Zu Tarascon war auch der Hauptsitz der provenzalischen Galanterie und Minne, hier wurden manche Liebeshöfe abgehalten und prächtige Feste gefeiert, und fast alle Troubadoure und Dichter der Provence haben die Schlösser von Tarascon und Beaucaire, denn auch diese Stadt hatte eine berühmte Burg, durch ihre Gesänge verherrlicht. Das Schloß von Tarascon hat noch große unterirdische Gewölbe und ungeheure Hallen und Säle; von seinen Zinnen und Türmen sprangen einst über fünfzig Gefangene in die unten vorbeifließende Rhone hinab, lauter Engländer, von denen die meisten in den Wellen ertranken, während sich mehrere durch Schwimmen retteten. Der Gouverneur ließ nun auf allen Mauern zweischneidige Schwerter, Sensen und Spieße befestigen, damit man nicht mehr versuchen möge, sich auf diese Weise in Freiheit zu setzen.
Den zweiten Pfingstfeiertag wird hier ein seltsames Fest gefeiert; man führt nämlich ein großes Ungeheuer, von Holz verfertigt, das man la Tarasque nennt, in den Straßen der Stadt umher und läßt es die Leute niederwerfen und nicht selten beschädigen. Diese Art von Prozession geschieht zum Andenken an einen Wasserdrachen, der in uralten Zeiten die Schiffe in der Rhone umwarf, die Schiffer verschlang oder zerriß, selbst in die Straßen von Tarascon drang, und was ihm an Menschen begegnete, raubte und auffraß. – Unter Nero, so erzählt die Sage, zogen bewaffnete Kohorten gegen das Ungetüm aus, aber dieses verschlang alles samt Schild und Speer, die Ufer des Stromes waren mit Menschenknochen besät, und es war nahe daran, daß alle Einwohner die Stadt auf immer verlassen wollten, um sich ein anderes Vaterland, wo sie vor dem Drachen in Sicherheit wären, zu suchen; da kam plötzlich eine schön geschmückte Barke den Strom herabgefahren, in der ein wunderschönes Frauenbild saß, das eine ehrwürdige männliche Gestalt begleitete. Die Jungfrau landete in der Nähe der Höhle, in welcher sich der Drache aufhielt, der, als er sie erblickte, sich winselnd zu ihren Füßen wand und geduldig litt, daß sie ein Band um seinen schuppigen Hals befestigte. Dann aber folgte er ihr zitternd. Sie führte das Ungetüm mitten auf den Markt der Stadt Tarascon und befahl den staunenden Einwohnern, es zu erschlagen, was sie auch sogleich taten. Jetzt hielt der Begleiter der Jungfrau eine Predigt an das Volk, um es zum Christentum zu bekehren, denn es waren noch eitel Heiden, und brachte eine solche Wirkung hervor, daß sich sogleich alle und ohne Ausnahme taufen ließen. Die Retterin war niemand anders als die heilige Martha selbst gewesen, und ihr Begleiter war ihr Bruder Lazarus, der erste christliche Bischof in jenem Land. Der hölzerne Drachen, den man jetzt noch alljährlich am Pfingstfest und auch am Festtag der heiligen Martha herumführt und den Tarasque nennt, hat ungefähr die Gestalt einer Riesenschildkröte, die langgeschwänzt ist, und ist ein von hellgrüner, mit goldenen Schuppen bemalter Wachsleinewand überzogenes hölzernes Gerippe, unter dem acht junge Burschen stecken, die es sechzehnfüßig machen, leiten und lenken, und mit ihm sich gewandt drehend, unter die dichtesten Haufen der Zuschauer rennen, sie zu Dutzenden niederwerfen, und mit dem Drachenschwanz so derb schlagen, daß alle schreiend davonlaufen. Zugleich speit das Ungetüm aus dem Rachen und den Nasenlöchern Feuer und schleudert Schwärmer unter die Menge. Am Festtag der heiligen Martha wird das Ungeheuer von einem jungen weißgekleideten Mädchen an einem langen Bande geführt, wo es sehr friedfertig ist, und wird zuletzt in die Kirche der heiligen Martha gebracht, in der sich auch deren schönes Grabmal von Marmor befindet, auf dem sie liegend dargestellt ist; hier leitet man es in das Chor, wo es ein Priester mit Weihwasser besprengt, worauf es leblos niederstürzt, und in dieser Kirche wieder bis zur nächsten Prozession aufbewahrt wird. In der Revolution hatte man es zerschlagen, aber nach der Wiedereinführung der christlichen Religion wurde auch ein neuer Tarasque verfertigt, und das Volk begrüßte mit Jubel und Freudengeschrei die Wiederauflebung seines alten Drachens.
