Cannes gegenüber liegen die lerinischen Inseln, ganz nahe an der Küste; die größte derselben, St. Marguerite, ist keine zweitausend Fuß entfernt und hat ein Fort, in welchem unter Ludwig XIV. der Mann mit der eisernen Maske gefangen saß, der für jeden, der Richelieus Memoiren mit Aufmerksamkeit gelesen hat, kein Geheimnis mehr ist. Auf der zweiten dieser Inseln, St. Honorat, war ein sehr berühmtes Kloster, das der heilige Honorat im Jahr 410 stiftete. Andreas Doria nahm diese Inseln im Jahr 1536 weg, und die Spanier bemächtigten sich 1635 derselben. In Gesellschaft einiger Kameraden und eines Einwohners von Cannes fuhr ich gegen Abend in einer Barke diesen Inseln zu, wo wir die sich zu einem Staatsgefängnisse allerdings vortrefflich eignende Zitadelle in Augenschein nahmen. Man zeigte uns das stark vergitterte Fenster, hinter welchem der unglückliche Bruder Ludwig XIV. saß. Zu Cannes landete Napoleon den 1. März 1815, von Elba zurückkehrend, um noch einmal Europa auf kurze Zeit in Alarm und Unruhe zu setzen, den Wiener Kongreß zu beendigen und dann zu St. Helena jämmerlich klein zu enden.
Von Cannes nach Nizza, wohin wir den nächsten Tag marschierten, bietet der Weg nichts Bemerkenswertes; zur Linken meistens Berge, zur Rechten das Meer, an dessen Ufern viele große, wildwachsende Aloestauden stehen. Gleich nach unserem Ausmarsch begegneten wir etwa einem Dutzend ganz schwarzer Schweine, die von mehreren Treibern begleitet waren, welche ihnen Säcke mit Eicheln nachtrugen und sie auf die Felder jagten. Zu meinem größten Erstaunen hörte ich, daß dieses abgerichtete Trüffelschweine seien, die man hier wie bei uns die Hunde abrichtet, diesen Leckerbissen schnüffelnd mit ihren Rüsseln unter dem Boden hervorzuwühlen; da aber die gefräßigen Tiere diese köstlichen Knollen, des Sprichworts eingedenk: ‚Jeder ist sich selbst der Nächste‘, sobald sie dieselben gewahren, verzehren würden, so wirft man ihnen schnell einen Haufen Eicheln hin, über den sie nun herfallen, die Trüffeln im Stiche lassend, welche die Treiber dann vollends ausgraben.
Auf diesem Marsch hatte ich die Arrieregarde des Bataillons kommandiert, mit welcher Madame Grenet, die Gattin meines Kapitäns, eine allerliebste junge Frau, erst zwei Jahre verheiratet, in ihrer Reisekalesche fuhr. Neben dem Wagen hergehend, unterhielt ich mich recht angenehm mit ihr, so daß mir der Marsch fast zu kurz vorkam. Bei dem Halten frühstückte ich mit der Dame köstlichen Thunfisch, den sie mitgebracht hatte und den man in dieser Gegend ganz vortrefflich findet, dafür braute ich ihr ein Getränk aus süßen Pomeranzen und Muskatwein, eine Art Orangeade, die sehr erfrischend und stärkend ist. Madame Grenet hatte die Güte, mir nun einen Platz in ihrem Wagen anzubieten, den ich auf ein paar Stunden annahm und so hinter meiner Arrieregarde herfuhr. Sie teilte mir mit, daß sie sich zu Nizza, von wo der Weg über sehr steile Gebirge, die Meeralpen, gehe, samt ihrem Wagen einschiffen und von da aus den Weg bis Genua zur See machen werde. Da ich wußte, daß auch die Armatur und das Gepäck des Bataillons daselbst unter dem Kommando eines Offiziers und einiger Mannschaft ebenfalls eingeschifft werden sollte, so sagte ich der freundlichen Dame, daß ich den Bataillonschef um dieses Kommando bitten wolle, was mir Düret wohl zugestehen würde. Sie lächelte und meinte: „Dann bleibe ich unter Ihrem Schutz.“
„Den ich Ihnen gewiß auf das kräftigste angedeihen lassen werde,“ erwiderte ich, ihre Hand küssend.
