Der alte päpstliche Palast ist eine auf hohen Felsen erbaute ungeheure Steinmasse, einer Feste ähnlich, ein ungeheures Gebäude mit öden Gemächern und Zimmern, fast alle hochgewölbt. In dem weitläufigen Schloßhof stieß man allenthalben auf Schutt und Trümmer, und die imposanten Ruinen ließen noch die Herrlichkeit längst vergangener Größe bewundern. In den am besten erhaltenen Sälen, Kirchen, Kapellen und Gewölben lagen jetzt unsere Soldaten, und an der Stelle, wo einst, dem Donnergott gleich, die Oberpriester der Christenheit ihre Blitze über das zu ihren Füßen liegende Avignon, gegen Venedig und Mailand, Deutschland und Italien, gegen Kaiser und Könige schleuderten, an dieser Stelle putzten jetzt Russen und Österreicher, Ungarn und Böhmen, in französische Uniformen gesteckt, ihre Gewehre und Patronentaschen und aßen mit hölzernen oder eisernen Löffeln ihre Menagesuppen. In den Gemächern und Höfen, wo die Päpste die prächtigsten und glänzendsten Feste mit üppiger Verschwendung gaben, wo einst die schöne Johanna von Neapel als Gebieterin von Avignon mit einem zahlreichen Gefolge von Kardinälen und Bischöfen, Rittern und Edelfrauen, in die kostbarsten und reichsten Gewänder gekleidet, an der Seite ihres Gatten unter einem Prachthimmel einzog und vom heiligen Vater in seiner ganzen Glorie empfangen und bewillkommnet wurde, da ertönte jetzt das eintönige Verlesen der barocksten russischen, deutschen, polnischen und böhmischen Soldatennamen, und das düstere „Qui vive!“ („Wer da!“) der Schildwachen des in Kasernen verwandelten Prunkpalastes, in dessen weiten Räumen und Höfen das einsilbige Kommando der Unteroffiziere widerhallte, die den exerzierenden Rekruten die Soldatenschule und Handgriffe einbläuten.

Von einer uralten Brücke, die hier über die Rhone führte und von dem wilden Strom zerstört wurde, sind nur noch einige Bogen mit einer kleinen Kapelle übrig, sie hatte deren neunzehn. Im Mund des Volkes der Umgegend ist folgende, sie betreffende Sage: Ein sehr frommer Schäfer mit Namen Benedikt (Benezet in der dortigen Volkssprache) weidete eines Tages seine Herden auf den Auen der Insel Bartelasse, wo ihm der heilige Petrus erschien und ihm im Namen des Himmels befahl, die Bewohner Avignons und der Umgegend aufzufordern, zum Besten der Pilger, die nach Rom und Jerusalem wallfahrten, hier eine Brücke über den Strom zu bauen. Er fand jedoch die Leute nicht sehr willfährig für sein Ansuchen, obgleich er im Namen des Petrus sprach, das Unternehmen war zu schwierig und zu kostspielig; Benedikt aber war beharrlich und hörte nicht auf, das Volk aufzufordern, den Willen des Himmels zu erfüllen. Zuletzt verlangte der Bischof, er solle seine Sendung durch irgendein Wunder beweisen, und der Schäfer hob ein ungeheures Felsenstück, das wohl viele Tausend Pfund wog, so leicht auf seinen Rücken, als sei es eine Feder, trug es auf seinen Schultern eine große Strecke weit bis an den Fluß, auf dessen Oberfläche er bis zur Mitte mit seiner schweren Bürde schritt, ohne sich nur die Knöchel zu benetzen, und warf es dann mitten in den Strom, sprechend: „Dies sei der erste Grundstein zu der neuen Brücke.“ Jetzt schrie alles Volk: „Mirakel!