Wenn die Sträflinge von der Arbeit zurück in ihre Säle geführt werden, dann ist es ihnen erlaubt, für sich zu arbeiten. Der eine schnitzt allerlei Dinge aus Kokosnußschalen, der andere kopiert Schreibereien, wohl auch Noten, ein dritter verfertigt Dosen, ein vierter macht Tischler- oder Dreherarbeiten, ein fünfter schneidert oder flickt Schuhe und so weiter. Geringere Vergehen werden mit dem Verbot dieser Arbeiten bestraft, was den Sträflingen sehr empfindlich ist, weil sie dadurch die Mittel verlieren, sich ihre Lage zu erleichtern und manches Bedürfnis, als Tabak, ein Glas Branntwein und so weiter befriedigen zu können.

Auf das Signal, das einer der Aufseher mit einer Pfeife gibt, müssen diese Arbeiten augenblicklich aufhören, das Abendgebet wird verrichtet, und jeder legt sich auf das ihm angewiesene Bretterbett nieder, wo ihm ein etwas erhöhter Holzblock zum Kopfkissen dient. – Sobald sie liegen, werden sie durch eine eiserne Stange, die man durch die Fußringe zieht, aneinandergekettet, und Wachen marschieren die ganze Nacht zwischen diesen Pritschen auf und nieder.

Diejenigen Forçats, die zu Prügeln förmlich verurteilt worden sind, erleiden diese auf der sogenannten Bank der Gerechtigkeit, auf die man sie, mit einem Strick umwunden und angebunden, legt, worauf sie die bestimmte Zahl Prügel mit einem gedrehten, in Seewasser eingeweichten Strick erhalten, der die Hiebe weit empfindlicher macht, weil er sich um die Glieder schlingt.

Die zu hoffende Belohnung für ein gutes und gehorsames Betragen macht, daß der Forçat sich mehr deshalb als aus Furcht vor Strafe bemüht, ein solches zu haben. Bei einer guten Aufführung von mehreren Monaten oder nach Jahresfrist verordnet der Chef dieser Strafanstalt, daß man ihn en chaîne brisée tue, das heißt, daß man ihn von seinem Kettenkameraden trenne, er behält dann nur noch die Hälfte der Kette und den Fußring, kann jetzt wieder allein gehen und ist nicht mehr gezwungen, bei allen Verrichtungen auf seinen Kameraden zu warten, was eine außerordentliche Erleichterung ist. Er gehört nun gewissermaßen zu den vertrauten Sträflingen, aus denen man Köche, Barbiere, Krankenwärter in den Lazaretten und sogar Schreiber in den Bureaus macht, man erlaubt ihm, sich eine kleine Matratze anzuschaffen; später bleibt ihnen nur noch der Ring am Fuß, und selbst diesen erlaubt man ihnen mit einem langen Pantalon zu bedecken, sowie das geschorene Haupt mit einer Perücke. Ein entwichener und wieder eingefangener Galeerensklave wird mit einer tüchtigen Bastonade bewillkommt, eine Zeitlang in ein Loch gesperrt, wo kein Tag hineindringt, und seine Strafzeit auf der Galeere verdoppelt. Stirbt ein Sträfling, so wird er von vier seiner Kameraden ohne Ketten, die nur noch einen Ring am Fuß haben, in einem Sarg in das Lazarett der Marine getragen, wo die Wundärzte an seinem Körper ihre Studien machen; wird aber einer wegen neuer, auf der Galeere begangener Verbrechen hingerichtet, was in Gegenwart aller übrigen, die in bloßem Haupte sind und auf den Knieen der Exekution beiwohnen müssen, geschieht, so begraben ihn die grauen Brüder der Büßenden in Toulon, ein Werk der Barmherzigkeit übend. Die kranken Sträflinge werden in dem für sie bestimmten Lazarett gut verpflegt und gewartet. Doch genug über diesen Gegenstand, einen der traurigsten, der die Menschheit berührt.