Vor der Etappenstadt stieg ich aus dem Wagen, Madame Grenet für die gehabte Güte dankend, und führte mein Kommando unter Trommelschlag auf den großen, mit Arkaden umgebenen Napoleonsplatz zu Nizza, dessen sämtliche Gebäude von ganz gleicher Bauart, Farbe und Höhe waren, so daß man sich eher in einem ungeheuren Schloßhof, als auf einem öffentlichen Platz glaubte. Nachdem ich die Bagagewagen der neuen Wache übergeben und die Leute entlassen hatte, suchte ich mein Quartier auf, das mir der Zufall wieder bei der jungen Strohwitwe eines sich in Mailand befindenden Armeebeamten, einer Piemonteserin aus Turin, bescherte, die aber leider kein Wort Französisch, während ich noch kein italienisches konnte. Ich bekam sie auch erst später zu sehen, da mir in Abwesenheit der Gebieterin eine Zofe das Billett abnahm.
Ob ich gleich mehrere Tage in Nizza verweilte, so wurde ich doch wenig mit den Schönheiten und Reizen der Umgegend bekannt, von denen so manche Reisenden mit Entzücken phantasieren, ich war vielleicht auch noch ein gar zu prosaisches Menschenkind, und zudem waren meine Gedanken mit meiner hübschen Hauptmannsfrau zu sehr beschäftigt, als daß ich den Naturschönheiten so viel Aufmerksamkeit hätte schenken können; nur die sich gegen Norden erhebenden Gebirgsterrassen, aus vier übereinander ragenden Bergen bestehend, machten durch ihr imposantes Ansehen einigen Eindruck auf mich.
Es befanden sich wie gewöhnlich viele Fremde hier, welche hofften, daß ihnen die Luft von Nizza die durch Ausschweifungen oder andere Umstände verlorene Gesundheit wiedergeben sollte, betrogen sich aber meistens. Nur die englischen Goldfische, Lords genannt, wenn auch oft nur Bierlords, fehlten, da sich zu jener Zeit kein Engländer auf dem Kontinent blicken lassen durfte, ohne als Kriegsgefangener behandelt zu werden. Unter diesen Kranken waren auch ein paar schwindsüchtige Landsleute von mir, Frankfurter, die, da sie gehört, daß sich junge Leute aus ihrer Vaterstadt bei diesem Regiment befänden, mich aufsuchten; es war ein gewisser Parrot aus der Antoniusgasse, der meine Familie kennen wollte, von dem ich aber nie etwas gehört hatte, und der mir durchaus „ä Ähr antu wollte“, wie er sagte, was ich mir aber verbat. Noch andere meiner werten Landsleute erkannte ich an dem Akzent, den sie, auf dem Korso spazieren gehend, hören ließen, wodurch man den Frankfurter allenthalben errät. Ich hütete mich wohl, den ein Duett hustenden und räuspernden Kompatrioten meine Landsmannschaft zu verraten, und eilte von ihnen weg, um in einem Kaffeehaus unter den Arkaden einige Erfrischungen einzunehmen, wo ich in einiger Entfernung ein Paar muntere Damen bemerkte, die sich, wie es schien, recht vergnügt miteinander unterhielten und auch manchmal zu mir herüberschielten, so daß ich, aufmerksam auf sie geworden, sie besser ins Auge faßte und recht hübsch fand. Bald darauf brachen sie auf; ich wollte schnell meine Zeche berichtigen und ihnen nachgehen, um zu sehen, wohin sie ihre Schritte lenkten; eben hatte ich bezahlt und wollte fort, da führte der Henker wieder meinen hektischen Landsmann herbei, der mich mit Gewalt mit Kaffee oder Gott weiß was regalieren und Frankfurter Neuigkeiten von mir hören wollte, wodurch einige Augenblicke verloren gingen; und obgleich ich mich unter dem Vorwand, daß mich der Dienst rufe, möglichst schnell von ihm losmachte, war es doch zu spät, ich hatte die beiden Schönen schon aus den Augen verloren und konnte trotz allem Suchen