“ und warf sich vor dem zum Ufer zurückkehrenden Schäfer auf die Knie. Der Bau der Brücke ging jetzt schnell vor sich und war in wenigen Jahren vollendet, Benezet aber ward nach seinem Tode unter die Heiligen versetzt und ihm zu Ehren in der Nähe der Brücke ein Kloster erbaut, dessen Mönche verpflichtet waren, die ankommenden Pilger zu verpflegen, die Brücke zu unterhalten. Man nannte sie deshalb fratres pontifices (Brückenbrüder). – Der Insel gegenüber liegt Villeneuve, wo noch die Ruinen eines ehemals wegen seiner Pracht und Größe berühmten Karthäuserklosters zu sehen sind, sowie das alte Schloß St. André mit seinen ungeheuren Mauern und dicken runden Türmen. Ludwig VIII. ließ diese starke Feste im dreizehnten Jahrhundert auf dem Hügel erbauen, der die Stadt beherrscht. Im Innern des Schlosses sind noch die Gebäude des ehemals so reichen Benediktinerklosters vorhanden. Villeneuve war der Geburtsort unseres Bataillonschefs Düret, der aus einer nicht sehr wohlhabenden Familie stammte, die während der Schreckenszeit aus dieser Stadt ausgewandert war. Nach mancherlei Schicksalen hatte er endlich zu Offenbach ein Ruheplätzchen bei dem Fürsten Y. gefunden, der ihn zum Kommandanten seines fünfzig Mann starken Heeres ernannte und bei der Formation des Regiments Y. zum Bataillonschef beförderte. Düret galt viel beim Fürsten und hatte ihn vermocht, beim Kriegsminister zu erbitten, daß das Regiment, um sich völlig einzuexerzieren, eine kurze Zeit in Avignon garnisonieren dürfe, was der Minister um so eher bewilligte, als er dasselbe ohnehin schon zu diesem Zweck nach Montpellier auf einige Monate bestimmt hatte. Also hatten wir es Dürets Eitelkeit zu verdanken, der sich seinen Verwandten und Landsleuten, die er seit vierzehn Jahren nicht gesehen, gerne an der Spitze seines Bataillons in glänzender Uniform zu Pferde zeigen wollte, daß wir auf kurze Zeit in Avignon in Garnison lagen, denn Montpellier war deswegen nicht aufgegeben. Ohne diesen Umstand hätte das Regiment wahrscheinlich Avignon nicht oder doch nur im Durchmarsch gesehen. Dafür mußten wir auch oft genug eine militärische Promenade durch Villeneuve machen. Das Offizierkorps des Regiments bestand, namentlich das des ersten Bataillons, meistens aus zum Teil sehr hübschen jungen Männern, an denen die holden Avignoneserinnen ihr Wohlgefallen zu haben schienen. Ich erinnere mich, daß nach der ersten Militärmesse, die wir hatten, eine junge hübsche Dame ganz außer sich zu meiner liebenswürdigen Wirtin ins Zimmer trat und mehrmals ausrief: „Oh le beau corps d’officiers, le beau corps d’officiers!“ Schönheit war die beste Empfehlung bei dem Fürsten Y., und er hatte die meisten Offiziere aus diesem Beweggrund angestellt.

Bei Croizets, meinen Wirtsleuten, lebte ich unterdessen wie der Vogel im Hanfsamen, und Madame Croizet war eine der liebenswürdigsten und muntersten Damen der Stadt, die mich gleich Rousseaus Mama in ihren besonderen Schutz nahm und in allem wahrhaft mütterlich für mich sorgen wollte, aber kein sehr gehorsames Kind an mir fand. Da sie mit den angesehensten Familien der Stadt bekannt und zum Teil verwandt war, so bekam sie täglich Besuch von jungen hübschen Damen, denen sie mich vorstellte und deren Bekanntschaft ich hierdurch machte. Da kein Instrument im Haus war, so mietete ich ein Fortepiano, welches mir Madame Croizet erlaubte, in ihren Salon zu stellen. Ich war somit befugt, denselben zu jeder Stunde zu betreten. Herr Croizet, obgleich in Avignon geboren, hatte eine gute Portion Phlegma, bei einer ziemlichen Zahl von Jahren; er war Kaufmann gewesen, hatte sein Schäfchen ins Trockene gebracht und ruhte, wenn auch nicht gerade im Überfluß und auf Lorbeeren, so doch gemächlich auf seinem Errungenen aus. Ich schien ihm noch viel zu jung und unerfahren, als daß er mich für gefährlich gehalten hätte, und da er alle Nachmittage und die Abende bis elf Uhr in den Kaffeehäusern meistens mit Dominospielen zubrachte, so hatten wir völlig freies Spiel zu Hause. Der Dienst war nicht sehr beschwerlich; außer dem Exerzieren und den militärischen Promenaden hatten wir fast alle Zeit frei, und die Wachen kamen nur selten an mich.

