Rhone auf eine unabsehbare Weite überschaut, die der Fluß zwischen romantischen Ufern durchströmt. Besonders reizend ist die Aussicht gegen das malerische Tal von Vauclüse, und nicht mit Unrecht wird diese Gegend als die schönste in ganz Frankreich und als eine der anmutigsten Europas gepriesen.