keine Spur mehr von ihnen auffinden. Verdrießlich schlenderte ich endlich nach Haus, der Abend brach herein, und ich legte mich ans offene Fenster, die flimmernden Sterne und den azurnen Himmel des Südens anstaunend. Kaum hatte ich angefangen, einige beschauliche Betrachtungen über das endlose Firmament, das so schnell endende Leben und dessen so rätselhaften Zweck anzustellen, als sich dicht neben meinem Fenster ein paar weibliche Stimmen hören ließen, die mit Guitarrebegleitung eine zweistimmige italienische Notturna in dem Nebenzimmer am offnen Fenster sangen. Es war meine Hauswirtin mit noch einer anderen Dame, wie ich durch meinen Burschen erfuhr, und ich beschloß, sogleich der ersteren, die ich bis jetzt vernachlässigt hatte, meine Aufwartung zu machen. Ich ließ mich melden und ward angenommen. Aber wie sehr war ich überrascht, als ich in den beiden Frauen meine Unbekannten unter den Arkaden erkannte, die ich so lange vergeblich gesucht. Ich machte mein Antrittskompliment und meine Entschuldigungen in französischer Sprache, wogegen mir aber ein: „Non capisco, signor Uffiziale, non parliamo francese!“ erwidert wurde. Dies war ein fataler Kasus, da ich noch nicht italienisch konnte, wenngleich ich in dieser Sprache sang und die Worte gut aussprach. In dieser Verlegenheit mußte ich die Mimik zu Hilfe nehmen und gab, so gut es gehen wollte, durch Zeichen und Gestikulationen zu verstehen, man möge sich doch ja nicht stören lassen und fortsingen, wozu man sich auch herbeiließ, was unter solchen Umständen, wo keine Unterhaltung durch das Organ der Sprache möglich, wohl das Beste war. Die Damen sangen noch ein paar Kavatinen, und zwar gut, denn sie hatten beide schöne und reine Stimmen, und von dem ‚Solitario bosco ombroso‘, das die jüngere mit sehnsüchtigen Blicken vortrug, ward ich ganz bezaubert. Diese war die Frau eines Schiffskapitäns, der erst vor ein paar Tagen nach Marseille abgefahren war. Als sie gesungen und mein Bravissimo bescheiden hingenommen, gaben sie mir durch Zeichen zu verstehen, ob ich nicht auch musikalisch sei. Ich bedeutete, daß ich zwar sänge und Klavier, aber nicht Guitarre spiele. Man führte mich in ein Nebenzimmer, in welchem sich ein Spinett befand, das ich probierte, jedoch schrecklich verstimmt fand. Ich sang indes doch die Romanze des Pagen aus Mozarts Figaro im italienischen Idiom. Die Damen hörten mir mit Verwunderung zu, und als ich geendigt hatte, begriff ich von ihrem Gewälsche und aus ihren Gestikulationen soviel, daß sie glaubten, ich müsse auch italienisch reden; sie schienen nicht zu begreifen, daß man in einer Sprache singen kann, die man nicht verstehe und nicht spreche, und ich war nicht imstande, ihnen dies klar machen zu können, wodurch ein komisches französisches und italienisches Charivari, von drolligem Gebärden- und Mienenspiel begleitet, entstand, das damit endigte, daß ich ihnen noch Figaros brillantes ‚Non piu andrai‘ vortrug, das sie nicht kannten und das sie in Ekstase versetzte. Aber dabei blieb es, denn antworten auf ihre Fragen konnte ich nun einmal nicht, wenn sie auch noch so ungläubig die Köpfe schüttelten, mir nicht zu trauen schienen und mich mit zweifelhaften Blicken ansahen. Dies war mir recht fatal, denn ich war fest überzeugt, daß, wenn ich mit der Sprache fortgekonnt hätte, ich hier wieder ein scharmantes Marschabenteuer gehabt haben würde, so mußte es bei einem ‚felicissima notte‘ bleiben, mit dem ich mich unter Bücklingen und Handkuß entfernte.