Ein paar Tage nach unserer Ankunft hatte ich Briefe von meinen Eltern mit Empfehlungsschreiben an das Haus Blavet et frères, von dem mein Vater öfters französische Südweine bezogen, erhalten. Ich präsentierte mich bei demselben und wurde mit der zuvorkommendsten Artigkeit aufgenommen, erhielt häufige Einladungen zu Dejeuneurs, Diners und parties de Campagne, lernte in diesem Haus die ganze beau monde von Avignon in ihrem Glanze kennen, und hatte auch bald, nach echt französischer Art, ein halbes Dutzend Amouretten von mehr oder weniger Bedeutung, mit mehr oder weniger Begünstigung. Madame Croizet war und blieb mir jedoch lieb und wert, besonders solange ich noch nichts wie einige Küsse im Vorübergehen von ihr erlangt hatte; um aber bald weiter zu kommen, suchte ich die Eifersucht zu rechter Zeit in Bewegung zu setzen, wozu mir ein besonderer Umstand günstig war, der mich zu dem Ziele brachte, das ich durch Bitten und Stürmen noch nicht hatte erreichen können. Eines Tages fand eine prächtige Prozession, ich weiß nicht mehr zu Ehren welches Heiligen, statt, die an dem Haus Croizets vorbeikam. Hier fanden sich viele Zuschauerinnen ein, um die Feierlichkeit bequem mit ansehen zu können. Unter ihnen war auch eine Cousine des Präfekten des Departements, ein charmantes Mädchen; dieser hatte ich zwar schon einigemal den Hof gemacht, aber heute stellte ich mich, als hätte ich nur Augen für sie, und dies setzte Madame Croizet in üble, mir aber günstige Laune. Als die Vorläufer der Prozession ankamen, wies Madame Croizet schnell jedem das Fenster an, durch welches er schauen sollte; sie entführte mir meine Schöne, und zwar in den zweiten Stock, und ich war somit von ihr getrennt. Sie selbst aber begab sich mit noch mehreren älteren Damen in mein Zimmer, das ebenfalls drei auf die Straße gehende Fenster hatte, da alle andern schon in Beschlag genommen waren, stellte sich mit mir unter eine der Fensterhallen, während die übrigen Damen die beiden andern zierten. – Wohl, dachte ich, diesmal wirst du mir nicht so ganz ungerupft davonkommen, denn Aufsehen kannst du in dieser Lage nicht machen, Küsse und Umarmungen hast du mir ja schon gewährt, und kannst keinen Eklat machen, also frisch gewagt. – Nachdem ich mich nun umgesehen und überzeugt hatte, daß uns die andern, ebenfalls in den Fensterhallen stehend, nicht sahen und alle ihre Aufmerksamkeit auf die sich nähernde Prozession gerichtet hatten, schlang ich meinen linken Arm um ihre schlanke Taille, sie fester und fester an mich drückend, und die Wangen der Dame glühten. – Dies war mir für jetzt genug und ich flüsterte: „A ce soir?“ – Keine Antwort. – „A quelle heure?“ – Noch immer stumm. – „A onze heures ou a minuit?“ – Noch immer kein Laut. – „Mais pour l’amour de dieu quand donc?“ – Endlich ein: „Laissez moi tranquille pour l’amour de dieu!“ – „Nicht eher bis ich weiß, wann?“ – „Eh bien à minuit, mais finissez donc!“ Jetzt nahm ich ihre Hand, drückte sie fest an meinen Busen, und sagte, ich hoffe, daß sie Wort halten würde. Daß uns Herr Croizet nicht im Wege stehe, wußte ich, denn er hatte sein besonderes Schlafzimmer in einer höhern Etage. Aber der Zufall wollte, daß ich nicht einmal so lange mehr auf die versprochene Schäferstunde warten sollte, sondern diese mir denselben Nachmittag noch wurde. Als das ganze Haus, bis auf Madame Croizet und ich, die wir allein zurückgeblieben waren, von allen Bewohnern verlassen war, um der Kirchenfeierlichkeit beizuwohnen, erlangte ich auf der Ottomane des Salons, was ich wünschte, und erschöpft ruhten wir Arm in Arm, als uns das Klingeln der Haustüre aufjagte und trennte, und die Zofen heimkamen. Denselben Abend brachte ich bei Blavets zu, wo ich wieder die hübsche Cousine des Präfekten, Amelie, traf, und fortsetzte, wo ich es am Morgen gelassen hatte. Daß hier nicht viel zu erreichen war, wenn ich nicht ernstliche Absichten blicken ließ, wozu ich ebensowenig Lust hatte, als Aussicht dazu vorhanden gewesen, denn die nächste zu einer Heirat war wohl ein Kapitänspatent in noch unabsehbarer Ferne, war mir bald klar, und ob ich gleich ewige Liebe und Treue versicherte, wurde mir außer einem verstohlenen Händedruck und einem Kuß zum Abschied nichts gereicht. Dagegen war ich weit glücklicher bei einer allerliebsten Grisette, die vis-à-vis von mir wohnte, aber schon einen Liebhaber hatte. Wir wechselten erst Blicke, dann Kußhände und endlich kleine Zettelchen, die ich um einen kleinen Stein gewickelt in das offene