In Toulon bei der Belagerung durch das Heer der Republikaner zeichnete sich Buonaparte zuerst als geschickter Artillerieoffizier aus. Nach den Begebenheiten vom 31. Mai zu Paris hatte Toulon an dem Aufstand der Marseiller teilgenommen, und mit diesen einverstanden, riefen die Einwohner von Toulon die Engländer herbei und übergaben ihnen Stadt und Hafen. In letzterem lagen damals fünfundzwanzig der schönsten Linienschiffe, mit tausend Kanonen bewaffnet, und im Arsenal war ein unermeßlicher Vorrat von Material jeder Art. Die Verbündeten, Engländer, Spanier, Piemonteser und so weiter, besetzten auch noch die Zugänge und Engpässe, die nach Toulon führen, auf mehrere Stunden in der Umgegend, und namentlich die französischen Thermopylen, das Felsental von Olioulles. Der französische General Cartaux hatte aber bereits dasselbe wieder genommen, und seine Vorposten standen im Angesicht der Stadt, als Buonaparte, Bataillonschef bei der Artillerie, im Hauptquartier zu Beausset ankam, wo man mit dem Projekt umging, die feindlichen Flotten in der Reede zu verbrennen. Den Tag nach seiner Ankunft besuchte er, den Obergeneral begleitend, die zu dem Zweck errichteten Batterien und war nicht wenig erstaunt, als er eine derselben eine Viertelstunde von dem Engpaß von Olioulles mit sechs Einundzwanzigpfündern besetzt fand, die nicht weniger als drei Kanonenschußweiten von den feindlichen Schiffen und zwei von den Ufern entfernt lag. Dabei waren die Soldaten in den umliegenden Bastiden (Landhäusern) rastlos beschäftigt, die Kugeln, welche die Schiffe in Brand stecken sollten, glühend zu machen. Der Kommandant der Batterie entschuldigte diesen Unsinn, vorgebend, daß er auf höheren Befehl handle. – Buonaparte suchte nun einen Park von zweihundert passenden Feuerschlünden und geschickte Leute zu deren Bedienung herbeizuschaffen, und nach Verlauf von wenig Wochen waren sämtliche Batterien so nahe an dem Ufer der Reede aufgeworfen, daß sie die größten feindlichen Schiffe entmasteten und die kleineren zum Teil in den Grund bohrten, daher der Feind genötigt wurde, diesen Teil der Reede zu verlassen. Täglich vermehrte sich nun das republikanische Belagerungsheer, und bald war man imstande, die Belagerung mit allem Nachdruck zu betreiben. Buonaparte, der sich unterdessen genau mit dem Terrain bekanntgemacht hatte, schlug den Angriffsplan vor, dem man die Wiedereinnahme Toulons verdankt und der mit großer Sachkenntnis entworfen war. – Gleich anfangs hatte er erklärt, daß, wenn man nur drei Bataillone auf die Spitze der Vorgebirge Balaguier und Eguillette, wo zwei Forts lagen, brächte, sich die Stadt in vier Tagen ergeben müsse. Dieser Plan wurde aber den Engländern verraten, die sich schnell entschlossen, die hohe Wichtigkeit dieser Position begreifend, sie zu besetzen und eiligst zu befestigen, sogar die Galeerensklaven bei dieser Arbeit verwendend. Durch viertausend Mann ließen sie diese Posten nun besetzen, alles Gehölz in der Umgegend umhauen, und nannten diese Verschanzungen Klein-Gibraltar, weil sie sehr fest und schwer zu nehmen waren. General Cartaux, früher ein Maler, der glücklich gegen die Marseiller gewesen, weshalb ihn die Deputierten des Bergs an demselben Tage zum Brigade- und Divisions-General ernannt hatten, der aber sonst gar kein militärisches Talent besaß, verlor jetzt das Kommando wieder, das man einem General Doppet, einem armen Savoyarden, der früher Advokat und jämmerlicher Rabulist gewesen, übertrug. Dieses Subjekt hatte noch weit weniger Kenntnisse, war dabei ein Feind jedes fremden Talentes und ein gewaltiger Hasenfuß, so feig wie boshaft. Ohne seine Feigheit würde er durch einen sonderbaren Zufall Toulon in zweimal vierundzwanzig Stunden nach seiner Ankunft genommen haben. Die Spanier hatten nämlich einen Mann von den in den Laufgräben vor Klein-Gibraltar liegenden Truppen gefangen genommen und mißhandelten ihn im Angesicht der Franzosen. Diese, darüber wütend, griffen zu den Waffen und liefen im Sturm gegen die feindlichen Schanzen. Als dies Buonaparte sah, eilte er zum General und beredete ihn, diesen zufälligen Angriff