XV.
Beschreibung Genuas. – Besuch bei einem Grafen Fiesco. – Ein sauberer Kanonikus. – Soiree bei Dorias. – Ein italienischer Sprachlehrer. – Die Marchesa P... und ihr Cicisbeo. – Signora Peretti. – Mozarts Don Juan wird zuerst durch mich in Genua bekannt. – Die Militärmessen. – Komisches Mißverständnis. – Ein gefälliger Gitarre-Lehrer. – Ein Mordanfall. – Maskenfest bei Dorias mit einer Episode. – Abmarsch von Genua.

Es war in den ersten Tagen des Monats Februar, als wir zu Genua ankamen, dabei hatten wir von Toulon aus das schönste Frühlingswetter, alles war grün, und viele Bäume und Pflanzen standen in üppigster Blüte. Fünf Tage hatten wir noch vor dem uns folgenden Bataillon voraus, die ich in dolce giubilo mit Madame Grenet verlebte, und suchte auch meistens in deren Gesellschaft die Sehenswürdigkeiten Genuas auf, die nicht zu den alltäglichen gehören. Die prächtigen Straßen Balbi und Strada nuova mit ihren Marmorpalästen, wie sie keine Stadt in Europa mehr aufzuweisen hat und unter denen besonders die der Durazzo, der Doria, der Spinola, der Pallavicini und so weiter durch ihre außerordentliche Pracht und Schönheit hervorragen. In all diesen Palästen sind treffliche Gemälde und ganze Galerien derselben, welche die Meisterstücke eines Rubens, Tizian, Van Dyk und so weiter enthalten. Leider fand ich damals an leblosen Gemälden, wenn sie auch noch so trefflich waren, wenig Geschmack, besonders wenn sie sogenannte heilige Gegenstände darstellten; dagegen waren mir die lebenden desto teurer, und die genuesischen Frauen mit ihren langen Schleiern, die sie so graziös überzuwerfen, und ihren durchbohrenden Feueraugen, die sie so schelmisch zu gebrauchen wissen, sprachen mich weit mehr an als das herrlichste Gemälde im Palazzo Durazzo; und das lebendige Bild an meiner Seite, Madame Grenet, fing bald an, mich so zu ermüden, daß ich nach ein paar Tagen, soviel als es sich tun ließ, Genuas Schönheiten allein zu sehen suchte. Einige der schönen Bilder blieben jedoch nicht ganz ohne Eindruck auf mich, namentlich entsinne ich mich, daß ich das berühmte Gemälde Solimenos, Hektors Leiche durch Achilles um Troja geschleift, mit Wohlgefallen betrachtete.

Wir besuchten den zweiten Abend die Oper im Teatro Augustino, wo ‚Gli amanti in scompiglio‘ recht brav gegeben wurden. In einem zweiten Theater sahen wir Goldonis Bugiardo, das wir aber bald wieder verließen, da wir uns, kein Wort verstehend, langweilten, und nahmen in einem nahen Kaffeehaus, dessen Saal eine Grotte, mit Moos und Seemuscheln tapeziert, vorstellte, Sorbetti.

Schon in den nächsten vierundzwanzig Stunden nach meiner Ankunft hatte ich mich erkundigt, ob noch Nachkommen von der Familie der Fieschi vorhanden seien und mit großem Vergnügen erfahren, daß noch Zweige derselben existierten, die jedoch nicht mehr zu dem reichsten und angesehensten Adel gezählt würden. Ich nahm mir vor, einen Grafen Fiesco, den ich ausgekundschaftet hatte, zu besuchen. – Nicht ohne Mühe machte ich seine Wohnung, einen etwas alten, nicht im besten Zustand befindlichen Palazzo, in einer schmalen, düsteren Gasse ausfindig und wurde von einem Bedienten gemeldet und angenommen. Ich stand nun vor einer langen, hageren, einige fünfzig Jahre alten, sehr trocken und etwas grämlich aussehenden Figur, der ich auf französisch auf die artigste Weise möglichst begreiflich zu machen suchte, warum ich mir die Freiheit herausgenommen, den Abkömmling eines so hochberühmten Hauses mit einem Besuch zu belästigen, und sprach dabei von Schillers trefflicher Tragödie, die seinen Namen führe. Der Herr Graf sah mich starr und fast stupid an, erwiderte mir endlich mit ein paar gebrochenen französischen Worten: „Je ne comprenner pas Monsju ke vous voulez.“ Da ich mich noch verständlicher zu machen suchte, ihm von Schiller, unserem größten Dichter, der sein Haus in Deutschland verewigt habe, und von der Verschwörung sprach, fiel er mir mit einem: „Ma Signor Uffiziale non capisco niente, cosa é questo Skiller!“ ins Wort. Da ich sah, daß es mir so ziemlich unmöglich war, dieser gräflichen Figur, die anfing, sich ängstlich um- und mich mit mißtrauischen Blicken anzusehen, begreiflich zu machen, warum ich sie besuche, so stand auch ich, wie einst bei Goethe, ziemlich verblüfft da, entschuldigte mich noch mit einer Verbeugung und war froh, als ich wieder zur Tür hinaus war. Ich nahm mir nun vor, so bald weder berühmte Männer noch berühmte Namen mehr aufzusuchen.