Fenster gegenüber warf. Es kam bald zu einem Rendezvous und zwar zuerst in der stillen Franziskanerkirche, wo wir uns verständigten und spätere Zusammenkünfte in der Wohnung einer ihrer Freundinnen verabredeten, die ich aber bald wieder zu vermeiden für gut fand; nicht so das Mädchen, das diese Intrige durchaus fortsetzen wollte, und es so auffallend machte, daß nicht nur die Nachbarschaft und Madame Croizet das Verhältnis merkten, sondern auch ihr Liebhaber Lunte roch und eifersüchtig ward. Ich war dann abends mehr als einmal Ohrenzeuge von heftigen Szenen, die zwischen beiden vorfielen, konnte aber wenig verstehen, da sie sich in dem Patois Avignons, das schon ziemlich dem Provenzalischen gleicht, zankten; doch merkte ich wohl, daß Madame Croizet das Feuer geschürt haben mußte; jeder Streit endigte aber immer mit einer zärtlichen Versöhnung, nachdem Annette, so hieß das Mädchen, ihrem Geliebten unerschütterliche Treue und ewige Liebe geschworen hatte. Ich machte der Sache ein Ende, indem ich Annetten ein kleines silbernes Körbchen, mit Orangenblüten gefüllt, unter denen ein Billettchen verborgen war, zuschickte, in welchem ich ihr den guten Rat erteilte, sich in Zukunft allein an ihren Liebhaber zu halten, der sie auch ehelichen wolle. Mit Madame Croizet hatte ich aber manchen Strauß deshalb zu bestehen, bis wir bald darauf an der Quelle zu Vauclüse einen ewigen Frieden auf kurze Zeit schlossen.

Schon seit einiger Zeit hatte ich eine Partie nach Vauclüse beabsichtigt, die jetzt zustande kam. Ich wußte es auch zu veranstalten, daß Amelie an derselben teilnehmen konnte, damit wenigstens doch auch eine Laura dabei war, denn meine Haustyrannin, das war Madame Croizet wirklich geworden, konnte mir keine solche mehr sein; freilich war auch ich nichts weniger als ein Petrarka. –

An einem Sonnabend fuhren wir fast mit Sonnenaufgang von Avignon ab. Von der Partie war auch noch eine jüngere Schwester der Madame Croizet, eine hübsche Witwe, die sonst nur selten in das Haus kam, und, wie ich später erfuhr, die Geliebte des Präfekten war. Auf dem Wege durch die reizende Gegend bis zum Städtchen l’Ile war Amelie mein Visavis im engen Wagen, deren Knie zwischen die meinigen eingeengt, so daß ich sie bei jedem Stoß über eine holprige Stelle zusammendrücken mußte und auch oft ohne eine solche Veranlassung zusammendrückte, wobei die Blicke des holden Mädchens jedesmal verlegen, sowie die der Dame Croizet, wenn sie etwas bemerkte, finster und gewitterschwanger wurden. In l’Ile stiegen wir aus und legten, nachdem wir vor dem Ort in dem Hotel, welches das Aushängeschild ‚Petrarka und Laura‘ führt, ein gutes Diner für den Abend bestellt hatten, den übrigen Teil des Weges durch das schöne und wilde Felsental Valla Clausa zu Fuß zurück. Ungefähr eine Stunde von l’Ile liegt das Dörfchen Vauclüse, das kaum ein Viertelhundert Häuser zählt. Auf einem steil hervorstehenden überhängenden Felsen sieht man die Ruinen eines alten Schlosses, das vor Zeiten der Familie von Sade gehörte. Der Volksglaube hält es für Petrarkas Wohnung und nennt es mit seinem Namen. Unter diesem Felsen liegt das Dörfchen Vauclüse, zu dem man über eine hölzerne Brücke durch ein düsteres Felsengewölbe gelangt. Eine Papiermühle, welche fast sämtliche Einwohner des Orts, kaum mehr als hundert Seelen, ernährt, steht alten Nachforschungen zufolge an der Stelle, wo Petrarkas kleines Wohnhaus war, sein zweiter Garten aber, den er den transalpinischen Parnaß nannte, lag unfern der Quelle. Es war im Jahre 1357, als sich der treffliche Dichter hier niederließ; seine Wohnung erbaute er ungefähr 250 Schritte von dem Felsental entfernt; hier war er mit seinen Büchern, den Musen, einem treuen Hund und zwei Personen zu seiner Bedienung und Gesellschaft, allein, lebte seinen Träumen, seiner Sehnsucht, seinen Phantasien, und nannte sich selbst ‚den Eremiten von der Sorgue‘. Als Schäfer gekleidet ging er auf den Fischfang, pflückte Mandeln und Feigen, verschaffte sich so sein Mittagsbrot und schrieb seine Lobrede auf die Einsamkeit, seine Ansichten über das Mönchsleben, sein Gedicht über Scipio, seine fastes de Romae und so weiter, führte dabei ein beschauliches Leben und schilderte in seinen Briefen die reizende Einsamkeit desselben mit den verführerischsten Farben. Seine Laura sah er hier nie, sondern klagte nur den Felsen der Valchiusa, in deren Echo seine Seufzer widerhallten, sein Sehnen und seine Leiden; doch hatte er eine Gesellschafterin bei sich.