Von dem uns so unfreundlichen Tarascon marschierten wir nach dem durch seine berühmten römischen Denkmäler berühmten Nimes.
Da hier die Einwohner in einem gewissen Wohlstand waren, so fanden sie sich meistens mit den Soldaten, die Quartierbillette auf sie hatten, durch Geld ab und zahlten drei bis sechs Franken per Mann für das Billett; so kam es, daß beinahe die Hälfte des Bataillons während der Nacht auf den Straßen kampierte. Nachdem die Leute das erhaltene Geld in den Wirtshäusern verzehrt, sich größtenteils betrunken hatten, schlenderten sie lärmend in der Stadt umher, machten auch hie und da einige Exzesse, bis sie endlich unter freiem Himmel, den Tornister statt Kissen unter dem Kopf, einschliefen. Der Bataillonschef gab den andern Tag eine strenge Ordre, durch welche er bei namhafter Strafe den Soldaten das Verkaufen ihrer Quartierbilletts untersagte, um künftig ähnlichen Unordnungen zu steuern, was den Leuten eben nicht behagte. Denn in den Quartieren im Innern von Frankreich hatten sie außer der Schlafstelle auf nichts als Kochsalz und Licht Anspruch zu machen, und das geringste, was man ihnen dafür gab, waren doch immer dreißig Sous, wofür sie viel essen und noch weit mehr trinken konnten. – Ich hatte wieder das Glück, zu einer hübschen jungen Frau ins Quartier zu kommen, deren Ehemann ihr jedoch, solange ich da war, nicht von der Seite wich, ergo war jeder Versuch unmöglich.
Den vierten Tag nach unserm Ausmarsch von Avignon rückten wir in unserer neuen Garnison Montpellier ein. Je näher wir dieser Stadt kamen, desto angenehmer wurde die hier im allgemeinem sehr kahle Gegend mit fast kreideweißem Erdreich, welcher die vielen graugrünen Olivenbäume zwar ein sehr friedliches, aber auch totes Ansehen geben; auch um Montpellier sieht man außer Granat-, Pomeranzen-, Maulbeer-, Feigen-, Mandel-, Cypressenbäumen und Weinstöcken wenig andere Bäume und Gebüsch. Die Stadt liegt in einer der fruchtbarsten Ebenen von Südfrankreich, ist von hübschen Landhäusern umgeben und an einem Hügel amphitheatralisch erbaut, was ihr ein großartiges Ansehen gibt. Aber im Innern ist sie schlecht gebaut und hat meistens sehr enge und winklige Straßen und wenig freie Plätze; demungeachtet hat sie eine sehr gesunde Lage und Luft. Sie ist die Hauptstadt des Departements Herault, Sitz einer Präfektur, und zählt vierzigtausend Einwohner; ihre Entstehung ist neuerer Zeit; im elften Jahrhundert stand hier noch ein Flecken, den man Mons puellarum (junger Mädchenberg) nannte, weil er, wie die Sage will, an der Stelle lag, wo sich früher eine Einsiedelei befand, in welcher zwei sehr junge und wunderschöne Jungfrauen, die sich Gott geweiht, als Eremitinnen lebten.
Wir marschierten gleich auf die Esplanade, einen schönen, großen, mit Bäumen besetzten Platz, der zwischen der Stadt und der von Ludwig XIII. als Zwinger für die Protestanten erbauten Zitadelle liegt. Das Bataillon wurde in den prächtigen und sehr geräumigen Kasernen untergebracht, in denen die drei Bataillone des Regiments, die sich in wenig Tagen hier wieder vereint fanden, hinlänglich Raum hatten.
XIII.