Denselben Abend sollte mir noch ein ganz anderes Abenteuer begegnen: Ich hatte mich unter allerlei Vorwand von Madame Grenet freigemacht, in Zivilkleider gesteckt und wandelte durch die engen Gassen Genuas, die schön gewachsenen Gestalten seiner weiblichen Kinder bewundernd; nachdem ich ziemlich müde war – ich hatte den Nachmittag auch die Kaserne besucht, welche unser Bataillon aufnehmen sollte, die sehr hoch über dem Platz dell’ acqua verte lag und eine herrliche Aussicht über Stadt und Hafen hatte –, setzte ich mich in der Loggia, einem weitläufigen Gebäude auf dem Platz de banchi, das ein großes, kühn gebautes, von Marmorsäulen getragenes Gewölbe hat und zu jeder Stunde von Personen besucht wird, die auf den ringsherum stehenden Bänken ausruhen, auch auf eine solche nieder. Kaum hatte ich mich niedergelassen, als ein feister Pfaffe, ein Kanonikus, mit einem Vollmondsgesicht, mich freundlich begrüßend neben mir Platz nahm und eine Konversation mit mir anzuspinnen suchte, von der ich aber wenig oder nichts verstand, da er kaum drei Worte Französisch und ich nicht mehr Italienisch konnte. Von den in der Halle vor uns auf- und niederspazierenden Personen – das Gebäude ist hauptsächlich ein Versammlungsort für Kaufleute, für die es früher ausschließlich bestimmt war, jetzt aber zur Bequemlichkeit für jedermann und zu Geschäfts-Rendezvous eingerichtet, Frauenzimmer kommen nicht dahin – sahen uns mehrere mit seltsam neugierigen Blicken an, so daß es mir auffiel. Der feiste Kanonikus schien dies nicht zu bemerken und lud mich auf das dringendste ein, ihm doch das Vergnügen zu machen, eine Sorbette mit ihm zu nehmen; ich ließ mich nach einigem Weigern dazu bereden, er führte mich durch viele enge und winklige Straßen in ein abgelegenes und wenig besuchtes Kaffeehaus, wo er mich mit Schnee-Eis regalierte und mich dann einlud, einen paseggio mit ihm zu machen, wobei er sich keuchend an meinem Arm hielt und sich so sehr an mich drückte, daß er mir lästig wurde. Er führte mich zur Porta dell’ Arco hinaus, über das Glacis, durch ganz einsame und isolierte Wege. Ich wollte ihn mehrmals zum Umkehren bewegen, da ich nicht wußte, was ein solcher Spaziergang um diese Zeit, es war schon längst Nacht, und in dieser Jahreszeit für Annehmlichkeiten haben sollte, mir auch endlich der Gedanke kam, der Pfaffe könne wohl ein Erzfeind der Franzosen sein und mich in ein guet-à-pens locken. Eben waren wir an dem Eingang eines kleinen Vorwerks angekommen, und ich war im Begriff, übel oder wohl, mit oder ohne den Signor canonico umzukehren, als ein barsches: Halte là – hinter uns ertönte, ein Offizier mit einem Korporal und drei Mann Wache den Pfaffen sogleich festhielt und ersterer mich mit einem „Qui êtez – vous?