Weltberühmt ist die Hochschule zu Montpellier, besonders hinsichtlich der Arzneiwissenschaft, der Chirurgie und Anatomie. Unter dem Volk ging aber die Sage, daß die Herren Mediziner hier ein so gewissenloses Volk seien, daß sie nicht selten in stiller Nacht an einsamen Orten gesunde Menschen wegfingen, um ihre Kunst an ihnen zu probieren, indem sie sie töteten und dann im anatomischen Theater sezierten, namentlich seien sie auch den abgelegen stehenden Schildwachen sehr gefährlich, von denen schon gar manche auf diese Weise schlafen gegangen. Diese letztere Albernheit hatte sich bald im Regiment unter den Soldaten verbreitet, die lange Zeit daran glaubten und gewisse Posten nicht ohne Widerwillen bezogen, auch dann sehr auf ihrer Hut waren. Da nun der Zufall wollte, daß mehrere Schildwachen von ihren Posten desertierten, so ließen es sich die Leute nicht ausreden, die Herren Doktoren hätten sie weggefangen und tranchiert, bis endlich einmal ein solcher Deserteur wieder eingebracht und vor der Front des Regiments zur Schau auf- und niedergeführt wurde, um die Soldaten zu überzeugen, daß ihn die Doktoren nicht verschnitten hatten. Dies rottete aber dennoch den Köhlerglauben der Leute nicht ganz aus, besonders da der Bursche, diesen Umstand benutzend, in seinem Verhör aussagte, er habe in der Tat seinen Posten nur verlassen, weil mehr als ein Dutzend in schwarze Mäntel und Kappen verhüllte Kerls auf ihn zugekommen seien und ihn hätten fangen wollen, weshalb er in der Angst sein Gewehr weggeworfen und zum Teufel gelaufen sei. Dies hinderte nicht, daß er hundertfünfzig Prügel in drei Portionen in drei Tagen bekam und bei erster Gelegenheit wieder davonging. Indessen ist es in früherer Zeit wirklich geschehen, daß solcher Menschenraub von der hiesigen medizinischen Fakultät verübt wurde.

Ich hatte gleich in den ersten Tagen dem Fürsten Y. meine untertänigste Aufwartung gemacht und wurde nicht nur sehr gnädig von demselben empfangen, sondern er geruhte mich auch zu versichern, daß er jeden Tag mein Offizierspatent mit denen von noch einigen andern Kadetten von Paris erwarte, wo er uns bei dem Kriegsminister zu Unterleutnants vorgeschlagen und auch dessen Zusage erhalten habe; ich dankte gehorsamst für diese Mitteilung und überließ mich der frohen Hoffnung, nun bald der mir oft lästigen Sergeantendienste los zu werden. In meiner Wohnung war ich unterdessen völlig der Hahn im Korb geworden und schon nach einem zweiten Souper ruhte die verheiratete Schwester auf meinen Knien und tändelte in meinen Armen, so daß uns die ledige scherzend zurief: „Modérez vous!“ – „Mais il ne me laisse pas, que veux – tu que je fasse?“, antwortete die Schwester, und ich setzte hinzu: „Me laisser faire,“ und: “Elle se laissa faire.“ Von jetzt an war ich der Herr vom Hause.

Froh, wieder in einer Stadt zu sein, wo sich ein Theater befand, versäumte ich nicht leicht eine Vorstellung, und besuchte diese oft in Gesellschaft meiner beiden Hausdamen; aber bald interessierte mich die hübsche Verteuil weit mehr als diese, so daß ich noch lieber den Proben, als den Vorstellungen, und diesen jetzt fast immer nur hinter den Kulissen beiwohnte. Vermittelst einiger kleiner Geschenke und artiger Galanterien, vielleicht auch weil man mich für reich hielt, stand ich bald auf einem sehr vertrauten Fuß mit der liebenswürdigen Aktrice, und brachte manche Stunde in ihrer und der andern Theaterprinzessinnen Gesellschaft zu. Aufrichtig gestanden, habe ich in meinem ganzen Leben die Erfahrung gemacht, daß der Umgang und die Gesellschaft von Schauspielerinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen, die in der Regel nicht ohne Geist, Witz und Verstand und mit der muntersten Laune begabt sind, das Unterhaltendste von der Welt, während die vornehme Welt und sogenannte gute Gesellschaft zugleich auch die zum Einschlafen langweiligste ist, weshalb ich den Umgang mit hübschen Aktricen, wo deren waren, allem andern vorzog; doch hat er auch seine unangenehme und etwas kostspielige Seite und kann nach Umständen gefährlich werden und viel Unheil anrichten, wie ich mehrmals die Erfahrung machte und wir sogleich sehen werden. – Madame Verteuil hatte zu meinem Unstern auch wieder Gnade bei Seiner Durchlaucht unserm Regimentschef gefunden, den sie ebenfalls nicht verschmähte, wovon ich aber ebensowenig wußte, als der Fürst mein Verhältnis mit ihr ahnte. Eines Abends, nachdem ich mich nach dem Theater noch eine gute Weile mit einem alten pensionierten General aus der Zeit Ludwigs XVI. in dem Zelt der Esplanade unterhalten und die Erzählung von dessen Abenteuern, die er in seiner Jugend in Deutschland, namentlich am Hof des Vaters unsers Fürsten Y. mit einer Prinzessin, dessen Tante, gehabt, geduldig zugehört hatte, fiel es mir nach zehn Uhr ein, der Verteuil noch einen Besuch en passant zu machen; sie wohnte ebenfalls in der Nähe des Theaters. Ich wurde aber nicht von ihr erwartet, da wir in dem Theater davon gesprochen hatten, daß ich heute nicht kommen würde, weil sie über Kopfweh und Unwohlsein klagte, was öfters der Fall war. Ich fand die Haustüre offen, schlich mich leise die Treppe hinauf, öffnete ebenso leise die Zimmertüre meiner Prinzessin und fand Seine Durchlaucht den Fürsten Y. halb entkleidet auf einer Ottomane ausgestreckt liegen; die Verteuil, mich sogleich erblickend, schrie: „Ah mon dieu qui vient si tard?