Am Morgen des Fronleichnamsfestes versammeln sich in aller Frühe die zum biblischen Zuge gehörigen Personen. Ein König, im Kostüm des Kreuzkönigs der Spielkarten, erscheint an der Spitze von einem Dutzend großer, hochgehörnter und langgeschwänzter Teufel. Vier Teufelchen folgen, Bocksprünge machend, einem Engel, der eine gerettete Seele an der Hand führt, dann kommt das goldene Kalb, durch eine mit Goldpapier geschmückte große Katze vorgestellt, ihm folgt ein zweigehörnter Moses mit den Gesetztafeln, Aaron, die Königin Saba und Herodes mit einem Trupp von mehr als hundert weißgekleideten Kindern, welche von Zeit zu Zeit durch mit Keulen von Pappendeckeln oder Beilen von Blech bewaffnete, blutrot gekleidete Henker niedergeworfen werden und sich dann im Kot oder Staub, je nachdem das Wetter ist, heulend und winselnd wälzen; auch wird sogar auf sie geschossen. Petrus, Judas, Johannes der Täufer im Schafspelz und Christus unter dem Kreuz keuchend, die Schächer und Pharisäer und Pontius Pilatus fehlen nicht. Diesen Zug, der sich nach beendigter Messe aus der Hauptkirche durch die Stadt bewegt, schließt ein lebendig Toter, in ein Leichengewand gehüllt, eine Sanduhr auf dem Haupt und eine Riesensense von blankem Blech in der Hand. Die Teufel werden beständig mit Weihwasser besprengt, damit sich der wirkliche Teufel, Satanas selbst, nicht unter sie mischen kann, wie sich dies einmal zugetragen haben soll; auch einige Teufelinnen befinden sich bei der Prozession, und alle sind mit Schellen behangen. Wenn der vom Teufel verfolgte König aus der Kirche tritt, fallen sie über ihn her, stoßen und stechen ihn mit Mistgabeln oder Spießen, Seine Majestät schlägt aber mit einem großen Szepter wütend um sich und versetzt den Gehörnten eins, wo und wie er kann. Auch die arme Seele hat viel von den kleinen Teufelchen zu leiden, die sie fortwährend zu haschen suchen, aber der mit einem gelbblechernen Heiligenschein und goldenen Flügeln geschmückte Engel nimmt sie in Schutz, wobei er doch manchen derben Schlag von den Teufeln erwischt. Das ganze Fest endigte mit Spiel und Tanz; ein Teufelstanz, ein Tanz der Aussätzigen, einer von gräßlichen Ungeheuern, halb Menschen, halb Pferde von Pappe, vermutlich Zentauren vorstellend, wurde dabei aufgeführt. Während der Revolution und der Republik (von 1790 bis 1803) unterblieben diese grotesken Feierlichkeiten, aber als die christliche Religion wieder Mode in Frankreich ward, wurden auch sie wieder mit erneuertem Glanz und großem Aufwand fortgesetzt, wie ich später zu sehen Gelegenheit hatte.

In Toulon galt mein erster Weg dem Zeughaus. Dies ist wieder ein für sich bestehendes Ganzes, das in vielen Abteilungen und Magazinen alle ganz fertigen Gegenstände aufbewahrt, die zur Armierung eines Kriegsschiffes jeder Größe nötig sind. Da sieht man einen Artilleriepark von tausend Schiffskanonen zwischen kolossalen Pyramiden aus den vertilgendsten Materialien erbaut, nämlich Kugeln, Kettenkugeln, Bomben und Granaten von jedem Kaliber, zwischen Reihen von Kanonen, Feldschlangen, Karthaunen, Mörsern und Haubitzen, die in unabsehbaren Linien aufgeschichtet sind. In den Waffen- und Rüstsälen sind unzählige Flinten, Musketen, Karabiner, Säbel, Spieße, Pistolen, Dolche und so weiter, welche oft die zierlichsten und seltsamsten Figuren, wie große Blumenvasen, Weinstöcke, deren Trauben Kartätschen sind, und so weiter bilden, aufgestellt. Im Modellsaal ist eine vollständige Sammlung von Modellen aller möglichen Schiffe, von den ältesten bis auf die neuesten Zeiten, von dem aus einem ausgehöhlten Baumstamme bestehenden Kahn des Wilden an, bis zu dem mit allem Luxus und aller Kunst ausgerüsteten Admiralschiff von hundertundzwanzig Kanonen, ebenso Flöße, Maschinenwerke und so weiter.