Den nächsten Morgen suchte ich Düret auf, ihn um das Kommando der sich mit dem Gepäck nach Genua einschiffenden Mannschaft zu bitten, wie ich mit Madame Grenet übereingekommen war. Er gestand mir dies auch zu ohne andere Einwendung als: „Wahrscheinlich steigen Sie nicht gerne Berge,“ und fuhr fort: „Geben Sie nur auf die Armatur acht und lassen Sie sich nicht von den Engländern erwischen.“ Ich versprach, daß ich mein Möglichstes tun wolle, beides zu befolgen, und eilte nun an den Hafen, wo ich die Felukke aufsuchte, die zu diesem Zwecke in Beschlag genommen war und den Namen ‚Proserpina‘ führte. Ich erkundigte mich bei dem Patron derselben nach der Abfahrt, der mir sagte, er müsse einen günstigeren Wind abwarten, man könne aber einstweilen immer die Gewehre und Bagage einschiffen.[11] Ich beorderte den Adjutant-Unteroffizier, dies zu besorgen, ging sodann zum Kapitän Grenet, ihn zu benachrichtigen, daß mir das Militärkommando der Felukke erteilt worden, der sich darüber freute und mir seine Frau und absonderlich seinen Wagen dringend empfahl; ich versprach auch, daß ich für beide bestens sorgen wolle, und bat Madame Grenet, ihre Effekten bereitzuhalten, damit ich sie einschiffen lassen könne. Am anderen Morgen marschierte das Bataillon, das in Nizza einen Rasttag gehabt, in aller Frühe ab. Den Abend vorher hatte ich noch mit meinen italienischen Signoras zugebracht, wo uns, wenn auch in unverständlicher, doch sehr lebhafter Unterhaltung, mit Musik untermischt, die Zeit schnell verflog. Ich hatte sie gebeten, eine Promenade mit mir zu machen, wozu sie sich aber durchaus nicht verstehen wollten; sie bedeuteten mir, daß, wenn man sie mit mir ausgehen sehe, die bösen Mäuler, die man hier sehr zu scheuen habe, etwas zu reden bekämen und die Sache zehnmal verschlimmert ihren Männern hinterbracht würde. Wir blieben also zu Hause, ich soupierte mit den Frauen und ließ durch meinen Burschen Eis und Rosolio holen. Man wurde nun lebendiger, und es kam dann noch zu allerlei Schäkereien und Küssen, versteht sich, alles in Ehren, und nicht weiter. Wir trennten uns endlich vergnügt, aber dennoch legte ich mich nieder, verdrießlich, es nicht weiter gebracht zu haben, und nahm mir fest vor, in Genua sogleich italienisch zu lernen. Am anderen Morgen begleitete ich das abmarschierende Bataillon noch eine Strecke, Düret und Grenet empfahlen mir nochmals Bagage und Damen, denn es schifften sich noch mehrere andere Offiziersfrauen mit ein; ich kehrte sodann um und begab mich zu Madame Grenet, die ich noch in einem reizenden Morgenanzuge in ihrem Bette fand, was sie aber nicht hinderte, mich zu empfangen. Sie schien kaum erwacht zu sein, denn noch glühten ihre Wangen schlaftrunken, und sie blühte wie eine eben aufbrechende Rose, die ich mir zu pflücken vornahm. Nachdem ich ihr mit geringem Widerstreben einige Küsse geraubt, schlich ich an die Tür und verschloß sie von innen. – „Mais que faitez – vous donc,“ lispelte sie. „Rien,“ antwortete ich ebenso leise und erstickte alle weiteren Fragen unter einem Strom von Küssen, nachdem ich ihr versichert, daß ich ihr gewiß nichts Böses tun werde. Als ich sie fest umschlungen, sanft mit dem linken Arm auf das Bett zurückgedrückt und mit der rechten Hand die mir, obgleich recht feinen, doch lästigen Morgengewänder zu entfernen suchte, da sträubte sich zwar noch die Taube ein wenig, aber schon fühlte ich das Schlagen und Pochen ihres Herzens heftiger, purpurner wurden ihre Wangen, glühender ihr Hauch, aber trotz Sträuben und Ach ließ ich nicht nach, und bald drückte auch sie mich fester und fester an sich, und alles Bewußtsein schien ihr zu schwinden. Etwas ermattet verließen wir endlich das Lager, ich half ihr die Toilette in Ordnung bringen, und nachdem sie die Verschämte genug gespielt und der letzte Kuß gegeben war, verließen wir das Gemach und nahmen Schokolade unter den Arkaden ein. Hierauf begaben wir uns zum Hafen, um uns zu erkundigen, wann man wohl abfahren könne. Der Patron der Felukke meinte, noch an demselben Tage die Anker lichten zu können; ich ließ nun schnell