“ Mit den Worten: „Mille pardon je me suis trompé,“ schlug ich die Türe wieder zu und eilte von dannen und zur Kloster, der ich lachend mein Abenteuer erzählte, worauf mir diese versetzte: „Mais comment, vous ne saviez donc pas qu’elle est entretenue par son Altesse?“ „Ma foi non.“ Ich tröstete mich, ein Glas Punsch mit der Kloster trinkend, die, wie auch ihr Name andeutete, deutschen Ursprungs war, jedoch kein Wort deutsch verstand, und nahm mir vor, die Verteuil nicht wieder zu besuchen, denn ich dankte für die Ehre, auch ‚da mit dem Fürsten zu teilen, wo er noch unter den Menschen hinunterkriecht‘, wie Schiller sagt. Indessen war mir doch nicht so ganz wohl bei der Sache, und die Folge zeigte nur zu sehr, daß meine Furcht nicht unbegründet war, denn Fürst Y. warf jetzt einen unverdienten Haß auf mich und sah mich schon den andern Tag auf der Parade, der die Kadetten jedesmal, auf dem linken Flügel der Offiziere stehend, beiwohnen mußten, einigemal von der Seite mit einem zürnenden Blick an, während er sonst selten an mir vorüberging ohne ein paar freundliche Worte an mich zu richten. Er sprach diesmal mit dem neben mir stehenden jungen Prinzen Santa-Croce, der seit kurzem als Kadett in das Regiment getreten war, ohne mich nur eines Blickes zu würdigen. – Noch denselben Tag erließ er eine Ordre du jour, welche den Kadetten auf das strengste befahl, sich zu allen Appellen in den Kasernen einzufinden, und daß bei Kontreappellen deren Anwesenheit in den Quartieren verifiziert werden solle; zugleich fügte er noch hinzu, daß sich die Herren Offiziere, sowie die Kadetten, nicht mehr unterfangen sollten, die Bühne während der Vorstellungen zu besuchen, wie er sehr mißfällig wahrgenommen, daß dieses stattgefunden. Außer mir und Seiner Durchlaucht wußte schwerlich jemand, wodurch dieser Tagesbefehl hervorgerufen worden war, und wir schwiegen beide weislich. Der Prinz Santa-Croce, den man trotz dieser Befehle eines Abends hinter den Kulissen erblickte, erhielt sogleich acht Tage strengen Arrest. Fürst Y. hätte dies alles nicht nötig gehabt, denn ich kam ihm nicht mehr ins Gehege, ob mir gleich die Verteuil ein halbes Dutzend parfümierter Entschuldigungs- und Einladungsschreiben auf Rosapapier zusandte. Ich hielt mich an die Kloster.

Auf dem Landhaus des Herrn Gayral, wohin ich sehr oft eingeladen wurde, hatte ich unterdessen auch die Bekanntschaft einer sehr artigen Kaufmannsfrau, der Madame Cauchin, gemacht, die mich, so wie ihr Mann, einlud, sie doch bisweilen zu besuchen, und mir sogar ihre Loge im Theater zur Disposition stellte. In diesem Haus brachte ich von jetzt an manche hochvergnügte Stunde zu. Überhaupt war bis dahin das Leben in Montpellier ein wahres Götterleben für uns gewesen, und es fehlte uns an Vergnügungen und Zerstreuungen nicht. Barras, der auf Befehl Napoleons hundert Lieues von Paris entfernt leben mußte und sich damals hier aufhielt, gab mehrmals große Soireen, zu denen er das ganze Offizierkorps des Regiments einlud, und die sehr glänzend waren, da sich die Hautevolee und die ersten Schönheiten der Stadt hier vereinigt einfanden. Ein großes Fest aber war die Fahnenweihe unsers Regiments, dessen Bataillone hier ihre Fahnen erhielten, deren reich mit Gold gestickte Krawatten ein Geschenk der Kaiserin Josephine waren, wie die Inschrift mit goldenen Buchstaben besagte. Nach der großen Parade, bei welcher die Fahnen den Bataillonen und den dazu bestimmten Trägern, nachdem sie in der Peterskirche von dem Bischof unter Gewehrsalven eingeweiht worden waren, eingehändigt wurden, fand ein großes Diner und am Abend ein Ball auf Kosten des Offizierkorps statt, zu dem alle Notabilitäten von Montpellier eingeladen waren, und der bis zum Grauen des Tages währte. – Wir hatten nun unsere Vereinigungszeichen, aber es waren bunte seidene Lappen, statt Adlern, wie sie die französischen Linienregimenter hatten; wahrscheinlich hielt uns Napoleon seiner Adler nicht wert, und wir mußten uns mit Latour d’Auvergne und andern sogenannten Fremdenregimentern trösten, denen es nicht besser erging.