und Enthusiasmus seiner Leute zu benutzen, der auch auf seinen Rat alle Reserven in Bewegung setzte, an deren Spitze Buonaparte marschierte. Die Sache schien den besten Erfolg zu haben, als unglücklicherweise an Doppets Seite ein Adjutant, durch eine Kugel getroffen, niedersinkt; da ergreift den Advokat-General ein panischer Schrecken, in seiner Herzensangst läßt er eiligst, und zwar in dem Augenblicke, als die Grenadiere im Begriff sind, in den Eingang der Redouten zu dringen, von allen Seiten zum Rückzug blasen. Die Soldaten, wütend, riefen laut, daß man ihnen Advokaten und Hundsfötter statt Generälen gebe. Doppet wurde zwar abgerufen und zum Henker gejagt, und ein alter, schon mit Wunden bedeckter Soldat, General Dügommier, an dessen Stelle ernannt, aber der beste Moment war verpaßt. Jetzt nahm die Sache jedoch bald eine andere Wendung, und mit großem Eifer bereitete man alles vor, um sich zum Herrn jener Position zu machen. – Der unverständige Haufen, welcher die Wichtigkeit derselben nicht einzusehen vermochte und nicht begreifen konnte, warum man alle Streitkräfte konzentrierte, um ein abgesondertes Fort zu nehmen und nichts gegen die Stadt selbst unternahm, murrte. Alle Schreier in den Klubs beschuldigten die Kommandierenden des Verrats oder doch der Unfähigkeit, man klagte über die lange Dauer der Belagerung, Mangel und Not fing an, sich in der Provence fühlbar zu machen, und die Konvents-Deputierten Freron und Barras schrieben an den Konvent, es sei besser, die Belagerung aufzuheben und das Beispiel Franz I. zu befolgen, der sich bei dem Einfall Karl V. hinter die Dürançe zurückgezogen, worauf die Hungersnot den Feind genötigt habe, die von ihm verwüstete Provence zu verlassen, und der dann mit desto größerem Erfolg angegriffen und geschlagen wurde. Aber kurz nachdem dieses Schreiben, welches die Deputierten später für unterschoben erklärten, nach Paris abgegangen war, befahl Dügommier einen allgemeinen Angriff auf Klein-Gibraltar, in welches Buonaparte nicht weniger als fünftausend Bomben werfen ließ, während dreißig Vierundzwanzigpfünder dessen Brustwehr demolierten. Von dem Flecken La Seine, der in der Reede liegt, läßt Dügommier, ohnerachtet man es ihm mißrät, um Mitternacht bei dem schrecklichsten Sturm und Regenwetter die Truppen in zwei Kolonnen gegen die Verschanzungen marschieren, die aber durch die vor den Redouten placierten Plänkler mit einem sehr gut unterhaltenen Feuer empfangen werden, so daß die erste Kolonne zu wanken beginnt, und Dügommier an ihrer Spitze ruft aus: „Vorwärts! in’s Teufelsnamen, oder ich bin verloren!“; denn das Schafott, das damals jeden geschlagenen General erwartete, schwebte ihm vor Augen. – In diesem Augenblick erklimmt ein junger Artilleriehauptmann namens Muiron, der Buonaparte zugeteilt war und den man mit einem Bataillon Chasseurs absandte, den Berg an der Spitze seiner Truppen und kommt, von der zweiten Kolonne gefolgt und unterstützt, glücklich an dem Fuß des Forts an, springt durch eine Schießscharte desselben, aus der man soeben eine Kanone abgefeuert hat, und während man mit der Wiederladung derselben beschäftigt ist, folgen ihm seine Leute auf dem Fuß und dringen mit ihm in die Schanze. Muiron wird jedoch durch den Bajonettstich eines Engländers schwer verwundet, während die Feinde bei den Geschützen niedergemacht werden, welche die Franzosen sogleich gegen dieselben wenden. Balaguier und Eguillette, jetzt von den Engländern schnell geräumt, werden genommen, worauf eine Batterie und eine Redoute nach der andern in die Hände der Republikaner fällt. Den kommenden Morgen spielte schon mit Anbruch des Tages all das Geschütz der genommenen Redouten auf die Schiffe in der Reede; als aber der englische General Hood von seinem Erstaunen zurückgekommen war und sah, daß die Franzosen Meister dieser Plätze waren, gab er das Zeichen zum Lichten der Anker und zum Verlassen der Reede. Er begab sich sodann noch nach Toulon, um den Einwohnern anzukündigen, daß man die Stadt verlassen müsse, und nach reiflicher Überlegung war der Kriegsrat einstimmig der Meinung, daß man unter diesen