alle Bagage auf das Schiff bringen, befahl dem Unteroffizier, die Leute einzuschiffen und die anderen Damen zu avertieren, damit sie sich bereit halten möchten, und eilte sodann, Abschied von meiner hübschen Wirtin zu nehmen, die mir erlaubte, sie jetzt recht zärtlich zu umarmen. Bei einem Abschied sieht man manchem durch die Finger, und man darf sich wohl etwas mehr herausnehmen und zärtlicher sein, so auch ich, und wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn nicht gerade die Freundin zur rechten Zeit oder Unzeit dazugekommen wäre. Da ich aber jemand kommen hörte, verließ ich schnell meine Schöne, und als ich sah, daß es ihre Freundin war, die in die Türe trat, so flog ich auch dieser rasch an den Hals, um der anderen Zeit zu geben, ihre etwas zerstörte Toilette wieder zu ordnen, und erdrückte die erstaunt Eintretende fast mit Küssen, damit sie die Unordnung der anderen nicht wahrnahm. Die List gelang vollkommen, und dann bald die eine, bald die andere unter hundert Addios und ‚Grazie tante‘ umarmend, schlüpfte ich endlich zur Türe hinaus, eilte die Treppe hinunter und zu der mich erwartenden Madame Grenet. Wir nahmen noch ein gutes Frühstück à la fourchette ein, begaben uns dann an den Hafen, wo schon Mannschaft, Waffen und Gepäck und noch fünf andere Offiziersfrauen eingeschifft waren. Madame Grenet nahm Platz in ihrem Wagen und lud noch drei andere Damen, die keinen hatten, ein, sich zu ihr zu setzen, während ich mich auf den Bock placierte.[12] ‚Proserpina‘ lichtete die Anker, und wir segelten mit gutem Wind davon. Auf dem Schiffe befanden sich auch zwei marode Hautboisten vom Regiment, die aber doch nicht so müde waren, daß sie sich nicht ihrer Instrumente hätten bedienen können; ich ersuchte sie, ein paar muntere Melodien zum Besten zu geben, wozu sie sich willig fanden, und so fuhren wir, die hohen Alpen beständig vor Augen, immer längs der Küste dahin. Der uns günstige Landwind wurde stärker und blies so kräftig in die Segel, daß wir bald an Monaco, St. Remo, Oneglia und Albenga vorüberflogen und mit der Dämmerung zu Finale ankamen, wo die Damen, wie die meisten Passagiere, seekrank geworden, nachdem der Patron Anker geworfen hatte, ans Land gehen wollten, was aber niemand gestattet wurde, bevor der Syndikus des Orts unseren Schiffer eidlich verhört hatte, daß er weder einen pestkranken Ort berührt, noch einen derartigen Kranken an Bord habe. Wir fuhren indes bald wieder weiter, denn der Patron hoffte noch vor Nacht Savona, wo der Hafen weit sicherer als zu Finale, und die Nachtquartiere weit bequemer seien, zu erreichen. Auf der Fahrt dahin erzählte er mir, daß er aus Nizza sei, daß diese Stadt durch das Wegbleiben der Engländer seit mehreren Jahren außerordentlich verloren und der Verdienst nicht mehr der vierte Teil wie früher sei, gab mir auch nicht undeutlich zu verstehen, daß man daselbst eben nicht sehr vergnügt über das Glück sei, jetzt einen Teil des französischen Kaiserreichs auszumachen, doch wollte er sich nicht weiter einlassen und mit der Sprache nicht heraus, denn er traute mir wohl nicht.
Die Fahrt bis Finale war äußerst angenehm gewesen, und die Aussicht auf die Küste bot viel Abwechslung dar, die Ufer waren mit Südpflanzen jeder Gattung bedeckt, und es ging an Buchten und Baien, Dörfern, Flecken und Städten vorüber, oft unermeßliche Felsmassen und immer himmelhohe Gebirge bildeten den Hintergrund. Auf der anderen Seite sah man nicht selten große Schiffe in der Ferne vorübersegeln, lange Silberstreifen hinter sich lassend, und in den Wellen spiegelten sich die Feuerstrahlen der Abendsonne. Von Finale aus begann es schon dunkel zu werden, und erst mit der einbrechenden Nacht fuhren wir in den Hafen von Savona ein. Sämtliche Damen baten mich, ein Nachtquartier für sie zu besorgen, das ich dann in der besten Locanda bestellte, was freilich nicht viel sagen wollte, aber darauf bedacht war, daß ich ein Zimmer neben dem der Madame Grenet erhielt, das mit diesem kommunizierte; die anderen Damen logierte ich je zwei auf einem anderen Gang. Nach eingenommenem