“ anredete. Mit wenig Worten sagte ich ihm, wer ich sei, und auf seine Frage, wie ich in diese Gesellschaft käme, erzählte ich ihm, wie dies zugegangen sei. Der Platzadjutant, denn dies war der Offizier, ließ nun den Kanonikus mit der Wache abführen, und mich beim Arm nehmend, eröffnete er mir, daß der saubere Pfaffe ein sogenannter warmer Bruder sei, den er schon lange auf dem Korn habe, da er sich besonders an junge Soldaten mache und diese zu verführen suche; als er mich zufällig mit ihm durch das Tor habe gehen sehen, wo ihn der Dienst gerade hingeführt, sei er mit der Wache nachgeeilt, in der Hoffnung, den Patron, dem er schon lange aufpasse, einmal zu erwischen. Ich war über diese Aufklärung so beschämt als entrüstet, und hätte ich nur die entfernteste Ahnung von den Absichten dieses Subjekts gehabt, so würde ich den Kerl schon heimgeführt und in die Falle gelockt haben. Ich bat den Platzadjutanten, den scharmanten Kanonikus, der keuchend und schweißtriefend zwischen den drei Lichtern, die ihm die Bajonette anzündeten, neben uns hertrabte, ein über das andere Mal um seine Loslassung flehte, sich endlich sogar auf die Kniee warf, hundert Luigi d’oro anbietend, wenn man ihn frei lassen wolle, und die Madonna und alle Heiligen anrufend, daß er sich in seinem ganzen Leben dergleichen nicht mehr zuschulden kommen lassen wolle, der Polizei zur strengen Bestrafung zu überliefern. Der Platzadjutant blieb auch unerbittlich und taub und wurde durch dieses Anerbieten nur um so aufgebrachter. Die Soldaten zerrten den Pfaffen bei seinem Rock in die Höhe und schleppten ihn bis zur Torwache, ihm mit den Kolben drohend, wenn er nicht gutwillig gehen würde. Hier angekommen, ging das Gejammer von neuem an, und wir beratschlagten, was wir tun sollten. Einen Eklat zu machen und folglich eine Untersuchung zu veranlassen, in die ich natürlich mit verwickelt worden wäre, konnte mir nicht angenehm sein, hierin stimmte mir der Adjutant bei; wir kamen nun überein, den Burschen bis gegen Morgen, ihm die Hölle noch recht heiß machend, in der Wache schwitzen zu lassen und ihn dann gegen eine Vergütung von fünfzig Lire an die Wache mit einem derben Wischer und der Warnung, sich ja nicht wieder erwischen zu lassen, fortzuschicken, was der Platzadjutant auf sich nahm. Ich eilte nun halb verdrießlich, halb lachend über dieses Abenteuer heim, wo mich Madame Grenet über mein langes Ausbleiben maulend und mit Vorwürfen empfing. Ich teilte ihr den Vorfall etwas verblümt mit, sie schien aber gar nicht begreifen zu können, was der Pfaffe eigentlich gewollt, und ich konnte es ihr auch nicht ganz deutlich machen, weshalb sie die ganze Sache bezweifelte, für eine Finte hielt und meinte, es sei wohl ein Kanonikus ohne Bart und im langen Kleid gewesen. Das letzte war an dem. Noch lange vor dem Einschlafen wurde ich mit Explikationen gequält, die ich geben sollte und nicht geben konnte; selbst mir war das Ding noch nicht recht klar und nie vorgekommen, schon der Gedanke an eine so ekelhafte und unnatürliche Wollust erfüllte mich mit Abscheu, und doch ist sie in Italien und noch mehr in Griechenland etwas sehr Gewöhnliches, man macht gar kein Aufsehen davon, nicht selten bieten Männer ihre Ehefrauen zur Kompensation für einen solchen Liebesdienst demjenigen an, der ihnen denselben erweisen will.

Am anderen Morgen sollte das Bataillon einrücken, dem ich eine Stunde weit entgegenging. Auch die Damen, mit ihnen Madame Grenet, fuhren ihm eine Strecke entgegen und bewillkommneten ihre Männer auf das zärtlichste. Ich war froh, meines Dienstes bei Madame Grenet jetzt überhoben zu sein, der mir anfing beschwerlich zu werden, denn die schönen Genueserinnen steckten mir im Kopf.