Im Theater hatte man seit einiger Zeit bei jeder Vorstellung drei sehr hübsche Mädchen in einer Loge des ersten Ranges bemerkt, welche immer in der elegantesten Toilette nach der neuesten Pariser Mode gekleidet erschienen und aller Augen, namentlich auch die unsers Großmajors Omeara, eines Irländers, auf sich zogen. Diese Damen gaben sich für Pariserinnen aus, welchen das herrliche Klima Montpelliers von den Ärzten verordnet worden, ihre etwas angegriffene Gesundheit wieder völlig herzustellen; sie spielten übrigens die Spröden, waren sehr zurückhaltend und gaben namentlich Subalternoffizieren und andern Herren, die sich bemühten, ihre Bekanntschaft zu machen, kein Gehör. Man sprach viel von der strengen Tugend dieser Demoiselles, die einer der ersten Familien der Hauptstadt angehören sollten, prächtig, aber eingezogen mit einer älteren Gouvernante in einem eleganten Gartenhaus wohnten, keine Gesellschaft frequentierten, auch eine Einladung auf unsern Fahnenball zurückgewiesen hatten. Bald jedoch flüsterte man sich in die Ohren, daß sie unser Großmajor mit nächtlichen Besuchen beehre, andere sagten, es sei der Fürst selbst, der sich um die elfte Stunde nachts zu ihnen schleiche, und nun liefen allerlei mysteriöse Gerüchte auf Rechnung dieser Damen um, die das Gespräch der ganzen Stadt waren, bis endlich der Zufall das geheimnisvolle Wesen derselben an den Tag brachte. – Ein Schauspieler vom französischen Theater zu Paris, der nach Montpellier gekommen war, um hier Gastrollen zu geben, erkannte gleich zwei derselben als zwar sehr schöne, aber auch sehr kommune Nymphen des Palais-Royal in Paris. Jetzt war ihre Rolle ausgespielt, und als sie wieder in ihre Loge traten, zischte und pfiff man solange, bis sie sich entfernt hatten, was sie erst dann taten, als der Tumult aufs höchste gestiegen war. Schon am andern Tage waren sie aus Montpellier verschwunden. Es war nun gewiß, daß sie den Fürsten Y., den Großmajor Omeara und einige reiche Gimpel in ihr Netz zu ziehen gewußt und ihnen tüchtig die Federn gerupft hatten. Man lachte viel über diese Aventüre, denn wer den Schaden hat, darf ja für den Spott nicht sorgen. Dies war nicht die einzige Unannehmlichkeit, die dem Fürsten hier widerfuhr, eine weit größere stand ihm noch bevor. Der General, Kommandant zu Montpellier, namens Quesnel, der die neunte Division befehligte, war ein alter Soldat, der von der Pike auf gedient hatte und seinen hohen Grad einzig seinem Mut und seinen Verdiensten verdankte, war sehr unzufrieden mit der Art, wie im Regiment Y. der Dienst versehen wurde, sowie auch mit den Manövern bei dem Exerzieren, weshalb er uns jeden Tag ausrücken ließ und den Übungen selbst beiwohnte. Eines Tages kam, als das Regiment manövrierte, Fürst Y. in einer mit vier Pferden bespannten Kalesche in Begleitung zweier Damen auf dem Exerzierplatz angefahren, wo er aus seinem Wagen den Übungen bequem mit zusah; dies wurmte den alten General, der einen Adjutanten an ihn abschickte mit dem Befehl, der Herr Oberst möge die Güte haben, ihm sein Regiment vorzuführen und dasselbe selbst zu kommandieren. Fürst Y. mußte nun wohl oder übel aussteigen, und da er kein Reitpferd bei der Hand hatte, das Regiment zu Fuß anführen. Er hatte von Natur eine unangenehme und gellende Stimme ohne Kraft und Ausdruck beim Kommando, so daß man ihn bisweilen nicht recht verstand, wodurch dann Irrtümer entstanden; auch war er nichts weniger als kapitelfest in den Evolutionen. Ärgerlich, sozusagen jetzt par ordre du Mufti kommandieren zu müssen, verlor er ganz die Geistesgegenwart und machte einige arge Verstöße, die der General aber nicht sogleich inneward, weil er das deutsche Kommando nicht verstand; bald aber sah er doch ein, daß die Fehler vom kommandierenden Oberst ausgehen müßten und stellte diesen deshalb zur Rede. Fürst Y. replizierte etwas unbesonnen, worauf Quesnel ein französisches Donnerwetter losließ, ihm zu schweigen gebot, und da er dies nicht sogleich befolgte, ihm befahl, sich auf der Stelle in Arrest zu verfügen. Seine Durchlaucht wurden nun blaß, wollten mehrmals etwas entgegnen, aber der General drohte ihm, glühend rot, daß, wenn er nicht sogleich ginge, er ihn par la force armée, das heißt mit der Wache abführen lassen werde. Hier blieb nun nichts anderes übrig, als Ordre zu parieren, wollte man sich nicht noch größeren Fatalitäten aussetzen und wohl gar ein Kriegsgericht passieren sehen. Mit dem Ausruf: „Dies einem souveränen Fürsten!“ entfernte sich Y. zu Fuß, um acht Tage strengen Zimmerarrest anzutreten, und die in dem Wagen sitzenden Damen, die dem ganzen Skandal beigewohnt hatten, fuhren ganz verstimmt und unter dem Hohnlachen der Soldaten in dem vierspännigen fürstlichen Wappenwagen vom Exerzierplatz heim. Als die Zeit des Arrests um war, stellte sich Y. noch mehrere Tage krank, mußte aber endlich dennoch in den sauern Apfel beißen, dem bösen General aufzuwarten, um sich zu melden, den er zu seiner großen Freude seinerseits an einem Halsgeschwür wirklich krank darniederliegend fand.