Abendbrot, das in Fischen, Feigen und gutem Wein bestand, begaben wir uns sämtlich zur Ruhe. Nachdem ich meine Tür von innen abgeschlossen, öffnete ich leise die mit dem Zimmer der Madame Grenet kommunizierende und bat sie, diese Nacht in meinem Gemach zubringen zu wollen, weil die Stube auf der anderen Seite besetzt war, deren Inhaber leicht das mindeste Geräusch durch eine ebenfalls in dasselbe gehende Tür vernehmen konnten; sie ging darauf ein, und wir brachten eine herrliche Nacht zu, die sich wohl denken, aber nicht beschreiben läßt. Gegen Morgen, das heißt um zwei Uhr nach Mitternacht, verließ mich meine reizende Alcine, um Ruhe in dem eigenen Bett zu suchen, was uns beiden not tat; aber als wir gerade im erquickendsten Schlaf waren, gegen vier Uhr, weckte mich mein Bursche mit den Worten, daß der Patron in einer Stunde abfahren wolle, um den günstigen Wind zu benutzen und diesen Morgen bei Zeit in Genua einzutreffen. Hier blieb nichts anderes übrig, als sich, so schwer es auch fallen mochte, den Armen des so wohltuenden Schlafes zu entreißen. Ich ließ nun auch die anderen Damen aufwecken, versah Kammerjungferdienste bei Madame Grenet, damit sie schneller mit ihrer Toilette fertig wurde, und gegen fünf Uhr waren wir wieder eingeschifft. Die Damen endigten sämtlich ihren unterbrochenen Schlaf in dem Wagen, während ich auf dem Bock nickte. Gegen zehn Uhr vormittags wurden wir alle durch das Geschrei: „Ecco Genova!“, das der Patron und seine Leute erhoben, aus unserem Schlummer erweckt. Als ich die Augen aufschlug, erblickte ich die prächtige Stadt, die von der Seeseite angesehen in der Tat einen großartig imponierenden Anblick darbietet. Da lag sie in ihrer ganzen Herrlichkeit, Genova la superba, die Vaterstadt der Columbus, Andreas Doria und Fiesko, von den Strahlen der goldenen Morgensonne prächtig beleuchtet, vor unseren staunenden Blicken, und Schiller läßt den Fiesko nicht zuviel sagen, wenn er ausruft: „Diese majestätische Stadt!“, denn wahrhaft majestätisch lehnt sie sich amphitheatralisch an den Fuß der Apenninen, während ihr Piedestal von dem schönen Golf benetzt wird, der ihren Namen trägt. Auf ihren Marmorpalästen und herrlichen Gebäuden sind Terrassen mit Pomeranzen, Limonen, Gesträuchen und Blumen in Prachtvasen angebracht, so daß, da sich die Häuser stufenartig hintereinander erheben, man die schwebenden Gärten der Semiramis zu sehen wähnt; und dann im Hintergrund die Berge, die bis zur Mitte ihrer Höhe mit prächtigen Villen, Schlössern, Meierhöfen und so weiter bedeckt sind, die von der See aus gesehen mit der Stadt ein Ganzes zu bilden scheinen, wodurch diese unermeßlich groß wird. Sie bildet einen weiten Halbkreis, von dem zwei Molos die äußersten, mit Türmen versehenen Enden machen. Bis jetzt hatte noch keine Stadt einen solchen Eindruck auf mich gemacht. Nach zehn Uhr fuhren wir im Hafen ein und landeten am Ponte di Mercanti: einem kleinen in denselben gehenden Damm, wie deren mehrere vorhanden, an denen die kleineren Schiffe anlegen. Wir stiegen aus, und das erste, was mir auffiel, waren die vielen Mönche von allen möglichen Orden und Farben, die sich unter den gaffenden Zuschauern befanden, etwas ganz Neues für mich, denn in Deutschland und Frankreich sah man deren schon lange nicht mehr. Ich ließ nun alles ausschiffen und die Damen und mich in ein gutes Gasthaus in der Nähe der Post führen, wo wir sogleich sehr freundlich aufgenommen wurden; als ich aber später die Quartierbillets für unser Logis brachte, die ich mir auf der Mairie hatte geben lassen, da machte der Wirt ein verdrießliches Gesicht, denn er hatte uns seine besten Zimmer eingeräumt, aus denen wir uns nicht mehr ausquartieren ließen.
Die Vorstellung, die ich mir auf dem Meer von dem prächtigen Genua gemacht hatte, wurde gewaltig geschmälert und alle Illusion verschwand, als wir durch die vielen engen dunkeln Straßen wandern mußten, wo nicht einmal ein Fuhrwerk gehen konnte, die jedoch reinlich und alle mit roten Backsteinen gepflastert waren und in denen oft die schönsten Gebäude von Marmor aufgeführt standen.