Gerne hätte ich mit Laura-Amelie diese wilden und manchmal gefährlichen Partien, wo der Dichter so sinnig schwärmte und dichtete, allein besucht, aber meine gefällige Hauswirtin ließ mich nicht außer Augen, sondern wußte es so einzurichten, daß wir uns nicht allein sprechen konnten. Unter dem Vorwand, mir noch eine ganz besondere Schönheit zeigen zu wollen, führte sie mich den jähen Felsenpfad hinauf, der zu der schauerlichsten Einsamkeit führt, und wollte mir hier eine strenge Strafpredigt über meine Unbeständigkeit, Treulosigkeit und Gott weiß was noch alles halten, aber ich hielt es für das beste, den obgleich zürnenden doch liebenswürdigen Mund mit Küssen zu schließen und den Friedenstraktat, wenn auch nicht mit der Feder, zu unterzeichnen, versprach was man begehrte, und hielt was ich versprochen bis zur – Heimfahrt, wo schützende Finsternis wieder eine kleine Untreue begünstigte. Nachdem die Gesellschaft lange genug geschwärmt, gekost und mitunter auch geküßt hatte, kehrten wir nach Vauclüse und von da nach l’Ile zurück, um das beorderte Mahl einzunehmen, dessen Hauptbestandteile köstliche Forellen und noch trefflichere Aale ausmachten, würzten dasselbe mit Eremitagewein, Scherzen und Lachen, und besuchten noch die Kirche zu l’Ile, in welcher Petrarka zum erstenmal seine Laura gesehen und das ihn verzehrende Feuer gefangen hatte, das er nicht zu löschen verstand. – Die Heimfahrt war nicht minder angenehm als die Hinfahrt, und trotzdem es Madame Croizet so einzurichten wußte, daß Amelie nicht mehr mein Visavis, sondern in der andern Ecke des Wagens war, während sie selbst mir gegenüber saß, so hatte sie ihre eigne, mir nicht minder gefährliche Schwester, der ich ohnehin schon Fleuretten genug erzählt hatte, neben mich placiert. – Mit stockfinsterer Nacht kamen wir zu Hause an, uns alle nach Ruhe sehnend. Am andern Morgen wurde ich durch eine unangenehme Geschichte aus dem besten Schlaf in aller Frühe geweckt. Ich hatte einen ältern Soldaten von der Kompagnie, namens Roß, zu meiner Bedienung genommen, eine ehrliche Haut, die sich aber von Zeit zu Zeit dem Trunke ergab, wie die große Mehrzahl des Regiments, eine Leidenschaft, welche die Leute in Avignon um so leichter befriedigen konnten, als eine Flasche starker dicker roter Wein nur zwei Sous kostete. An den Zahlungstagen wurde dann auch das Regiment immer in den Kasernen konsigniert, denn die Russen, Polen, Böhmen und so weiter tranken sich toll und voll, begingen Exzesse aller Art und wälzten sich zum Skandal der Einwohner in den Gossen herum. Roß hatte sich den Tag, da ich zu Vauclüse war, mit einigen Kameraden einen tüchtigen Zopf getrunken, und sie wußten dann nichts Besseres zu tun, als in einer Schenke mehr denn dreißig große umflochtene Korbflaschen, wie man sie in jener Gegend hat, und von denen eine jede über fünfzig gewöhnliche Flaschen hält, in toller Vollwut mit ihren Säbeln zusammenzuhauen, so daß man bald bis an die Knöchel in der Schenke im Wein watete. Dabei schrien und schimpften die Kerls wie besessen über die f... Franzosky, wie sie sie nannten. Der Wirt aber, der den Skandal nicht hatte verhindern können, war zum Platzkommandanten gelaufen, um Hilfe zu suchen, die er auch sogleich erhielt, indem starke Wachtpatrouillen abgesandt wurden, die Trunkenbolde zu verhaften und in das militärische Gefängnis abzuführen. Der Schaden wurde auf über hundertfünfzig Franken angeschlagen, und die Burschen, die ihn nicht ersetzen konnten, sollten auf das strengste bestraft werden. Roß hatte seinen Helfershelfern, nachdem er wieder nüchtern