Der Fürst erschien nun wieder bei der Parade, wo er aber gleich das erstemal noch eine Fatalität anderer Art hatte. Es fanden sich bei derselben jedesmal eine Menge Zuschauer, meistens aus den unteren Klassen des Volks, ein, hauptsächlich, um der Musik zuzuhören; diese Leute drängten sich aber oft so unverschämt dicht an die aufziehende Wachtmannschaft heran, daß dieser kaum mehr Raum zum Abschwenken mit Pelotons übrigblieb. Der die Wachtparade kommandierende Bataillonschef, ein gewisser Brüge, ein Elsässer, wollte das Volk mit Schreien und Schimpfen zurückgehen machen, man lachte ihm aber ins Gesicht und drang noch frecher vor. Brüge ließ nun mit Sektionen abschwenken, so daß die Soldaten rasch in die Haufen drangen, die nicht schnell genug zurückweichen konnten, und Brüge rief ihnen dabei noch auf deutsch zu: „Tretet die Hundsfötter, die nicht weichen, nieder!“, so daß es beinahe zu einem Handgemenge zwischen den Soldaten und dem hier so bösartigen Volk gekommen wäre, aus dem mehrere der Kecksten vortraten und den kommandierenden Offizier förmlich herausforderten. Glücklicherweise trat Düret hinzu, der so ziemlich das Patois dieser Menschen sprach, und dem es gelang, die fatale Sache friedlich beizulegen. Aber der General, dem der Vorfall rapportiert wurde, ließ dem Fürsten abermals einen Verweis zukommen und schickte den Bataillonschef Brüge vier Tage in Arrest.

In meiner Wohnung lebte ich indessen ganz behaglich, ich hatte auch die Kost bei den Damen, und wir führten mit noch einigen andern Bekannten derselben bisweilen kleine französische Lustspiele und Vaudevilles im Gartensalon, aber möglichst geheim, auf, wobei nur wenige Eingeweihte als Zuschauer zugelassen wurden. Ich fand dies um so nötiger, als Fürst Y. früher einmal bei der Parade zu mir gesagt hatte: „Nun, wie steht’s mit unserm Theater, werden Sie bald wieder etwas zum besten geben? Sie können auch nächstens wieder Ihre Vorlesungen bei mir beginnen.“ Worauf ich erwidert hatte: „Durchlaucht, ich stehe zu Befehl!“ Nach dem Vorfall mit der Verteuil war aber von dem allem keine Rede mehr, ob ich gleich überzeugt war, daß mich Fürst Y. während seinem Arrest und seiner wirklichen oder fingierten Krankheit gerne wieder zum Vorlesen gehabt hätte.

So lebte ich denn noch einige Zeit so ziemlich sorglos und unbekümmert, obgleich in Ungnade gefallen, in den Tag hinein, versah meinen Dienst, bezahlte aber meine meisten Wachen, ausgenommen die, welche mich an den Justizpalast kommandierten, wo ich mich amüsierte, weil ich dann immer den öffentlichen Verhandlungen der Tribunale beiwohnte, die oft im höchsten Grad unterhaltend und komisch waren, besonders wenn sie Ehestandszwistigkeiten, Liebesintrigen und so weiter betrafen, wo dann jedesmal die Frauen die große Mehrzahl des Auditoriums ausmachten und sich desto besser unterhielten, je größer der Skandal war, auch ihre Gesichter eine ungeheure Heiterkeit überzog. Aber bald wurde ich durch ein Ungewitter, das sich über meinem Haupt zusammenzog und plötzlich losbrach, an dem ich freilich zum Teil selbst große Schuld trug, aus meinem Schlaraffenleben aufgeschreckt. Ein berühmter Sänger von der Academie imperiale in Paris gastierte hier, und solange er weilte, wurden nur Opern aufgeführt, während das Schauspiel unterdessen Vorstellungen zu Cette gab. Seine Durchlaucht war noch immer mit der Verteuil liiert, während ich jetzt einer jungen, aber recht hübschen Novize, die sich erst seit kurzem Thaliens Dienst gewidmet, den Hof machte. Demoiselle Angely hatte ein allerliebstes Stumpfnäschen à la Roxellane, war dabei ein sehr ausgelassenes, wildes und naseweises Ding, das seine Launen hatte, die Spröde spielte, aber für die Soubretten im Lustspiel ganz geschaffen war. Wenn ich glaubte, sie endlich ganz gewiß festzuhalten, war sie mir wieder entschlüpft, und schon öfters hatte ich bis Mitternacht bei ihr zugebracht, ohne etwas mehr als einige Küsse, und diese nur sparsam, erlangen zu können. Jedesmal ging ich verdrießlich mit leeren Versprechungen, die sie mir nebst einem Kuß beim Abschied für den folgenden Abend gab, und nie hielt, von ihr weg, mir vornehmend, das eigensinnige Mädchen ganz aufzugeben; diesen Vorsatz führte ich auch immer mit großer Festigkeit bis zum nächsten Abend aus, wo ich dann wieder das alte Spiel von neuem mit ebenso geringem Erfolg begann, mich über mich selbst ärgernd, eine solche Schmachtfahne geworden zu sein, und mich obendrein noch so an der Nase herumführen zu lassen. Endlich versprach mir Brigitte Angely, im Begriff auf mehrere Tage mit dem Schauspiel nach Cette zu fahren, daß, wenn ich sie dort besuchen wolle, sie mich gewiß erhören würde. Da ich ihr nicht traute, so sagte ich sehr ernst: „Ich will nicht hoffen, daß Sie mich wieder zum besten haben und mich vergeblich nach Cette sprengen wollen, was böses Blut setzen könnte.