Eine andere Sehenswürdigkeit dieses einzigen Arsenals ist das von dem berühmten Ingenieur Grognard erbaute Bassin, welches am Ende des großen Zimmerplatzes, ganz nahe an der See, liegt, in welchem sowohl neue Schiffe erbaut, als alte ausgebessert werden. Sobald sie fertig, holt sie das nun eingelassene Meerwasser ab und führt sie in den Hafen. Grognard hatte mit unendlichen Schwierigkeiten und Hindernissen, die ihm sowohl Natur als Neid, Mißgunst und Eigennutz von allen Seiten in den Weg legten, zu kämpfen, bevor er dieses bewundernswürdige Werk zustande brachte. So oft man ein Schiff aus diesem großen Bassin holen oder in dasselbe führen will, wird letzteres mit Seewasser angefüllt, das, wenn man dessen nicht mehr bedarf, durch, von einem halben Hundert Galeerensklaven in Bewegung gesetzte, Pumpen in einer Zeit von sechs bis acht Stunden wieder fortgeschafft wird. In den Häfen des Atlantischen Meeres und der Nordsee ist dies unnötig, weil dort die Natur mit Hilfe der Ebbe und Flut die Schiffe von selbst holt und bringt.

Während unsers Aufenthalts in Toulon sah ich einen Dreidecker von hundertzwanzig Kanonen, den ‚Commerce de Paris‘, eine neue Fregatte und eine Brigg vom Stapel laufen, was immer die Veranlassung zu einer großen Feierlichkeit gibt; das Schiff ist auf das bunteste beflaggt und bewimpelt, viele Personen und geladene Gäste befinden sich auf demselben, nebst einer rauschenden Musik, die, während es losgelassen wird, Kriegsmärsche spielt. Wenn es glücklich im Meer angekommen ist, endigt das Ganze mit Tafelfreuden und Tanz auf dem Schiff, wobei auch Matrosen und sonstige Arbeiter, selbst die Galeerensträflinge, mit doppelten Portionen bedacht werden.

Bevor dieses Bassin vorhanden, war es eine sehr gefährliche Operation, ein so ungeheures Schiff vom Stapel laufen zu lassen, besonders für diejenigen, die die vordersten Stützen desselben wegschlagen mußten, da alsdann das Schiff sogleich pfeilschnell abrutscht. Zu dieser lebensgefährlichen Operation nahm man gewöhnlich einen lebenslänglich verurteilten Galeerensklaven, der, unter der Bedingung, daß, wenn er sie glücklich vollbrachte, seine Freiheit erlangte, sich freiwillig dazu verstand. War er nicht rasch und gewandt genug, um mit einem großen Sprung außer dem Bereich des furchtbar schnell dahinschießenden Schiffes zu kommen, so konnte leicht der Kiel desselben über seinen Körper gehen und ihn so zermalmen, daß kaum noch eine Spur von seinem Dasein zu finden war.