Die Garnison zu Montpellier. – Der Peyron. – Furcht der Soldaten vor der medizinischen Fakultät. – Die Einwohner. – Meine Hausdamen. – Demoiselle Verteuil. – Fürst Y. mein Nebenbuhler. – Ich falle in Ungnade. – Die Fahnenweihe. – Der souveräne Fürst in strengem Arrest. – Folgenschwerer Ritt nach Cette. – Nächtliche Spazierfahrt auf der See. – Auch ich in strengem Arrest und verliere meinen Grad als Sergeant. – Ich werde Unterleutnant. – Abmarsch nach Toulon. – St. Remy. – Orgon. – Aix. – Das Fronleichnamsfest daselbst. – Arles. – Toulon. – Stadt und Hafen. – Das Arsenal. – Die Galeerensklaven. – Wiedereinnahme von Toulon durch die Republikaner (1793). – Bonaparte tut sich zuerst hervor. – Verbrennung der französischen Flotte und des Arsenals. – Verheerung der Stadt. – Rauferei mit einem Marine-Offizier. – Ein Skandal im Theater. – La Seine. – Die Familie Guige. – Eine Hochzeit auf der Insel Porquerolles. – Abmarsch nach Genua.
Die beiden ersten Tage hatte ich mich in ein Hotel logiert, suchte mir aber schon am zweiten eine passende Privatwohnung, die ich auch bald in der Nähe des Theaters und der Esplanade bei ein paar liebenswürdigen Frauen fand, von denen die eine an einen bei den Armeen in Deutschland angestellten Kommissär verheiratet, und die andere, ihre Schwester, noch unverheiratet war; bei dieser Wohnung befand sich ein hübscher Garten mit einem sehr eleganten Pavillon, der in dessen Mitte, von Zypressen umgeben, lag. – Ich erhielt ein elegant möbliertes Wohnzimmer und ebensolches Schlafkabinett, das in den Garten ging, für vierzig Franken monatlich. Auch für Montpellier hatte ich Empfehlungsschreiben an das Haus Michel und Gayral bald nach unserer Ankunft daselbst von meinem Vater erhalten und wurde von demselben mit zuvorkommender Artigkeit empfangen. – Ich besuchte schon den zweiten Abend das Theater, ein Vergnügen, das ich seit Lyon zu meinem Leidwesen entbehrte, da in Avignon während unseres Aufenthaltes nicht gespielt wurde, und fand die Oper wenigstens leidlich, das Lust- und Schauspiel aber ziemlich gut besetzt; besonders war es eine Aktrice, Demoiselle Verteuil, die zum Entzücken spielte, und deren Äußeres ganz mit dem Spiel harmonierte. Es war Molières ‚Tartüffe‘, den ich zuerst hier sah und der sehr gut gegeben wurde. Die Vorstellung hatte ein glänzendes Publikum, das ganze Offizierskorps samt dem Fürsten Y., der erst hier wieder zu dem Regiment gestoßen war, da er, als wir von Toul abmarschierten, abermals einen Abstecher nach Paris gemacht hatte, wohnte derselben bei. Die Offiziere mußten sich nun für ein Lumpengeld, einen Tag der monatlichen Gage, per Monat abonnieren, die Kadetten bezahlten für Unterleutnantsgage. – Auch die Damen von Montpellier hatten sich diesen Abend in der glänzendsten Toilette eingefunden und schmückte die Logenreihen auf das eleganteste. Ich war von dieser Vorstellung in jeder Hinsicht so enchantiert, daß ich mir vornahm, mich möglichst schnell in der hiesigen schönen Welt zu orientieren, und um dies zu können, auf folgendes Mittel fiel, das sich als vollkommen bewährt erfand. Ich ließ nämlich gleich den andern Morgen den Friseur der Stadt holen, der in derselben an der Tagesordnung, das heißt in der Mode war, empfing ihn sehr artig, ihn bittend, mir doch die Haare nach dem neuen Pariser Schnitt zuzuschneiden, mich nebenbei au fait der städtischen Angelegenheiten, das heißt der schönen Damenwelt, zu setzen, und mit dem Treiben der eleganten Welt und der Chronique scandaleuse bekannt zu machen. Dabei spielte ich mit einem Sechs-Livretaler zwischen den Fingern, was dem Haarkünstler, der, wie alle seines Handwerks in Frankreich, zugleich auch Barbier war, die Zunge so trefflich löste, daß ich in weniger als einer Stunde mehr wußte, als hätte ich jahrelang in Montpellier gelebt und mich selbst um diese Angelegenheiten bemüht. Ich fand das Mittel so probat, daß ich von jetzt an beschloß, sogleich nach der Ankunft in jeder Stadt, in der wir länger verweilen würden, dasselbe anzuwenden; der Erfolg war immer der erwünschteste, und meine Kameraden, denen ich die Sache geheim hielt, konnten gar nicht begreifen, wie ich nach den ersten vierundzwanzig Stunden in einer Garnison schon alle in einigem Rufe stehenden Schönheiten, deren Verhältnisse, Intrigen und so weiter wußte und an den Fingern herzählen konnte.