“ Mit einem, durch einen feurigen Kuß besiegelten: „Nein, gewiß nicht!“ beteuerte sie dieses, und ich dachte, es ist eine von den närrischen Launen des Mädchens, daß sie mich nur in Cette und nicht in Montpellier beglücken wolle, warum, das mögen die Götter wissen, und versprach ihr, schon den kommenden Tag zu folgen. Nach der Parade bat ich meinen Kapitän um zwei Tage Urlaub, die er mir auch gewährte, doch dabei bemerkte, daß es auch der Einwilligung des Fürsten bedürfe, wie ich wohl wisse, die er aber selbst einholen wolle. Seine Durchlaucht lagen aber gerade diesen Tag wieder an ihrem alten Übel, dem Podagra, darnieder, Saint Jüste wurde nicht vorgelassen, hatte mein Anliegen dem Kammerdiener mitgeteilt, der ihm die Antwort brachte, der Fürst könne sich in diesem Augenblick nicht mit Dienstsachen befassen, er würde später darüber Bescheid geben. Am folgenden Tage, an dem ich Brigitten nach Cette zu kommen versprochen, war noch nichts entschieden, der Fürst kam nicht zur Parade, ich hatte mir schon ein Pferd gemietet, bat meinen Sergeant-Major, daß, wenn ich bei den Appellen fehlen würde, er sagen möge, daß ich mich krank gemeldet habe, was er mir versprach. Ich ritt nun in gestrecktem Trabe nach Cette, wo ich jetzt das Meer in seiner unendlich scheinenden Unermeßlichkeit zum erstenmal ganz in der Nähe bewunderte und dann die Angely aufsuchte, die zu meinem Erstaunen sich mit der Verteuil in derselben Wohnung, und zwar so eingemietet hatte, daß beide in demselben Zimmer schliefen, worüber ich ihr während der Vorstellung Vorwürfe hinter den Kulissen machte, die sie aber mit einem: „Was tut das, lassen Sie mich nur machen“ beantwortete. Wir soupierten nun à trois, die Verteuil schien von der besten Laune beseelt, welche spanische Feuerweine noch vermehrten, und machte Witze auf Kosten des Fürsten Y. Nach dem Souper schlug sie vor, die herrliche stille Mondnacht zu einer kleinen Spazierfahrt auf der See zu benutzen, was mir, der ich noch nie auf dem Meere gefahren, ganz willkommen war. Wir suchten einen Schiffer an dem Hafen auf, der uns mit einem Gehilfen in die gerade ganz spiegelglatte See, wie sie nur am Mittelländischen Meer zu finden ist, und in welcher die silbernen Mondstrahlen sich herrlich spiegelten, eine ziemliche Strecke fuhr. Die ganze Natur war so still und ruhig, daß es uns schien, als seien wir die einzigen lebenden Wesen in derselben, man hörte kein anderes Geräusch als das Niederschlagen der beiden Ruder unserer Barke. Brigitte wurde ganz gegen ihre Gewohnheit ernst und stille, sprach wenig, seufzte sogar bisweilen, und schmiegte sich fest an mich, während ich sie mit dem linken Arm umschlang. Die Verteuil lächelte etwas ironisch und fragte die Ruderer, ob sie kein languedozisches Lied zu singen wüßten, was diese bejahten und gleich das in dieser Gegend so beliebte ‚La Nisada d’amour‘, das mit den Worten: ‚Connonyssés la bella Liseta‘ beginnt, anstimmten. Nach einer guten halben Stunde fuhren wir wieder ans Land und begaben uns in unsere Wohnung zurück, wo sich die Verteuil in das eine Bett und die Angely in das andere, in einem Alkoven stehende verfügte, während ich mich angekleidet auf eine Ottomane warf, als aber die Lichter gelöscht waren, in den Alkoven schlich, wo man mich mit offenen Armen, jedoch ganz leise ein „Pst, Pst!