Diese Galeerensklaven, deren Zahl in Toulon in der Regel über viertausend beträgt, von denen wenigstens ein Dritteil auf Lebenszeit verurteilt ist, haben zwar ein hartes Geschick, das jedem Menschen, in dem noch ein Funken Gefühl vorhanden ist, furchtbar, ja unerträglich sein würde; aber die hierher verurteilten Verbrecher sind meistens völlig gefühllos und durch und durch verhärtet, wie es die oft stupid greulichen Physiognomien der Mehrzahl andeuten, und ist erst ein Mensch ein paar Monate auf dieser Hochschule aller Laster und Verbrechen, dann ist gewiß auch der letzte Funken von Ehre und Gefühl für immer in seiner Brust erstickt. – Aus dieser ebenso unsinnigen als scheußlichen Strafanstalt rekrutieren sich fortwährend die Raub-, Mord- und Diebesbanden durch die wieder frei gewordenen oder entwischten Sträflinge, die Paris und ganz Frankreich zu vielen Tausenden investieren, die empörendsten Verbrechen begehen, da ihnen Raub und Mord Kleinigkeiten und sie gewöhnt sind, immer alles an alles zu setzen, und die den Aufenthalt in der Hauptstadt so gefährlich machen. Sie sind teils in alten Galeeren und Schiffen eingesperrt, teils in den Bagnos (besondere zu diesem Zweck erbaute schmale und lange Säle), wo sie auf zwei Reihen Pritschen oder langen Bänken, zwischen denen ein schmaler Gang hinführt, je zwei und zwei aneinandergekettet, liegen. Jeder hat gerade so viel Raum, als er zur höchsten Notdurft bedarf, um liegen zu können; des abends werden sie noch mit besondern Ketten angeschlossen, die gerade so lang sind, daß sich der Sträfling bis zu dem nächststehenden Nachtkübel, wohin ihn dann sein Kettenkamerad begleiten muß, begeben kann, seine Notdurft zu verrichten. Das Licht dringt sparsam durch kleine in der Höhe angebrachte, stark vergitterte Fensterchen in die Bagnos, diese faulen und pestartigen Menschenställe, denn so oft auch diese Kübel geleert werden, so sind sie dennoch beständig mit Unrat angefüllt. Auf diesen Pritschen nehmen die Unglücklichen auch ihre elende Nahrung zu sich, die ihnen, gleich dem Vieh, in hölzernen Trögen gereicht wird, und aus den gröbsten Speisen, schwarzem Brot und in Wasser gekochten dicken Saubohnen besteht. Zu ihrer Bedeckung haben sie des nachts einige Fetzen, Rudera von Decken, in denen es von Ungeziefer wimmelt; nicht viel besser ist ihre Kleidung beschaffen.

Die neuen Ankömmlinge, die hierher verdammt sind, werden sogleich in eine Schreibstube des Marinekommissärs gebracht, wo man die sie betreffenden Papiere untersucht, um sich von der Identität ihrer Person zu überzeugen, worauf sie in das Register, aber mit keinem Namen, sondern mit einer Nummer bezeichnet, eingetragen werden. Von hier werden sie zum Baden in ein dazu bestimmtes Gemach gebracht, wo sie andere Forçats völlig entkleiden, in eine hölzerne mit Seewasser angefüllte Bütte legen, mit groben Schwämmen reiben und reinigen und das Wasser mehrmals erneuern, dann werden sie noch von einem Chirurgen visitiert, und sind sie krank befunden oder haben sonst etwas an sich, in das Galeerenlazarett gebracht, um geheilt zu werden. Die Gesunden erhalten nach der Besichtigung des Wundarztes nun ihre Galeerenkleidung, aus einer ganz groben Jacke von rotem Tuch, sackleinwandenen Beinkleidern, nicht viel besseren Hemden, ein paar mit Hufnägeln beschlagenen Schuhen und einer grobwollenen Mütze bestehend, die mit der Nummer des Inhabers bezeichnet und für die auf eine bestimmte Zeit Verurteilten rot, aber für die auf Lebenszeit grün ist, wahrscheinlich eine Satire auf die Farbe der Hoffnung. Auch das Haupt wird ihnen jetzt glatt geschoren.

Diejenigen unter ihnen, welche imstande sind, sich etwas nebenher zu verdienen, irgendein Handwerk, eine Kunst verstehen, oder andere Kenntnisse besitzen, sowie die, welche von ihren Familien eine Unterstützung erhalten, können sich manches Bene tun und ihr Schicksal um vieles erleichtern, namentlich auch ihre Nahrung verbessern. In diesen Bagnos erblickt man die Menschheit in ihrer tiefsten Entwürdigung und Verworfenheit. Die leiseste Bewegung eines solchen Sträflings verursacht ein widerliches Kettengeklirre, man glaubt sich in einer Menagerie wilder Bestien oder angeketteter Raubtiere. Wenn sie zur Arbeit abgeführt werden, sind sie von der Pritsche losgeschlossen, aber bleiben an der Kette, an der sie mit einem Kameraden zusammengeschmiedet sind, die mit einem schweren dicken eisernen Ring an dem einen Fuß befestigt ist und über einen Viertelzentner wiegt. Durch ihre Aufseher und Wächter, Argousins genannt, die mit dicken, knotigen, mit Eisen schwer beschlagenen Stöcken versehen sind, werden sie hinausgeführt und draußen noch von Wachen mit scharf geladenen Gewehren empfangen und begleitet. Das geringste Vergehen oder auch nur eine Miene des Ungehorsams oder Murren wird auf der Stelle durch die Argousins mit ihren Eisenstöcken auf das fühlbarste und ganz nach Willkür bestraft. Für größere Vergehen folgen weit härtere Strafen, vierfache Ketten, doppelte Ringe, enges Schließen, mit den Eisenstöcken wohl aufgemessene Prügel sind die gewöhnlichsten.