Umständen die Festung nicht länger behaupten könne. Man nahm nun in größter Eile Maßregeln, um sich einzuschiffen, und die französischen Schiffe, die man nicht mitnehmen konnte, wurden angezündet und verbrannt, auch das Arsenal, alle Magazine und was zur Marine gehörte, wurden zerstört, vernichtet oder unbrauchbar gemacht. Zu gleicher Zeit machte man den Einwohnern bekannt, daß alle diejenigen, welche nicht in der Stadt bleiben könnten oder wollten, auf den Schiffen der Engländer und Spanier aufgenommen würden. Als dieser Beschluß veröffentlicht wurde, stieg die Bestürzung der Bürger, die eben noch mit ganz Frankreich so etwas für unmöglich gehalten, ja jeden Augenblick die Aufhebung der Belagerung erwartet hatten, auf das Höchste. Noch in derselben Nacht sprengten die Engländer das Fort Poné in die Luft, und eine Stunde darauf steckten sie die französische Flotte, was sie davon nicht fortbringen konnten, in Brand; nicht weniger als zwölf Linienschiffe, viele Fregatten, Korvetten, Briggs und andere Kriegsschiffe wurden ein Raub der Flammen, die in hundert Feuersäulen zumal gen Himmel wirbelten. Ein Augenzeuge hat mir versichert, daß der Anblick dieser vielen brennenden Schiffe mitten in der Reede ein so furchtbar schönes Schauspiel war, daß der, der es nicht gesehen, sich unmöglich eine richtige Vorstellung machen könne. Man glaubte eine im Meer brennende ungeheure Stadt zu erblicken, die Maste mit ihren Tauen schienen eben so viele brennende Türme, zugleich loderten auch die Flammen und Feuersäulen aus dem in Brand gesteckten Arsenale empor, wo die Magazine so viel brennbare Materiale enthielten, daß sie bald ein Feuermeer bildeten, und der ganze Horizont war nur noch eine Rauchwolke, mit Milliarden glühender Funken geschmückt. In der Stadt herrschte unterdessen eine unbeschreiblich grauenvolle, grenzenlose Unordnung, jeder suchte seine teuerste Habe zusammenzupacken, um sich damit auf die englischen und spanischen Kriegsschiffe zu flüchten. Alles lief, schrie, heulte und rannte durcheinander, am Hafen standen Tausende, das furchtbar schöne Schauspiel in der Reede mit verzweiflungsvollen Blicken anstarrend. Die Galeerensklaven suchten diesen Augenblick zu benutzen, sich ihrer Ketten zu entledigen, und die, denen es gelungen war, sich zu befreien, die große Mehrzahl, rannten durch die Straßen Toulons, um in der allgemeinen Verwirrung zu rauben und zu stehlen. Die Franzosen selbst, welche den Feind herbeigerufen, schmerzte es in der Seele, zu sehen, wie so viele teure Gegenstände, viele hundert Millionen an Wert, in wenig Stunden ein Raub der Flammen und vernichtet wurden. Dabei feuerten die Batterien der Republikaner unaufhörlich auf die Reede und schossen viele Boote, die mit den sich zu den Engländern flüchtenden Einwohnern überfüllt waren, in den Grund. – Als endlich die Morgenröte anbrach, sah man die englische und spanische Flotte schon außerhalb der Reede nach den hyerischen Inseln segeln. – Mehrere tausend Familien aus Toulon, welche die Revolutionstribunale zu fürchten hatten und ohne Zweifel, wenn sie geblieben, dem Henkersbeil anheimgefallen wären, waren mit dem Wenigen, das sie in der Eile hatten retten können, den Engländern gefolgt, und doch wurden in den ersten Tagen der Wiedereinnahme der Stadt durch die Republikaner viele hundert Menschen, angeblich als Royalisten, ermordet; auch kam ein Befehl vom Konvent, alle Häuser der schuldigen Geflüchteten niederzureißen, womit man sofort begann. Was von den dreißigtausend Einwohnern, die damals Toulon zählte, zurückgeblieben, etwa zwei Dritteile, war größtenteils die Hefe des Volks und der raub- und mordlustige Abschaum der Stadt, alle besseren Leute waren fortgezogen. – Den anderen Morgen und noch mehrere Tage nach jener grauenvollen Schreckensnacht sah man, wie mir derselbe Bürger erzählte, mehr als tausend Leichname, Engländer, Franzosen und Spanier, Männer, Weiber, Kinder und Säuglinge, zum Teil schrecklich verstümmelt, auch viele abgerissene Gliedmaßen, in der Reede und dem Hafen schwimmen. Man fischte sie nach und nach auf und begrub sie in ungeweihter Erde.