“ lispelnd, empfing. Erst als es zu spät war, erkannte ich, daß es die Verteuil war, die ich umschlungen hatte, ließ aber nicht merken, daß ich den Betrug entdeckt, und schlich mich nach Mitternacht, als ich sie eingeschlafen glaubte, davon und an das andere Bett, dessen Inhalt gleichfalls schlief, und den ich mit Küssen bedeckte, auch schlaftrunken wieder geküßt ward und endlich wahrnahm, daß es – wieder die Verteuil war, die ich umarmte. Es war, wie ich nun wohl einsah, eine abgekartete Sache zwischen den Damen, mich so zu foppen, aber ich nahm mir fest vor, die schelmische Brigitte dafür à tout prix zu bestrafen, ging gegen Morgen auf mein Zimmer, das Gemach der Aktricen verschließend und den Schlüssel zu mir steckend. Angekleidet warf ich mich nun auf mein Bett, schlief bald ein und – verschlief den halben Morgen, denn ich bedurfte der Ruhe. Als ich erwachte und nach der Uhr sah, die schon zehn zeigte, fiel es mir heiß ein, daß ich eigentlich ohne Urlaub von Montpellier fort sei und mir dies einen schlimmen Handel bei der ungnädigen Stimmung des Fürsten gegen mich zuziehen könne, wenn es an den Tag käme, daß ich die Nacht in Cette zugebracht. Ich ließ also eilig mein Pferd satteln und jagte, ohne Abschied von den noch Eingesperrten zu nehmen und den Schlüssel ihres Gemachs bei mir behaltend, ventre à terre nach Montpellier, um womöglich noch zu rechter Zeit zur Parade einzutreffen; aber ich hatte mich verrechnet, der elende Mietgaul hielt das tolle Rennen nicht aus und stürzte, als ich noch nicht den halben Weg zurückgelegt hatte, keuchend unter mir zusammen. Ich raffte mich und dann die Mähre nicht ohne große Mühe auf, führte sie im langsamen Schritt, jeden Augenblick fürchtend, daß sie auf der Stelle liegen bleiben würde, bis zum nächsten Dorf, wo ich mir so schnell als möglich einen Karren verschaffte und auf diesem den Rest des Wegs, wenn auch à forçe des pourboires, ziemlich rasch, doch immer noch viel zu langsam, zurücklegte, denn als ich zu Montpellier ankam, war die Parade längst vorüber und alle Donner gegen mich losgelassen; der erboste Fürst wähnte nicht anders, als ich sei der Verteuil zu Gefallen nach Cette, weshalb er auch Saint Jüste so abfertigen ließ, als dieser Urlaub für mich begehrte. Fürst Y. hatte wenigstens insofern recht, als sie ganz gegen meinen Willen und mein Wissen in meinen Armen eine Untreue gegen ihn beging. Als ich in meiner Wohnung ankam, erfuhr ich von meinen Wirtinnen, daß schon dreimal ein Unteroffizier nach mir gefragt und zuletzt mein Kapitän selbst gekommen sei, sich nach mir zu erkundigen, und daß er, als man ihm gesagt, daß man mich seit dem gestrigen Mittag nicht gesehen, geäußert habe: „Das wird eine saubere Geschichte werden.“ Dies waren böse Omen; ich ging nun sogleich in die Kaserne zu meinem Sergeant-Major, von dem ich erfuhr, daß er Ordre habe, mich sofort nach meiner Ankunft in den Salle de police der Unteroffiziere zu bringen, was er auch vollzog, und wohin ich ihm, meinen Degen abschnallend, ganz geduldig folgte. Ich traf dort ein halbes Dutzend Kameraden, unter denen noch zwei Kadetten für Disziplinarvergehen verhaftet waren, welchen ich sogleich die bien venue spenden mußte. Bald darauf erschien auch mein Kapitän, der mich beiseite nahm und mir verkündete, der Fürst sei im höchsten Grad aufgebracht gegen mich, denn er wisse, daß ich ohne Urlaub mit der Verteuil nach Cette gefahren, daß ich bei den Appellen und der Parade gefehlt und mich habe krank melden lassen, während ich des parties de plaisir mit Aktricen ausgeführt, und ich müsse mich auf seinen ganzen Zorn gefaßt machen, was ich in der Erwartung der Dinge, die da kommen würden, tat. Am andern Morgen brachte mir der Fourier der Kompagnie das Ordrebuch, in welchem ich las: ‚Der Kadett Fröhlich ist seines Grades als Sergeant verlustig und bis auf weitere Ordre wegen vierundzwanzigstündiger unerlaubter Entfernung aus der Garnison und Dienstvernachlässigung in strengem Arrest zu behalten.‘ Wäre ich noch zur Parade eingetroffen, so hätte der Fürst von meiner Abwesenheit nichts erfahren, aber als ich da fehlte, schickte er ein- über das anderemal in mein Quartier. Ist der Teufel einmal los, so ist er es auch gewöhnlich in allen Ecken. Jetzt meldete sich auch der Eigentümer des Pferdes, das ich gemietet hatte, und das ihm der Bauer zugeführt, dem ich diesen Auftrag nebst sechs Livres gegeben, und verlangte nicht weniger als sechshundert Franken für den Gaul, den man ihm ganz unbrauchbar und halb tot zurückgebracht habe. Er war zu meinem Kapitän gegangen, der mir riet, die Sache gütlich mit ihm abzumachen, damit das Feuer nicht noch mehr geschürt würde; ich schrieb nun an die Herren Michel und Gayral, an die ich empfohlen war, dieselben bittend, diese Sache aufs beste zu arrangieren, und sie fanden sich mit der Hälfte der Summe, die er gefordert hatte, mit dreihundert Franken, mit dem Spitzbuben ab. Das Pferd war keine hundert