Ohne Unterschied ihres frühern Standes und Verbrechens, sind hier alle Stände vermischt aneinandergekettet und repräsentiert. Während meines Aufenthaltes zu Toulon, wo ich oft die Wache am Arsenal hatte, waren Geistliche, sogar ein ehemaliger Bischof, hohe Militärchargen, zwei Generäle, Richter, Notare, Kriegskommissare, Advokaten, Adlige, Kaufleute, Ärzte, Huissiers, Fabrikanten, Künstler, Handwerker, Bauern, Tagelöhner und so weiter alle durch- und aneinander geschmiedet, die freilich Verbrechen der gröbsten Art begangen hatten.

Trotz der strengsten Aufsicht und trotzdem sie, so oft man sie in die Säle zurückführt, bis auf das Hemd durchsucht werden, gelingt es ihnen doch häufig, in den Werkstätten allerlei Dinge zu entwenden und durch ihre Verbindungen mit außen heimlich zu verkaufen. Nägel, Hämmer, Kupfer, Handwerkszeug, Segeltuch und so weiter sind die Gegenstände, die sie vorzugsweise zum Diebstahl reizen; sie hüten sich aber, die gestohlenen Sachen mitzunehmen, sondern verstecken solche in den entlegensten Winkeln der Schiffe oder in der Nähe der Werkstätten, in denen sie arbeiten, und lassen sie dann durch freie Arbeiter, die im Arsenale zu tun haben, mit denen sie im Einverständnis sind und denen sie durch Winke begreiflich machen, wo sie den Raub zu suchen haben, verkaufen. – Gelegentlich stecken ihnen dann die letztern einige Sous dafür zu. Nicht selten wird durch diesen Handel der freie Arbeiter am Ende selbst auf die Galeere geschmiedet. Durch diese Arbeiter unterhalten die Sträflinge auch fortwährend Einverständnisse mit Personen in der Stadt, besonders mit feilen Dirnen, die sie schon früher kannten, und deren es in Toulon wegen der Marine und der Matrosen unzählige der allerverworfensten Gattung gibt, wie in jedem großen Seehafen. Vermittelst solcher Einverständnisse gelingt es nicht selten einem Galeerensklaven zu entwischen; in diesem Falle verbirgt er sich gewöhnlich mehrere Tage bei einer solchen liederlichen Dirne oder in einem andern Schlupfwinkel der Stadt, während, durch Kanonenschüsse in Alarm gebracht, ihn die Gendarmerie und die Patrouillen in der Umgebung suchen, vertauscht seine Sklavenkleidung, in welcher in jedem Stück die Buchstaben Gal groß eingebrannt sind, mit einer andern, welche die Dirne längst für ihn in Bereitschaft gehalten, eilt nach Marseille, Lyon oder Paris, um daselbst seine Laufbahn von neuem, nur mit größerer Virtuosität, mehr Vorsicht und Erfahrung, wieder zu beginnen, denn der Aufenthalt in den Bagnos, wo nicht selten falsches Geld, falsche Abschiede, falsche Pässe, falsche Bankbilletts und so weiter mit erstaunenswerter Kunst und fast nicht zu entdeckender Täuschung verfertigt werden, hat sie ja zu Meistern in den scheußlichsten Lastern und Verbrechen gemacht, und so treten sie als vollendete Schurken wieder mitten unter die menschliche Gesellschaft, der sie ewigen Haß, Rache und Verderben geschworen haben.