Die Nachricht von der Wiedereinnahme Toulons durch die Republikaner, die sich kein Mensch hatte träumen lassen, machte in ganz Frankreich und dem übrigen Europa eine große Sensation. Buonaparte hatte hier den Grundstein zu seiner künftigen Erhebung gelegt und seinen Ruf begründet. Kaum einen Monat später wurde er schon zum Brigadegeneral der Artillerie ernannt.

Ich besuchte nun mehrere Tage lang alle die Punkte und Orte, welche bei dieser Belagerung von Wichtigkeit gewesen und wo der jetzige Kaiser und seine Artillerie gestanden und gewirkt hatten; es wurde mir dadurch klar, welchen scharfen und richtigen Überblick Napoleon hier gehabt. Mit mehr Ernst als bisher legte ich mich nun auf das Studium der höheren Kriegskunst und deren Hilfswissenschaften, namentlich die, welche die Artillerie erfordert, und hoffte wohl auch noch einmal eine Armee zu kommandieren, wofür mich der gütige Himmel bewahrte, was ich ihm jetzt, wo mir die lächerliche Nichtigkeit all dieser menschlichen, wenn auch oft so blutigen Puppenspielerei beißend klar geworden, herzlich danke. –

Die ersten Tage meines Aufenthalts in Toulon brachte ich in einem Gasthofe zu, wohin mich mein Einquartierungsbillett gewiesen hatte, dann aber suchte ich mir eine Privatwohnung, die ich recht angenehm am Kai fand, wo ich zu jeder Stunde die unterhaltendste Aussicht auf das Gewühl und Getriebe der Schiffe und Menschen in dem Hafen hatte. Indessen fing mir der Aufenthalt in Toulon bald an langweilig zu werden, da das Theater spottschlecht war und ich, nachdem vierzehn Tage verflossen, in denen ich alles, was zu sehen war, zum Überdruß gesehen, noch keine Bekanntschaft, die mich interessierte, gemacht hatte, was in Toulon nicht so leicht war, da die besseren Häuser sich vom Militär und von der Marine fern zu halten suchen.

Glücklicherweise erhielt ich jetzt Briefe von Hause und mit diesen ein Empfehlungsschreiben an einen der reichsten Kaufleute der Stadt namens Kohn, der ein Elsässer von Geburt war und mich in mehrere Familien einführte. Zugleich meldete mir mein Vater mit großem Bedauern, daß man fürchte, der Kaiser der Franzosen wolle der republikanischen Herrlichkeit Frankfurts ein Ende und die Stadt zur Hauptstadt eines Großherzogtums machen, nachdem ihr Augereau noch einige Millionen Kriegskontribution abgenommen.