wert. Aber, was noch das ärgste war: der Fürst schrieb oder ließ an meine Eltern schreiben und malte diesen ein schreckliches Bild von meiner Aufführung aus, machte ihnen Vorwürfe, daß sie mir so viel Geld zukommen ließen, denn ich vertue dreimal mehr, als die Gage eines Kapitäns erster Klasse betrage, meine Konduite sei dabei abscheulich (nicht abscheulicher war sie als die Seiner Durchlaucht selbst, oder noch viel weniger abscheulich), ich versäume den Dienst und so weiter. Hieran erhielt ich sehr bald ein nicht minder fulminantes Schreiben von Haus, in dem man mir mein Betragen vorwarf und mir ankündigte, ich habe mich in Zukunft mit der mir bewilligten Zulage von hundert Franken monatlich zu begnügen und man werde Ordres an die Bankiers geben, daß mir keiner etwas darüber auszahlen dürfe, ich solle mein ausschweifendes Leben einstellen, sonst würde man ganz seine Hand von mir abziehen und so weiter. In Frankfurt hatte man die Sache noch weit mehr ausgeschmückt und vergrößert, da war ich kassiert und Gott weiß was alles worden, während das Abnehmen eines Unteroffiziergrades, oder Zurücksetzung um einen Grad, oder Suspension eine sehr gewöhnliche Disziplinarstrafe bei den Franzosen und besonders in unserm Regiment war, wo dies oft sogar von den Kapitäns, oder doch auf deren Antrag geschah. Ich beantwortete den Brief meines Vaters so gut ich vermochte, ihm die Sache mit Auslassung gewisser Punkte auseinandersetzend. Vierzehn Tage waren schon beinahe verflossen und ich noch immer im Arrest, ohne zu wissen, was am Ende daraus werden solle. Fürst Y. war bereits wieder nach Paris und von da mit Urlaub nach Deutschland gereist, und das Regiment sollte ihn nicht wieder zu sehen bekommen, als eines Morgens mein Bataillonschef Düret in das Arrestzimmer trat und mich mit lachender Miene fragte: „Eh bien en avez – vous assez?“ Ein Seufzer war meine Antwort. Er nahm nun ein Papier aus einem Portefeuille und übergab es mir mit den Worten: „Tenez lisez, cela vous consolera.“ Ich öffnete es, es war meine Ernennung zum Unterleutnant, die ich mit Staunen las. „Sie können von Glück sagen,“ fuhr Düret fort, „denn wären Sie nicht schon vor einigen Monaten vom Fürsten vorgeschlagen worden, jetzt würde es sicher nicht so bald geschehen.“ Diese Nachricht erfüllte mich auf einmal wieder mit Freude und frohen Hoffnungen, ich verließ mit Düret den Salle de police, war frei und Offizier nach wenig Monaten Dienst, und eilte in meine Wohnung, wo mich meine hübschen Wirtinnen recht freundlich mahnend empfingen, indem sie sagten: „Dies sind die Folgen, wenn man das mauvais sujet mit Aktricen macht.“ Ich schrieb jetzt schnell die gute Nachricht nach Haus, ließ mir ein paar Epauletten von dem Kapitän d’Habillement geben, und den andern Tag rückte das Regiment aus, dem ich mit noch vier andern Kadetten, unter denen auch Prinz Santa-Croce, die ebenfalls zu Offizieren avanciert waren, ‚au nom de S. M. l’Empereur et roi Napoleon I.‘ unter dem Wirbeln der Tambours und dem klingenden Spiel der Musik als Offizier vorgestellt, von dem Bataillonschef und meinen Kameraden umarmt wurde; ich wähnte nun einen Riesenschritt zum Marschallsstab getan zu haben. Omeara, der nach der Abreise des Fürsten die Funktionen des Obersten versah, lud uns zu einem Diner ein, ebenso General Quesnel, an den ich mir schon vorgenommen hatte zu schreiben, um ihn um Befreiung aus meinem Arrest zu bitten, aber so war es besser. Auch die beiden Damen, die an der ganzen Geschichte schuld waren, suchte ich gleich auf, um mich ihnen als Offizier zu präsentieren, wurde aber von diesen mit Vorwürfen empfangen, weil ich sie eingesperrt, ohne Abschied verlassen und sogar den Zimmerschlüssel mitgenommen habe, weshalb sie die Probe versäumt und einen Schlosser hätten müssen kommen lassen, sie zu befreien; es sei mir daher ganz recht geschehen, daß ich gestraft worden, denn auch sie hätten wegen der Versäumnis Strafe zahlen müssen. Ich aber stopfte Brigitten den Mund mit Küssen, sagte ihr, daß sie wohl wissen müsse, daß sie noch in großer Schuld bei mir stünde, und ich auf Berichtigung dränge. Alle ausgestandenen Leiden waren jetzt rein vergessen, aber das lange Einsetzen ohne Bewegung hatte doch meine Gesundheit angegriffen, und ich machte eine nicht ganz unbedeutende Krankheit durch, während welcher mich meine gutmütigen Wirtinnen recht sorgsam pflegten.