Nachdem der Dienst geregelt war, den wir gemeinschaftlich mit den anderen französischen Truppen versahen, machte das Offizierkorps, Düret an der Spitze, seine Besuche bei der Generalität und mehreren der angesehensten Häuser, wie bei Dorias, Pallavicinis und einigen anderen, in denen auch die Offiziere des schon länger hier stehenden dritten Bataillons eingeführt waren. Glänzend waren die Soireen bei dem Chef des Hauses Doria, wo wir nach ein paar Tagen, nachdem wir unsere Aufwartung gemacht, eingeladen wurden, bei dem schon alles so ziemlich französiert, das heißt auf französische Art eingerichtet war. Hier lernte ich die ersten Schönheiten Genuas kennen, und wirklich waren welche von den seltensten Exemplaren unter ihnen, namentlich eine Marchesa P..., die mit den regelmäßigsten, feinsten und dabei ausdrucksvollsten Gesichtszügen eine Körperbildung verband, die selbst Praxiteles für ein Meisterstück der Schöpfung erklärt und sich zum Muster erbeten haben würde und die, nachdem ich sie zum erstenmal gesehen, mich die übrige Nacht kein Auge schließen ließ, ein caso rarissimo. Sie war aus dem Hause der Durazzi und an den Marchese P... verheiratet, hatte aber neben ihrem Mann einen Cicisbeo, der nicht von ihrer Seite wich und schon in reiferen Jahren war. Zu jener Zeit war das Cicisbeat in Genua noch allgemein bei den Vornehmen eingeführt. Außer ihr waren noch eine Gerai, eine Tursi, eine Doria und eine Marchesa Costa wegen ihrer Schönheit zu bewundern, und die hochtrabenden Namen Spinola, Centurione, Imperiali, Somellini und so weiter ertönten fortwährend in den Conversazioni bei Dorias. Ich tanzte mit mehreren dieser Damen, namentlich auch mit der ausgezeichnetsten derselben, der Marchesa P..., konnte aber mit keiner derselben eine nur einigermaßen zusammenhängende Unterhaltung anknüpfen, da die meisten fast gar kein Französisch oder es doch nur sehr gebrochen sprachen und dann immer drei Vierteile italienischer Worte einmischten. Dies brachte mich zur Verzweiflung, und schon den anderen Morgen nach der ersten Soiree kaufte ich mir einen Veneroni und machte mich mit dem größten Eifer an die Erlernung der italienischen Sprache, nahm meine Grammatik mit zu Bett und auf die Wache, lernte vor allem die zur Unterhaltung notwendigsten Phrasen auswendig und nahm zugleich einen italienischen Sprachlehrer, einen gewissen Tommolo, an, der mich nicht nur mit dieser Sprache, sondern auch mit den Familienverhältnissen der vornehmen Welt ziemlich bekannt machte, was mir um so willkommener war, als ich hier ein probates Mittel, das mir in Frankreich so behilflich war, die Friseure, nicht benützen konnte, weil ich sie nicht verstand, da sie kein Französisch, ja nur ein sehr schlechtes Italienisch, das kauderwelsche Genuesisch sprachen. Mein exzellenter Lehrer wußte mir auch Mittel und Wege anzugeben, um leicht Bekanntschaften mit den Schönen von Genua anzuknüpfen, ja er erbot sich sogar zur Besorgung von Biglietti, wenn ich deren abzugeben hätte, bemerkend, die genuesischen Damen seien große Liebhaberinnen der französischen Offiziere. Ich nahm dieses Anerbieten dankbar an und versprach, seine Güte bei vorkommender Gelegenheit in Anspruch zu nehmen. In vierzehn Tagen war ich schon imstande, den Damen die gewöhnlichen Schmeicheleien auf italienisch zu sagen, und machte bald Riesenfortschritte in dieser so leichten als schönen Sprache.