geworden war, erzählt, daß ich ihn öfters an die Ecke der Gasse, wo ich wohne, als Lauerposten aufgestellt habe, um mich beizeiten zu benachrichtigen, wenn der Hausherr käme, mit dessen Frau ich mich einstweilen amüsiere. Nun meinten seine Sauf- und jetzt Leidensbrüder: wenn dem so ist, so muß dein Kadett auch die Zeche bezahlen, sonst soll ihn der Teufel holen. Sie schickten hierauf einen Boten mit der Bitte an mich ab, ich möge doch den Wirt befriedigen, das hätte Roß durch sein Schildwachestehen wohl an mir verdient. Der Abgesandte stieß unglücklicherweise zuerst auf Herrn Croizet, den er nicht kannte, ließ sich mit ihm, da er etwas Französisch verstand, in ein Gespräch ein, und letzterer lockte so von dem dummen Teufel halb und halb den Grund heraus, warum die saubern Patrone diese Forderung an mich machten. Er führte ihn nun zu mir, der ich noch in den Federn lag. Ich ließ den Burschen sagen, daß ich die Sache zu arrangieren suchen würde, begab mich auch vor der Parade zum Wirt, wo der Skandal vorgefallen war, und fand mich mit diesem für eine runde Summe ab, die ich zu bezahlen versprach, wenn der Mann dagegen die Sache bei dem Platzkommandanten so abmachen würde, daß die Delinquenten wenigstens mit einem blauen Auge, das heißt mit einigen Tagen Arrest davonkämen. Der Wirt brachte es in der Tat dahin, daß die Leute dem Regiment zu einer Disziplinarstrafe überlassen wurden, und ich zahlte ihm dann neunzig Franken aus, mit denen er zufrieden war, da er sonst gar nichts erhalten haben würde; somit war von der einen Seite die Sache abgemacht, aber nicht so von der andern. Croizet war jetzt argwöhnisch geworden und wollte sich von dem Grund der Aussagen des Soldaten und seines Verdachts überzeugen. Ich hatte mit Madame Croizet, ihrer Schwester und dem Kadetten Roger, der mich öfters besuchte und mit von der Vauclüse-Partie gewesen war, abgemacht, daß wir uns den kommenden Abend alle vier verkleiden, die beiden Damen nämlich Uniformen von uns und wir Kleider von den Damen anziehen, und so eine Abendpromenade in den Straßen der Stadt machen wollten. Croizet hatte das Haus wie gewöhnlich verlassen, wir waren mit der Toilette der Damen, die uns schon in Weiberkleider gesteckt, beschäftigt, zogen ihnen die Uniformen unter Lachen und Schäkern an, und eben machte ich der Madame Croizet die Brusthaken zu, als sich plötzlich die Türe ihres Schlafzimmers, denn dieses hatten wir zu unserm Ankleidezimmer gewählt, öffnete und Herr Croizet mit grimmiger Gebärde hereinstürzte. Er war durch ein Hinterpförtchen des Hauses, zu dem er allein die Schlüssel hatte, heimlich zurückgekehrt, während das Kammermädchen der Madame Croizet im Salon am offenen Fenster aufpaßte, daß uns niemand überrasche. Zum Glück lag mein Degen in der Nähe, den ich bei des Mannes unvermutetem Erscheinen schnell ergriff, und setzte mich in eine defensive Positur. Herr Croizet aber wandte sich nur an seine uniformierte Gattin, die er eben nicht mit den feinsten Epitheten anredete und bedrohte; aber die Schwester, die, wie es schien, viel Gewalt über ihn hatte, warf sich sogleich zwischen beide, indem sie dem aufgebrachten Ehemann versicherte, daß ja das Ganze nur ein durchaus unschuldiger Scherz sei, und er sich doch nicht durch eine wirklich unbegründete Eifersucht lächerlich machen solle, es sei in ihrer Gegenwart auch nicht das mindeste Unanständige vorgefallen und so weiter; wir alle machten Chorus mit der jungen Witwe und überschrien den Mann so sehr, daß er gar nicht mehr zu Wort kommen konnte; er wendete jedoch dagegen ein, was er von dem Soldaten