Kaum war ich genesen, erhielt das Regiment Marschordre, und zwar so, daß das erste und zweite Bataillon nach Toulon und die beiden andern nach Marseille gewiesen wurden. Den Tag vor unserm Abmarsch erreichte ich noch meinen Zweck bei der Angely, halb durch Überrumpelung, halb durch Überredung, auch sagte sie mir, daß sie bereits mit dem Direktor des Theaters zu Toulon in Unterhandlung stehe, dort ein vorteilhaftes Engagement zu erhalten hoffe, und gab mir deshalb ein Schreiben an denselben mit, mich bittend, mich in Toulon für ihre Angelegenheiten zu interessieren, was ich versprach. Es war vielleicht mit ein Grund ihrer endlichen Ergebung. Den andern Morgen marschierte ich mit dem Bataillon nach Toulon ab.

Wir kamen wieder über Lünel, Nimes, bis Tarascon zurück und den vierten Tag in Saint Remy an. An römischen Altertümern fehlte es hier so wenig, wie in der ganzen Gegend. Ein halb in Ruinen vor der Stadt liegender Triumphbogen, ein noch gut erhaltenes Mausoleum, fünfzig Fuß hoch, dessen Basreliefs meisterhaft dargestellte Schlachtstücke bilden, sind die bemerkenswertesten, auch viele römische Münzen, Urnen und so weiter werden fortwährend hier gefunden. Saint Remy ist die Vaterstadt des berühmten Astrologen und Leibarztes Karl IV., Nostradamus, dessen Prophezeiungen noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bei Galeerenstrafe und Bann verboten waren, weil er den Untergang des Papstes geweissagt hatte; aber gerade das vom Heiligen Stuhl neuerdings ausgegangene Verbot machte die Leute wieder auf dieses Werk aufmerksam, von dem ein Exemplar sogar für zweitausend Livres verkauft wurde. Von Saint Remy marschierten wir in das kleine Städtchen Orgon; die nächste Etappe nach dem Städtchen Lambeß war nicht von Bedeutung, auf diese aber folgte Aix, das alte Aquae Sextiae. Aix war die erste Kolonie in dem römischen Gallien. Zur Zeit Karl Martels von den Arabern verwüstet, aber von den Grafen der Provence wieder hergestellt, war sie im Mittelalter deren Hauptstadt. Diese hielten hier einen glänzenden Hof, an dem sich die berühmtesten Troubadours befanden. Unter René, der den Titel eines Königs von Jerusalem und Sizilien führte, und 1480 als Graf von Provence starb, blühten Wissenschaften und Künste aufs höchste in Aix; er war es auch, der die hiesige so berühmte und berüchtigte Fronleichnamsprozession einführte, die eine der seltsamsten Merkwürdigkeiten dieser Stadt ist. Die Teufel und heidnischen Gottheiten spielen dabei eine große Rolle. Das ganze soll den Sieg des Christentums über das Heidentum darstellen, dessen letzter Tag gekommen ist, und das vor der aufgehenden Sonne gleich der Finsternis der Nacht verschwindet. Das Fest beginnt schon mit dem Sonntag Trinitatis und dauert mehrere Tage. Der ganze Olymp und die halbe Hölle figurieren bei diesem religiösen Mummenspiel. Ein alter Küster übernimmt gewöhnlich die Rolle des Zeus und hat ein Bündel Blitze von Goldpapier in den Händen; seine Gattin, die Frau Juno, ist ein derber Bäckergeselle; die Venus stellt meistens ein klapperdürres Schneiderlein und den Vulkan ein rußiger Fleischer dar; ein dicker Fleischersjunge macht den Schalk Amor und führt statt der Pfeile ein blankes Schlachtmesser; die keusche Diana ist nicht selten ein rauhbärtiger Matrose und Mars ein invalider Krieger und so weiter. Abends gegen zehn Uhr verlassen sämtliche Götter ihren Olymp, das heißt, das Rathaus, auf dem sie sich versammelten, und ziehen nun beim Fackelschein mit Pauken und Trompeten, Zimbeln und Trommeln durch alle Hauptstraßen der Stadt. Diesen Götterzug verkündigt eine zu Pferde vorausreitende Fama, der Merkur, Pluto, Proserpina, Momus, Charon und drei Höllenrichter, sämtlich beritten, folgen; nach ihnen kommt der christliche Fürst der Finsternis mit ein paar Dutzend christlicher Teufel, dann kommen Furien, Hexen, Faunen, Nymphen und so weiter, alles durcheinander, die beim Klang der Schalmeien, Sackpfeifen und Basquen tanzen. Bacchus sitzt auf einem ungeheuern Faß, Mars und Minerva, Apoll und Diana, Vesta und Cybele und so weiter reiten phantastisch geschmückte Rosse, während Ihre Majestäten Jupiter und Juno, von der Frau Venus und ihrem Söhnchen begleitet, in einem vergoldeten, mit vielen bunten Laternen erleuchteten Wagen fahren. Die unseligen Parzen auf rabenschwarzen Tieren, und Tambourin spielende und dabei tanzende Höllengeister schließen den Zug.