Bald nach unserer Ankunft erhielt ich Empfehlungsschreiben und einen Wechsel auf ein deutsches, in Genua etabliertes Haus, und zwar das eines Frankfurters namens Bansa. Der Brief und noch mehr der Wechsel kam mir erwünscht, denn meine Kasse war ziemlich erschöpft, und ohne Geld, diesen nervus rerum gerendarum, kann man selbst in dem schönen Italien nicht viel anfangen. Ich eilte auf das Kontor meines Landsmannes, wo ich auf echt Frankfurter kaufmännische Art empfangen wurde; man zahlte mir den Wechsel, sechshundert Franken, und bat mich für den nächsten Sonntag zu einer langweiligen Abfütterungsmahlzeit, die ich nicht ausschlug, da ich nicht wissen konnte, ob ich das Haus später nicht brauchen würde; damit war es aber auch abgemacht, und Herr Bansa war nicht imstande, mir die mindeste Auskunft über genuesische gesellige Verhältnisse zu geben oder eine wissenschaftliche Unterhaltung zu führen, ebensowenig war er in der italienischen wie überhaupt in jeder anderen Literatur bewandert. Er war eine der gewöhnlichen merkantilischen Rechenmaschinen, die, sobald von etwas anderem als ihren Handlungsbüchern oder den in ihren Kram schlagenden Spekulationen die Rede ist, verstummen, da alles andere über ihren Horizont geht. So war denn auch dieses Diner, dem außer der Familie und mir noch ein paar andere Deutsche, gleichfalls Merkursdiener, beiwohnten, eines der langweiligsten, denen ich je beigewohnt; wo ich anklopfte, fand ich alle Pforten verschlossen, und als ich gar die Politik und Tagesgeschichte aufs Tapet bringen wollte und von Napoleons mutmaßlichen Absichten und so weiter sprach, da wurden alle Gesichter ellenlang und verlegen. Ich war herzlich froh, als man endlich vom Tisch aufstand, beurlaubte mich baldmöglichst, dem Bedienten eine reichliche buona mano, zu deutsch Trinkgeld, gebend, und erst im Freien ward es mir wieder wohl. Ich betrat auch das Haus nur noch einmal, um einen Hauptmann von Fürth, der in Geldverlegenheiten war, zu empfehlen, dessen Anliegen Herr Bansa jedoch abwies, der aber kurz darauf einen Wechsel von hundert Louisdor von seinen in Frankfurt etablierten Verwandten gerade auf dieses Haus erhielt.

Bei einer bald folgenden zweiten Soiree in der schönen Villa Doria vor dem Thomastor, wo Musik und Tanz war, konnte ich mich schon zur Not den Damen verständlich machen, tanzte auch wieder mit der schönen P..., ließ es bei ihr an Occhiaten nicht fehlen und brachte von meiner reizenden Tänzerin heraus, daß in der Regel die Kirche Santa-Maria della Passione diejenige sei, in welcher sie ihre Andacht verrichte, daß sie aber auch manchmal Sonntags die Militärmesse besuche. Ich war auf dem besten Weg, noch mehr zu erfahren, als sich plötzlich ein Lärm und heftiger Wortwechsel in dem angrenzenden Spielzimmer erhob, der bald so laut wurde, daß er die Aufmerksamkeit aller Tanzenden auf sich zog, von denen die meisten ihre Quadrillen verließen und den Türen zueilten, die in jenes Gemach führten, wo sich der Tumult vernehmen ließ. Ich benutzte diesen Augenblick, meiner Tänzerin ein „Mia carissima Signora!“, von einem leisen Händedruck begleitet, zuzuflüstern, was sie mit einem „Ma che volete?“ erwiderte und dann ebenfalls nach jener Tür eilte, wohin ich ihr folgte. – Man strömte schon wieder aus derselben zurück, und ich erfuhr von einem Kameraden, daß sich ein Kapitän von unserem Regiment namens Roy beim Spiel sehr undelikat benommen, obgleich er vielleicht Veranlassung dazu haben mochte. – Einer der Nobili hielt eine Pharaobank, bei der viele Offiziere pointierten, fast alle spielten fortwährend unglücklich, und Roy hatte schon eine bedeutende Summe verloren, wollte durchaus eine Coeurdame forcieren und behauptete, als er sie mit zehn Louisdor besetzt hatte und wieder verlor, sie sei jetzt schon zum fünftenmal in derselben