herausgebracht, es war mir aber ein Leichtes, ihm glauben zu machen, er habe den Burschen ganz mißverstanden, der zu allem, was man ihn frage, sein „Oui“ sage, und es gelang unsern vereinten Kräften, nicht nur den ehrlichen Ehemann völlig zu besänftigen, sondern sogar zu bereden, mit von der Partie und des jungen Rogers, der ein sehr hübsches unbärtiges Gesicht hatte, Ehrenkavalier zu sein, während ich mich von den beiden weiblichen Kadetten, die mich in die Mitte nahmen, führen ließ; so traten wir munter unsere Promenade an, kehrten in einem eleganten Kaffeehaus auf dem großen Platz ein, wo wir uns Eis geben ließen, und alles lief auf das beste ab.

Zwei Tage nach dieser Begebenheit erhielt das Regiment Ordre, nach Montpellier zu marschieren; ich nahm Abschied von allen meinen Lieben, ließ mir noch eine Summe bei Blavet et frères auszahlen, denn ich hatte ziemlich große Depensen in Avignon gemacht, und marschierte in aller Frühe um sechs Uhr mit dem Bataillon ab, da ich keine Quartiere mehr machte, seit wir einen französischen Fourier bei der Kompagnie hatten. Manche jetzt verlassene Schöne sah hinter ihren Gardinen wohl mit Tränen in den Augen das Regiment dahinziehen, das sie anfangs gefürchtet und später gerne gesehen hatte.

Nur vier Etappen waren es von Avignon nach Montpellier, wovon die erste nach Tarascon lautete. Tarascon mag ungefähr zehntausend Einwohner zählen, die jedoch ein bitterböses und händelsüchtiges Volk sind, wie alle niederen Klassen in der Provence und Languedoc, und uns während unserm vierundzwanzigstündigen Aufenthalt einen Beweis lieferten, wie sehr sie ihren guten Ruf verdienen, indem sie beinahe unsere Wache steinigten, wozu aber das einfältige Benehmen des dieselbe kommandierenden Offiziers Veranlassung gab. Als die Avantgarde des Bataillons ankam, welche jedesmal die Wache in der Etappenstadt bildete, in die man einmarschiert, versammelte sich sogleich ein Haufen Volk vor dem Wachthaus und musterte die Angekommenen mit neugierigen Blicken; auch sie hatten schon viel von den Wundertieren, aus denen das Regiment bestehen solle, gehört, und besahen sich die ungewöhnlichen Uniformen mit ziemlicher Zudringlichkeit. Den kommandierenden Unterleutnant, einen gewissen Buchwald, ein kleines, unansehnliches Männchen, das früher ich weiß nicht bei welchem deutschen Duodezfürsten in Diensten gestanden, verdroß dieses Begaffen, und noch von dem deutschen Zopfdünkel besessen, befahl er der Schildwache vor dem Gewehr, die Leute auseinanderzutreiben. Der Posten, ein Österreicher, und von seinem frühern Dienst ebenfalls gewöhnt, alles, was nicht Uniform trage, müsse man als Bauer verachten, sich noch in Prag oder Olmütz in Garnison glaubend, war nicht faul und wollte die Haufen mit dem Kolben auseinanderjagen, dabei auf gut böhmisch fluchend; das Volk jedoch, statt sich zu entfernen, fing an zu lachen, der Leutnant wurde erbost und rief dem Soldaten zu: „Stoß zu auf das Lumpenpack!“ Aber noch ehe der Mann einen Stoß hatte anbringen können, war er auch schon beim Kragen gepackt und ihm das Gewehr abgenommen. Der Leutnant zog jetzt den Degen und rief der übrigen Mannschaft, einigen zwanzig, zu, unter das Gewehr zu treten, aber auch dazu ließen es die wütend gewordenen Tarasconer nicht kommen, sondern hatten in einem Nu die Wache erstürmt, und ein starker stämmiger Provenzale faßte den kleinen Buchwald, der wenig mehr französisch als die Worte b... f... hervorzubringen vermochte, um den Leib und hob ihn samt seinem Degen hoch in die Luft, so daß die kleine Figur mit Armen und Beinen, den Degen