Unter den Bekannten, die ich durch die Familie Kohn erhielt, war eine sehr artige Dame, eine Madame Guinet, deren Gatte Kaufmann und meistens auf Reisen war und die im Ruf stand, galanten Aventüren eben nicht abhold zu sein. Es dauerte auch nicht lange, so stand ich auf einem ziemlich vertrauten Fuß mit ihr, merkte aber bald, daß ich in einem Marineoffizier einen Nebenbuhler und zwar einen recht eifersüchtigen habe, der wahrscheinlich schon vor mir bei der Dame in Gunst gestanden. Wir trafen uns einigemal nach der Parade daselbst, und Madame Guinet hatte mich ihm als einen Bekannten des reichen Herrn Kohn, der mich ihr empfohlen, vorgestellt. Der Offizier brummte dabei mit einem nicht sehr freundlichen Gesicht einige Gewohnheitshöflichkeiten in den Bart. Als er mich zum zweitenmal daselbst traf, ließ er schon einige anzügliche Reden fallen, jedoch so verblümt, daß ich, ohne mir große Blößen zu geben, keine Notiz von denselben nehmen konnte. Aber das drittemal, wir speisten beide bei der Dame zu Abend, erlaubte er sich, mir im Laufe der Konversation beim Dessert die Bemerkung zu machen: „Mais moi je ne servirais jamais dans un régiment qu’on mêne, a coups de baton,“ worauf ich schnell versetzte: „Mais comment, Monsieur, toute la marine est menée a coup coups de triques, c’est bien pis.“ Hierauf wurde die Unterhaltung pikanter, jeder verteidigte seine Sache nachdrücklich, obgleich ich gegen meine Überzeugung, und wir wurden dabei so heftig, daß Madame Guinet sich alle Mühe gab, uns zu besänftigen, aber mein Gegner ließ noch ein tête quarrée d’Allemand fallen, worauf ich ihm schnell erwiderte, daß es so ein deutscher Querkopf wohl noch mit einem französischen Seehund wie er aufnehmen könne. Launey, dies war der Name des Offiziers, geriet nun in eine solche Wut, daß er sich nicht mehr kannte, seinen Dolch, wie deren die Marine an einem Gehänge an der linken Seite trägt, zog und mir ihn in die Brust stoßen wollte; ich aber fiel ihm in die Arme, noch ehe er seinen Vorsatz ausführen konnte, rang ihm den Dolch aus der Hand, wobei ich mir aber die meinige so verletzte, daß mehrere Finger stark bluteten, worauf ich den Dolch zur Erde warf, darauf trat und ihm sagte, was er nun weiter begehre, meine Hand an den Degen legend. Launey sah mich knirschend und grimmig an, konnte aber vor Wut kein Wort hervorbringen. Madame Guinet, welche das Blut sah, mit dem wir beide schon befleckt waren, schrie laut auf und weinte so heftig, daß ihre Dienstmädchen in das Zimmer stürzten. Ich faßte mich jedoch schnell und sagte zu ihnen: „Ce n’est qu’une plaisanterie, mes enfants, apportez nous seulement de l’eau pour nous laver les mains.“ Ich suchte auch in der Tat jetzt der ganzen Sache eine scherzhafte Wendung zu geben, wir wuschen uns die Hände, wobei mir das nette Kammermädchen der Dame das Becken hielt, und als uns die Zofen wieder verlassen hatten, bot ich dem Launey Satisfaktion für den nächsten Morgen an; dieser aber schien jetzt ganz beschämt, steckte seinen Dolch friedfertig in die Scheide und entfernte sich dann bald unter dem Vorwand, wegen Dienstangelegenheiten früh an Bord seines Schiffes sein zu müssen. Als er weg war, gestand mir Madame Guinet, daß ihr der Mensch recht fatal geworden sei, da er mit allen Herren, die sie besuchten, Händel anfinge; ich suchte sie bestens zu trösten und verließ sie erst nach Mitternacht. Seit dieser Zeit begegnete ich dem Offizier nicht mehr bei ihr. Dies war nicht das einzigemal, daß ich und andere Offiziere wegen der bei dem Regiment eingeführten Prügel Unannehmlichkeiten auszufechten hatten, wenn wir in einer Garnison mit anderen französischen Truppen standen. Aus derselben Ursache verlor ein Kapitän von unserm zweiten Bataillon, ein Hesse, der ein gewaltiger Prügelverehrer war, bald darauf das Leben in einem Duell mit einem französischen Offizier von der Linie. Der gute Mann wußte freilich den Stock weit besser als den Degen zu führen. Unter den Kameraden im Regiment ließ ich mich derb genug über diese uns infamierenden Prügeleien aus, während ich in Gesellschaft von Offizieren französischer Regimenter sie, der Ehre des Regiments halber, bis auf einen gewissen Punkt verteidigen mußte.