Taille herausgekommen, zerriß sein ganzes Buch und warf die Kartenstücke mit großer Heftigkeit auf den Tisch, den Bankhalter einen Betrüger heißend. Der Nobile konnte sich dies nicht gefallen lassen, geriet, sich rechtfertigend, in Zorn, auch Roy wurde noch heftiger, wollte auf der Stelle Räson geben, weil es hier nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, und wer weiß, wie die Sache abgelaufen wäre, wenn sich nicht der gerade anwesende kommandierende General ins Mittel gelegt und auch der Wirt des Hauses um Ruhe und Frieden gebeten hätte. Den Offizieren wurde das fernere Pointieren von ihren Chefs untersagt und so die Ordnung unter den Gästen wieder hergestellt, aber eine Mißstimmung dauerte doch den ganzen Abend, namentlich unter den Offizieren, fort. Ich eilte nun wieder, meine Tänzerin am Arme, um die Quadrille zu beendigen, konnte aber nicht mehr in dasselbe tempo animato kommen; nach einigen Touren traten wir ab, und es war mir nicht weiter möglich, mich meiner Angebeteten zu nähern, die jetzt beständig von ihrem Cavaliere servente, einem Ritter Negroni, umschwebt und unter strenger Obhut gehalten wurde. Diese Cicisbei sind hundertmal ärger als die Ehemänner, die sich in Italien, einmal vermählt, wenig mehr um ihre Frauen bekümmern, während die ersteren dieselben gleich ihrem Schatten verfolgen, begleiten und ihnen nicht von der Seite weichen, und zwar vom Augenblick ihres Aufstehens bis zu ihrem Schlafengehen. Diesmal galt es allen meinen Witz aufzubieten, sollte mir diese Eroberung gelingen, und sie wurde mir in der Tat schwer und sauer genug gemacht. Diesen Abend konnte ich nichts mehr als noch einen flüchtigen Blick im Vorübergehen erhaschen.

Vorerst hatte ich wenigstens erfahren, in welcher Kirche die Signora betete, und das war mir schon etwas, auch fand ich mich jeden Tag, wenn mich der Dienst nicht abhielt, in den Morgen- und Abendstunden, wo ich die Schöne erwarten konnte, in derselben fast immer in Zivilkleidern ein; aber das Weihwasser konnte ich ihr nicht reichen, da sie Negroni immer begleitete und diesen Dienst versah; erfahren hatte ich aber schon durch meinen Maestro Tommolo, daß, wenn man die nähere Bekanntschaft einer Dame in Genua wie überhaupt in ganz Italien machen wolle, man damit beginnen müsse, ihr am Eingang der Kirche das Weihwasser darzubieten; die Art und Weise, wie sie dasselbe empfängt, zeigt an, welche Hoffnung man sich machen darf; schlägt sie es ganz aus oder tut, als bemerke sie diese Artigkeit nicht und geht selbst zum Weihkessel, so heißt dies soviel als: ‚Ich will nichts mit dir zu schaffen haben.‘ – Um die Aufmerksamkeit des Cicisbeo, der Argusaugen zu haben schien, nicht rege zu machen, mußte ich mich immer möglichst zu verbergen suchen, und selbst wenn die Marchesa wegen schlechtem Wetter oder aus anderen Ursachen in der Portantina (eine Art eleganter Sänften, deren sich in Genua, wo man wenig Gebrauch von Kutschen machen kann, namentlich die Damen aus den höheren Ständen bedienen) ankam, trabte er hinter ihr her. Dieser Cicisbeo war eigentlich kein Liebhaber der Marchese P..., sondern vielmehr ein von ihrem Manne zur Hütung aufgestellter Cerberus. Ließ sich die Dame bei schönem Wetter, wie alle vornehmen Frauen Genuas, die Portantina nachtragen, so wich er ihr nicht von der Seite. Fensterparaden brachten mich auch nicht weiter, denn die Marchesa war fast nie allein und immer in Gesellschaft an einem Balkon ihres Palazzos, außerdem aber durfte ich die Sache nicht auffallend machen. Da war denn guter Rat teuer; mein Faktotum Tommolo selbst wußte mir für den Moment kein Mittel anzugeben, in nähere Berührung mit der Donna zu kommen, da er keine Seele in ihrer Wohnung kannte, versprach mir aber, Tag und Nacht darauf zu sinnen, irgendeinen Verbindungskanal ausfindig zu machen.