hoch in der Hand haltend, in der Luft zappelte, was so possierlich anzusehen war, daß die ganze Menge und namentlich die Weiber in ein schallendes Gelächter und lautes Applaudieren ausbrachen, wodurch gewiß größeres Unheil verhindert wurde. Der provenzale Herkules setzte endlich das Männlein wieder auf den Boden und ließ ihn laufen. Glücklicherweise rückte jetzt gerade das Bataillon ein, und als Düret von dem unglücklichen Wachtkommandanten erfahren hatte, was vorgefallen, geriet er so sehr in Zorn, daß er ihn sogleich in strengen Arrest schickte, nachdem er ihn abwechselnd bald deutsch, bald französisch vor der Front heruntergeputzt. Es wurde nun eine andere Wache dahin kommandiert, und da sich die Haufen Volks noch immer mehrten, so kam der Maire mit seiner dreifarbigen Schärpe und forderte sie auf, auseinanderzugehen was sie auch befolgten. Aber Düret war hiermit nicht zufrieden, ließ durch alle Straßen patrouillieren, verdoppelte die Wache und verlangte vom Maire, daß er die Schuldigen bestrafen und dem Bataillon Satisfaktion geben solle. Dieser machte jedoch Schwierigkeiten und erklärte, daß, wenn sich die Truppen an den Einwohnern vergreifen würden, er für nichts stehen könne, und diese gewiß sogleich das Tocsin (die Sturmglocke) läuten und die Landleute herbeiziehen würden. Man ließ jetzt die fatale Sache, welche auch den beiden uns folgenden Bataillonen keinen sehr angenehmen Empfang zu Tarascon bereitete, auf sich beruhen. Ich führte eine der Streifwachen an, und wenn ich an einen dichten Haufen kam, wo nicht gut durchzukommen war, so sagte ich laut: „Messieurs, de la place s’il vous plait!“, worauf man mir höflich die Gassen öffnete und mich ungehindert und ungeneckt mit meinen Leuten durchließ. Buchwald aber machte die Sache so viel Verdrießlichkeiten, daß er bald darauf das Regiment quittierte, um anderwärts ein Unterkommen zu suchen.

Tarascon hat ein schönes altes Schloß, das die Einwohner die Burg des Königs René nennen, der sich öfters in dieser Stadt aufhielt. Es war aber die Residenz der alten Grafen der Provence; es ist von gotischer Bauart und dient jetzt zum Gefängnis; von seinen Mauern hat man eine herrliche Aussicht in die unabsehbaren Ebenen von Languedoc. Unter dem König René fand hier ein sehr sonderbares Tournier statt, welches man das Schäfertournier nannte, weil die demselben beiwohnenden Ritter auf ihren herrlichen Tournierhengsten, ganz geharnischt und die Helme mit purpurroten Federn geschmückt, nebst ihren Waffen auch einen Schäferrock, eine Schäferschippe, eine Sackpfeife oder Flöte und ein Brotkörbchen nebst einer Wasserflasche bei sich führten. Die Preise wurden dem Sieger von einer als Schäferin gekleideten Dame, die auf einem von zwei Edelknaben geführten und mit Goldstoff bedeckten Zelter ritt, und der voran eine ganze Herde Schafe ging, ausgeteilt. Ihr grünes Schäferhütchen war mit Wiesenblumen geschmückt und ihr Schäferstab war von Silber, auch sie hatte ein Brotkörbchen und ein Wasserfläschchen am Gürtel hängen. Während man tournierte, saß sie in einer Blumenlaube auf erhöhtem Sitz. Der Preis, den sie auszuteilen hatte, bestand in einem Kuß und Blumenstrauß an goldenen Stengeln. Rechts von ihr saß der König René und seine Gattin auf einer rot ausgeschlagenen Tribüne, hinter ihnen deren Gefolge, und links von ihr saßen die Kampfrichter. Einer der Ritter-Schäfer, der den Preis erhielt, um den er lange verzweifelt gekämpft, begnügte sich mit dem Kuß und zierte unter dem donnernden Beifall der ganzen Versammlung die hübsche Schäferin mit den Blumen an goldenen Stengeln.