Nachdem ich erfahren, was ich zu wissen begehrte, entließ ich meinen Figaro, ihm den Sechs-Livretaler einhändigend, für den er sich tausendmal bedankte, machte Toilette und dann meinen liebenswürdigsten Wirtinnen meine gehorsamste Aufwartung. Sie nahmen mich recht artig auf und luden mich sogar zum zweiten Frühstück ein, was ich aber ausschlug, die Parade vorschützend. In dem Salon stand ein Piano, die Damen waren beide ein wenig musikalisch, die eine spielte, die andere sang französische Romanzen zwar etwas falsch, aber doch mit ziemlich klangreicher Stimme und vielem Ausdruck, und die liebe Kunst wurde bald wieder die gefällige Kupplerin. Madame Amiot war eine charmante Brünette, die ein kleines, etwas verzogenes Mäulchen hatte, das ihr allerliebst ließ, besonders wenn sie lächelte; ihre Schwester aber war eine dunkle Blondine, eine geistreiche und sehr muntere Französin. Noch an demselben Abend besuchte ich in Gesellschaft meiner Wirtinnen den hochberühmten Peyron oder lieu pierreux, wie er im dortigen Patois genannt wird, ein großer Lustgarten, zu dem drei steinerne Treppen durch drei schöne Gittertore führen. Es ist ein großes längliches Viereck, von prächtigen Balustraden eingefaßt, an dessen einem Ende zwischen zwei Reihen Bäumen sich eine Terrasse mit einem sehr schönen achteckigen Wassertempel befindet, zu dem zwei Prachtstiegen führen. Dieser Lustplatz ist ohne Widerrede eine der schönsten Promenaden Europas, mit der großartigsten Aussicht, von ihm aus sieht man rechts die Pyrenäen, links die Gipfel der Alpen; das Amphitheater der Stadt liegt zu den Füßen, und über demselben hinweg ragen zwischen Baumgruppen und Zypressen schöne Villen und andere Gebäude hervor. Gegen Süden hat man in geringer Ferne die schöne, oft spiegelglatte, mit Schiffen belebte Fläche des mittelländischen Meeres vor Augen, das ich hier zum erstenmal sah, und gegen Norden die lange Kette der Cevennen.
Ganz nahe bei dem Peyron liegt der erste botanische Garten, der in Frankreich von Belleval im Jahre 1598, und zwar aus dessen eigenen Mitteln, angelegt wurde; er verwandte die für jene Zeit ungeheure Summe von hunderttausend Livres darauf, da die ihm von der Regierung bewilligten Gelder nicht hinreichten. Zweimal mußte der Mann erleben, daß seine Schöpfung in den Religionskriegen unter Heinrich IV. und Ludwig XIII. wieder gänzlich verwüstet wurde, und dreimal hatte er den Mut, sie von neuem zu schaffen. Er wurde hier der erste Professor der Botanik und Akademie. In einem entlegenen Winkel dieses Gartens befindet sich das Grabmal der Adoptivtochter des berühmten Verfassers der Nachtgedanken, Youngs, der reizenden Narcissa, die der Vater auf seinen Schultern selbst hierher getragen und begraben, weil ihm die katholischen Priester ein Grab auf dem Kirchhof für das Mädchen verweigerten. Meine beiden liebenswürdigen Führerinnen teilten mir diese Begebenheit zwar gerührt mit, meinten aber doch, es sei ja eine Ketzerin gewesen, diese Narcissa, also das Unglück nicht so groß, nicht ahnend, daß sie mit einem sogar lutherischen Ketzer in Gesellschaft seien. Ich brachte indessen den Nachmittag recht vergnügt mit den Damen zu, die für das verschmähte Frühstück sich meine Teilnahme bei ihrem Souper ausbaten, was ich jetzt nicht refüsierte, und beide zur guten Nacht küßte.